Nr. 165
Dienstag den 20 Juli
1886.
ießmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bwumt e#*ff<aje 7.
Erscheint ■* M «OrttOgS.
.............. im iiWTii'r'^iFiirHwrfwyi
BreÜ vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. «tt Vrtii-Mchs Durch >fc Pest be-ogen vierteljährlich 2 Rot? SO Pf.
Politische Ueberficht.
Gießen, 19. Juli.
Der Empfang des Kaisers in der alten Reichsstadt Augsburg am Sonntag Abend dürfte sich zu einem festlichen Ereignisse gestaltet haben, da von der Stadt hierzu umfassende Vorbereitungen getroffen worden waren. Der Besuch Kaiser Wilhelms in Augsburg ruft eine historische Reminiscenz wach. Vor 94 Jahren traf — fast genau um dieselbe Zeit, wie jetzt Kaiser Wilhelm, am 24. Juli — der letzte Kaiser des weiland römischen Reiches deutscher Nation, Franz II, aus der Rückreise von seiner Krönung in Frankfurt a. M. nach Wien in Augsburg ein, wo der Kaiser, begleitet von seiner Gemahlin, Maria Theresia von Sicilien, unv seinem Bruder, dem Erzherzoge Josef, Nachtlager nahm. Die Stadt veranstaltete dem Kaiser einen glänzenden Empfang und eine Menge Festlichkeiten sanden anläßlich der Anwesenheit der Majestäten statt. Beinahe ein Jahrhundert ist seitdem verflossen, ehe es nun der alten Reichsstadt vergönnt war, den ersten Kaiser des neuen deutschen Reiches in ihren Mauern zu begrüßen und man begreist, daß die Augsburger durch dieses Ereigniß in die freudigste Aufregung versetzt worden sind. Indessen mag erwähnt werden, daß Kaiser Wilhelm auf seinen Reisen schon einmal Augsburg berührt hat, nur daß der erlauchte Monarch damals noch nicht die Kaiserwürde bekleidete. Es war im Jahre 1867, als König Wilhelm auf der Heimfahrt von der Mainau, wo er längere Zeit im Kreise der Großherzoglich Badischen Herrschaften geweilt, nach Berlin aus dem Augsburger Bahnhose am 14. October einen zweistündigen Aufenthalt nahm- Der König, begleitet von der Königin und dem Kronprinzen, wurde hier von König Ludwig II. und den Prinzen Otto und Adalbert begrüßt; es war dies die erste Begegnung zwischen den königlichen Familien von Preußen und Bayern seit oen Ereignissen von 1866.
Eine dem mährischen Statthalter Grafen Schönborn vom Kaiser Franz Joses zu Theil gewordene Auszeichnung macht in den politischen Kreisen Oesterreichs Aussehen. Dem Statthalter ist nämlich das Großkreuz des Franz-Josefs-Ordens verliehen worden und muß diesem Acte kaiserlicher Huld eine besondere politische Bedeutung zugeschrieben werden, da es hieß, es bestünden Differenzen zwischen dem Statthalter und der Regierung. Graf Schönbonr ist ungeachtet seines ehrlichen deutschen Namens gleich seinem Bruder, dem Prager Erzbischof, ein entschiedener Anhänger der czechischen Partei, zu deren Gunsten er wiederholt seinen Einffuß geltend gemacht hat. Eine, gelinde gesagt, sehr eigentümliche Rolle spielte Graf Schönborn bei den letzten Reichsrathswahlen in Mähren, wo er sich unter Entfaltung des ganzen osficiellen Apparats in Ungarisch-Hradisch wählen ließ, später nahm er aber die Wahl nicht an, wahrscheinlich in Folge eines Winkes von oben. Aus mancherlei Vorkommnissen der jüngsten Zeit glaubte man nun auf eine Verstimmung zwischen dem Statthalter und den leitenden Wiener Regierungskreisen schließen zu dürfen, namentlich in Folge der etwas gespannten Beziehungen zwischen dem Ministerium Taaffe und den Czechen. Die dem Grasen Schönborn zu Theil gewordene Auszeichnung widerlegt nun in unverkennbarer Weise alle diese Schlußfolgerungen und Wiener Olficiösen haben vielleicht nicht ganz Unrecht, wenn sie diesen Vorgang zugleich als einen Beweis betrachten, wie wenig von einer politischen Schwenkung des Ministeriums Taaffe die Rede sein könne.
