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M. 201

Dienstag den 31. August

1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bttreatl t Schulstraß- 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. ^ur^b^e^c^begogen viert^ljächrttch

====s^ " Amtlicher HHeil.

Bekanntmachung.

Das Bureau der diesseitigen 1. Bezirks-Kompagnie Gießen befindet fich jetzt Licherstraße S.

Gießen, den 27. August 1886. Frhr. v. Röder, Oberst und Bezirks-Kommandeur.

AranLreich.

Paris, 28. August. In dem heute unter dem Vorsitze des Präsidenten Grövy im Palais Elif^e abgehaltenen Ministerrathe theilte Freycinet die über die Ereigniffe in Bulgarien eingegangenen Meldungen mit und bemerkte, daß die Absichten des Fürsten Alexander bis jetzt noch unbekannt seien. Was die Verhandlungen mit dem Vatikan über die Errichtung einer diplomatischen Ver­tretung in Peking beträfe, so dauerten dieselben noch fort, der Papst habe noch keinen Entschluß gefaßt.

Nach den jüngsten Depeschen aus Indien und China seien bei Laokai einige Angriffe Seitens der Piraten vorgekommen. Die Lage in Anam sei unverändert.

Deutschland.

][ Darmstadt, 28. August. Der Großherzog hat heute Vormittag mit dem Erbgroßherzog aus dem Griesheimer Artillerie-Schießplatz, wohin er sich von Jagdschloß Wolssgarten aus direct begeben hatte, der Besichtigung des 1. Großh. Infanterie- (Leibgarde-) Regiments Nr. 115 durch den Brigade-Com- mandeur beigewohnt. Das genannte Regiment marschirt am Montag von hier nach Oberheffen ab, um bei Friedberg mit dem 2. Großh. Infanterie-Regiment (Großherzog) Nr. 116 im Brigadeverband zu üben. Das Barackenlager des Griesheimer Schießplatzes ist jetzt wieder von dem 2. Großh. Dragoner-Regi­ment Nr. 24 geräumt; letzteres ist heute per Bahn zu den Kaisermanövern nach dem Elsaß befördert worden. In das Griesheimer Lager rücken schon morgen die 13. Husaren ein, um mit den 23. Dragonern im Brigadeverband zu exerciren. Wie wir hören, wird auch Se. König!. Hoheit der Großherzog den Manövern in Oberheffen beiwohnen und zu diesem Zweck vom 7. September an in Friedberg Aufenthalt nehmen. Voraussichtlich von Friedberg aus wirb sich unser Landesherr zur Theilnahme an den Kaisermanövern nach dem Elsaß begeben und nach Beendigung derselben wieder nach Friedberg zurückkehren, um bis zum letzten Manöoertag, als welcher der 22. September zu gelten hat, in Oberheffen zu verbleiben.

Gestern besuchte der Großherzog mit seiner Familie und dem jungen Prinzen Christian Victor von Schleswig-Holstein, welcher eben als Besuch in Jagdschloß Wolfsgarten weilt, den Prinzen v. Wales in Bad Homburg. Prinz Christian Victor ist der älteste Sohn des Prinzen Christian von Schleswig- Holstein, also ein Enkel der Königin Victoria von England. Wie das Londoner BlattWorld" wiffen will, sähe die Prinzessin Heinrich von Battenberg, gebo­rene Prinzessin Beatrice von Großbritannien, Ende November ihrer Entbindung entgegen.

Heute fuhren die Züge der Dampfstraßenbahnen Darmstadt-Eberstadt und Darmstadt-Griesheim probeweise auf beiden Strecken in der fahrplanmäßigen Zahl und Zeit. Nunmehr scheint die Eröffnung am 30. d. Mts. außer Zweifel, da der Unterschied zwischen den Spannweiten von Geleisen und Wagenachsen, welche Entgleisungen verursacht und die Eröffnung am 25. d. Mts. verhindert hatte, ausgeglichen ist. Die 22 Züge, welche nun täglich die Rheinstraße pafsi- ren, geben unserer Residenz ein ganz verändertes Aussehen.

