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Mittwoch den 31. Marz

1886

Met» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit »stngwUfta, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark W Pf.

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Betreffend: Den Nachlaß des Bernhard Seeman zu Fillmore, Michigan-

Betreffend: Wie oben.

Gießen, am 27. März 1886.

Die belgischen Arbeiter-Unruhen nehmen allgemach den Cha- ratter einer socialen Revolution an. Reißend schnell verbreitet sich die Arbeiter- Bewegung, die in Lüttich ihren Anfang nahm, über das ganze Land und mit dem Revolver in der Faust widersetzten sich die strikenden Arbeiter nicht nur den Truppen, der Polizei und der Gensd'armerie, sondern sie zwingen bewaffnet auch ihre noch sortarbeitenden Kameraden zur Arbeitseinstellung und mit dem

stimmen würden, waren nicht von Belang, dagegen verlieh die Rede Des Abg. Eugen Richter der Debatte wieder eine intereff untere Wendung. Herr Richter wandte sich hauptsächlich gegen die Angriffe, welche der Reichskanzler in seinen Ausführungen gegen ihn gerichtet hatte und wies namentlich den Vorwurf zu­rück, als ob er (Richter) aus persönlichen Gründen gegen das Monopol sei. Er habe sich lediglich aus sachlichen Gründen gegen das Monopol ausgesprochen und diese legte der Redner nochmals dar, wobei er zu dem Schluffe gelangte, daß das Monopol das Reich nicht sestige, sondern nur Unzufriedenheit schaffe. Fall^ äußere Verwickelungen bevorstünden, müsse man sich erst recht vor neuen, unsicheren Projecten hüten. Der Reichskanzler nahm hieraus nochmals das Wort und erwiderte, wenn Richter sich von dem Bedenklichen der Zustände nicht überzeugen lasse, so könne er das nicht ändern, Richter sei jeder Regierungs- Vorlage gegenüber intransigent; wenn ihm, dem Reichskanzler, vorgeworfen werde, er veranlasse leinen Herrn, nach Canossa zu gehen, so habe er im Reichs­tage schon viel Schlimmeres als Canossa erlebt. Mit diesem, einer scharfen per­sönlichen Auseinandersetzung gleichenden, Wortgefecht zwischen dem Kanzler und dem Ches der freisinnigen Partei schloß die Freitagssitzung, die selbstverständlich an dem Schicksal der Monopol-Vorlage nichts zu ändern vermochte und deren Ablehnung am Samstag mit erheblicher Mehrheit erfolgte. Eine dritte Lesung des Monopol-Entwurfes dürfte, als völlig zwecklos, wahrscheinlich nicht beliebt werden.

Im preußischen Herrenhause hat am Samstag, wie angekündigt, die zweite Lesung des abgeänderten kirchenpolitischen Entwurfes begonnen und wird hiermit wohl endlich die wünschenswerthe Klarheit in die noch vielfach so unsichere und zerfahrene kirchenpolitische Situation kommen. Zu der schon so bedeutend modificirten Kirchen-Vorlage hat Bischof Dr. Kopp noch in letzter Stunde mehrere Amendements gestellt. Ihnen zufolge soll die Bestimmung weg­fallen, daß vom Staat als minder genehm bezeichnete Personen nicht als Lehrer oder Leiter theologischer Seminare angestellt werden können; auch die Bestim­mungen über die Berufung an den Staat sollen ausgehoben werden. Endlich soll das Lesen stiller Messen und die Spendung der Sterbesacramente unter allen Umständen und nicht blos in Nothsällen straffrei sein. Es ist zweifelhaft, ob durch diese neuen Zusätze die Vorlage der Regierung noch annehmbar erscheint.

Der sächsische Landtag ist am Sonntage geschlossen worden. Am vorhergehenden Tage erfolgte auch der Schluß des braunschweigischen Landtages und nahm hierbei das Staatsministermm den Abgeordneten den neuen Huldi­gungs-Eid ab.

Aus Görz wird das Ableben der Wiltwe des Grafen Chambord, Therese, geborenen Prinzessin von Modena, gemeldet. Die Gräfin litt schon seit Jahren an einem organischen Herzfehler und diesem Leiden erlag sie am Donnerstag nach nur eintägigem Krankenlager im Alter von 40 Jahren.

Von der radikalen Mehrheit der dänischen Volksvertre­tung ist bekanntlich das Budget nicht genehmigt worden. Um den hieraus resultirenden haltlosen Zuständen ein Ende zu machen, hat der König ein vor­läufiges Finanzgesetz pro 1886/87 erlassen, welches die Regierung ermächtigt, die bestehenden Steuern zu erheben und die nothwendigen Ausgaben zu bestreiten, jedoch die Budget-Vorlage nicht zu überschreiten.

Nach Mittheilung des Kaiserlich Deutschen Consulats in Cincinnati sind in dem Testamente des am 24. Juli 1885 zu Fillmore, Grafschaft Megan, Staat Michigan in Nordarmerika verstorbenen Bernhard Seeman:

1) Mechlilde (?) Battendorf, 2) Catharina Battendorf, 3) Anna Battendorf, 4) Sophie Wattendorfs

3) Catharina Seeman, 6) Valentin (?) Seeman, 7) Herman Seeman, sämmtlich angeblich in Bensheim, bedacht worden.

