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Nr. 47 Donnerstag den 25 Februar

Amts- imb Anzeigeblatt für den Kreis

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1S86

PrriO vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BiingnirröU

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50

Erscheint tLgSich mit AttSns-hme deS MsntagS.

Vnreattr Schulftraßs7.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Unfallstatistik. Gießen, am 22. Februar 1886.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an Großh. Polijeiamt Gießen und an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Es erscheint in dienstlichem Interesse wünschenswerth, daß der Großh. Fabrik-Jnfpector von den im Großherzogthum sich ereignenden Betriebs­unfällen, welche auf Grund des § 51 des Unfallversicherungsgesetzes bei den Ortspolizeibehörden zur Anzeige gelangen, fortlaufend Kenntniß erhält.

Wir weisen Sie daher an, von jeder Ihnen zugehenden Unfallsanzeige dem Großh. Fabrik-Jnfpector sofort eine Abschrift zuzusenden, sowie außerdem dem genannten Beamten, damit ihm die Möglichkeit gegeben ist, den auf Grund des § 53 des Unfallversicherung Gesetzes einzuleitenden Unter­suchungsverhandlungen beizuwohnen, von jeder anberaumten Untersuchungsverhandlung rechtzeitig zu benachrichtigen.

Deutschland.

Darmstadt, 23. Februar. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 17. d. Mts. den Oberförster der Oberförsterei Zellhausen, Forst- Jnspector Karl Traut wein zu Seligenstadt, auf sein Nachsuchen wegen ge­schwächter Gesundheit unter Anerkennung seiner langjährigen, treu geleisteten Dienste, mit Wirkung vom 1. April d. Js. an, in den Ruhestand zu versetzen.

Darmstadt, 23. Februar. Se. Königl. Hoheit der Großherzog und Ihre Großh. Hoheit Prinzessin Irene sind laut telegraphischen Nachrichten gestern Nachmittag 2 Uhr 30 Min. mit dem Kaiserlichen Extrazug in Peters­burg angekommen. Auf der vorletzten Station Gatschina begrüßten Ihre Kai­serlichen Hoheiten der Großfürst und die Großfürstin Sergius die Allerhöchsten Herrschaften. In St. Petersburg waren auf dem Bahnhofe Se. Majestät der Kaiser mit allen Großfürsten und großer Suite erschienen, welcher sich auch der deutsche Botschafter, General der Infanterie v. Schweinitz und der Groß­britannische Botschafter Sir Robert Morier angeschloffen hatten. Eine Com­pagnie des Garde-Regiments Preobraschenski war mit Fahne und Musik-Corps als Ehrenwache aus dem Perron des Bahnhofes aufgestellt.

England.

Belfast, 23. Februar. Lord R. Churchill erinnerte auf einem ihm zu Ehren veranstalteten Diner an den Ausstand in Irland im Jahre 1798 und sprach die Erwartung aus, die loyalen Irländer von heute würden in der Sache der bürgerlichen und religiösen Freiheit nicht hinter ihren Vorfahren zu­rückstehen ; er hoffe, der Kampf um die Aufrechthaltung der legislativen Union zwischen England und Irland werde sich innerhalb Der verfassungsmäßigen Grenzen bewegen, aber man müsse aus das Schlimmste vorbereitet sein.

Reichstag.

E. R. Berlin, 23. Februar 1886.

Eingegangen ist der Gesetzentwurf, betreffend das Branntweinmonopol.

Zur Bcrathung stand in zweiter Lesung der Gesetzentwurf, betreffend S 137 des Gerichtsverfassungs-Gesetzes, welche für den Fall von Differenzen zwischen den Senaten des Reichck-erichts Vorsorge im Interesse einer einheitlichen Rechtsprechung trifft.

An der Debatte betheiligten sich die Abgg. Klemm, Lipke, Dr. Horwitz, Träger, Reichensperger und der Staatssecretär v. Schelling.

