Betreffend: Gang des Dekanatsboten. Lang-Göns, am 24. Mai 1386.
Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen
an fämmtliche Pfarrämter des Dekanats.
Der Dekanatsbote wird diesmal seinen Rundgang halten den 31. Mai und 1. Juni statt den 7. und 8. Juni.
Vr. Strack.__.
Betreffend: Berufung der Dekanatssynode 1886. Lang-Göns, am 24. Mai 1886.
Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen
an fämmtliche Kirchenvorstände des Dekanats.
Nach Erlaß Großherzoglichen Ober-Consistoriums soll der Zusammentritt der Dekanatssynode Gießen in diesem Jahr wegen der Wahl eines Abgeordneten und dessen Stellvertreters zur Landessynode beschleunigt werden. Sie wollen darum den abzustattenden Rechenschaftsbericht binnen höchstens ret Wochen einsenden. Dr. Strack.
Darmstadt, 22. Mai. (Zweite Kammer der Stände.) Der zweite Ausschuß beantragt Annahme der Vorlage der Großh. Staatsregierung, betr. die Vereinigung der Jlmen-Aue mit der Gemarkung Gaulsheim. — Der Zweiten Kammer ist ein Gesetzentwurf der Großh. Ministerien des Innern und der Justiz und der Finanzen zugegangen, betr. die Fürsorge für Beamte und deren Hinterbliebene in Folge von Betriebsunfällen, nebst Motiven. Der Entwurf schließt sich dem Reichsgesetz vom 15. März 1886, betr. die Fürsorge für Beamte und Personen des Soldatenstandes in Folge von Betriebsunfällen, an. — Die Abgg. Ohly, Wolfskehl, Metz (Gießen), Reinhart, Böhm und Jockel haben den Antrag eingebracht, die Kammer wolle an Großh. Staatsregierung das Ersuchen richten, alsbald die erforderlichen Bestimmungen zu treffen, um die Feuerbestattung im Großherzogthum Hessen zu ermöglichen. — Abg. Freiherr v. Nordeck zur Rabenau beantragt: „Großh. Regierung zu ersuchen, eine Neviston der allgemeinen Bauordnung im Sinne größerer Berücksichtigung der ländlichen Verhältnisse baldthunlichst vorzunehmen und dem Landtag diesbezügliche Vorlage zu machen. — Abg. Lautz beantragt die Erbauung einer Nebenbahn von Dieburg nach Groß-Umstadt. — Abg Schröder richtet an Großh. Ministerium des Innern und der Justiz eine Interpellation: Kleinverkauf von Branntwein betreffend.
Reichstag.
E. R. Berlin, 24. Mai 1886.
Zur Discusfion steht in erster Lesung die Branntweinsteuer-Vorlage.
Preußischer Finanzminister v. Scholz begründet die Vorlage mit der erfreulichen Uebereinstirnmung des Hauses mit den verbündeten Regierungen über die Noth- wendigkeit einer Reichssteuerreform, die sich bei der Monopoldebatte herausgestellt habe. Die Regierungen halten auch jetzt noch das Monopol für die beste Steuerreform. Die gegenwärtige Vorlage empfehle die Verbrauchssteuer, neben welcher eine verbesserte Maischraumsteuer und Materialsteuer bestehen bleiben solle; die vorgeschlagenen Steuersätze bleiben hinter denen anderer Länder erheblich zurück. Um jedoch nicht zu schroff vorzugehen, sei etappenweise Steuererhöhung vorgeschlagen, so daß erst im dritten Jahre der volle Steuersatz in Kraft treten werde. Der Minister schließt unter dem Beifall der Rechten mit der Zusicherung, daß die Regierungen, wie sie bisher entgegengekommen, auch ferner zur Verständigung geneigt sein werden.