Dieselben konnten jedoch im Kreise Bensheim nicht ermittelt werden und werden daher zur Anmeldung aufgefordert.

Gießen, den 27. März 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht. \

Gießen, 30. März.

Die zweite Lesung der Branntwein-Monopol-Vorlage hat -am Freitag im Reichstage nochmals zu einer Debatte im großen Style geführt, welcher Umstand in erster Linie auf das unerwartete Eingreifen des Reichs­kanzlers in die Verhandlungen zurückzuführen ist. Allgemein hieß es, Fürst Bismarck werde auch der zweiten Berathurig des Monopol-Entwurfes fernbleiben und die Vertheidigung desselben wiederum dem Finanzminister n. Scholz über­lassen; nun ist aber der Kanzler doch noch im Parlamente für die Vorlage eingetreten und dies in einer Weise, welche der Freitagssitzung einen hochpoliti­schen Charakter verlieh. Nachdem der Referent der Commission, Abg. v. Hert- ling, den die Ablehnung des Monopol-Entwurfes befürwortenden Antrag der letzteren kurz begründet, ergriff Fürst Bismarck unter allgemeiner Spannung des Hauses das Wort, um zunächst einen Rückblick auf die bisherige parlamen­tarische Behandlung der Vorlage zu geben, wobei er namentlich hervorhob, daß die Regierung an derselben 6 Monate sorgfältig gearbeitet habe, während sie vom Reichstage in wenigen Tagen abgelehnt worden sei. Alsdann betonte Fürst Bismarck die absolute Nothwendigkeit der Vermehrung der Reichs-Einnahmen, was durch directe Steuern nicht erreichbar sei und wies hierbei fpeciell auf die Nothlage der Communen in Preußen hin, deren Beseitigung sich nicht mehr durch die Vergrößerung der directen Steuern ermöglichen lasse. Der Kanzler empfahl im Anschlüsse hieran den Branntwein als das günstigste Steuerobject und ging aus die Frage näher ein, ob die Besteuerung auf dem Wege der Pro­duction oder der Confumtion einzusetzen habe, bei deren Erörterung Fürst Bis­marck zu dem Schlüsse gelangte, daß eine erhebliche Erhöhung der Maischraum­steuer unmöglich sei. Wenn der Reichstag das Monopol ablehne, werde die Regierung mit der Branntwein-Confumsteuer kommen müssen; über die Grundzüge der letzteren ließ sich indessen Fürst Bismarck nicht näher aus. Seine Rede nahm in ihrem ferneren Verlaufe eine hochdramatische Färbung an; zunächst drückte der Kanzler in diesem Theile feiner Ausführungen tiefes Bedauern über die Art und Weise aus, wie die Reichstags-Mehrheit die Vorlagen der Regie­rung behandle; es fei zweifelhaft, ob bei solcher Reichstags-Majorität überhaupt noch Angelpunkte deutscher Einheit im Reichstage gesunden werden könnten. Er, der Kanzler, müsse deshalb um so eifriger darauf bedacht sein, die Befesti­gung der Reichseinheit bei den verbündeten Regierungen zu erhalten und die . Einzelstaaten mit dem Reiche auch finanziell eng zu verbünden. Den Gedanken, daß er einen Staatsstreich beabsichtige, wies Fürst Bismarck energisch zurück; eine Auflösung des gegenwärtigen Reichstages würde zu keiner wesentlich ande­ren Zusammensetzung desselben führen. Die Erfahrungen der mehrfachen Aus­lösungen des preußischen Abgeordnetenhauses in der Conflictszeit von 1859 bis 1863 hätten der Regierung gezeigt, wie wenig sie bei derartigen Experimenten gewinne. Wenn aber der Reichstag seine Aufgabe nicht besser auffasse, hege er Besorgnisse über die Zukunft des Reiches. Sollten einmal Verwickelungen von Außen kommen, so müsse das Reich gesestigt sein, jetzt sähe er noch keine un-

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an das Großherzogliche Pokizeiamt Gießen und die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Indem wir Sie aus vorstehende Bekanntmachung aufmerksam machen, beauftragen wir Sie, insofern Ihnen über den Verbleib der genannten Personen Etwas bekannt sein oder werden sollte, uns davon innerhalb 8 Tagen Anzeige zu machen.

Dr. Boekmann.

mittelbaren Gefahren vor uns. Allerdings habe er im Frühjahre 1870 auch keine vorhergesehen; wenn die Festigkeit des Reiches aus stärkere Proben gestellt werde, so müsse man dasür jetzt schon Vorkehrungen treffen. Die Annahme des Monopols befestige das Reich, die Ablehnung schädige dasselbe, sollte aber der Reichstag, wie zu erwarten stehe, das ^Monopol dennoch ablehnen, dann werde in Preußen die Licenzsteuer eingeführt werden müssen. Mit dieser Ankündigung schloß die denkwürdige Rede des Kanzlers, von der wir an dieser Stelle nur einen kurzen Auszug geben konnten. Die Aussührungen der nachfolgenden Redner, von denen sich v. Helldorf (cons.) für, Lengwarth v. Simmern (Welse) gegen das Monopol erklärte und v. Fischer (nat.-lib.) im Namen seiner süd- > , z------------------ _

dmt chen Parteifreunde die Erklärung abgab, daß dieselben für das Monopol I gespannten Revolver fordern sie Unterstützungen von den Emwohnern. Aus

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