Ausgabe 
20.6.1886 Zweites Blatt
 
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Die holländischen Liberalen sind vom Glücke mehr begünstigt als ihre politischen Gesinnungsgenossen im benachbarten Belgien. Bei den Wahlen für die holländische zweite Kammer sind alle sieben in Amsterdam auf­gestellt gewesenen Candidaten der liberalen Partei mit großer Majorität ge­wählt worden.

In Frankreich beherrscht die Prinzenfrage nach wie vor die Situation. Dieselbe ist dadurch verwickelter geworden, daß der Senat, wie man aus der Wahl der Commission zur Prinzenvorlage wenigstens entnehmen kann, der Ausweisungsmaßregel mißgünstig gesinnt zu sein scheint, so daß ein Scheitern der Vorlage nicht ausgeschlossen ist.

Aus Ann am sind wiederum Berichte über Christen-Massenmorde ein­gelaufen und haben die anamitischen Mörderbanden hierbei auch einige Dörfer in Brand gesteckt.

Die Hebridenfrage fcheint noch immer nicht ganz klargestellt zu sein. Auf den Hebriden ist von dem französischen TransportdampferDives" eine Abtheilung Truppen gelandet und außerdem ist daselbst die französische Flagge gehisst worden, was mit der Erkläruna Frepcinet's, Frankreich beab­sichtige keineswegs die Annexion der Neuen Hebriden, einigermaßen im Wider­spruch steht.

Jenseits des Canals ist die Wahlcampagne im vollen Gange und bildet deren Mittelpunkt vorerst das Gladstone'sche Wahlmanifest. In Irland scheint die Ruhe nach den neuerlichen Tumulten in Belfast und Sligo nicht weiter gestört worden zu sein; doch ist es nicht ausgeschlossen, daß im Fort­gänge der Wahlbewegung die Gegensätze zwischen Parnelliten und Orangisten abernrals auseinander prallen. Im fiebrigen stehen die Chancen für Mr. Gladstone in dem neuen Wahlfeldzuge nicht gerade ungünstig. In Edinburg fand am Mittwoch die Jahresversammlung der liberalen Vereinigung von Midlothian, bekanntlich dem alten Wahlbezirke Gladstone's, statt. Bei dem Meeting gelangte ein Schreiben Lord Roseberry's, des Ministers des Aus­wärtigen, zur Verlesung, in welchem die Zuversicht ausgesprochen wird, daß die Vereinigung der Wahl Gladstone's treu bleiben werde, was die Ver­sammlung durch Annahme einer sich für die irische Politik des Premiers aus- sprechenden Resolution beantwortete.

Von der Balkanhalbinsel liegt als einzig bemerkenswerthe Nach­richt diejenige von der Eröffnung der bulgarischen Nationalversammlung in Sofia durch den Fürsten Alexander vor.

Mainz, 14. Juni. Ein Soldat des 117. Regiments, Namens Nagel, wurde kürzlich von dem hiesigen Kriegsgericht zu einer Festungsstrafe von 7 Jahren und Ver­setzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes verurtheilt. Nagel hatte während des deutsch-französischen Krieges mit dem Regiment an allen Schlachten und Gefechten theilgenommen, bis er in Orleans erkrankte und in einem dortigen Feldlazareth unter­gebracht wurde. Eines Tages Nagel war bereits auf der Besserung verschwand derselbe aus dem Lazarett) und konnte nicht mehr aufgefunden werden, in Folge dessen er auf die Liste derVermißten" gesetzt wurde und sein Name nach Beendigung des Feldzugs auch auf der Gedenktafel in der Schloßkaserne unter den Vermißten ver­zeichnet wurde. Sechszehn Jahre sind seit dieser Zeit vergangen, als plötzlich im Früh­jahre dieses Jahres in einer rheinbayerischen Stadt, wir glauben in Kaiserslautern, Nagel verhaftet und alsDeserteur vor dem Feinde" der hiesigen Militärbehörde zu- geführt wurde. Monate lang saß der Flüchtling im hiesigen Militärgefängniß in Untersuchung und gestand er bei der kürzlichen Verhandlung des Kriegsgerichts ein, daß er aus dem Lazareth bei Orleans entflohen sei und sich Jahre lang bummelnd in aller Herren Länder Herumgetrieben habe, 'bis er sich im Königreich Bayern nieder­gelassen habe; dorten gab er ein Frauenzimmer, mit welchem er lebte und drei Kinder hatte, als seine Frau aus und wohnte Jahre lang unbehelligt daselbst und trieb sein Handwerk, bis ein Verwandter, mit welchem er in Feindschaft lebte, den Nagel als ehemaligen Deserteur dennncirte, worauf die Verhaftung erfolgte. Auf der Ehren­tafel in der Schloßkaserne ist der Name Nagel's wieder entfernt worden.