Abg. Richter (dft^): Die Vorlage müßte heißen: Gesetz zur Beförderung der Branntweinpest und des Branntweinelenos. (Große Unruhe.) Die Regierung möge nur gleich ein Asyl für Säufer einrichten. (Lärm rechts.) Die Steuersumme, die wir hier bewilligen sollen, übersteigt erheblich die Erträge aller seit 1879 bewilligten Zölle auf Lebensmittel, alle Zölle auf Kaffee, Salz, Zucker und Petroleum zusammen. Dian verweist uns immer auf höhere Steuern anderer Staaten, aber haben wir denn Kriege verloren, statt gewonnen? Angenommen wird die Vorlage doch nicht, höchstens von den Nationalliberalen; diese allein sind begeistert und sind die wahre Steuerbewilligungspartei. Es ist sehr liebenswürdig vom Minister, mit weniger fürlieb nehmen zu wollen. Die Branntweinsteuer eignet sich viel besser zur Communal-, als zur Reichssteuer. Man komme uns nicht immer mit der Steuernoth der Einzelstaaten, die bedürfen solcher gefährlichen Abhilfsmittel nicht; das preußische Deficit beträgt nur 8 Millionen Mark bei einem Etat von 1200 Millionen, das ist doch keineswegs bedrohlich. So lange die Matrikularbeiträge bestehen, kann das Deficit bei den Einzelstaaten rechnungsmäßig überhaupt nicht verschwinden. Neue Ausgaben, die angeblich nothwendig, finden schon durch die soeben beschlossene Zuckersteuererhöhung Befriedigung. Keine Zeit ist ungeeigneter zu Steuererhöhungen, als die Gegenwart, in der alle Erwerbszweige leiden. Das etappenweise Vorgehen, das Herr von Scholz rühmt, kommt mir so vor, als ob man einem Hunde, um ihn den Schmerz minder stark fühlen zu 'Lassen, den Schwanz stückweise abschneidet. (Heiterkeit.) Die ganze Vorlage ist eine unerhörte Zumuthung an den Reichstag und gewährt unerhörte Begünstigungen Weniger zum Nachtheil Vieler, sie ist ein Schleichweg zum Monopol. Was nützt alles Gerede von Sparsamkeit, wenn die Einnahmen vermehrt werden; die Ausgaben werden stch denselben schon anzuschmiegen wissen. Die Freisinnigen werden an den Corn- missionsberathungen theilnehmen, um wenigstens das Schlimmste fermuhalten. (Beifall links.)
Abg. v. Wedell-Malchow (cons.) vertheidigt die Vorlage und bemängelt die Ausführungen des Abg. Richter; derselbe habe beispielsweise die Nothwendigkeit der Erleichterung von Schullasten ganz übergangen.
Abg. Dr. Windthorst (Eentrum) beklagt es sehr, daß so wichtige Vorlagen uns so spät eingebracht werden und hält es für gerathen, der Angelegenheit in einem späteren Stadium, etwa im Herbst, näher zu treten (sehr richtig!); auch im Lande würde ein übereiltes Vorgehen nicht verstanden werden; zu einem Provisorium, um die dringendsten Mängel der Brandweinsteuer abzustellen, sei er gern bereit. (Hört! links.) Keinesfalls gewähren wir vom Centrum etwas, was irgendwie zum Monopol zurückführen könne, leugnen indeß nicht, daß die Nothlage der Communen und Einzelstaaten eine Vermehrung der Steuern verlangt (Hört! hört) und erscheint dabei der Branntwein als wichtigstes und bestes Steuerobjekt. Wir werden also die Vorlage aufmerksam prüfen, nicht weil es uns angenehm, sondern weil es eine traurige Nothwendigkeit ist.
Abg. Oechselhäuser (Nat.) ist principiell für die Vorlage und hofft, daß tue Kommission, unter Vorbehalt von Aenderungen für Einzelheiten, etwas Brauchbares liefern werde, der Nachtheil für die Landwirthschaft müsse gemildert, ebenso die Contingentirung vermieden, oder doch wenigstens eingeschränkt werden.
Danach wird die weitere Berathung auf morgen vertagt.
Telegraphische Depeschm.
Wolff'- telegr. Tsrvrsporrverrz - Brreeau.
Berlin, 24. Mai. Der Kaiser richtete an den Pfarrer Ranke, Sohn des verstorbenen Historikers, ein eigenhändiges Handschreiben, welches lautet: Die Trauerbotschaft, die Sie und Ihr Bruder mir soeben zugehen ließen, hat mich tief erschüttert, wenngleich ich derselben in den letzten Tagen entgegensetzen mußte. Es ist ein Ehrenmann, ein echter Patriot zu Grabe gegangen, der mir als solcher nahe stand, aber auch durch langen Umgang meinem Herzen verwandt war. Sein Name wird als Geschichtsforscher und unerreichter Geschichtsschreiber durch seltene Arbeitskraft bis zu den höchsten Lebenstagen in der Welt dastehen. Ich werde ihn immer dankbar nennen und sein Andenken in Ehren halten. — Auch von der Kaiserin ist ein
Condolenz - Telegramm aus Baden an den anderen Sohn, Hauptmann Ranke, eingegangen.
