Christmarkt auf dem Nömerbcrg, der sich jetzt zu einem großen Krammarkt umgewandelt hat und — besonders während der Abendstunden — dem Auge einen ungemein anziehenden und charakteristischen Anblick bietet.
In den langgestreckten Budenreihen bewegt sich langsam die Menge und staut sich vor den Verkaufsstellen der Händler, deren rethorische Fertigkeit rnteresstrt, oder die „Ru Schleuderpreisen" ihre Maaren an den Mann, die Frau oder das Kind zu bringen suchen. Da kann man alles haben, was -in Kinderherz begehrt Puppen in allen Variationen, Baukästen und Steckenpferde, Bilderbücher m reichster Auswahl, Säbeln und Gewehre, ganze Regimenter Geniesoldaten, Infanterie, Cavallerie und Artillerie marschiren vor uns auf. Wie sehnsüchtig schauen so viele Kinderaugen zu all' dem bunten Kram und Flitter auf. Für viele dieser Kleinen, die weit aus der Stadt hergelaufen sind, ihre Augen an dieser glitzernden Pracht zu laben, besteht ja das schöne Weihnachtsfest, das Fest der Kinder, nur dem Namen nach, denn ihre Eltern sind nicht in der Lage, auch nur den unbedeutendsten dieser tausendfältigen Gegenstände am heiligen Abend ihnen unter ein Bäumchen zu legen!
Hier bethätigt sich, wie in so vielen Fallen, der bekannte Wohlthatigkeilsstnn des wohlhabenden und reichen Theiles unserer Einwohnerschaft wiederum in glänzendster Weise Durch die Lokalpresse angeregt, bilden sich aus den ersten Kreisen unserer Bürgerschaft alljährlich Cornits's, es werden Sammlungen veranstaltet und in Schulen und öffentlichen Gebäuden finden Weihnachts - Bescheerungen für arme Kinder statt; eine schöne Sitte, die glücklicher Weise auch in anderen Städten Eingang gefunden hat. So kommt es, daß in unserer Stadt am heiligen Abend wohl nur noch wenige Kleinen von sich sagen müssen:
„Ein jedes Kind hat heute Ein Bäumchen und ein Licht, Und hat d'ran seine Freude, Nur blos ich armes nicht."
aum Schlüsse erübrigt es nur, mit wenigen Worten zweier kleiner, aber nichts destoweniger recht niedlicher Weihnachtsgaben zu gedenken, mit denen unsere Stadt bedacht worden ist. Es gibt Leute, die den Werth und den praktischen Nutzen dieser beiden Sächelchen absolut nicht einsehen wollen und diese Leute sollen sogar recht zahlreich sein. Da ist in erster Linie ein kleines Verbot, welches die sog. „Singspielhallen" betrifft, die sich neuerdings in unserer Stadt, allerdings m beschranktem Maße, eingeschmuggelt hatten. In diesen Tempeln der leichtgeschürzten Muse sangen fesche Wienerinnen ihre volksthümlichen Weisen, Komiker aus der Kaiserstadt an der blauen Donau" leisteten im Absingen verbrauchter Couplets oder tm mimischen Gesichtsverziehen das Menschenmöglichste. Wie das an solchen Orten nicht anders zu erwarten, bemühten sich die singenden und tanzenden Damen nicht gerade, ihre zweifelhaften körperlichen Reize zu verbergen. Diese Leutchen huldigen dem Grundsatz: „Ze kürzer, je lieber" und ganz besonders mit Bezug auf die Garderobe. Daß w ihren Gesangsoorträgen Stellen unterliefen, die vor dem Richterstuhle der strengen Moral nicht bestehen könnten, das erwartet wohl Niemand anders. Aber:
„Uns're hohe Polizei
Merkt' gleich, was dahinter sei" — und legte dem lustigen Treiben bald Zaum und Zügel an. Heute Abend brachten die hiesigen Blätter folgende gleichlautende Notiz: '
Die Inhaber von Singspielhallen haben eine polizeiliche Verfügung erhalten, wonach" sie um 10 Uhr Abends die Vorstellungen zu schließen haben; gleichzeitig wurde es untersagt, Männer in Frauen- und Frauen in Männer-Kleidern auflreten ju lassen.^ ^od) zehn feschen Sängerinnen des „Amüsement-
Theaters" in Bockenh eim. Die singen und jodeln, daß es eine wahre Herzensfreude ist und erscheinen ausschließlich in Frauenkleidern. Ihr Impresario, em kleines, bewegliches Herrchen mit weltmännischen Manieren, würde Emancipatlonsbestrebungen, wie sie die „Damen" jener von dec polizeilichen Verfügung betroffenen Frankfurter „Singspielhallen" sich gestatteten, bei seinen zehn hübschen Wienerinnen aber auch gar nicht aufkommen lassen, denn er weiß wohl, daß die besseren Kreise unserer Bevölkerung einer solchen verblüffend einfachen Lösung der „Frauenfrage" nicht zustimmen wurden. Das zweite Weihnachtsgeschenk, dessen wenn auch ungebetene, so doch nicht minder liebenswürdige Verleihung uns heute der „osfieielle Draht" aus der deutschen Metropole herüberblitzte, trägt einen ganz furchtbaren Namen. Es lautet: „Kleiner Belagerungszustand". Es ist bereits in Ihrem geschätzten Blatte nntgetheilt worben, daß mau sich in Berlin an maßgebender Stelle mit dem Gedanken trage, uns übermüthige Frankfurter ein klein wenig zu „belagern". Diesen entsetzlichen Gedanken hat man-heure im Bundesrath zur Ausführung gebracht und das Pflaster unfeier ehe
maligen freien Reichsstadt, welches seither den Vätern der Stadt so häufig Kopfzerbrechen verursachte, wird jetzt den Socialdemokraten gegenüber eine noch maiitiösere Eigenschaft annehmen: Es wird Ihnen unter den FüZen brennen und da hilft kein „Schwamm drüber". Gleichzeitig mit unserer Stadt und den Landkreisen Frankfurt a. M. und Hanau wurden der Kreis Höchst und die Obertaunuskreise mit diesem Weihnachtsgeschenke überrascht, das aber nicht erst mit dem heiligen Abend oder mit der Jahreswende, sondern gleich morgen, am 18. d. M., in Kraft tritt.
