eine durchaus russische Politik zu machen/ Die tragische Spannung, an welcher der liebenswürdige und hochbegabte Fürst schließlich nach heldenmüthigem Ringen zu Grunde gegangen ist, war eben von Anfang an keimförmig in seiner Stellung gegeben, die Spannung zwischen der überlieferten russischen Orientpolitik und zwischen dem aufsproffenden Stammesgefühl der Bulgaren, welche sich aus dem panslavistischen Urbrei als freie selbstständige Volkspersönlichkeit auszusondern trachteten.
In den ersten Acten der ergreifenden Tragödie, welche nunmehr zum Abschluß gekommen ist, wirkten mancherlei Umstände zusammen, um dem jungen Fürsten eine verhältnißmäßige günstige Stellung zu verschaffen und da- Mißtrauen der Ruffen gegen seine Person immer wieder einzuschläfern. Das Band gegenseitigen Vertrauens verknüpfte die sympathische Persönlichkeit des Battenbergers mit dem Czaren Alexander II. und half immer wieder über die Schwierigkeiten hinweg, die sich aus der Natur der Dinge nur zu leicht ergaben. Auch in den ersten Regierungsjahren de« dritten Alexander wußte der Bulgaren- fürst ein leidliches Verhältniß zum russischen herzustellen und den Hitrowo, Kaulbars uno Sobolew gegenüber seine Forderungen wiederholt durchzusetzen. Erleichterten ihm doch die Vertreter Rußlands in Bulgarien seine Aufgabe durch ihre bemerkenSwerthe Ungeschicklichkeit. Der Bulgare ist nämlich eine vorwiegend praktische, nüchtern angelegte Natur, und an der Geld- und Magensrage rankte sich zuerst sein Nationalgesühl empor. Er hätte sich das herrische Auftreten seiner russischen Befreier vielleicht noch lange gefallen kiffen, aber gegen das massenhafte Eindringen der Russen in alle bürgerlichen und militärischen Aemter bäumte sich sein sparsamer Sinn um so mehr auf, als diese Ruffen, just int Gegensatz zu der engbürgerlichen Bulgarenart, eine flotte und leichtfertige Lirthschast sührten. So schäumte aus den öconomischen Anschauungen der Bulgaren sachte eine Bewegung auf, welche die Losung „Bulgarien den Bulgaren" aus ihre Fahnen schrieb. Es war die tragische Verschuldung des Bat- ienbergers, daß er sich hochherzig an die Spitze dieser nationalen Bewegung stellte, daß er die Bulgaren für ein Volk hielt, welches würdig und fähig sei, der eigene Herr seines Schicksals zu sein. Die Bulgaren haben ihm diesen edlen Jrrthum soeben mit glänzendem Undank gelohnt und damit sich als eine Gesellschaft gekennzeichnet, welche das unverdiente Glück hatte, von einem ausgezeichneten Manne regiert zu werden. Die Bulgaren sind nicht aus dem guten, starken Menschenstoffe gemacht, aus dem man freie Völker schnitzt, und sie haben es deshalb verstanden, eine beispiellose Gunst des Schicksals zu verscherzen. Jedoch es giebt Jrrthümer, in die nur ein großer und freier Geist gerathen kann, und ein solcher Jrrthum ließ den Fürsten das Volksmaterial, mit dem er seinen stolzen Freiheitsbau aufführen wollte, verkennen. Die Folge war, daß seine herzlichen Beziehungen zum Czaren immer mehr erkalteten, ohne daß er in Bulgarien dafür in einer charaktervollen, nationalen Partei einen widerstandsfähigen Rückhalt gefunden hätte.
