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Sir. 179.

1886.

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Politische Ueberficht.

. Gießen, 30. Juli.

Kaiser Wilhelm setzt seine Gasteiner Badekur mit bestem Erfolge fort; im Uebrigen erledigt der Monarch auch in Gastein in gewohnter Weise die laufenden Regierungs-Angelegenheiten.

Die Kissinger Minister-Begegnung steht noch immer im Mittel- Punkte der Preßbetrachtungen. Es tritt hierbei namentlich bte beachtenswerte Thatsache hervor, daß die österreichische Presse ohne Unterschied der Partei- ßellung und sogar mit Einschluß der Slavenblätter in warmen Worten die Besprechungen mit dem Fürsten Bismarck und dem Grasen Kalnoky feiert und ist dies jedenfalls als ein Beweis zu betrachten, daß man auch in den nicht- deutschen Bevölkerunqskreisen Oesterreichs das deutsch österreichische Bündniß als eine durch die Verhältnisse gegebene Nothwendigkeit ansteht. Daß die sranzöst- schen Preßorgane die Kissinger Minister-Conferenzen mit nicht besonders freund- lichen Kommentaren begleiten würden, war vorauszusehen und in der That wollen verschiedene tonangebende Pariser Zeitungen, wieTernps",Röpubl. Franyaise" u. s. w. finden, daß die Kisfinger Besprechungen eine an die Aoresse Rußlands gerichtete Drohung bedeuten, während man in ihnen doch einzig und allein eine neue Stärkung des deutsch-österreichischen Bündniffes zu erblicken hat. Selbstverständlich hat auch die abermalige Verschiebung der Reise des Herrn v. Giers in's Ausland, wobei bekanntlich ein Besuch des russischen Staats­mannes beim Reichskanzler In Kissingen mit auf dem Programm stand, die verschiedensten Kombinationen hervorgerusen. Von denselben werden vielleich diejenigen der Wahrheit am nächsten kommen, welche die Verzögerung in den Reisedispofitionen des Herrn v. Giers mit dem bevorstehenden Besuche des Erzherzogs Karl Ludwig von Oesterreich und seiner Gemahlin in Peterhof, der augenblicklichen Sommerrestdenz des russischen Kaiserpaares, in Zusammenhang bringen. Run weilt auch Herr v. Giers gegenwärtig in Peterhof und es wäre doch mindestens seltsam, wenn er vor dem Eintreffen der österreichischen Herr­schaften abreiste und als Minister des Auswärtigen nicht an den Festlichkeiten iheilnähme, die man in Peterhof einem auswärtigen Fürstenpaare zu Ehren veranstalten wird. Als gänzlich unhaltbar hat sich dagegen die Version heraus­gestellt, wonach der Minister feine Reife in's Ausland wegen der bevorstehenden Vermählung seiner Tochter aufgeschoben habe, denn die Familie des Herrn v. Giers weilt mit der bräutlichen Tochter eben schon in Franzensbad und letz­terer Badeort wurde ja immer als das vorläufige Reiseziel des Ministers ge­nannt. An Stelle des russischen Staatsmannes wird dafür Fürst Bismarck in diesen Tagen einen anderen interessanten diplomatischen Besuch erhalten, nämlich den des chinesischen Gesandten in London, Marquis Tseng. Derselbe chal die englische Hauptstadt bereits verlassen und darf man den Besuch, den der Vertreter deshimmlischen Reiches der Mitte" beim deutschen Reichskanzler in Kissingen abstattet, als ein besonders markantes Zeichen der zwischen Deutsch­land und Khina bestehenden freundschaftlichen Beziehungen betrachten.

Die Dispositionen für die Fahrten der Retchspostdampfer «ach Ostasien und Australien haben insofern eine kleine Veränderung erlitten, als die Dampfer künftig auch Southampton anlaufen werden. Es geschieht dies, -um etwaigen englischen Passagieren nach Ostasien und Khina Gelegenheit zu geben, die Fahrt auch mit den deutschen Dampfern machen zu können. Seitens der Reichsregierung ist dieser von der Direction desRordd. Lloyd" vorgeschla­genen Veränderung hes Fahrplanes bereits zugestimmt worden.

Ein eigenartiges und bedeutungsvolles Jubiläum wurde dieser Tage in Spandau gefeiert: Die Herstellung des hunderttausendsten Repetirgewehres in der dortigen königlichen Gewehrfabrik. Deutschland hat somit Frankreich in der Gewehrfrage überholt, da in letzterem Lande bis dato erst 60,000 Repetirgewehre zur Verausgabung gelangt sind. Jedenfalls muß die Einführung dieser neuen Schußwaffe beim deutschen wie beim französischen Heere als vollendete Thatsache bezeichnet werden und hiermit vollzieht sich wie­derum eine tiefgreifende Veränderung in der Bewaffnung der europäischen Heere. Was wohl nach dem Repetirgewehr kommen mag?

