Mr. M - Dienstag den 23. Februar L88S
Amts- und Anzeigeblatt für dm Kreis Gießen.
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PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brin
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark l
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Bnreanr Schulstraße 7.
Bekanntmachung.
Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Ortsvorstande zu Ullendorf a. d. Lda. die Erlaubnis ertheilt, in Verbindung mit denr im Frühjahr l. I. daselbst stattfindenden Markte eine Verlosung von Vieh und landwirthschaftlichen Gegenwänden zu veranstalten^ Es dürfen dabei höchstens 5000 Loose a 1 J. zur Ausgabe gelangen und müssen mindestens 70 pCt. des Bruttoerlöses aus den Loosen zum Ankäufe von Gewinnsten verwendet werden. Der Vertrieb der Loose ist im Großherzogthum gestattet.
Gießen, am 19. Februar 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Voekmann.
Hesterreich.
Wien, 20. Februar. Der Fürst von Montenegro empfing gestern Machmittag längere Besuche von dem Minister des Aeußern, Grasen Kalnoky, und dem russischen Botschafter, Fürsten Lobanow-Rostowski. Heute Vormittag wird der Fürst von dem Kaiser in Privat-Audienz empfangen werden.
— Der Kaiser empfing heute Vormittag den Fürsten von Montenegro und machte demselben Mittags einen Gegenbesuch.
Araiikreich.
Paris, 20. Februar. Die Regierung machte stch dahin schlüssig, daß vie Ausstellung im Jahre 1889 eine universelle sein soll, woran stch alle Nationen beteiligen können.
— Der Großfürst Wladimir wird nächsten Montag nach Rußland Zurückkehren.
— Fürst Gregor Upsilanti ist hier gestorben.
England.
Dublin, 20. Februar. Der neue Vicekönig von Irland, Gras Aber- . Seen, hielt heute hier seinen Einzug, wobei er von allen Volksklassen herzlich empfangen wurde. Auf College-Green entstand ein unbedeutender Exceß dadurch, doß anläßlich eines von Studenten ausgebrachten Hochs auf die Königin der Pöbel unter Hochrufen auf Parnell über die Studenten herfiel, welche sich mit Stöcken vertheidigten. Beiderseits sind einige leichte Verwundungen vorgekommen.
PortSmouth, 20. Februar. Der Herzog von Edinburgh ist heute auf dem Transportschiff „Tamar" nach Malta abgereist, um den Oberbefehl über das Mittelmeer-Geschwader zu übernehmen.
Rumänien.
Bukarest, 20. Februar. Der „Agence Havas" zufolge tauchten in den Berathungen der Friedens - Conserenz neue Schwierigkeiten auf. Serbien weigert sich, das Anerbieten Madjid's und Geschow's, wonach es seine schriftlichen Vorschläge gleichzeitig mit den bulgarischen Vorschlägen vorlegen soll, anzunehmen. Mijatovic erhielt auf ein diesbezüglich gestern nach Belgrad gerichtetes Telegramm heute von Garaschanin die Mittheilung, daß die Antwort Serbiens auf jenen Antrag ihm im Laufe des Tages zugehen werde. Mija- toou verständigte hiervon Madjid und Geschow. Die Delegirten verschoben daraufhin die heutige osficielle Sitzung aus morgen. Geschow erhielt formelle Instructionen, sich zur Vorlegung schriftlicher Vorschläge nur dann bereit zu erklären, wenn Mijatovic g'eichzeitig die seinigen vorlege.
Reichstag.
E. R. Berlin, 20. Februar 1886.
Auf der Tagesordnung stehen zunächst die Zusatzabkommen zum Weltpostver- irage von 1878; ferner zum Uebereinkommen vom 1. Juni 1878, betreffend den Austausch von Briefen mit Wcrthangabe, von Postanweisungen und Postpacketen. Die Vorlage wird ohne jede Debatte in 1. und 2. Lesung angenommen.
Es folgt die zweite Bcrathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Herstellung eines Nord-Ostsee-Canals; der Entwurf wird nach den Beschlüssen der Commission angenommen.