Jena, 15. Juni. In unserer Nachbarstadt Bürgel hat sich am Sonntag Nach­mittag ein bedauerliches Unglück zugetragen. Eben sollte ein Concert im Saale des Schützenhauses beginnen, als der schwere brennende Kronleuchter des Saales von der Decke herunterstürzte. Bei dem dadurch hervorgerufenen Brande entstand eine große Verwirrung. Leider ist der allgemein geachtete und beliebte Arzt Dr. Steinert, der

unter dem Kronleuchter stand, den dabei erhaltenen Verletzungen und Brandwunden Tags darauf erlegen.

sEin originelles Testament.) Vor einigen Wochen verstarb in Petersburg, wie die dortigePer. List" berichtet, ein wohlhabender Junggeselle, W. P. U., und vermachte seinem einzigen Neffen seine Häuser in Petersburg und Moskau, sowie seine in der Reichsbank deponirten Werthpapiere. Von den letzteren soll der Erbe jedoch im Laufe einer bestimmten Zeit nur die Zinsen beziehen, wie er auch nicht berechtigt ist, vor Ablauf einer bestimmten Zeit die Immobilien zu verkaufen. Ferner enthält das Testament folgende Bestimmungen: Der Erbe muß sich mit seinem Ehrenworte ver­pflichten, 1) nie mehr Tabak, seien es nun Cigarren oder Cigaretten oder Pfeifentabak, zu rauchen; 2) nie in seinem Leben Karten zu spielen und 3) im Verlaufe von sechs Monaten nach Bestätigung des Testaments zu heirathen, damit er nicht auch ein Hage­stolz werde. Zu Testamentsvollstreckern sind drei Freunde des Testators bestellt, welche das Recht Haden, falls der Erbe die erwähnten Bedingungen nicht erfüllt, ihm den ganzen Nachlaß zu nehmen und ihn zu gleichen Theilen unter ihre Kinder zu ver- theilen. Zur Erfüllung der beiden ersten Punkte hat sich der Erbe bereits verpflichtet; vermuthlich lhut er dasselbe auch mit dem dritten Punkt. Hat er während einer fest­gesetzten Zeit sein Wort gehalten, ist er verheirathet, raucht nicht und spielt nicht Karten, so liefern die drei Testamentsvollstrecker, die ihn dieserhalb stets im Auge zu behalten und zu controliren haben, ihm den ganzen Nachlaß zur unumschränkten Dis­position aus. Der arme Erbe raucht und spielt aber mit Leidenschaft und es wird ihm viel Ueberwindung kosten, sein Wort zu halten.

Literarisches.