Amsterdam, die reiche Hauptstadt der Niederlande, scheint in neuerer Zeit zu einem Sammelpunkte mißvergnügter, unruhiger und dunkler Elemente geworden zu sein, deren auch das Reich der behäbigenMynhers" trotz seiner fast sprichwörtlich gewordenen wirthschastlichen Solidität und großen Wohlhabenheit mehr als genug zählt. Das holländische Handels-Emporium ist in diesem und im vergangenen Jahre der Schauplatz wiederholter Unruhen ge­wesen, bei denen die socialistischen Agitatoren einemaßgebende" Rolle gespielt haben, aber einen so blutigen, fast revolutionären Kharakter trugen die Amster­damer Unruhen noch nie, wie die am Montag stattgefundenen Straßentumulte. Den äußerlichen Anlaß hierzu gab das Verbot eines Volksfestes, welches am Sonntag Nachmittag abgehalten werden sollte, weshalb es schon an diesem Tage in verschiedenen Stadtvierteln zu Pöbel-Exceffen kam. Dieselben wiederholten sich am folgenden Tage und vergrößerten sich zu einer förmlichen Straßen- Revolte, da von den Aufrührern sogar Barrikaden gebaut wurden. Das Militär mußte der Polizei zu Hilfe kommen und wiederholt von seinen Schuß­waffen Gebrauch machen; erst nach Mitternacht gelang die Wiederherstellung der Ruhe. Die Gesammtzahl der Todten und Verwundeten läßt sich noch gar nicht genau ermitteln; allein in den Hospitälern liegen 14 Todte und 34 Ver­wundete , von der bewaffneten Macht sind 2 Soldaten und 40 Polizisten ver­wundet. Auch am Dienstag erneuerten sich die Ruhestörungen, doch genügten

die die Straßen durchziehenden Patrouillen, um die Menge zu zerstreuen und war um 10 Uhr Abends die Ruhe vollständig wieder hergestellt. Wie sich bis zu diesem letzteren Zeitpunkte herausstellte, beträgt die Zahl der bei den Un­ruhen geiödteten Personen 25, diejenigen der Verwundeten gegen 90 und befin­den sich unter letzteren 40 Polizeibeamte.

Aus Frankreich liegt heute die sehr bemerkenswerthe Nachricht vor, daß die Regierung beabsichtige, die für das Jahr 1889 geplante Pariser Welt­ausstellung auf das Jahr 1890 zu verschieben. Es heißt, daß mehrere Konti* nental-Staaten sich geweigert hätten, die Ausstellung zu beschicken, da dieselbe mit der Kentennialfeier der französischen Revolution zusammensalle und diese Weigerung sch für die Verschiebung der Weltausstellung maßgebend gewesen sein. Falls sich diese Meldung bestätigen sollte, so würde man sie nur als einen erfreulichen Beweis zu betrachten haben, daß das Ministerium Freycinet durchaus nicht gesonnen ist, den Wünschen der Radikalen zu Liebe die letz­teren erblicken bekanntlich in der Weltausstellung von 1889 nur den Rahmen 8» der großen Pariser Revolutionsfeier die guten auswärtigen Beziehungen Frankreichs zu opfern.

DieNeue Hebriden-Frage" zwischen Frankreich und England präsentirt sich plötzlich aus's Neue. Die australischen Kolonien haben nämlich das von dem Botschafter Frankreichs in London, Waddington, der englischen Regierung bezüglich der genannten Inselgruppe vorgeschlagene Abkommen abge- lehnt oder wenigstens ihre Abgeneigtheit, dasselbe anzuerkennen, ausgesprochen. In Folge dessen dürfte die vollständige Unabhängigkeit der Neuen Hebriden proklamirt werden.

Deutschland.

Berlin, 29. Juli. DerReichs-Anzeiger" theilt mit: Der Kaiser ernannte zu dauernden Mitgliedern der Ansiedelungs-Kommission für Westpreußen und Posen den Oberpräsidenten v. Zedlitz - Trützschler (Präsident), den Ober­präsidenten Ernsthausen (Stellvertreter des Präsidenten), ferner zu Mitgliedern aus 3 Jahre den General-Commifsions-Präsidenten Beutner (Bromberg), den General'Landschafts-Director Staudy (Posen), die Rittergutsbesitzer Kennemann (Klerikal, Müller (Gurschno), Wehle (Bulgowo), Kries (Smarszewo), endlich den General-Landschafts.Director Körber-Körberode (Grandenz).

München, 29. Juli. DieAllgemeine Zeitung" dementirt das Zei- tungSgerücht, betreffend Theilnahme des Prmz- Regenten an dem elsässischen Kaiser-Manöver.

Kollarrd.