Hamburg, 23. Mai. Sämmtliche Conducteure und Kutscher der Hamburg Altonaer Pferdebahn streiken seit heute Morgen.
Hamburg, 24. Mai. Der Strike bei der Hamburg-Altonaer Pferdebahn ist beendet. Die Fahrten wurden wieder ausgenommen. Nur zwei Rädelsführer wurden entlassen.
Pari-, 24. Mai. Wie verschiedene Zeitungen wissen wollen, wird die Negierung einen Gesetzentwurf einbringen, wodurch dieselbe ermächtigt wird, jeden Prinzen einer früher regierenden Familie, der einen Act als Prätendent vollzieht, durch Decret auszuweisen. — „Paris" sagt, die Vorgänge bei der Hochzeit der Prinzessin Amelie seien nicht so bedeutend, um die Ausweisung zu rechtfertigen.
London, 24. Mai. Das Oberhaus lehnte mit 149 gegen 127 Stimmen in zweiter Lesung die Bill ab, welche die Ehe mit der Schwester der verstorbenen Frau legalisirt.
Lemberg, 24. Mai. Die Stadt Baligrod (Bezirk Lisko) brennt seit gestern Mittag. Die Bezirksstadt Radworna wurde zum zweiten Male seit zwei Wochen Nachts von einem größeren Brandunglücke betroffen.
Konstantinopel, 24. Mai. Die Pforte versandte vorgestern ein Rundschreiben, welches sich auf die ersten Vorgänge an der Grenze bezieht, worin die Behauptung Griechenlands, die türkischen Truppen hätten zuerst die Feindseligkeiten eröffnet, zurückgewiesen und die Unwahrscheinlichkeit dieser Behauptung nachgewiesen wird. Die Pforte fügt hinzu, wenn Griechenland die Termine für die Emwaffnung und Entlassung ihrer Truppen festgesetzt, so werde die Türkei sich beeilen, an denselben Terminen ihre Truppen zurückzuziehen und dieselben auf Friedensfuß setzen. Schließlich erneuert die Pforte den Wunsch, daß die Frage baldmöglichst erledigt werde. — In Folge der vorgestrigen Feindseligkeiten an der türkisch-griechischen Grenze sand gestern ein außerordentlicher Ministerrath statt.
Athen, 25. Mai. Privat-Depesche. sReutermeldung.^ Anschließend an die Meldung von der Entlassung von ca. fünfzigtausend Reserven wurde der Befehl ertheilt, daß die griechischen Truppen von der Grenze zurückzuziehen und dort nur die gewöhnlichen Garnisonen zu belassen seien.
Lokales.
Gießen, 24. Mai. Gegen den dem Reichstage vorliegenden Branntweinsteuer- Entwurf ist gestern von hiesigen Interessenten eine Petition mit 102 Unterschriften versehen an den Reichstagsabgeordneten Eugen Richter abgegangen.
Gießen, 25. Mai. In der gestern Abend im großen Saale des Cafu Leib dahier abgehaltenen 27. Generalversammlung der Gewerbebank zu Gießen e. G., bei welcher sich 102 Mitglieder betheiligten, erstattete der Vorsitzende des Aufsichtsrathes, Herr I. Haustein den Geschäftsbericht pro 1885, indem er zunächst auf den bereits veröffentlichten Rechenschaftsbericht hinwies und Vergleichungen der Zahlen in den einzelnen Geschäftszweigen gegenüber dem Vorjahre vornahm und insbesondere noch mittheilte, daß die Bank gegenwärtig mit Convertirung der 4o/gtigen Anlehen auf 3'/rO/o beschäftigt sei, daß namentlich von den bis jetzt gekündigten JL 375,000 bereits 302,576 der Bank zu 3V2% belassen worden seien und daß, utfi die Convertirung zu Ende zu führen, noch circa JL. 200,000 gekündigt würden. Hierdurch und wenn die Mitglieder sich mit einer geringeren Dividende begnügen, ist es möglich, den Zinsfuß für die ausgeliehenen Gelder den heutigen Verhältnissen entsprechend herabzusetzen. Das Stammantheil der Mitglieder betrug am 1. Januar 1886 JL 207,890 93 H und wenn dieselben bedenken wollen, daß sie bezüglich der Solidarhaft sich keine Sorge zu machen brauchen, indem die Bank jetzt eine Reserve von Ji. 108,944 40 4 aufzuweisen hat, so wird wohl auch bei einer geringeren Dividende als 7% Zufriedenheit herrschen, wenn damit der gute Zweck, den Mitgliedern billigeres Geld zu verschaffen, erreicht wird.