§ 1, zu dem die Abgg. Graf Behr, Behm, o. Schalscha, Feustel, Dr. Papellier, Dr. Hänel, Brömel, Dirichlet, Dr. Hammacher und Staatssecretär v. Bötticher das Wort ergriffen, lautet nunmehr:
„Es wird ein für die Benutzung durch die deutsche Kriegsflotte geeigneter Seeschifffahrtscanal von der Elbmündung über Rendsburg nach der Kieler- Bucht unter der Voraussetzung hergestellt, daß Preußen zu den auf 156 000 000 «z/fc veranschlagten Gesammtherstellungskosten desselben den Bettag von 50000 000 JL im Voraus gewährt."
Staatssecretär v. Bötticher erklärte auf einige Anfragen, daß die Leistungen vom Reiche und von Preußen pari passu gehen, so daß Preußen durch Vorauszahlungen keineswegs belastet wird. Die 50 Millionen sind^ein Fixum, das Preußen auch dann zahlen muß, wenn der gesammte Bauaufwand die Summe von 156 Millionen Mark nicht erreicht. Die Interessen der vaterländischen Industrie und Arbeit würden nach Möglichkeit berücksichtigt werden; eine einseitige Bevorzugung der Industrie einer bestimmten einzelnen Gegend könne er aber nicht zusichern.
§ 2, der von der Aufnahme einer Anleihe handelt, wird debattelos angenommen.
Zu 's 3, der in der Commissionsfassung lautet:
„Von den nicht nir Kaiserlichen Marine und zur Bauverwaltung gehörigen Schiffen, welche den Canal benutzen, ist eine entsprechende Abgabe zu entrichten. Die Festsetzung des hierfür, zu erlassenden Tarifs wird weiterer Regelung vorbehalten"
beantragt Abg. v. Schalscha den Zusatz:
„Bis zum Ablaufe des ersten Jahres nach Inbetriebsetzung der ganzen Canalstrecke wird dem Kaiser im Einvernehmen mit dem Bundesrathe die Feststellung des Tarifs überlassen."
Abg. Hänel (dfr.) hat gegen diesen Antrag nichts einzumenden, vorausgesetzt daß durch denselben das Recht des Reichstags, an der endgiltigen Feststellung des» Tarifs mitzuwirken, nicht berührt werden solle.
Staatssecretär v. Bötticher erklärt, den Antrag dahin aufzufassen, daß nach Ablauf eines Jahres ein Gesetz vorgelegt werden solle, welches die Grundlagen für die Aufstellung eines Tarifs enthalte. Was die Stellung der verbündeten Regierungen betreffe, so liege für dieselbe in der Tariffrage ein politisches Moment; es scheine ihm aber höchst unzweckmäßig, daß der Tarif durch das Parlament festgestellt werde; eventuell bitte er um Annahme des vom Abgeordneten v. Schalcha beantragten Zusatzes, da die Regierung vor endgiltiger Regelung des Tarifs Zeit behalten müsse, Erfahrungen zu sammeln.
Paragraph 3 wird darauf in der Commissionsfassung nebst dem Zusatze des Abg. v. Schalcha mit großer Majorität angenommen.
Der Schlußparagraph des Gesetzes wird ohne Debatte genehnkigt.
Nächste Sitzung Dienstag den 23. Februar. (Wiedereinführung der Berufung.)
Telegraphische Depeschm.
WoSff'S telegr. Eorrsspondttrz-B«eeLN.
Berlin, 21. Februar. Sr. Maj. Panzerschiff „Friedrich Carl", Commandanb Eapitän zur See Stempel, ist am 21. Februar er. in der Suda - Bay (Kreta) ein* getroffen.
Bern, 21. Februar. Das Bundesgericht hat gestern die Beschlüsse der Regierung von Zürich gegen die Heilsarmee, durch welche die Versammlungen derselben verboten wurden, aufgehoben, jedoch das Verbot des Besuches der Versammlungen durch Kinder unter 16 Jahren bestätigt.
