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Nr» 246 Freitag ven SS Oktober 1886.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Die Vergütungen für die durch die letzten Truppenübungen im Kreise Gießen entstandenen Beschädigungen sind zur Auszahlung an die Interessenten angewiesen worden.

Gießen, den 20. October 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

e Dr. Boekmann.

Betreffend: Aufstellung der Kirchen-Voranschläge pro 1887/88. Lang-Göns, den 19. October 1886.

Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen

an die evangelischen Kirchenvorstände des Dekanats.

Diejenigen, welche den rubrizirten Voranschlag noch nicht aufgestellt und eingesendet haben, wollen dies alsbald thun.

Dr. Strack.

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Politische Ueberficht»

Gießen, 21. October.

Kaiser Wilhelm hat seinen Herbstaufenthalt in Baden-Baden beendigt und Mittwoch Nachmittags 5 Uhr den genannten Badeort mittelst Extrazuges verlassen. Die Ankunft des Kaisers in Berlin dürfte nach den ge­troffenen Reise-Dispositionen am Donnerstag Vormittag halb 9 Uhr erfolgt sein. Die Kaiserin ist am Donnerstag von Baden-Baden nach Coblenz übergesiedelt, um daselbst noch einige Wochen zu verbringen, ehe sie an die Seite ihres erlauchten Gemahls nach Berlin zurückkehrt.

Zur Feier des 55. Geburtstages des Kronprinzen Fried­rich Wilhelm hatte die Reichshauptstadt am Montag reichen Flaggenschmuck angelegt. Zahlreiche Gratulanten aus allen Bevölkerungskreisen sanden sich im Laufe des Vormittags im kronprinzlichen Palais ein, um durch Eintragung ihrer Namen in die daselbst aufliegenden Listen dem hohen Herrn ihre Ver­ehrung au'szudrücken. Die Geburtstagsfeier des Kronprinzen fiel diesmal mit dem 25jährigen Jubiläum der Frau Kronprinzessin als Chff des zweiten Leib- Husaren-Reglments zusammen. In Posen, dem Haupt-Garnisonsorte des ge­nannten C'lue-Regiments, wurde das Jubiläum des erlauchten Regiments-Chefs durch eine Parade des Regiments vor dem commandirenden General, v. Meer- schech>Hüllessem, Festdiner des Officier-Corps im Casino Saale und eine Festlich­keit der unteren Chargen im Lambert'schen Saale begangen.

In Stettin ist am Montag wiederum ein Subventions-Dampfer vom Stapel gelaufen, dieBayern", welche nebst ihrem Schwesterschiffs Preußen" für die Reichspostdampser-LinieBremen-Hongkong" bestimmt ist.

Die Einigkeit unter den verschiedenen Schattirungen des belgischen Liberalismus, die auf dem Parteitage in Namur kaum erst hergestellt worden ist, scheint schon wieder in die Brüche gegangen zu sein. Der wegen seines antiministeriellen Toastes abgesetzte Bürgermeister von Namur, Roneaux, war von den Radikalen als Candldat für die in Brüssel bevorstehende Wahl eines Deputirten an Stelle Van der Smissen's, der bekanntlich jüngst wegen Ermordung seiner Gattin vom Assisenhofe zu Mons zu 10 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden ist, aufgestellt worden. Die gemäßigt-liberale Partei lehnt nun diese Candidatur ab, darob Heller Zorn der radikalen Preffe gegen die liberalenDoctrinäre" und das Endergebniß dieses abermaligen Zwistes unter den belgischen Liberalen wird natürlich der Sieg desklerikal-unabhängigen" Candidaten bei der Brüsseler Ersatzwahl sein.

Der General-Adjutant des Kaisers von Rußland, Fürst Dolgorukow, hielt sich dieser Tage aus der Rückreise von dem Pyrenäen- Bad Vichy, wo er eine Kur gebraucht, nach Petersburg in Kopenhagen aus. Von der dänischen Presse war dem Aufenthalte des Fürsten eine besondere poli­tische Bedeutung beigelegt worden, welcher Annahme jetzt das Regierungsblatt Berlingske Tidende" mit der Versicherung entgegentritt, Fürst Dolgorukow habe lediglich deshalb Station in Kopenhagen gemacht, um den König von Dänemark zu begrüßen und dessen persönliche Grüße an die Kaiserin über­bringen zu können.

Aus Oesterreich kommt eine böse Kunde die Cholera hat ihren Einzug in Wien gehalten! Vorläufig handelt es sich allerdings nur um einen vereinzelten Fall, den des Bureau-Chess der österreichischen Staatsbahn- Gesellschaft, Dr. Schmidt; letzterer war in voriger Woche in Pesth gewesen, von wo er den Keim der furchtbaren Krankheit mit nach Wien rurückbrachte und ist er derselben noch in der Nacht vom Samstag zum Sonntag erlegen. Von den Wiener Behörden sind sofort die umfassendsten Vorkehrungen getroffen worden, um einer weiteren Ausbreitung der Seuche in Wien entgegenzutreten; immerhin beweist der Fall, daß der unheimliche asiatische Gast wiederum um eine Etappe weiter nach dem Westen Europas vorgerückt ist und man kann nur hoffen, daß er mit Wien das äußerste Ziel seines diesmaligen Zuges durch Europa erreicht hat. Jenseits der Leitha zeigt freilich die Cholera noch immer . keine Neigung, zu erlöschen; aus Pesth wurden vom Montag wieder 23 neue Erkrankungen und 20 Todesfälle und aus Szegedin 19 Erkrankungen und - 7 Todesfälle an Cholera gemeldet; Triest meldete vom gleichen Tage 9 Er- i krankungen und 1 Todesfall. i