Czar Alexander III. befand sich den Bulgaren gegenüber etwa in der Lage einer zärtlichen Mutter, die sich lange abgemüht hat, der geliebten Tochter einen eigenen Herd zu gründen, und die nach der Hochzeit sich ärgerlich von dem jungen Paare zurückzieht, weil dasselbe auf seinen eigenen Füßen stehen will. Diese schwieger-mütterlich angehauchte Verstimmung des Czaren erreichte ihren kritischen Höhepunkt, als am 18. September 1885, unmittelbar nach einem feierlichen Versprechen des Fürsten, die Ruhe in Bulgarien zu verbürgen, die bekannte unblutige Revolution, welche mit den Resten der Türkenherrschaft in Ost-Rumelien aufräumte und den Traum eines großen Bulgarien zu verwirklichen suchte, ausbrach. Wie hoch und theuer der Battenberger auch versichern mochte, daß er durch diese Erhebung vollständig überrascht worden sei und daß er nie so zwischen zwei Heubündeln gestanden habe, wie nach der Nachricht von den Vorgängen in Philippopel, der ernste und sittenstrenge Czar war und blieb der Ueberzeugung, daß hier ein Treubruch vorliege, und rief grollend die russischen Osficiere aus dem bulgarischen Heere ab. Und das russische Volk, welches Anfangs dem geeinten Bulgarien jubelnde Wiegenlieder gesungen hatte, beugte sich später vor dem Willen seines Czaren und ließ sich in einen wilden Grimm gegen den Battenberger hineinjagen. Indessen zuckte und flammte es über die ganze Balkan-Halbinsel. All' die kleinen Völker, die Serben, Griechen und Montenegriner, reckten die Leiber krampfhaft empor und guckten dem türkischen Nachbar lüstern über den Zaun. Doch der Türkensäbel ist noch immer gefürchtet, und so fielen die Serben dann nicht etwa, wie sie Anfangs beabsichtigten, über die Türkei, sondern über das unvorbereitete Bulgarien her. Aus dem Blachselde sollte es entschieden werden, welches Volkselement die Kraft in sich trage, die Entwickelung zu beherrschen, und welche Männer von der Geschichte berufen seien, den Balkanvölkern als Führer voranzuschreiten. Dank der Feldherrn-Eigenschaften des Battenbergers und Dank der Feigheit der Serben entschieden die eisernen Würfel zu Gunsten der Bulgaren. Das Volk, dem die Freiheit wie ein reifer Apfel in Den Schoß gefallen war, schien dieselbe jetzt auch auf dem Felde der Ehre erkämpft zu haben und der jugendliche Fürst, dessen Name den Bulgaren auf siegreichen Fahnen voranwehte, schien durch den festen Kitt de- in siegreichem Kriege vergossenen Blutes mit feinem Volke für immer verbunden zu fein. Aber es schien nur so, und schärfere Augen erkannten schon damals gerade hinter dem unerwarteten Aufschwung des freien Bulgaren- Ihums das drohende Unheil, welches jetzt über dem Haupte des Fürsten niedergegangen ist. Die Verwandlung des russischen Vasallenstaates Bulgarien in ein vergrößertes freies Bulgarien war ein Mißerfolg der russischen Orientpolitik, wie ihn eine Großmacht wie Rußland um so weniger hinnehmen konnte, je schwächer im Grunde die Dämme waren, die der panslavistischen Fluth entgegen* geworfen waren. Da ist in Bulgarien selbst zunächst ein sparsames, arbeitslustiges Bauernvolk, überdeckt von einer dünnschichtigen Intelligenz, welche mit seiltänzerischer Eleganz zwischen den verschiedenen Parteilagern umherturnt und welche also dem Fürsten keinen Stützpunkt bieten konnte. Zu dieser politischen Charakterlosigkeit, welche dem „Rubel" aus Reisen die Arbeit erleichterte, gesellte sich die gährende Unzufriedenheit jener Ost-Rumelier, welche die Revolution gemacht hatten und welche jetzt bei der Machtvertheilung nicht im Verhältniß zu ihren Fähigkeiten und ihrer Steuerkcast berücksichtigt zu sein glaubten. Bei dieser Eifersucht zwischen Philippopel und Sofia konnten die russischen Wühler bequem den Hebel ansetzen. Im Uebrigen verfolgte Rußland die Taktik, der bulgarischen Vereinigung bei der Türkei und im Rathe der Mächte möglichst entgegenzuwirken, gleichzeitig aber in Bulgarien eine Bewegung, welche eine vollständigere Vereinigung verlangte, zu organisiren. Die Thatsache, daß diese Taktik gelingen konnte, stellt dem politischen Scharfblick der Bulgaren ein glänzendes Armuthszeugniß aus. Aber sie gelang eben, und man konnte den blöden Bulgaren den Battenberger als den verhängnißvollen Mann hinstellen, der allein
dem neuen Bulgarien in der Sonne stehe. Das war die saubere bulgarisch- Gesellschaft, mit beten politischen Kinderkrankheiten Fürst Alexander zu rechnen hatte. Da war ferner auswärts die Türkei, welche in dem neuen Bulgarien ein Bollwerk gegen Rußland sehen mußte, aber viel zu furchtsam war, um au» dieser Erkenntniß mit der nölhigen Rücksichtslosigkeit die praktischen Folgerungen zu ziehen. Da war England, welches den Fürsten mit seinen platonischen Sympathien beehrte und sich im Uebrigen vollständig an den Gedanken gewöhnt zu haben scheint, daß der deutsche Michel von der gütigen Vorsehung eigen« dazu geschaffen fei, die Kosten der Vertheidigung englischer Interessen gegen Rußland zu übernehmen. Für Deutschland aber hat Bulgarien auch nicht entfernt dieselbe Wichtigkeit, wie freundnachbarliche Beziehungen zu Rußland, und Deutschland mußte gerade in der bulgarischen Frage um so vorsichtiger auftreten, al» die Thatsache, daß der Fürst von Bulgarien ein Deutscher ist, Den russischen Argwohn ohnehin herausfordern mußte.
