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Nr. 14S.
Mittwoch den 30. Juni
1886
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Nr. 19 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 25. Juni d. I., enthält:
(Nr. 1671.) Verordnung wegen Ergänzung der Verordnung vom 23. December 1875, betreffend die Pensionen und Cautionen der Reichsbankbeamten, und der Verordnung, betreffend die Fürsorge für die Wittwen und Waistn der Reichsbankbeamten, vom 8. Juni 1881. Vom 20. Juni 1886.
(Nr. 1672.) Bekanntmachung, betreffend eine Abänderung des Verzeichnisses der gewerblichen Anlagen, welche einer besonderen Genehmigung bedürfen. Vom 16. Juni 1886.
Gießen, den 28. Juni 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Der Musketier Ludwig Keßler aus Lollar, Kreis Gießen, vom 5. Badischen Infanterie-Regiment Nr. 113 wird hiermit zu dem auf
DienStag den 26. Oktober d. Js., Vormittags 10 Uhr,
in's hiesige Militärgerichtslokal anberaumten Schlußtermin unter der Verwarnung vorgeladen, daß er im Falle Ausbleibens in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und zu einer Geldstrafe von 150 bis 3000 Mark verurtheilt werden würde.
Freiburg i. B., den 26. Juni 1886. • Königliches Gericht der 29. Division.
Politische Ueberficht.
Gießen, 29. Juni.
Seit einer Woche weilt nun unser Kaiser in Ems und alle umlaufenden Berichte über sein Befinden constatiren, daß auch diesmal der. Aufenthalt in dem lieblichen Lahnthal-Bade dem greisen Monarchen auf das Beste bekommt. Die Lebensweise der hohen Herrn ist auch in Ems eine streng geregelte; nach der Trinkkur folgt eine Promenade, dann erledigt der Kaiser Regierungsgeschäfte, welche überhaupt den größten Theil des Tages auSfüllen. Nachmittags um 4 Uhr findet das Diner statt, zu welchem regelmäßig angesehene Persönlichkeiten, die sich gerade zur Kur in Ems aufhalten oder in de.r Umgegend seßhaft sind, hinzugezogen werden. Uebrigens ist es nun das achtzehnte Mal, daß der erlauchte Kurgast in Ems weilt:. Wie verlautet, wird der . Aufenthalt des Kaisers daselbst bis zum 11. Juli währen, doch dürste dieser Termin noch nicht als ganz feststehend zu betrachten sein-
Es ist bekannt, wie tiesschmerzlich Kaiser Wilhelm durch das Hinscheiden König Ludwigs II. bewegt morden ist und hiervon giebt der überaus warme Nachruf, welchen Staatssecretär v. Bötticher in voriger Woche im BundeSrathe dem Andenken des verblichenen Herrschers im Auftrage des Kaisers widmete, einen neuen Beweis. Sicherlich wird diese pietätvolle Kundgebung des greisen Oberhauptes des Reiches beim bayerischen Königshause wie im bayerischen Volke aus das Wohlthuendste berühren. Außerdem hat Kaiser Wilhelm dem Prinz- Regenten Luitpold in einem eigenhändigen Condolenz-Schreiben die Versicherung ausgesprochen, daß er dieselben freundschaftlichen Gefühle, die ihn für den verewigten König beseelt und welche die beiderseitigen königlichen Häuser nach deren Traditionen und naher Verwandtschaft verbänden, auch dem Prinz-Regenten entgegenbringe. Das Schreiben enthält den bedeutungsvollen Schlußsatz, daß der Kaiser die vertrauensvollen gegenseitigen Beziehungen der beiden regierenden Häuser als eine unentbehrliche Grundlage der inneren wie äußeren Sicherheit Deutschlands betrachte.
Nach beinahe sünswächentlicher Pause hat der Reichstag am vorigen Freitag seine Arbeiten wieder ausgenommen und am Samstag auch beschlossen. Die Sitzung am erstgenannten Tage selbst war von kaum einstündiger Dauer; vor Eintritt in die Tagesordnung gab Präsident v. Wedell- Piesdorf den Gefühlen schmerzlichster Theilnahme des Reichstages an dem erschütternden Ende König Ludwigs II. bewegten Ausdruck. Die Gegenstände der Tagesordnung: Petitionen, zweite Berathung der allgemeinen Rechnung über den Reichshaushalt für das Etatsjahr 1882/83, erste und zweite Lesung der Literar-Convention mit England und die Vorlage über Errichtung eines orientalischen Sprachen-Seminars an der Berliner Universität, wurden — unter Ueberwersung letztgenannter Vorlage an die Budget-Commission — nach belangloser Discussion erledigt. Am Samstag hat der Rechenschaftsbericht der preußischen Regierung über die auf Grund des Socialistengesetzes getroffenen Maßnahmen zu lebhaften und eingehenden Verhandlungen geführt, außerdem lehnte in zweiter Berathung der Branntweinsteuer-Vorlage der Reichstag solche einstimmig ab.
In der Freitagssitzung des preußischen Abgeordnetenhauses sührte nach vorausgegangener definitiver Genehmigung der Nothstands- Vorlage der Gesetzentwurf, bett. Abänderung der Kirchen- und Synodal-Ordnung für die östlichen Provinzen, zu einer lebhaften und die ganze Sitzung ausfüllenden Debatte. Dieselbe bezog sich zum Theil auch auf den bekannten, nicht zur Erledigung gelangten Hammerstein'schen Antrag, betr. Gewährung größerer Selbstständigkeit der evangelischen Kirche. Die Discussion trug zumeist den Charakter einer ungemein gereizten persönlichen Auseinandersetzung zwischen den conservativen Rednern, den Abgg. v. Rauchhaupt und v. Hammerstein einerseits und dem nationalliberalen Abg. v. Synern, sowie dem deutschfreisinnigen Abg. Dr. Langerhans anderseits. In dieses recht unerquickliche Wortgefecht griffen dann noch die Abgg. v. Zedtlitz-Neukirch, v. Benda und Dr. Windthorst ein, worauf der betr. Entwurf schließlich in zweiter Lesung genehmigt wurde.
