ganz gebliebenen Dächern und den anstoßenden Aeckern zerstreut und gewähren dn Bild der Verwüstung, wie wir es auch nach dem Vorübergehen des Naturereignisses nicht tut möglich gehalten hätten. Unfern des Walzwerkes steht im freien Felde ein Haus, welches dem Unternehmer Becker von Naunheim gehören soll. Von ihm ist ein Stück der Dachfirst fortgerissen. Auf der rechten Seite der Hermannsteiner Straße sind die Häuser von Wilhelm Theiß und Wittwe Rupp am härtesten mitgenommen. Bei dem einen hat das Dach arg gelitten; dem andern ist gar die Hinterwand so vollständig eingedrückt worden, daß das Innere des Hauses total blosliegt. Als wir dort ankamen, irrte die bedauernswerthe Besitzerin weinend zwischen ihren, jedem Blicke preisgegebenen Habseligkeiten umher. _
Natürlich haben bei den am stärksten betroffenen Wohnhäusern mehrfach Ausquartierungen stattfinden müssen. Beträchtlicher Schaden ist auch der Marmorwaaren- Fabrik von Dyckerhoff u. Neumann zugefügt worden. Der große Fabrikschornstein ist ebenfalls gestürzt und hat im Fallen zahlreiche der bereits zersägten Marmorplatten zerschlagen; das Dach hat gleichfalls gelitten, doch in geringerem Grade. Um nichts zu vergessen, sei noch ermähnt, daß ein zu dem letzten, auf der linken Seite der Hermannsteiner Straße stehenden Hause gehörender Stall abgedeckt worden ist. Wohin das Dach gekommen — wer weiß es? Vielleicht ist es weit fortgetragen, vielleicht liegt es in tausend Stücken zerschlaaen auf der weiten Flur zerstreut umher. Daß außerdem noch zahlreiche geringere Beschädigungen an den Dächern und Häuserwänden zu verzeichnen sind, braucht nach den bereits angeführten Füllen als selbstverständlich nicht weiter erwähnt zu werden. Auch die Franzenburg soll einigermaßen mitgenommen worden sein. In ihrer Nähe sind ebenso wie in der Niedergirmeser Gemarkung und an anderen Plätzen große Obst- und andere Bäume wie Strohhalme zerknickt oder sogar total entwurzelt. Dahingegen haben sowohl die Sophienhütte, wie die chemische Fabrik von Müller, Packard u. Co., erstere gar keinen, letztere einen kaum nennens- werthen Schaden erlitten.
Ein wahres Wunder darf cs geradezu genannt werden, daß bei alledem nicht ein einziges Menschenleben zu Grunde gegangen ist. Einige Schrammen hat es wohl gegeben, aber nichts weiter. Schließlich mag noch bemerkt werden, daß heute Morgen in aller Frühe schon eine Anzahl Arbeiter aus den Betzdorfer Eisenbahnwerkstätten hier eingetroffen war, unter deren sachkundigem Vorgehen die Aufräumungsarbeiten auf dem Bahnkörper flott von Statten gingen.
Bingen, 14. Mai. Ein gestern Nachmittag über unsere Stadt und die Gemeinde Büdesheim hereingebrochenes heftiges Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen und Hagelschlage richtete in den Weinbergen ganz ungeheure Verwüstungen an, die erst heute theilweise annähernd beurtheilt werden können. Besonders in dem Scharlachberg und der Eifel, diesen beiden vorzüglichsten Lagen, wurden ganze Weinberge hinweggeschwemmt und auf Jahre hinaus ertragsunfähig gemacht. Die Weinstöcke wurden mit ihren Wurzeln ausgerissen und die Pfähle in die Nahe geschleudert. Die nach Büdesheim führende Straße gleicht einem großen Schutthaufen. Ein einziger Weinbergbesitzer im Scharlachberge soll durch dieses Unwetter einen Schaden von annähernd 20,000 X erlitten haben. Den Gesammtschaden in den beiden genannten Lagen taxirt man nach vorläufiger Schätzung ans nahezu 3/< Millionen Mark. In Büdesheim mußte theilweise das Vieh aus den Ställen getrieben werden, um nicht zu ertrinken; viele Keller wurden völlig mit Wasser angefüllt. Die durch den Hagel entstandenen Verheerungen sind in einzelnen Lagen auch bemerkbar, jedoch lange nicht so bedeutend.