X Darmstadt, 28. August. Wie wir soeben erfahren, werden die Verhandlungen der 2. Kammer der Landstände in der zweiten Hälfte des Mo­nats September ihren Anfang nehmen. In der etwa achttägigen Session kommt u. A. das neue Gesetz der Civlldiener-Wittwenkaffe zur Berathung. Nach einer Bekanntmachung der Direction der Dampfstraßenbahn soll diese am nächsten Montag, wie uns scheint, aber nur für den Verkehr außerhalb der Stadt, eröff- net werden, da innerhalb der Stadt das Straßenpflaster wegen Verkürzung der Verbindungsstangen aufgebrochen ist, wozu immerhin noch 8 bis 10 Tage nöthig sind.

Jugenheim a. B., 28. August. Der englische Gesandte am Darm­städter Hofe hatte heute Morgen eine längere Unterredung mit Prinz Alexander von Hessen. Augenblicklich weilt der Großherzog bei dem Prinzen.

Hesterreich.

Wien, 28. August. DiePolit. Corresp." meldet aus Lemberg, es werbe mit der heute früh erfolgten Ankunft des Prinzen Ludwig von Batten­berg in Zusammenhang gebracht, daß ein Extrazug bestellt worden sei, der den Fürsten Alexander heute Nachmittag nach Rumänien resp. Bulgarien zurückführe.

Wien, 28. August. Der Hofprediger Koch telegraphirt derNeuen Freien Presse":Die Revolution wurde vom russischen Militär-Attache, Oberst Zachariew, gemacht, der den Osficieren für die Verjagung Alexanders im Namen des Czaren die Uebernahme in die russische Armee mit dem gleichen Range versprach. Die Verschwörung war seit fünf Monaten im Gange, in die über 60 bulgarische Officiere verwickelt waren. In Rußland wurde dem Fürsten die Rückkehr nach Rumänien verboten und ihm nur die Wahl zwischen War­schau und Lemberg gelassen. Bis an die österreichische Grenze escortirten den Fürsten russische.Gensd'armen. (Fr. Ztg.)

Aus Lemberg wird gemeldet: Prinz Ludwig überbrachte dem Fürsten Alexander Depeschen, in Folge deren ein Extrazug bestellt wurde, der Nach­mittags den Fürsten über Czernowitz direct nach Bulgarien bringt. (Fr. Ztg.)

Lemberg, 27. August. Abends 8 Uhr 20 Min. besuchte Fürst Alexan­der den commandirenden General Herzog Wilhelm von Württemberg. Bet der Ausfahrt aus dem Hütel und vor dem Palais des Herzogs wurde der Fürst von einer zahlreich versammelten Menschenmenge mit lebhaften Hochrufen Legrüßt.

Telegraphische Depesche«.

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Jugenheim, 29. August. Nach hier vorliegenden Nachrichten wird^t Alexander die Reise nach Sofia ohne Unterbrechung fortsetzen und bereits morgen früh dort eintreffen. r ~ ...

Potsdam, 29. August. Se. Majestät der Kaiser empfing heute Vormittag 11 Uhr auf Schloß Babelsberg .den Vortrag des Reichskanzlers pursten von Bismarcks Ihre Majestät die Kaiserin wohnte Vormittags dem Gottesdienste m der Friedenskirche bei. Nachmittags 3 Uhr findet auf Schloß Babelsberg ber Ihren Maiestaten ein Diner statt, zu welchem der König von Portugal, die König!. Prmzen und dre zur Umg^ung des Königs von Portugal gehörigen Herren Einladungen erhalten haben. Spater findet eine Dampferfahrt nach dem Wannsee und der Pfaueninsel statt.

