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28.2.1886 Zweites Blatt
 
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18S6

WßtMk Anzeiger

Nr. ZO Zweites Blatt Sonntag den» 28. Februar

Amrs- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

ßtarta«t Schulstraße 7.

Wochen - Uebersicht.

Gieße«, 27. Februar.

DieVolen-VerHandlungen des preußischen Abgeordneten­hauses bildeten die Signatur der Woche, denn sie beherrschten die innerpoli» tische Situation vollständig. Montag und Dienstag waren der ersten Berathung Der Colonisations-Vorlage gewidmet, die weiteren Tage wurden durch die Ver­handlungen über die Gesetzentwürfe, durch welche das Schulwesen in Posen, Westpreußen und den national-gemischten Landestheilen Schlesiens, sowie die Anstellung der Jmpfärzie in der Provinz geregelt wird, ausgefüllt. Letztere Entwürfe sind ebenso wie die Colonisations-Vorlage besonderen Commissionen zur Vorberathung überwiesen worden. Endlich ist dem Abgeordnetenhause am Mittwoch noch ein weiterer Gesetzentwurf zum Schutze der deutschen Interessen in den östlichen Provinzen zugegangen, welcher die Errichtung und Unterhaltung von Fortbildungsschulen in Posen und Westpreußen anbetrifft und zu diesem Zwecke einen jährlichen Kredit von 200,000 <X fordert.

Im Laufe dieser Woche am Mittwoch hat auch das preußische Herrenhaus seine Sitzungen wieder ausgenommen und dürften diesel­ben nunmehr regelmäßiger hintereinander folgen. Von dem genannten Tage ist zu erwähnen, daß das Haus beschloß, den Antrag Dernburg-Kleist-Retzow, der gleich dem Anträge Achenbach im Abgeordnetenhause dem Fürsten Bismarck das Vertrauen des Hauses in der Polenfrage ausspricht, am Samstag in Berathung zu ziehen. Ferner wurde die kirchenpolitische Vorlage ohne jede Discusston einer Commission von 20 Mitgliedern zur Vorberathung überwiesen und die Land- güter-Ordnung für Schleswig-Holstein nach den Commissions-Vorschlägen im Ganzen angenommen. Am Donnerstag beschäftigte sich das Herrenhaus mit der Kreis- und Provinzial-Ordnung für Westfalen.

Im Reichstage mußte am Mittwoch gelegentlich der zweiten Berathung der auf Verlängerung, resp. Verkürzung der Legislatur-Perioden gestellten An­träge wieder einmal die Beschlußunfähigkeit des Hauses constatirt werden und dürften die Polendebatten des Abgeordnetenhauses jedenfalls mit zur schwachen Besetzung des Reichstages beigetragen haben. Dagegen wird der Reichstag in der kommenden Woche wieder in erster Linie stehen, da alsdann die General- discusston über die Branntwein-Monopol-Vorlage stattfindet und man hierbei sehr lebhafte Debatten erwartet. Inzwischen sind im Reichstage auch die Motive zum Monopol'Entwürfe zur Vertheilung gelangt, aus denen wir die Grundzüge der Rentabilitäts-Berechnung hervorheben. Dieselbe gipfelt darin, daß ein Rein­ertrag von ca. 303,000,000 eX übrig bleibt; die Entschädigungssumme ist sehr reichlich bemessen, nämlich aus 540 Mill. °X, wovon dem Kleinhandel und Ausschank 330 Millionen zukommen sollen; 60 Millionen betragen bie Real- Entschädigungen für die Destillations- u. s. w. Anstalten, welche nicht in den Besitz der Monopol-Verwaltung übergehen, 50 Millionen entfallen aus Unter- stützungen, ebensoviel auf Personal-Entschädigungen für Destillation u. s. w. Znclustoe dieser 540 Millionen beläuft sich die Gesammtsumme der einmaligen Ausgaben auf 720,500,000 cX, diejenige der dauernden Ausgaben ist aus ca. 366 Mill. -X. veranschlagt. Die Gesammt- Brutto -Einnahme wird auf ca. 668,700.000 -X. veranschlagt und zieht man hiervon die Gesammtsumme der dauernden Ausgaben ob, so ergeben sich als Retto-Ueberschuß die oben an­geführten 303.000,000 eX, welcher mit Amortisation der zur einmaligen Aus­gabe auszunehmenben 720,500,000 -X allmälig um deren Zinsen von rund 32,000 eX, also bis auf 335000000 <X steigt. Ob diese schwindelerregende Millionen-Berechnung sich in Zukunst als richtig erweisen wird, bleibt natürlich abzuwarten.