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Gießen, 25. Mai. Im amtlichen Theil unseres Blattes wird wiederholt die P-lizeioerordnung, die Bade-Anstalten zu Gießen betr., publicirt. Wir machen an dieser Stelle Interessenten auf den § 8 aufmerksam. Derselbe behandelt das Tränken und Schwemmen rc. von Vieh in der Lahn. Die Schutzmannschaft ist angewiesen, strenge Beobachtung dieses Paragraphen zu überwachen und Uebertretungen zur Anzeige zu bringen.
Gießen, 25. Mai. Gestern Vormittag stürzte in den Neuenbäuen das Halbverbungerte Pferd eines hiesigen früher in Rodheim wohnenden Fuhrmanns. Da alle Lebenskräfte bei dem Thiere geschwunden waren, so wurde dasselbe auf Anordnuug Großb. Polizeiamts auf offener Straße getödtet und der Cadaver durch den Wasenmeister weggeschafft.
— Eine recht hübsche Leistung auf dem Gebiete des Radfahr-Sports brachte Herr Röhrle, Mitglied des hiesigen Vereins, dieser Tage zu Stande. Derselbe fuhr per Zweirad von Gießen über Frankfurt nach Darmstadt in 6 Stunden und nach mehrstündiger Rast von da nach Heidelberg in 5 Stunden.
Vermischte-.
Lanzenhain (bei Herbstein), 24. Mai. Gestern schlug der Blitz dahier in eine Hofraithe ein und ist dieselbe abgebrannt.
__ Wetzlar, 24. Mai. lieber die Verheerung, welche die Windhose in Wetzlar ein Sonntag angerichtet, schreibt der „Wetzl. Anz.": Eine Naturerscheinung, imposant und schreckenerregend zugleich, ist gestern mit verheerender Gewalt über die Gemarkungen Wetzlar und Niedergirmes dahingezogen. Es sind erst wenige Tage her, daß wir von dem furchtbaren Unglück zu berichten hatten, durch welches eine brandenburgische Stadt, Krossen a. d. Oder, von einem mächtigen Sturmwind heimgesucht worden war; heute liegt es uns ob, von den Verheerungen Kunde zu geben, welche eine ähnliche Erscheinung bei uns augerichtet hat. Gestern Nachmittag gegen 6 Uhr hatte sich der Himmel allmählig so verdüstert, daß der südöstliche Horizont ganz in tiefes Schwarz gehüllt erschien, aus welchem unablässig leuchtende Blitze hervorschossen. Der Schreiber dieser Zeilen hatte mit zwei Geführten einen Spaziergang nach Hermannstein gemacht und befand sich gerade auf dem Rückwege zur Stadt. Da jeden Augenblick der Ausbruch eines heftigen Gewitters zu befürchten stand, eilten wir nach Kräften, um zum Ziele zu kommen. Mittlerweile hatte sich ein Wind erhoben, der immer stärker werdend, mächtige Staubwolken auf der Chaussee aufwirbelte. In der Bahnhofstraße — es mochte damals 61/* Uhr sein — wurde die unablässig heranrasende Staubmasse unerträglich. Man vermochte kaum die Augen offen zu halten. Als wir, trotzdem rüstig vorwärts strebend, bei der neuen Brücke vor dem Hauserthor angelangt waren, wurde plötzlich neben dem Heulen und Pfeifen des Windes ein Gedonner vernehmbar, wie man es wohl hört, wenn in unmittelbarster Nähe zwei Eisenbahnzüge über eine Brücke fahren. Uns rückwärts wendend, sahen wir die Ursache des seltsamen Getöses deutlich vor uns: eine mächtige Windhose war, von Südosten nach Nordwesten gehend, über die Gemarkungen vor dem Oberthor über den Hauserberg hinübergefahren, hatte einen Theil der Bahnhofsanlagen berührt, mehrere Fabriketablissements heimgesucht und drehte sich nun im Niedergirmeser bezw. Hermannsteiner Feld in rasendem Wirbel umher, bis sie plötzlich zerstob. Das bonnerartige Geräusch war leicht zu erklären: niederstürzende Fabrikschornsteine, abgerissene und fortgeschleuderte Dächer, eingedrückte stürzende Mauerwände, entwurzelte Bäume — alles dies vereinigte sich, um mehrere Sekunden lang den Eindruck hervorzurufen, welcher im Vorstehenden bereits angedeutet ist. Auf diese seltene Naturerscheinung