So kam es, daß die kriegerischen Heldentaten des Battenbergers nur die leuchtende Folie abgaben, von der sich der bulgarische Undank in um so- dunkleren Farben abheben sollte. Man wird die Theilnahme der Karawelow und Genossen an diesem häßlichen Staatsstreich übrigens vielleicht besser erklären, wenn auch keineswegs entschuldigen können, wenn man über den von Rußland ausgeübten Hochdruck und über die Abmachungen der Mächte Genaueres erfährt.
Wir stehen den dramatischen Scenen, welche sich in Widdin und Lompa- lanka abgespielt haben, mit der schmerzlichen Empfindung gegenüber, die un» beim Anblick eines begabten Mannes ergreift, der für fein opfermuthiges Ringen von einem kindischen Volke mit schnödem, herzbrechendem Undank belohnt wird. Aber das tragische Geschick des einzelnen Mannes macht uns nicht blind für die Thatsache, daß mit der Absetzung des tatkräftigen, willenS- stürken Mannes auf der zündstoffreichen Balkanhalbinsel ein Feuerbrand er* loschen ist, der leicht eine europäische Feuersbrunst hätte entzünden können. Mit dieser Erkenntniß werden wir uns Darüber trösten müssen, daß ein vom Glück verzogenes Volk mit täppischen Händen jene Freiheit zerstört, die ein schneidiger deutscher Osficier ihm erkämpft hatte.
England.
London, 23. August. Unterhaus. Bei der Adreß-Debatte wandte sich Hicks-Beach gegen die übertriebenen Ansichten der Gegner über die Politik der Regierung bezüglich Irlands und meinte, die Vorlagen sollten erst kritisirt werden, wenn ihr Inhalt bekannt sei. Redner appellirte an alle Parteien, die Regierung bei den von ihr beabsichtigten Reformen für Irland zu unterstützen. Die erste Pflicht sei die Aufrechterhaltung der Union, aber innerhalb dieser Grenzen werde die Regierung für die Föroerung der Wohlfahrt Irlands Alle» aufbieten.
— Stanhope erklärte die Nachricht von der Uebernahme des Protektorats über die Ellice-Jnseln Seitens Englands für unbegründet. Gorst constatirt, es seien 17,000 Mann Truppen in Birma, 10,000 Mann Verstärkungen seien dorthin beordert. Holmes kündigt eine Vorlage an, wodurch der Untersuchung-* Commission über die Belfaster Unruhen Facilitäten gewährt werden. Labouchere setzt die Adreß-Debatte fort.
Iürst Alexander von Bulgarien.
Gießen, 24. August.