Zur Stunde dürfte wohl auch die bayerische Abgeordnetenkammer der Einsetzung der Regentschaft unter Prinz Luitpold.ihren äußerlichen Abschluß gefunden haben. Wie sich nun die Dinge in Bayern weiter entwickeln werden, bleibt vorerst abzuwarten, da indessen aus München I gemeldet wird, daß der Prinz-Regent die angebotene Entlassung des Ministeriums •
Lutz nicht angenommen habe, so stehen für die nächste Zeit wohl keine wesentlichen Aenderungen im Gange der bayerischen Politik in Aussicht und das vielgenannte 'Zukunfts-Ministerium Franckenstein dürste demnach wieder von der , Bildfläche verschwinden. Uebrigens sollen in München authentische Belege vor- <-liegen, daß die leitenden Kreise des Vatikans in Uebereinstimmung mit denjeni- . gen der besonnenen bayerischen Politiker der Ueberzeugung seien, daß unter den gegenwärtigen kritischen Zeitverhältnissen in Bayern kein Raum für parteiliche Sonderbestrebungen, sondern das einmüthige Zusammenwirken' aller Fraktionen zur Beruhigung und zur Unterstützung der Gemüther nothwendig sei.
Prinz Friedrich August von Sachsen traf Ende voriger Woche in Belgrad zu einem Besuche der serbischen Königsfamilie ein. Dem Verneh- - men nach gedenkt der Prinz von Belgrad aus Südungarn und Siebenbürgen zu besuchen.
Die im Haag tagende internationale Conferenz zur Bekämpfung'des Spirituosenhandels in der Norvsee hat nunmehr ihre Arbeiten beendigt. Es ist zwischen den Delegirten eine vollständige Einigung erzielt worden und soll Die zu Stande gekommene Convention unverzüglich den betr. Regierungen zur Prüfung unterbreitet werden. Die schweren Mißstände, welche sich aus dem. von kecken und gewinnsüchtigen Unternehmern in's Werk gesetzten Handel mit Spirituosen auf hoher See nach mehr als einer Richtung ergaben, werden jetzt hoffentlich am längsten gedauert haben.
Kaum fühlt sich Der Graf von Paris aus dem gastlichen Boden Alt-Englands sicher, so hat er auch schon einen fulminanten Protest gegen seine Ausweisung aus Frankreich erlassen. Das betr. Manifest protestirt nicht nur gegen die Ausweisungs-Maßregeln, sondern erklärt auch, daß das Haupt der Orleans an dem Principe der traditionellen Monarchie festhalte und bereit sein werde, in entscheidender Stunde seine Ausgabe zu erfüllen. Die Kundgebung des orleanistischen Prätendenten dürfte indessen in Frankreich schwerlich großen Eindruck machen. Die Pariser Blätter republikanischer Färbung begnügen sich meist, zu sagen, das Manifest des Prätendenten rechtfertige die Ausweisung, während die monarchistischen Organe es loben, daß der Gras als König gesprochen habe. Uebereinstimmend bekunden aber die Blätter aller Parteischatti- rungen, daß das Manifest des Grafen von Paris sehr geschickt abgefaßt sei und namentlich vermieden habe, irgendwelche chauvinistische Anspielungen zu machen.
Die russische Politik schürt auf der Balkan-Halbinsel immer wieder gegen den Fürsten von Bulgarien. Der russische Botschafter in Konstantinopel hat der Pforte von einer ihm aus Petersburg zugegangenen Note Mittheilung gemacht, in welcher die Aufmerksamkeit der Pforte aus verschiedene, vom Fürsten Alexander hervorgerufene Verletzungen des organischen Statuts gelenkt werde. Offenbar wird da eine neue russische Jntrigue gegen den tapferen Bulgaren- Fürsten gesponnen, welcher derselbe aber mit um so größerer Ruhe entgegensehen kann, als ihm soeben die bulgarische Nationalversammlung in ihrer Antwort-Adresse auf die Thronrede abermals das unbedingte Vertrauen Der bulgarischen Nation ausgedrückt hat.
Deutschland.
Darmstadt, 27. Juni. Am Samstag tagte unter dem Vorsitze des Provinzial-Directors v. Marquardt der Provinzial-Ausschuß für Starkenburg mit folgender Tagesordnung:
1) Vorlage des Verwaltungsberichtes des Jahres 1884/85.
2) Prüfung der Rechnung der Provinzial-Kasse 1884/85.
3) Feststellung des Voranschlags pro 1885/86, insbesondere
a. Vorlage und Kosten - Voranschläge für den Neubau von Kreisstraßen.
b. Vorlage der Unterhaltungs-Voranschläge für die Kreisstraßen.
4) Mittheilung über die beabsichtigte Errichtung eines Siechenhauses für die Provinz unb über die v. Stockhausen-Moter'sche Stiftung. Die fast endlosen Debatten drehten sich hauptsächlich um die Beiträge der einzelnen Kreise zu den Kosten der Kreisstraßen. Im Voranschlag sind für 1886/87 vorgesehen 178,000 «M. gegen 152,000 JL in 1885/86, mithin eine Mehrforderung von 26,000 Jb. Diese angeforderte Summe wurde genehmigt, womit die Anträge Kayser-Offenbach, zwei Drittel der Mehrsorderung zu