Zwischen dem heiligen Stuhl und China herrschen offenbar sehr freundliche Beziehungen, dies beweist der soeben zwischen beiden Theilen abgeschlossene Vertrag. Demselben zufolge wird der heilige Stuhl fortan in Peking durch einen Jnternuntius vertreten sein und soll Monsignore Agliardi für diesen Posten bereits ernannt sein; derselbe reist im nächsten Monat nach Peking ab. Die chinesische Regierung soll ausdrücklich gewünscht haben, daß die Abreise des Jnternuntius so bald wie möglich geschehe. In Paris wird man diese Intimität zwischen Peking und dem Vatikan gerade nicht mit sonderlich günstigen Augen betrachten, da die französische Regierung sich seither immer als ausschließlichen Vertreter der katholischen Interessen in Ostasien betrachtete.
Alle Gerüchte über bevorstehende Veränderungen im bulgarischen Ministerium werden von Wiener officiöser Seite aus dementirt. Hiernach soll jede Aenderung in der Zusammensetzung des Sofiaer Cabinets bis zum Zusammentritte der nächsten Sobranje unterbleiben. Auch würden alsdann keinerlei einschneidende Veränderungen im Ministerium vorgenommen werden, vor Allem sei Fürst Alexander entschlossen, Herrn Karawelow wegen seiner hervorragenden Verdienste in der letzten Krisis an der Spitze der Geschäfte zu belassen. — Der bulgarische Ministerpräsident gilt als der eigentliche Urheber des Staatsstreiches von Philippopel und somit der bulgarisch-rumeltschen Union, woraus erhellt, daß er in Petersburg nichts weniger als gut angeschrieben steht. Um so empfindlicher wird man an der Newa von der Vertrauens-Kundgebung, die der Bulgarensürst Herrn Karawelow soeben hat zu Theil werden lassen, berührt werden.
Kerttschkand.
Berlin, 17. Juli. Die vom Bundesrathe heute genehmigten Ausführungs-Bestimmungen zum Zuckersteuergesetz erstreckten sich auf die Steuervergütung, die auch für sogenannte Crystals und Granulsled Zucker gewährt wird, aus Steuerkredttirung, steuerfreie ZuckerMiederlagen und statistische Nachwei- ° fungen. Betreffs der Formulare für Nachweisungen über den Zuckerbestand in Fabriken, Niederlagen, Raffinerien und Tranfitlagern, sowie für Betriebs- I
Nachweisungen in Fabriken und Raffinerien ist hervorgehoben, daß die Angaben der Fabriken nur zur Kenntniß der Behörden gelangen. Veröffentlicht werden lediglich Zusammenstellungen
— Anläßlich des heutigen 400jährigen Innungs-Jubiläums der Weber fand Nachmittags ein großer Fesizug durch die Linden statt, woran Deputationen der verschiedenen Gewerke Berlins lheilnahmen. Vor dem Palais des Kronprinzen sand eine Ovation statt. Dem Kaiser war Vormittags in Mainau eine Ergebenheits-Adresse überreicht worden, woraus er durch ein Glückwunsch- Telegramm antwortete.
Mainau, 17. Juli. Se. Maj. der Kaiser und der Großherzog von Baden begaben sich heute Nachmittag 1 Uhr mittelst Dampsers nach Friedrichs- Hasen, um dem König von Württemberg einen Gegenbesuch zu machen. Die Rückkehr wird um 5 Uhr erfolgen.
Hesterreich.
Triest, 17. Juli. Vom 16. bis 17. Juli, Mittags, sind an Cholera 2 Erkrankungen und 4 Todesfälle früher Erkrankter vorgekommen.^
Fiume, 17. Juli. Vom 16. bis 17. Juli, Mittags, erkrankten refp. starben an Cholera 8/5, darunter 2 früher erkrankte, in San Giacomo oberhalb Portore 3/1 Personen.
Schweiz.