In Frankreich steht eine partielle Mmisterkrisis vor der Thür, wenn, sie zur Stunde nicht schon einqetreten ist. Nicht nur der Finanzminister Sidi- Carnot will wegen seiner Differenzen mit der Budget'Commission Der Deputir- tenkammer demissioniren, sondern es ist auch der Minister des Innern, Sarrien, gesonnen, zurückzutreten. Letzterer ist zu diesem Entschlüsse durch eine persönliche Schlappe gekommen, die ibm in der Montagssitzung der französischen Deputirten- kammer bereitet wurde. Die Radikalen hotten eine Motion eingebracht, welche das Bedauern über die Anwendung von Gewalt bei der Arbeiterbewegung in Vierzon ausspricht; die Kammer lehnte nun zwar diese Motion ab, sie thct aber auch das Gleiche mit dem von dem Deputirten Proel eingebracheen An- rage, dem Minister ein Vertrauensvotum zu ertheilen. Obwohl sich Sarrien ausdrücklich gegen die einfache Tagesoronung erklärte, acceptirte die Kammer doch die letztere, in Folge dessen Sarrien mit der Erklärung, daß er seine Ent­lassung nehmen werde, den Saal verließ. Inzwischen meldet eine Pariser Depesche vom Montag Abend, daß sich Sarrien hat bereit finden lassen, seine Demission zunächst noch zu verschieben, da viele Deputirte erklärten, daß bei der erwähnten Abstimmung der Kammer ein Mißverständniß abgewaltet habe. Wa­den Finanzminister Sidi-Carnot anbelangt, so sollte am Dienstag ein Minister­rath über dessen Demissions Gesuch entscheiden, doch ist über das Ergebniß dieser Berathung noch nichts Näheres bekannt.

Rußland scheint in feiner Absperrungs-Politik in Zollsachen endlich Erleichterungen eintreten lassen zu wollen. Wenigstens stellt das Petersburger Finanz-Amtsblatt" gewisse Erleichterungen der Zollformalitäten hinsichtlich Der zur Getreideausfuhr aus russischen Häfen bestimmten leeren Säcke, die von Schiffen ans dem Auslande mitgebracht worden sind, in Aussicht. Allzuviel ist das nun freilich nicht sollten das im Uebrigen die Zollerleichterungen im Verkehr mit Rußland sein, die vom Staatssecretär v. Bötticher neulich in Thorn signalisirt worden sind?

Im Schooße der provisorischen bulgarischen Regierung macht sich plötz'.ich eine Strömung zu Gunsten Rußlands geltend. Die Minister Nat- schewitsch, welcher das Departement des Aeußern, und Stoilow, welcher das des Innern unter sich hat, bestehen, nachdem die Frage der Sobranje-Wahlen nun­mehr im Sinne Der bulgarischen Regierung erledigt ist, darauf, daß letztere die Bahn der Zugeständnisse gegenüber Rußland betrete, wovon sich eine gütliche Verständigung erhoffen lasse. Es beutet diese Schwenkung in Der Politik des gegenwärtigen Cabinets ,üon Sofia daraus hin, daß man daselbst Grund hat, die baldige Herstellung eines modus vivendi mit Rußland für wahrscheinlich zu erachten. In welcher Weise dieser modus vivendi sich treffen lassen wird, darüber lassen sich freilich kaum Vermuthungen aufstellen, so lange sich Rußland Bulgarien gegenüber aus den Stand der bloßen Verneinung stellt. Da man bulgarischerseits nunmehr auch die Lösung der Frage ernstlich betreibt, wer Der Nachfolger des Fürsten Alexander werden soll, wird Rußland doch wohl ober übel seine Karten bald aufdecken müssen. Es wird versichert, daß zwischen den Großmächten fortgesetzt ein eifriger Gedankenaustausch bezüglich der Candidaten- frage stattfindet, doch betrachtet man in den europäischen Cabineten über das Ergebniß desselben noch Stillschweigen.

Darmstadt, 20. October. (Bau und Unterhaltung von Kunststraßen betreffend) , hat das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz unterm 6 October d. Js. nachstehende Verfügung an die Großh. Kreisämter erlassen: Nach einer wiederholten Prüfung der Frage, ob unter der in Art. 11 des rubricirten Gesetzes statuirten Verpflichtung der Gemeinden, bezw. Gemarkungs- Inhaber, in deren Gemarkungen Kreisstraßen gebaut werden, zur unentgeltlichen Stellung des erforderlichen Geländes, frei von Hypotheken und anderen ding­lichen Lasten, lediglich die käufliche Erwerbung und Auüsteinung des zur Straße erforderlichen Geländes ober aber auch die formelle Übertragung des Eigen- thumsrechtes an dem Straßengelände auf den Kreis zu verstehen ist, sind wir, übereinstimmend mit Großh. Ministerium der Finanzen, zu der Ansicht gelangt, daß die Frage im Sinne der letzteren Alternative zu beantworten ist. Wir glauben, daß zu dieser Auffassung sowohl die grammatische und logische Interpretation des Art. 11 cit., wie die bezüglichen Ausführungen der Motive des Gefetz- entwurss, Die Analogie der Art. 5 und 20 des Gesetzes und das Verhältniß