Der Vorschlag des Aufsichtsrathes den Mitgliedern für diesmal 7 o/o Dividende zu gewähren und dem Reservefond JZ. 3113 30 H zuzuweisen, fand einstimmige Annahme und so wurde der Reingewinn von JL 16,603 42 H vertheilt. Die ausscheidenden Aufsichtsrathsmitglieder wurden wiedergewählt und zwar: 1. Herr Rentamtmann C. Schmitt mit 99 Stimmen; 2. Herr Liqueurfabrikant Wilh. Wallenfels mit 95 Stimmen- 3. Herr Liqueurfabrikant I. Haustein mit 89 Stimmen; 4. Herr Bauunternehmer Jul! Hoch mit 89 Stimmen; 5. Herr Kaufmann Carl Wenzel mit 88 Stimmen.
Gießen, 25. Mai. Anläßlich der Bewilligung unserer Universitäts-Neubauten, Klinik und chern. Laboratorium, waren am letzten Samstag die Herren Prof. Frhr. v. d. Nopp, Professor Kaltenbach und Prof. Pasch als Abgeordneten der davon berührten Fakultäten in Darmstadt und sprachen Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog den Dank der Landes - Universität für das ihr entgegengebrachte Wohlwollen aus.
Gießen, 25. Mai. Ueber das Unwetter am Sonntag Abend berichtet der „Oberhess. Anz." in Friedberg Folgendes: Ein schauerlicher Abend liegt hinter uns. Gestern Nachmittag thürmten sich nach Osten, Südwesten und Norden Gewitter auf, die gegen V26 Uhr zum vollen Ausbruche kamen, nachdem der Donner schon den ganzen Nachmittag von ferne her grollte. Die ganze Stadt und die Gegend war in schwarze Staubwolken gehüllt, so daß allenthalben die Lichter angezündet wurden. Bald entluden sich die Wolken und nach kurzem starkem Regen gab es wallnußgroße Kiesel. Ein Wunder ist, daß nicht mehr Fenster in der Stadt entzwei sind. Inzwischen hatten sich Die Gewitter einander genähert und man sah, daß nach dem Gebirge hin das Wetter arg Hausen mußte. Es hatte sich eine Windhose entwickelt, die über Ockstadt und die Haselhecke nach dem Hausberge zu zog. Auf diesem Wege richteten denn auch Windhose, Hagelwetter und Wolkenbruch entsetzliche Verheerungen an. Durch Ockstadt stoß ein zwei Fuß tiefer gelber Strom, auf der Chaussee sind halbmannsdicke Bäume aus der Wurzel herausgedreht und andere geknickt. Auf der Haselhecke fielen faustdicke Kiesel und ist Alles kurz und klein zerschlagen. Vom Johannisberg flößte das Wasser einen Theil der Weinberge herunter. In Ober- und Nieder-Mörlen stand das Wasser in den medergelegenen Straßen 2 Fuß hoch und versuchte man Dämme gegen das Wasser aufzuwerfen, jedoch ohne Erfolg. In Obermörlen sollen ca. 6000 Fensterscheiben zerschlagen sein; die Felder sehen aus, als wenn Manöver darauf abgehalten worden wäre; die Obstbäume, die so schön angesetzt hatten, sind total zerschlagen; im Park in Bad-Nauheim sind die sämmtlichen Promenadewege zerrissen; unterwegs nahm das Wasser verschiedene Brücken mit; unsere kaum erst eröffnete Bade-Anstalt nahm beträchtlichen Schaden. Nachts 12 Uhr wiederholte sich das Gewitter, ging jedoch ohne Schaden vorüber. Zu allem Schrecken ertönte inmitten des Gewitters der Ruf: „Feuer". Im Fürth'schen Hause war Feuer ausgebrochen, das jedoch ohne weitere Hülfe von den Hauseinwohnern und Nachbarn unterdrückt werden konnte. Vielfach schlug der Blitz in Bäume und Häuser, ohne jedoch glücklicherweise ncnnenswerthen Schaden zu thun. Die vielen Ausflügler am gestrigen Tage kamen gründlich durchnäßt nach Hause.