Bern, 17. Juli. Die internationale Conserenz zur Berathung des Eisenbahn-Frachtrechts beendete gestern nach erzielter Einigung ihre Arbeiten. Die Unterzeichnung des Conventions-Entwurfs Seitens der Mitglieder der Con- ferenz sand heute statt.
Irankrerch.
Pari-, 17. Juli. Heute Morgen 9 Uhr fand in Meudon das Duell zwischen Boulanger und Lareinty statt. Nachdem Lareinty einen Fehlschuß abgegeben hatte, feuerte Boulänger in die 'Lust. Um IOV2 W kehrte Boulanger in's Ministerium zurück, vor welchem sich eine große Menschenmenge angesam- melt hatte.
— Grövy hat in Folge der Erkrankung seines Schwiegersones Wllson seine Abreise nach Mont sous Vaudrey verschoben.
— Das von den Duellzeugen Boulanger's ausgenommene Protokoll besagt, die Pistole Boulanger's habe versagt.
Italien.
Rom, 17. Juli. Cholerabericht. In Codigoro erkrankten resp. starben an Cholera 7/1, in Venedig 2/2, Brindisi 9/6, Francavilla 22/17, Latiano 8/6, Oria 1/1, Ostuni 1/3, San Vito 3/2, San Donato I/O, San Pancrazio 3/1 Personen.
Serbien.
Nisch, 17. Juli. Die Meldung verschiedener Blätter, betr. die Ausweisung von Avgeordneten, wird von competenter Seite dahin richtig gestellt, daß die Ausgewiesenen gar nicht gewählt gewesen waren, sondern sich auf Grund gesälschter Mandate in die Skupschtina einschleichen wollten. Demzufolge pro- testirte auch die Opposition nicht gegen die Ausweisung. Die Nachricht von der Ermordung eines radikalen Abgeordneten ist unwahr.
Krrgland.
London, 17. Juli. Wie der „Standard" wissen will, seien Gladstone und die meisten Minister dafür, daß das Cabinet zurücktrete. Das Blatt ist der Ansicht, daß Salisbury, wenn er mit der Bildung eines neuen Cabinets betraut würde, Hartington und dessen Freunde einladen würde, ihn zu unterstützen, die dissentirenden Liberalen würden jedoch nicht in das neue Ministerium eintreten.
— Reuter's Telegraphen-Bureau läßt sich aus Kairo vom 17. d. M. melden: Ein dem Ministerrathe zur Berathung vorliegender Entwurf, bett, die Erbauung eines Hafens zu Damiette, ruft lebhafte Beunruhigung hervor, weil die Ausführung dieses Entwurfs eine Schmälerung des Handels von Alexandrien herbeiführen und die Einkünfte des Hafens und der Eisenbahn von Alexandrien beeinttächtigen würde, welche ausdrücklich zur Verwendung für die Schuldentilgung bestimmt sind.
Rußland.
Petersburg, 17. Juli. Ein heute veröffentlichtes Gesetz bestimmt von Neujahr ab folgenden Einfuhrzoll: 4 Goldrubel pro Pud auf typo-, litho- und photographisch angefertigte Noten, Karten und Zeichnungen; 790 Goldkopeken auf ebenso hergestellte Oeldruckbilder, Stahl-, Kupferstiche ?c., diverse feinere Papiersorten, buntes Papier^und^Bllderbogen^^E^Echjxz Gesetz hebt di- städtischen »nd niederen Gerichts- behörden der baltischen Gouvernements, wie Getränkesteuer , 2unst- und Kammerel- Gerichte auf und überträgt deren Obliegenheiten den Magistraten und anderen bei ei s bestehenden höheren B-Hördm^, Madifieatian der kaiserlichen Haus-
ordnung soll der Titel Großfürst, Großfürstin und Kaiserliche Hoheit fortan nur den Söhnen Töchtern, Brüdern und Schwestern des Kaisers, sowie dessen ^lkeln mänr^ licher Nachkommenschaft zustehen. Die übrigen Mitglieds des.ka^lichen Hauses den Titel Fürst, Fürstin oder Prinzessin kaiserlichen Geblüts fuhren und ihnen das Prädikat Hoheit oder Durchlaucht zustehen.