Ein Antrag des Abg. Horwitz:

Den Landesgesetzen bleibt es Vorbehalten, insofern es stch um das Bestehen und den Inhalt von Gesetzen handelt, auf deren Verletzung die Revision nach S 511 der Eivilprozeßordnung nicht gestützt werden kann, entsprechende Bestimmungen für die Oberlandesgerichte zu treffen"

sand keine genügende Unterstützung im Hause, nachdem sich Bundes-Commissar Geh. Rath Hagens dahin geäußert, daß es einmal unnöthig, dann aber auch bedenklich sei, die in Rede stchenoen Bestimmungen auf die Oberlandesgerichte auszudehnen; dagegen wurde auf Antrag des Abg. v. Grävenitz ein Zusatz angenommen, daß vor­der Entscheidung der vereinigten Strafsenate oder des Plenums, sowie in Ehe- und Entmündigungssachen der Ober-Reichsanwalt mit seinen schriftlichen Anträgen zu $$rCU Zweiter Gegenstand der Tagesordnung war die zweite Berathung des vom Abg. Dr. Reichensperger eingebrachten Gesetzentwurfs betreffend die Abänderung und Ergänzung des Gerichtsverfassungsgesetzes und Wiedereinführung der Berufung gegen Strafkammerurtheile.

Abg. Munckel beantragt mit Rücksicht auf die Wichtigkeit des Gegenstandes und auf die geringe Anwesenheit von Mitgliedern die Vertagung des Hauses, die nach kurzer Discussion beschlossen wurde.

Nächste Sitzung Mittwoch. Anträge der Abgg. v. Helldorf und Hasenclever, bezweckend die Abänderung der Dauer der Legislaturperioden.__

Telegraphische Drpeschm.

WoLff'S Selegr. Csrrespondenz - Brrrearr.

Berlin, 23. Februar. Die Reichstags-Commission für die Anträge über den Befähigungsnachweis beendete die erste Lesung und beschloß, einen neuen Paragraphen binzuzüfügen, wonach künftig die Fortsetzung des Betriebes polizeilich gehindert werden kann wenn ein Gewerbe, zu dessen Betriebsbeginn der Befähigungsnachweis erforder­lich ist, ohne solchen Nachweis begonnen wird.

Das Abgeordnetenhaus verwies die Colonisationsvorlage an eine em- undzwanziggliederige Commission. Im Laufe der Debatte sprachen Wehr, Rauch­haupt, Kennemann und Hobrecht für die Vorlage, Stablewski, Windthorst und Hanel aegen dieselbe. Der Minister Lucius betonte Hänel gegenüber, derselbe unterschätze die Bedeutung der polnischen Agitation. Durch eine Vorbereitung der Colonisation im Sinne Hänel's mit Landgemeindcordnung und Kreisordnung wurden viele Jahre l

verloren gehen. Bei den Landankäufen wolle man nicht die Nothlage der Grundbesitzer ausnutzen, die Ländereien vielmehr aus freier Hand ankaufen. Die Regierung hatte nicht die Meinung, daß die Vorlage die Verfassung verletze. Die Regierung sei be­reit, Garantie gegen eine solche Verletzung zu geben, wenn die Majorität solche wünsche. Die Berathung der übrigen Polenvorlagen wurde auf morgen 11 Uhr vertagt.

Berlin, 23. Februar. In den heutigen Stadtverordnetenersatzwahlen wurden in der dritten Abthcilung an Stelle der verstorbenen Dr. Straßmann und Bohm zwei Liberale gewählt.

Basel, 23. Februar. Der Eigenthümer und Redacteur derBasler Nach­richten", Dr. Wackernagel, ist heute Mittag am Typhus gestorben.

Paris, 23. Februar. Die griechische Flotte soll eingegangenen Nachrichten zufolge nach dem Golf von Eleusis gehen.

Paris, 23. Februar. Jerome Napoleon richtete ein Schreiben an beide Kammern, worin er das Gesetz über die Ausweisung der Prinzen als Gesetz gegen Verdächtige bezeichnet, das die Angehörigen der Fapnlie Napoleon, die Soldaten der Revolution mit den Bourbons, deren Feinde, vermenge. Er sei französischer Bürger und an­erkenne die Republik, weil sie das Ergebniß des allgemeinen Stimmrechts sei. Die gegenwärtige Republik sei indeß einfach eine Oligarchie und müsse reformirt, nicht um­gestürzt werden; das Volk müsse sein Oberhaupt wählen.

London, 23. Februar. DieTimes" veröffentlicht ein Schreiben Lord Uar- borough's, worin derselbe seinen Austritt aus der liberalen Partei anzeigt, weil in be: gegenwärtigen Krisis seine politischen Anschauungen mehr mit der Torypartei als de^ jetzigen Regierung übereinstimmten.