folgte ein frischer, erquickender Gewitterregen. Die Verwüstungen, welche die Windhose auf ihrem schmalen, aber durch Verderben jeglicher Art bezeichneten Wege angestellt hat, spotten aller und jeder Beschreibung. Folgt man ihrer Bahn, so gewahrt man zunächst, daß jenseits des Lahnflusses außer einer Anzahl Obstbäume der dritte Theil des Tannenwäldchens gänzlich niedergeworfen ist. Die Stämme liegen da krerzz und quer durcheinander wie die .Kegel nach einem „Alle Neun"-Wurf. An dem rechten Lahnufer liegt ein total zersplitterter Nachen; die Windhose hat ihn über das Wasser fortgetragen und mit furchtbarer Gewalt wider die Böschung geschleudert. Zwischen den Schienen lagen oder liegen noch überall zerbrochene Balken, Ziegel, Dachschiefer u. s. w. umher. Kein Wunder; denn der Lokomotivschuppen unb das bei der Wasserstation an den beiden Eilenbahnbrücken belegene Magazin sind schauerlich zugerichtet. An beiden ist die linke Dachseite abgerissen und vom Wirbelsturm fortgetragen, nur die Eisenkonstruktion hat Stand gehalten. Die schweren Balken sind wie Streichhölzer geknickt. Fast sämmt- liche Fenster beider Gebäude fino zersplittert; in dem einen ist Alles über und untereinander geworfen. Das Häuschen des Mauerstein-Lieferanten Klötz, welches derselbe auf seinem Lagerplatz errichtet hatte, ist wegrasirt; nur ein primitiver Stuhl giebt noch von seinem Dasein Kunde. Ebenso ist das Wiegehäuschen verschwunden; die schweren Gewichtsteine, welche aus den sie überdeckenden Ziegeln hervorschauen, bezeichnen allein die Stelle, wo früher sein Platz war. Auch eine, nach anderen Versionen zwei Bahn- würterbuden sollen der Vernichtung anheimgefallen sein. Ob es wahr ist, daß die eine derselben mit ihrem Insassen so und soviel Meter weit fortgeschleudert wurde, lassen wir dahingestellt. Es scheint fast unmöglich, daß der Mann dabei, wie behauptet wird, unbeschädigt geblieben fein sollte. Von einem Bahnwärter hörten wir, daß er sich gerade noch aus seinem Häuschen herauszuflüchten vermochte, als der tolle Wirbel es erreichte. Sobald die Fenster zur Stube hereinsielen, fluchtete er hinaus, warf sich zur Erde nieder und verharrte in dieser Position, bis das Unwetter vorüber war. Ein Bahnwagen ist weit aus dem Geleise und in die Ausschachtung hineingeworfen worden; er wurde heute Morgen unter Znhülfenahme einer Maschine wieder aufge- riebtet und an seinen Platz gestellt. Recht trostlos schaut ein Packwagen aus, bei welchem das Untergestell, die Achse ganz unversehrt blieb, während drei Viertheile des Oberbaues weggeflogen sind. Wohl am schlimmsten sieht es auf dem Walzwerk Wetzlar aus. Ein großer, neuerbauter runder Schornstein ist bis zur Hälfte niedergeworfen. Von dem Theile der weitläufigen Fabrikanlagen, in welchem sich das Magazin und das Comptoir befinden, ist der größere Theil des Daches abgedeckt. Wie es den An- fchein hat, hat die Windhose zuerst den Schornstein erfaßt und bann, sich rückwärts kehrend, das eine Dach über das andere geworfen. Die Balken des Hinteren Theils des Magazins müssen förmlich mit kolossaler Gewalt durcheinander geschüttelt worden fein, so liegen sie geknickt und gebrochen kreuz und quer umher. Dachtheile bis zu "20 Meier Länge, viele Centner schwer, sind weit auf's Feld hinausgeschleudert, in ihrer Nähe befinoen sich schwere eiserne Rohre, welche gleichfalls von der Gewalt des Wirbelsturmes fortgetragen wurden. Die breite Hinterwand des Magazins steht schief; sie scheint aus ihren Fugen gerissen zu sein und wird wahrscheinlich niebergelegt werden müssen. Ziegel, Sparren und Balken sind überall in der Nähe der Gebäude, auf den
Geschichts-Kalender.