Otto Fr. Koch, Frankfurt.
Vermischte-.
△ Mainz, 19. December. Mit der Ueberbrückung des Mains bei Kostheim (Mainfpitze) wird es jetzt endlich ernst. Das Kreisbauamt Groß-Gerau schreibt soeben die Arbeiten aus und ist Eröffnungstermin für die Submissionen auf 31. Januar nächsten Jahres anberaumt. Einschließlich eines Wohnhauses für den Brückengelderheber ist der Bau der Brücke zu 894,426 Mark veranschlagt und zwar die Land- und Strompfeiler zu 235,466 Mark, der eiserne Oberbau zu 432,945 Mark, die Anlage der Zufuhrstraßen zu 43,669 Mark, die Verlegung des Landdammes zu 25,730 Mark, die Erbauung eines Schutzdammes zu 137,053 Mark und die Erbauung des Wohngebäudes für den Brückengelderheber 19,363 Mark. Mit dem Bau der Brücke wird wie wir hören, sofort das Frühjahr begonnen.
— Die hiesige Zweigkasse einer Berusskrankenkasse in Hamburg ist durch ihren Kassierer hier zu einem Schaden von.300 Mark gekommen, welche der Kassierer nach und nach vereinnahmte, aber der Hauptkasse nicht ablieferte, sondern für seine Zwecke verwandte. Der untreue Kassierer ist in Untersuchung genommen.
— Während die Mosel bereits aus ihren Ufern getreten ist und in Trier die unteren Stadttheile schon unter Wasser stehen, sind die Nachrichten vom Rhein günstiger. Zwar ist von gestern auf heute noch ein geringes Steigen hier conftatirt, doch wird vom Oberrhein wie vom Maine und vom Neckar Fallen gemeldet. Das Schneegestöber, welches wir seit heute Früh im heftigen Maße haben, läßt leider wieder einen Umschlag befürchten.___________________________________________________________
Gingesandt.
Gietzen, 20. December 1886.
Die im Samstags-Ameiger voriger Woche unter Mainz als nützlich empfohlene Ausgabe von Eisenbahn-Chekbüchern wird nicht allein an der mit Recht befürchteten Schwierigkeit der Controle, sondern auch an dem den einigermaßen frequenten Stationen durch diese Cheks entstehenden ungewöhnlichen Arbeitszuwachs scheitern. Sarnrnt- liche Cheks, welche zu gewissen Zeiten die Billetkassen Überfluthen würden, wären von diesen zu regiftriren, mit den Hauptkassen zu verrechnen rc. — eine Arbeitsmehrung, welche zugleich eine beträchtliche Vermehrung der Angestellten im Gefolge haben müßte. Zudem würden Chekbücher zum Preise von eX 300 bis JL 1200 voraussichtlich nur in begrenztem Maße Eingang finden und es gilt doch, etwas zu schaffen, was allgemein als eine Verkehrs-Erleichterung begrüßt werden kann.
Praktischer darum erscheint die Einführung von f- g. Rabatt-Billets, wie sie eben an maßgebender Stelle erwogen wird.
Man denkt sich die Sache wie folgt: Der Reifende setzt sich vor Beginn der Tour in den Besitz eines auf seinen Namen lautenden, mit einer fortlaufenden Nummer versehenen .Rabattscheins", der nebst einem zur Aufbewahrung von Billets dienenden Etuis an jedem Billetschalter für den Preis von etwa 1 JL käuflich und vom Inhaber mit seiner eigenhändigen Unterschrift zu versehen wäre. .
Auf Grund dieser Legitimationskarte welche jedesmal beim Lösen von Billcts einer beliebigen Strecke vorzuzeigen ist, versieht der Billetbeamte ein gewöhnliches auf betr. Strecke u. Wagenklasse lautendes Zugbillet auf der Rückseite mit dem Stempel „Rabattbillet", wodurch es im Besitz des Fahrgastes verbleibt.
Nach Beendigung der auf einen gewissen Zeitraum beschrankten Reise reicht dieser die abgefahrenen Rabattbillets, sofern sie das vorgeschriebene Minimum an Werth oder Strecke erreichen, nebst Verzeichniß und Rabattschein bei der Ausgabestelle des Letzteren ein, um nach wenig Tagen die Rückvergütung eines Rabatts von etwa 20—25% zu empfangen. Es soll davon abgesehen werden, daß die durchfahrenen Strecken aneinanderfchließen, wie es Vorschrift bei Rundreifebillets. Um mißbräuchlicher Uebertragung von Rabattbillets vorzubeugen und mit dieser Maßregel die Billet- Schalter nicht zu überbürden, müßte etwa der Fahrgast verpflichtet sein, dieselben nach der Lösung mit seinem Namen oder der Nummer seines Rabattscheines (durch Stempel ober Schrift) zu versehen, was der Controle des Schaffners unterliegen würde
Ieilgebotenes.
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Gießen, 16. December 1886
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
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Die Versteigerung findet bestimmt statt.
Gießen, den 18. December 1886
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