Die am Dienstag von der Majorität des österreichischen Abgeordnetenhauses in zweiter Lesung beschlossene Annahme der Vorlage über die Verstaatlichung der Prag-Duxer und Dux-Bodenbacher Eisenbahn hat die höchst unerquicklichen Debatten hierüber zum vorläufigen Abschluß gebracht. Der in denselben von der Linken wegen seiner Beziehungen zu' einem notorisch anrüchigen Individuum hart mitgenommene Handelsminister Baron Pino wird jedenfalls nicht am wenigsten froh sein, daß diese Affaire einstweilen beendigt ist, denn er hat gegenüber den Angriffen des Abgeordneten eine höchst traurige Rolle gespielt und wenn nicht Ministerpräsident Graf Taaffe seine schützende Hand in Form der von ihm am Dienstag verlesenen Erklärung des Gesammt- mintsteriums über Baron Pino ausgestreckt hätte, so wäre letzterer heute ein politisch todter Mann. So aber wird in der Erklärung die Solidarität des Cabinets mit dem Collegen vom Handelsministerium ausgesprochen und die Linke zugleich wegen ihrerunqualificirbaren" Angriffe gehörig gerüffelt, außerdem auch eine Abordnung der Geschäftsordnungs-Bestimmungen in Aussicht gestellt. Im Uebrigen heißt es, die Gerüchte von der Erschütterung der Stellung Baron Pino'S seien gänzlich unbegründet, was nach der Art und Weise, in welcher das Gesammt-Cabinet für den Handelsminister eingetreten ist, allerdings auch glaubhaft erscheint.

Der Fürst von Montenegro ist am Dienstag von Wien nach Cettinje zurückgereist und hat somit seine merkwürdige europäische Rundreise beendigt, lieber deren politischen Ziele und Erfolge läßt sich zur Zeit noch nichts sagen, vielleicht aber, daß hierüber der weitere Gang der Ereignisse auf der Balkanhalbinsel Ausschluß ertheilt.

Aus dem Westen der pyrenäischen Halbinsel ist ein Cabinets- wechsel zu verzeichnen. Das bisherige conservative Cabinet Fonte's in Por­tugal ist wegen des Widerstandes, auf den seine steuerpolitischen Pläne bei der

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brtngerlch» Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Bevölkerung stießen, zurückgetreten und durch das liberale Ministerium Luciarr Castron ersetzt worden.

In der innerpolitischen Lage Englands bleibt neben dem Arbeiternothstand die irische Angelegenheit die brennende Frage des Tages. Dieselbe gewinnt jetzt noch dadurch an Interesse, daß der Erzbischof von Dub­lin Namens des katholischen EpiscopatS Irlands ein Schreiben an den Premier Gladstone gerichtet hat, in welchem er betont, daß nur die Home- Rule, die Selbstregierunq, im Stande sei, die Bedürfnisse, Wünsche und be­rechtigten Bestrebungen des irischen Volkes zu befriedigen. Die Land frage müsse sofort gelöst werden und zwar durch den Ankauf des Gutsherrn-Jn- teresses an dem Grund und Boden seitens der Negierung und durch die Weiterverpachtung desselben zu beträchtlich reducirtem Pachtzins. Die Lösung der Frage der gesellschaftlichen Ordnung ergibt sich, wie der Kirchenfürst meint, durch die angedeutete Regelung der Landsrage von selbst. Diese Vorschläge dürften denn doch selbst Herrn Gladstone zu stark sein. Die gerichtliche Verhandlung gegen die socialistischen Führer Hpndeman und Genossen die Anstifter der Exceffe im Londoner Westend vor dem Polizeigericht in Bowstreet zieht sich in die Länge. Am Donnerstag wurden neue Zeugen vernommen und darauf die weiteren Verhandlungen bis zum Samstag vertagt.

Zur serbisch-bulgarischen Friedens frage liegen auch in dieser Woche überwiegend günstige Dispositionen vor, zumal da die serbische Negierung ihre Bereitwilligkeit zur Demobilisirung des Heeres ausgesprochen hat. Immerhin gibt es noch verschiedene Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, ehe der Friedensvertrag von den in Bukarest versammelten Bevoll­mächtigten unterzeichnet werden kann. Hierzu gehört auch der Vorschlag Serbiens, nur die Wiederherstellung des beiderseitigen Verhältnisses vor dem 14. November 1885 in den Friedensvertrag aufzunehmen. Bulgarien will hierein nicht willigen, da die serbische Armee bereits vor diesem Tage mobili- sirt war und die Grenze besetzt hatte. Bulgarien verlangt daher, daß aus­drückliche Bestimmungen über die Wiederaufnahme der diplomatischen Be­ziehungen und Demobilisirung der Heere in den Friedensvertrag aufzunehmen seien, ein Verlangen, das man nur billig nennen kann.