26. Mai.
1799. Der Dichter Kopisch zu Breslau geboren.
1803. Die Franzosen rücken in Hannover ein.
1831. Schlacht bei Ostrolenka, Niederlage der Polen.
* Stuttgart, 3. Mai. ^Allgemeiner Deutscher Versicherungsverein.j Im Monat April 1886 wurden 416 Schadensfälle angemeldet und zwar 262 äußere Verletzungen und 154 innerliche Erkrankungen. Von den Unfällen hatten 3 den sofortigen Tod und 28 eine gänzliche oder theilweise Invalidität der Verletzten zur Folge. Von den Mitgliedern der Sterbekasse starben in diesem Monate 30. Neu ausgenommen in den Verein wurden im Monat April 1668 Personen. Alle vor dem 1. Januar 1886 eingetretenen Schäden incl. der Todes- und Jnvaliditütsfülle sind bis auf die von 40 noch nicht genesenen Personen vollständig regulirt. 4026
Gcdiff-nachrichten.
Bremen, 22. Mai. fPer transatlantischen Telegraph.j Der Postdampfer Eider, Capt. H. Hellmers, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 12. Mai von Bremen und am 13. Mai von Southampton abgegangen war, ist gestern 11 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.
Handel und Berketz»
Gießen, 25. Mai. Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Pfund M 0.75-085, Hühnereier pr. St- 4—5 H, Enteneier St. 5—0 H, Käse pr. St. 5—8 Käsematte 3—0 H, Erbsen pr. Liter 22 H, Linsen 32 H, Tauben per Paar 0,65 bis 0,80 H, Hühner per Stück X 0.90—1.30, Hahnen pr. Stück X 1.50—1.70, Enten per Stück X 1.00—1.50, Ochsenfleisch per Pfund 62—64 H, Kuh- und Rindfleisch 52—56 H, Schweinefleisch 54—60 Hammelfleisch 50—66 H, Kalbfleisch 40—48 -X Kartoffeln per 100 Kilo X 3.00—4.00, Milch per Liter 12—18 Zwiebeln per Centner X 7.50—8.00, Kirschen per Pfund 50—00 H.
Frankfurt, 24. Mai. (Getreide-Preise.) Weizen eff. hiesiger u. Wetterauer X 17,50-17,75, fremder X 17,75-19,75, Roggen eff. hies. X 14.75-00.00, fremder X 14,25—14,50, Gerste effectip hiesige und Wetterauer X 14,50—15,50, fremde X 00,00—00,00, Hafer eff. hies. X 14,00—14,50, fremder X 00,00—00,00.
Frankfurt. 24. Mai. Der heutige Viehmarkt war stark befahren. Ange- trieben waren 401 Ochsen, ca. 16 Bullen, ca. 307 Kühe und Rinder, ca. 248 Kälber. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Öual. X 60—62, 2. Qual, X 48—56, Kühe und Rinder 1. Qual. X 52—53, 2. Qual. X 40—45 per 100 Pfund Schlachtgewicht, Kälber 1. Qual. 50-52 H. 2. Qual. 40-42 H per 1 Pfund Schlachtgewicht.
Temperatur der Lahn.
Am 25. Mai, zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 15V20, Luft 12» R. im Schatten.
L. Chr. Rübs am en.
Bingen «. Bb.
C. Weber, Weinhandlung.
4019
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