Das Unterhaus nahm mit 297 gegen 82 Stimmen den Antrag der Re­gierung an, die Kosten der Expedition gegen Birma Indien aufzuerlegen.

London, 23. Februar. Unterhaus. Bryce erklärte, die Regierung halte den gegenwärtigen Augenblick nicht für günstig, um beim Sultan eine Gebietsabtretung an Griechenland zu bewirken.

London, 23. Februar. Chamberlain, Präsident des Local Gouvernement Board, empfing heute eine Arbeiterdeputation, welche um die sofortige Inangriff­nahme eines größeren Auswanderungsprojectes nachsuchte. Chamberlain antwortete, er habe sein Amt mit der Absicht übernommen, die Lage der Arbeiter zu verbessern die socialistischen Führer aber seien die schlimmsten Feinde der Arbeiter. Der Minister rieth den Arbeitern von Gewaltthätigkeit ab und erklärte weiter, der Auswanderung ständen Schwierigkeiten im Wege; er habe ein lebhaftes Interesse an der Einsetzung der Arbeiter in den Besitz von Gruno und Boden; im Falle sich Aussicht dafür biete, werde er sein Bestes thun, diesen Gedanken auszuführen. Chamberlain sprach sich weiterhin gegen öffentliche Bauten auf Staatskosten, wie die Anlegung von Rettungshäsen 2c. aus, weil dieselben nur an Ort und Stelle Linderung der Nothlage bewirken würden, und befürwortete dagegen die Ausführung von Bauten seitens der Localbehörden in ihren Bezirken.

Rom, 23. Februar. Dem Vernehmen nach erließ der Vatikan ein Rund­schreiben an die Nuntiaturen, worin deren Aufmerksamkeit auf die gegenwärtige Situation des Papstes anläßlich der Anschuldigungen hingelenkt wird, zu welchen die Angelegenheit des Wiener Schreibens an den Grafen des Dorides Anlaß ge­geben habe.

Belgrad, 23. Februar. Der Minister des Aeußern, Garaschanin, bevoll­mächtigte Mijatowic, auf der Friedensconferenz ein Project vorzulegen, wonach die Friedensurkunde einen einzigen Artikel enthalten solle, nämlich die Wiederherstellung des Zustandes vor der Kriegserklärung am 14. November 1885.

Lokales.

G. Gießen, 24. Februar. sSterblichkeit in Gießens Die Zahl der Todesfälle steigerte sich in der Woche vom 14. bis 20. Februar aus 11 im Ganzen. Vorzugs­weise wurden Erwachsene betroffen; drei derselben starben an Krebs, eine Person starb an Altersschwäche, eine an Verstopfung der Schenkelarterie, eine an Lungenerweiterung, eine an einer auf Rose folgenden Brustkrankheit. Von Kindern starb eins im ersten Lebensjahre an Lungenschwindsucht, ein junger Mensch hatte das Unglück, zu ertrinken und zwei von auswärts zur ärztlichen Hilfe hierhergebrachte Kinder erlagen der Diphtherie.

Gießen, 24. Februar. Das Haus des Herrn Ph. Lenz, Ecke der Bahnhof- und Liebigslraße, ist gestern an Herrn Restaurateur PH. Schwinn um die Summe von 93,500 JL verkauft worden. Das Haus soll demnächst zu einem Hotel und Restaurant benutzt werden.

Univerfitäts- Chronik.

Professor Windscheid in Leipzig, der erkrankt war, befindet sich wieder auf dem Wege der Besserung. In wenigen Tagen gedenkt derselbe seine Vorlesungen wiederaufzunehmen. _ ,r .. . ,

Geheimer Rath Professor Lrman ist um seine Entlassung emgekommen. Derselbe bekleidet die Stelle als gerichtlicher Physikus der Stadt Berlin seit über 20 Jahren, nämlich seit dem 14. Januar 1865, und ist seit derselben Zeit Leiter der Unterrichtsanstalt für Staats-Arzneikunde.

Der bisherige Privatdocent tn der philosophischen Fakultät zu Bonn, Dr. W. S chimpcr, ist zum außerordentlichen Profeffor für Botanik ernannt worden.