Wien, 29. August. DasFremdenblatt" sagt über die Rückkehr btf Fürsten Alexander nach Bulgarien: Mit der Ankunft desselben auf bulgarischem Boden werde für die politische Berechnung und für das positive Interesse Europas jedenfalls ein gewichtiges Element für die Ruhe des Landes gewonnen sein, die Herstellung der Itr

England,

London, 28. August. Die heutigen Morgenblätter sprechen sich wieder­holt dafür aus, daß Fürst Alexander unverzüglich nach Sofia zurückkehre. Wenn nicht, würde er einen großen Fehler begehen.

Rußland.

Petersburg, 28. August. Die deutscheSt. Petersburger Zeitung" räth dem Fürst Alexander ab, die Regierung Bulgariens wieder aufzunehmen, da unter den gegenwärtigen Conjuncturen nur ein zweiter und nachhaltigerer Sturz die Folge fein würde.

Tlrruränim.

Bukarest, 28. August. Dem hiesigen diplomatischen Agenten Bulgariens ist eine Proklamation Stambulow's zugegangen. In derselben heißt es: Der jüngste Staatsstreich nöthigte den Fürsten, unfern vielgeliebten Souverän, sich momentan aus Bulgarien zu entfernen. Ich kündige Ihnen an, daß in Gemäßheit des Artikel 19 der Verfassung die Verwaltung des Landes einer Statthalterschaft anvertraut wurde, welche aus dem Präsidenten der National-Verfammlung, Stambulow, als Vorsitzenden und den Mitgliedern Petko, Stanzikow und Stransky besteht. Oberstlieutenant Mutkurow wurde in feinen Funktionen als oberster Ches der bulgarischen Armee bestätigt. Das Ministerium der Statthalterschaft besteht aus Radoslawow als Präsi­denten und Minister des Innern, Natchewich für die auswärtigen Angelegenheiten, Kultus und interimistisch für Finanzen, Oberst Nikolajeff für Krieg, Tutscheff für Justiz und Jivkoff für Unterricht. Den oben genannten Personen ist die Vertheidigung und Verwaltung des Vaterlandes anvertraut und wird die Statthalterschaft im Ein­vernehmen mit dem Ministerium alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anwenden, um den Frieden und die Ruhe sicher zu stellen und mit der leaalen Ordnung die Ehre und das Eigenthum aller Einwohner zu sichern. Das Land wird bis zur Rückkehr des Fürsten in seinem Namen und den bestehenden Gesetzen gemäß verwaltet werden. Indem ich das Vorstehende zur Kenntniß des bulgarischen Volkes bringe, bin ich vollständig davon überzeugt, daß die gesammte Nation sich beeilen werde, sich um die Statthalterschaft zu schaaren zur Rettung des Vaterlandes von der Gefahr, in welche dasselbe gebracht wurde und daß Jeder die Gesetze des Landes und die gesetzlich constituirten Behörden achten werde. Möge der Allmächtige das thexre Vaterland und unseren vielgeliebten Souverän den Fürsten Alexander beschützen und unsere Be­mühungen für das Glück und die Wohlfahrt Bulgariens segnen.

Stambulow. Mutkurow.

Türkei.

Konstantinopel, 28. August. (Reuter"-Meldung.) Thornton über­reichte der Pforte ein Memorandum über die Nothwendigkeit, den Artikel 61 des Berliner Vertrages, betr. die Durchführung von Reformen in Armenien auszuführen, um dadurch einer andern Macht den Vorwand zur Intervention zu nehmen.

Konstantinopel, 28. August. Wie verlautet, hatte der englische Botschafter bei der Pforte einen Schritt zu Gunsten der Wiedereinsetzung des Fürsten Alexander unternommen. Der Minister des Aeußeren Said Pascha soll darauf geantwortet haben, daß die Pforte eine derartige Initiative nicht ergreifen könne, nachdem sie be­schlossen, nur im Einvernehmen mit allen Mächten vorzugehen.