In welches Bad reisen Sie? Diese Frage hört man jetzt bei der beginnenden Badesaison täglich stellen und sieht ebenso häufig den Gefragten zweifelnd mit den Achseln zucken. Ist doch die Mehrzahl der Städter, die der Arzt in den Sommermonaten in einen Kurort schickt, nicht so krank, daß irgend ein bestimmtes Bad von vornherein indicirt ist, sondern in den meisten Fällen wird das Familien­haupt vor die Wahl eines Kurorts gestellt, der den verschiedenen Familienmitgliedern zusagt. Wer die Wahl hat, hat die Qual, und es ist ohne einen zuverlässigen Mentor fast nicht mehr möglich, sich durch die verschiedenartigen Empfehlungen durchzufinden. Ein derartiger unparteiischer Rathgeber ist der im Verlage von Rudolf Mosse, Frankfurt a. M., Berlin, in dritter Ausgabe (1886) erschienene Bäder-Almanach. (Preis in eleganter Calico - Decke 3 JL, durch jede Buchhandlung oder den Verleger direct zu beziehen). Die dem Bäder-Almanach zu Grunde liegende eigenartige Idee, welche das Buch wesentlich von all den zahlreichen balneologischen Führern unter­scheidet, findet in dem TitelMittel der Bäder ?c." ihren Ausdruck. Der Almanach enthält nämlich eine sorgfältige, nach, wissenschaftlichen Grundsätzen geordnete Samm­lung von Original-Prospecten der einzelnen Kurorte. Es liegt auf der Hand, daß den Prospecten, die jedes Bad für sich selbst zur Aufnahme im Bäder-Almanach ein­sandte, in weit höherem Grade der Reiz der Unmittelbarkeit und Frische zu eigen ist, als dies bei einer Bearbeitung des so überreichen Materials je der Fall sein kann. Die Darstellungsweise ist eine ausführlichere, als man sie sonst zu finden gewohnt ist, die localen Eigenthümlichkeiten der einzelnen Bäder finden in den Prospecten besondere Berücksichtigung, und da ein jeder Kurort über sich selbst berichtet, ist die absolute Sicherheit für die Richtigkeit der Angaben geboten. Eine wesentliche Verbesserung der neuen Auflage gegen die früheren Ausgaben besteht darin, daß auch jene Kurorte, welche ihre Prospecte nicht einsandten, rcdactionell Berücksichtigung fanden, und wird man daher beim Gebrauch des Buches nirgends niehr eine Lücke entdecken. Wenn also aus diesem Grunde schon der Bäder-Almanach anderen balneologischen Rathgebern gegenüber die größte Beachtung verdient, so ist dies nicht minder der Fall durch die vorzügliche knappe und klare Darstellungsweise des wissenschaftlichen Theils, welche vom verstorbenen Sanitätsrath Dr. Georg Thilenius verfaßt, von seinem Bruder, Sanitäts­rath Dr. Otto Thilenius-Soden, revidirt wurde. In kurzen Zügen werden dem Arzte und Heilbedürftigen sowohl für die einzelnen Krankheitsformen die erforderliche Directiven zur Auswahl der Kurorte gegeben, als auch den einzelnen Bädergruppen specielle Besprechungen gewidmet. Das umfangreiche Material der Bäder- Almanach enthält ca. 600 Kurorte ist nach wissenschaftlichem Princip in 12 Gruppen eingetheilt. Ein ausführliches Sach- und Namensregister dient zur schnellen Orien- tirung. Wie der Titel sagt, ist das Buch außer für die Aerzte (welche dasselbe vom Verleger gratis erhalten) sür Jedermann bestimmt, welcher als Leidender oder Er­holungssuchender eine Badereise antreten will.

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Allgemeiner Anzeiger.

Bekanntmachung. Montag den 21. Juni, Vormittags 93A Uhr, werben an her Pumpstation auf der Westanlage, und im Oswaldsgarten mehrere Lindenstämme und eine Parthie Reiser versteigert. Der Anfang ist an der Pumpstation.

Gießen, den 16. Juni 1886. Großh. Bürgermeisterei Gießen.

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^Versteigerung.

Montag den 21. Juni l. I.,

Nachmittags 3 Uhr, werden im städtischen Pfandlokal (Selters­weg Nr- 11) nachstehende Gegenstände zwangsweise gegen Baarzahlung ver­steigert:

1 Tafelklavier, 2 Kommoden, 2 Klei­derschränke, 3 Sopha's, 1 Consol- schränkchen, 1 Kommode mit Aufsatz, 1 Standuhr, 1 Waschtisch, 9 Garten­stühle, 2 Lehnbänke, 3 Tische, 7 Bilder 2 Spiegel, 22 Stühle, 4 Lampen, 1 Mehlkasten, 1 Ladentheke mit Real, 2 Zeitunashalter, 2 Trichter, 23 Bieruntersätze, 4 Feuerzeugbehälter, 1 Alkoholometer, 1 Anneroid-Baro- meter, eine Anzahl Diehlen, Bretter, Kasten, Oefen, 6 kupferne Töpfe, 1 Dtzd. silberne Löffel, 1 Ttzd. Messer und Gabeln, 1 Glasschrank und eine Kommode.

Die Versteigerung ist sicher.

Gießen, im Juni 1886.

Horn,

4553 Pfandmeister zu Gießen.

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Bekanntmachung.

Dienstag den 22. Juni, Nachmittags nach beendeter Heu­grasversteigerung , werden an den Altentischwiesen, an der Grünberger Chaussee, die Grasnutzungen an den Schneisen und Blösen im Stadtwalde versteigert.

Gießen, den 16. Juni 1886.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

_________A. Bramm._____4530

Mittwoch den 23. d. MtS.,

Vormittags 10 Uhr anfangend, soll das der Gemeinde zustehende

Heugras

sowie 12 Loose neu angelegt mit Klee und Gras, an Ort und Stelle öffent­lich versteigert werden.

Inheiden, den 17. Juni 1886.

Großh. Bürgermeisterei Inheiden.

Reitz. 4549

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Job. Arnold Wwe.,

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