Amsterdam, 27. Juli. Einer ausführlichen Mittheilung derJndepend. beige" über die Unruhen in Amsterdam entnehmen wir folgende Einzelheiten:

Eine große Anzahl Einwohner des Lindengracht und der benachbarten Straßen hatten sich vereinigt, um am Sonntag dem unter dem Namen palingtrekken bekannten und häufig aufgeführten Volksspiele beizuwohnen. (Dabei wird ein Aal an einem Bindfaden, der über den Kanal gespannt ist, aufgehängt und mit Seife bestrichen. In ihren Booten fahren dann die Schiffer unter dem Faden durch und versuchen, den Rumpf des Thieres abzureißen, was wegen der durch die Seife erhöhten Glätte des­selben meistens erst nach vielen vergeblichen Versuchen gelingt.) Aus Grund der be­stehenden Thierschutzgesetze verbot die Polizei das grausame Spiel. Daher der Scandal. Das ganze Stadtviertel der Lindengracht ist sehr bevölkert. Die Einwohner eilten herbei und unterstützten die Veranstalter des Spieles gegen die Polizei. Die Menge riß das Pflaster auf, um die Steine auf die bewaffnete Macht zu "schleudern. Ein Polizist wurde in einen Keller geworfen; ein Polizeicommissar entging nur mit Mühe der Gefahr, in das Wasser geworfen zu werden. Das Fenster eines Bäckerladens, wohin sich ein anderer Polizeiofficier geflüchtet hatte, wurde zerbrochen. Verschiedene Individuen waren auf die Speicher ihrer Wohnungen gestiegen, um von dort auf die Polizei Dachziegel, Blumentöpfe, Bretter und selbst eiserne Fleischtöpfe regnen zu lassen. Die Polizisten verteidigten sich mit ihren Säbeln und ihren Knütteln, wobei einige Bürger Perwundungen erhielten, welche ihre Aufnahme in's Hospital nothwendig machten. Van Doesburgh, der Ehef der Amsterdamer Polizei, kam schließlich, als das Handgemenge seinen Höhepunkt erreicht hatte, mit einer beträchtlichen Verstärkung, und es gelang endlich, nachdem gegen 30 Verhaftungen vorgenommen waren, die Angreifer­in die Flucht zu schlagen. Der gleichzeitig beginnende Regen that das Uebrige und um 9 Uhr schien die Ordnung wieder hergestellt zu, sein; 4 Bürger und 18 Polizisten waren verwundet. Unter den während der Ruhestörungen dieses Tages Verhafteten befinden sich auch die Socialtsten Eckhardt und Megem; der Letztere trug noch Steine in den Taschen. Gestern (Montag) Nachmittag bildeten sich neue Ansammlungen auf dem Lindengracht. Zwei Fahnen, eine rothe und eine schwarze, wurden auf der Brücke vor der Guedsbloemdwarsstraat aufgepflanzt. Zu gleicher Zeit durchzog ein Haufen Socialisten, eine rothe Fahne schwenkend und revolutionäre Lieder singend, das volkreiche Viertel von Jourdan. Diesmal intervenirte die Polizei nicht, sondern begnügte sich damit, Zuschauerin zu bleiben, hielt sich aber bereit, falls es nothwendig wäre, einzuschreiten. Im Laufe des Abends kamen dann neue und ernste Zwischen- älle vor dem Polizei - Kommissariat in Noordenmarkt vor. Die Behörden hatten in aller Eile Truppen aus dem Haag zur Unterstützung requirirt und ein Infanterie- Lieutenant wurde nach Ankunft der Verstärkungen nach dem Lindengracht geschickt, um die von der Menge gesperrte Straße frei zu machen. Der Lieutenant ließ, als er nach dreimaliger Aufforderung zum Auseinandergehen kein Resultat erzielte und sich einem drohenden Haufen gegenüber sah, auf die Menge schießen. Vier Personen wurden so­fort getödtet, drei andere verwundet. Die Leichen der vier Getödteten wurden un­mittelbar darauf aufgehoben und in's Spital gebracht. Mehr bedurfte es nicht, um das ganze Stadtviertel in Aufruhr zu versetzen. Das Straßenpflaster wurde auf's Neue aufgerissen und in wenigen Augenblicken entspann sich der Kampf zwischen dem Pöbel und der Polizei mit erneuter Heftigkeit in der Prinzengracht, der Angeliersstraat und der Prinzenstraat. Um 8^2 Uhr zählte man 13 Todte, 23 Verwundete und 50 Verhaftete. Die Ruhestörer hatten überall die Straßeilkandelaber zertrümmert. Um 11 Uhr Abends waren die Straßen noch voller Menschen und die Truppen befanden sich unter Waffen. Heute (Dienstag) Morgens um 1 Uhr constatirte man, daß bie.