Zum griechischen Zwischenfall liegt nichts besonders Neues vor, doch scheint in Athen eine friedliche Strömung Platz gegriffen zu haben.

Mnf Jahre verschollen!

Reise-Erlebnisse in Ost-und Central-Afrika von Paul Reichard, unter Mitbenutzung der zurückgebliebenen Papiere Dr. Böhms.

I.

(Widerrechtlicher Nachdruck wird verfolgt.)

Im Frühjahre 1880 beschloß die Afrikanische Gesellschaft in Deutschland im Anschlüsse an die Bestrebungen der Association internationale afrikaine in Brüssel zwischen der Ostküste Afrikas und dem Tanganika eine wissenschaftliche Station zu gründen, welche zugleich die Aufgabe haben sollte, Forschungsreisenden Aufnahme und Unterstützung angedeihen zu lassen.

Es war bei Anlage der Station zuerst Usagara in Aussicht genommen, doch mußte dies fallen gelassen werden, da sich unterdessen Capitän Bloyet, der Führer der französischen Usagara-Expedition, dort und zwar bei dem Dorfe Mkondoqua nieder­gelassen hatte. Es wurde nun von der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland be­schlossen, in Berücksichtigung aller Verhältnisse, zunächst den zwischen dem Handelsplätze Tabora, früher unter dem Namen Kaseh bekannt, und der erst kürzlich von Cambier gegründeten Station Karema am Tanganika, den Punkt Manjara in's Auge zu fassen.

Das Personal der Expedition bestand aus den Herren v. Schoeler, als Leiter der Expedition, Dr. Böhm, Zoologe, Dr. Kaiser, Astronom, und mir als Volontär.

Wir verließen, nachdem unsere persönliche, sowie die wissenschaftliche Ausrüstung uns vorausgesandt war, am 5. April 1880 Berlin, um uns über Venedig nach Sansibar, dem Ausgangspunkte unseres Unternehmens, zu begeben. Ain 1. Mai langten wir ohne bemerkenswerthen Zwischenfall dort an. Dr. Kaiser folgte uns einen Monat später, da er erst kurz vor dem Aufbruche der Expedition als Mitglied aus­ersehen worden war und ihn seine Vorbereitungen längere Zeit in Anspruch ge- nommen hatten.

In Sansibar begannen wir sogleich mit den weiteren Vorbereitungen und nahm sich unserer der seit einigen Jahren dort als Arzt ansässige Dr. Fischer in nicht genug anzuerkennender Weise an, uns mit Rath und That zur Seite stehend. Auf seine Veranlassung beschlossen wir auch, die Organisation der Karawane der von dem Indier Sevua und dem Franzosen Sergöre gegründeten Transportgesellschaft zu überlassen, welche Maßregel uns über manche Hindernisse hinwegsetzte und uns, die wir des Landes und der Sprache vollständig unkundig waren, unsere Aufgabe sehr erleichterte. Unser Aufenthalt in Sansibar zog sich, durch allerlei Umstände bedingt, bis Mitte Juli hinaus. Ich unterlasse, über den Ort selbst und das Leben dort mich weiter auszu­lassen, da schon so viel darüber geschrieben wurde, daß ich nichts Neues zu erwähnen hätte und will nur bernerken, daß wir die übliche Audienz beim Sultan Said Bargasch hatten und alle 4 nach einem Jagdausfluge nach dem Kingani auf dem Festlands schwere ^Fieberanfälle zu überwinden hatten. Das Resultat dieses Ausfluges war nur die Erbeutung eines Nilpferds, welches Dr. Böhm erlegte, nachdem er durch einen Zufall seiner habhaft geworden war. Wir Uebrigen hatten auch mehrere getödtet, doch waren die Kadaver vom Strome weggeschwemmt worden.

Am 17. Juli, nach Ueberwindung unendlicher Arbeit und großem Aerger, welches beides hauptsächlich dadurch so sehr gesteigert worden war, daß wir in Un- kenntniß der Verhältnisse unsere Ausrüstung nicht in Europa in die gehörigen Lasten eingetheilt und dem entsprechend verpackt hatten, landeten wir auf dem uns vom Sultan Said Bargasch zur Verfügung gestellten kleinen Dampfer Star bei Bagamojo, dem Ausgangspunkte unserer Reise.

Unser Aufenthalt hier zog sich auf 10 Tage hinaus, da der Indier Sevua, denr hier die Sorge um unsere Karawane oblag, neben unserer Expedition noch eine unteir

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.