Belgrad, 21. Februar. Die Vertreter der Mächte machten auf Initiative Englands den Vorschlag, Serbien solle davon abstehen, daß der Abschluß eines Handelsvertrags mit Bulgarien in den Friedensvertrag ausgenommen werde, wogegen die Mächte auf die Aufnahme eines Passus hinwirken würden, welcher beide Theile verpflichte, sofort nach dem Friedensschluß zu dem Abschlüsse eines Handelsvertrags zu schreiten.
Bukarest, 21. Februar. Mijatowic ist von dem Minister Garaschanin ermächtigt morden, schriftliche Vorschläge für die Friedensverhandlungen gleichzeitig mit den Vorschlägen von bulgarischer Seite vorzulegen. Der Austausch dieser Vorschläge soll morgen erfolgen. Diese Beilegung der entstandenen Schwierigkeit wird dem gemeinsamen Schritte, welchen die hiesigen Vertreter der Mächte dieser Angelegenheit bei Mijatowic gethan haben, zugeschrieben.
1 Lokales.
Gießen, 20. Februar. Die heutige Sitzung des Provinzialtaaes der Provinz Oberhesfen ergab nach mehrstündigen Verhandlungen die Annahme der Anträge des Provinzialausschusses.
Die Rechnung der Provinzialkasse für 1884/85 sammt dem zugehörigen Rechenschaftsbericht gab zu keinerlei Bemerkung Anlaß; der Voranschlag der Provinzialkasse für 1886/87 wurde in der vorgeschlagenen Höhe von 257 194.40 JL in Einnahme und Ausgabe genehmigt. Bei dem Hauptposten der letzteren, der Erbauung und Unterhaltung von Kreisstraßen, wurde insgesammt den Anträgen entsprochen, welche wir in Nr. 3 der „Verwaltungsblätter" ausführlich mitgetheilt haben.
Neben Verwilligung des Restes der Baukosten einer Kreisftraße von Kloppenheim nach Ober-Erlenbach (Kreis Friedberg) wurden somit noch die nachstehenden Straßenbauten genehmigt und die dazu erforderlichen Zuschüsse in den Voranschlag eingestellt: Reibertenrod—Fischbach—Billingshausen (Kreis Alsfeld).
Usenborn—Hirzenhain (Kreis Büdingen),
Echzell resp. Gettenau—Ludwigshoffnung (Kreis Büdingen und Friedberg), und zwar mit der Modifikation, daß der' vom Fiskus für die spätere Unterhaltung dieser Straße zugesicherte Beitrag zu gleichen Theilen zwischen der Provinz und den unterhaltungspflichtigen Kreisen: getheilt werde;
Sandlofs—Fraurombach—Landesgrenze (Kreis Lauterbach),
Wernges-Maar (Kreis Lauterbach),
Beuern—Allertshausen (Kreis Gießen),
Brücke in Nieder-Gemünden (Kreis Alsfeld),
Dannenrod—Homberg (Kreis Alsfeld),
Sickendorf—Wallenrod (Kreis Lauterbach),
Untersorg—Brauerschwend resp. Hergersdorf (Kreis Alsfeld).
Dagegen wurden die Neubauten einer K^eisstraße von Salz nach Freiensteinan (Kreis Lauterbach) und einer Brücke zwischen Zeilbach und Klein-Felda (Kreis Alsfeld> ungeachtet neuerer Vorstellungen von Interessenten — wie beantragt — vorläufig, zurückgestellt.
Bei der Unterhaltung der Kreisstraßen hatte Freiherr Adalbert von Nordeck zur Rabenau die Ablehnung der vom Kreistag unlängst genehmigten Ueberdeckung des Fußbankettes der Straße Gießen-Wieseck mit Lahnkies und Sand beantragt, dafür aber keine Mehrheit gefunden.
Zum Festwalzen neuer oder besonders stark benützter Kreisstraßen in der Provinz sollen zunächst zwei Pferdewalzen angeschafft werden.