Heber die Absetzung des Fürsten von Bulgarien äußert sich ferner die „Köln. Zeitung":
Darüber, daß Rußland seine Pläne in Bulgarien nach dem ersten großen Mißerfolg nicht aufgeben werde, war man in der ganzen politischen Welt einig, daß ihm aber gleich beim ersten neuen Versuch der Mann als Verräther an Fürst und Land willig sein würde, dessen Name neben dem des Fürsten als Erretter des Volkes aus Nussenmacht gefeiert ward — das konnte auch der nicht ahnen, der einen Bulgaren für grade so gut und ehrlich hielt, wie den andern. Karawelow hat sich als ein Scheusal von Ehrlosigkeit erwiesen, indem er Hand an den Fürsten legte, der vor wenig Monaten noch durch die heldenmüthige Art, wie er sein Leben für des Landes Unabhängigkeit in die Schanze schlug, Europa in Bewunderung setzte; er hat aber auch das Land betrogen, indem er es aus dem Zustande der Freiheit unter die russische Beherrschung zurückgeworfen hat. Daß ein Land, in welchem möglich war, was wir soeben in Bulgarien erlebt haben, zur Freiheit und Selbstständigkeit nicht reif ist, bedarf eines weiteren Beweises nicht, und das Gefühl mag dem Fürsten Alexander die Gefangenschaft am ärgsten verbittern, daß er für solche Schurken Mühe und Arbeit, seine- Jugend und sein Leben eingesetzt hat. Hoffentlich tröstet er sich wieder in dem Gedanken, daß die Bulgarenschaft seiner nicht werth war. Ernste politische Folgen könnte die Verschwörung von Widdin nur dann haben, wenn etwa eine militärische Gegenrevolution gemacht oder versucht würde. Für diesen Fall wäre der Einmarsch der Russen nach Bulgarien unvermeidlich und würden tue „Befreier" von 1877 ein paar Hundert der „Befreiten" niederschießen müssen.
Wir lassen im Nachstehenden die weiter uns zugegangenen Nachrichten folgen:
Wien, 23. August. Der „Polit. Corr." werden aus Bukarest folgende Einzelheiten über die Vorgänge in Bulgarien gemeldet: Am Samstag Morgen umringte das fürstliche Palais in Sofia eine aus Bürgern und Truppen bestehenoe Menschenmenge, welche die Abdankung des Fürsten begehrte. Die Absetzung wurde daraufhin, verkündet und ein Ausschuß, bestehend aus Karawelow, Zankow, Grekow, Buronow, Radoslawow, Grüns und dem Kriegsminister, übernahm die Regierung. Der Fürst befand sich gestern in Widdin, von wo er auf einer Jacht nach Turn-Severin gebracht werden sollte. In Rustschuk und Sofia haben Volksversammlungen dem Geschehenen zugestimmt und die von der provisorischen Regierung verfaßte Begründung der Absetzung des Fürsten gutgeheißen.
London, 23. August. Die Zeitungen besprechen die Ereignisse in Bulgarien. Die Times sagt, kein Erfolg könne vollständiger sein, als dieser neueste Rußlands.. Einer Verletzung der internationalen Verträge unmittelbar folgend, müsse diese neue Kundgebung der Macht und Zähigkeit Rußlands, diese Warnung für Alle ohne Ausnahme, dem russischen Kaiser nicht Trotz zu bieten, falls sie nicht verhängnißvolle Folgen gewärtigen wollten, einen tiefen moralischen Eindruck machen. Wenn der Sturz des Fürsten von Bulgarien ein hervorragendes Ereigniß, ein hervorragender Triumph der russischen Diplomatie sei, so sei er, wenn auch in geringem Grade, eine Schlappe der englischen Diplomatie. Die Times spricht die Vermuthung aus, die Absetzung des Fürsten Alexander sei unter dem Gewährenlassen Deutschlands und Oesterreichs erfolgt und fügt hinzu, wenn dies der Fall sei, so sei anzunehmen, daß Rußland sich vorläufig mit dem Sturze des Fürsten begnügen und eine weitergehende Aenderung in den Beziehungen zwischen der Türkei und den Vasallenstaaten nicht versuchen werde. Der Standard meint, Lord Salisbury werde nicht versäumen, die Ereignisse so zu beeinflussen, daß Englands Ehre und Sicherheit gewahrt werde. DaS Vorgehen Rußlands bedeute ein-.- Verletzung des bestehenden Zustandes in Europa und eine ernste Störung des Machtgleichgewichts auf der Balkanhalbinsel. Fürst Bismarck sei der Hüter des Berliner Vertrags, seine Ehre erheische, darauf zu achten, daß der Berliner Vertrag nicht durch den Willen eines herrschsüchtigen und anmaßenden Nachbarn beiseite gesetzt werde. Die Morning Post äußert, die erzwungene Absetzung des Fürsten Alexander, so kurz nach der Aufhebung der Batum-Clausel im Berliner- Verträge, zeige von der rastlesen Thätigkeit Rußlands, welche die ernstliche Beachtung Englands und der übrigen Mächte verdiene, denen an der Er-


