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Bormann.
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Nr. 140. Iweites Blatt Sonntag den 20. Juni 1K8«
ießener Anzeiger
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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* Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 56 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1886.
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34. Zahrgang. Leitung, in Berlin lIrntsihland vorzugz« rttn Kreisen der Be« mslente ic. verbreitet, l Auslage fürZnseratr, f. für die gespaltene teilt ist, von ganz be- Birtiamleit.
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Bekanntmachung.
Das Ober-Ersatz-Geschäst für 1886 wird im Kreise Gießen
Samstag den 3. Juli im Rathhause zu Lich, Vormütags 9 Uhr,
Montag den S. Juli in dem alten Rathhause zu Gießen, Vormittags 8 Uhr,
Dienstag den 6. Juli daselbst, Vormittags 8 Uhr,
MittwoH den 7. Juli im Gasthaus „Zum Rappen" zu Grüuberg, Vormittags 8 Uhr, stattfinden.
Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Infanterie-Brigade in sämmtlichen Aushebungsorten zu gestellen:
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c. die zur Ersatz-Reserve I. Klasse in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen;
<!. die von der Ersatz-Commission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen; e. die von den Truppentheilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassenen Soldaten;
k. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.
Den Großherzoglichen Bürgermeistereien werden besondere Ladungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche den Betreffenden unverzüglich zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 8 Tagen anzuzeigen. Die Militärpflichtigen find außerdem anzuweisen, ihre Loosungsscheine mit zur Stelle zu bringen.
Die zur Beurteilung von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.
Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich anzuzeigen und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weggezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.
Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober-Ersatzgeschäfte selbst anwesend zu sein und sich darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen rechtzeitig zur Stelle sind.
Gießen, am 10. Juni 1886. Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.
von Bechtold, Regierungsrath.
Wochen - Uebersicht.
Gießen. 19. Juni.
Kaiser Wilhelm wird am heutigen Samstag, den 19. Juni, seine heu- i rigen Badereisen antreten, die den kaiserlichen Herrn zunächst nach Ems zum i Gebrauch einer etwa dreiwöchentlichen Trink- und Bade-Kur führen, lieber die ferneren Reise-Dispositionen des Kaisers liegen noch keine Angaben vor, doch dürste nach dem Vorgänge früherer Jahre der hohe Herr sich nach Beendigung des Emser Aufenthaltes nicht erst noch einmal nach Berlin, bezw. Babelsberg zurückbegeben, sondern an dem traditionell gewordenen Reiseprogramm sesthalten, demzufolge auf den mehrtägigen Aufenthalt in Baden-Baden und auf der Mainau die gewohnte Nachkur in Gastein folgt. Vor seiner Abreise aus der Reichshauptstadt ertheilte der Kaiser in den letzten Tagen noch zahlreiche Audienzen und empfing u. A. am Donnerstag auch den von Friedrichsruhe nach Berlin einstweilen zurückgekehrten Reichskanzler Fürsten Bismarck, mit welchem der Monarch längere Zeit conferirte.
Die erschütternde Katastrophe, unter welcher der unglückliche König Ludwig II. aus dem Leben geschieden ist, beherrscht die Wochen-Ange- legenheiten vollständig und vereinigt noch immer die Theilnahme der weitesten Kreise auf sich. Die Nachricht von dem entsetzlichen Ende des tief beklagens- werthen Herrschers hat erklärlicher Weise namentlich an den deutschen wie nichtdeutschen Fürstenhöfen tiefen Eindruck gemacht und zahlreich sind die Beileidsbeweise, welche Dem Prinz-Regenten Luitpold anläßlich des Ablebens feines königlichen Neffen von regierenden Fürstlichkeiten zugegangen sind; mit am ersten traf die in den herzlichsten Worten abgesaßten Condolenz-Depesche Kaiser Wilhelms in München ein; der greife Monarch ist durch den tragischen Ausgang des edlen Bayernsürsten besonders schmerzlich berührt worden. Sämmt- liche europäische Höfe haben um den dahingeschiedenen Herrscher Trauer angelegt, derjeniae von Berlin eine solche auf 3 Wochen.
Unter der Fülle der über das ganze traurige Ereigniß aus München noch immer einlaufenden Nachrichten sei zunächst der offenbar amtliche Bericht erwähnt, den die „Münchener Allg. Ztg." über die Katastrophe im Schloßgorten von Berg bringt. Derselbe bestätigt im Allgemeinen nur die Annahme, daß König Ludwig zuerst in den See gegangen ist, woraus Dr. v. Gudden, welcher seinen erlauchten Pflegebefohlenen nur einen Augenblick allein gelassen hatte, demselben sofort nachfolgte und zu retten suchte. Hierbei erfolgte ein kurzer Kampf, welcher damit endete, daß der 62jährige und weit schwächere Arzt, vom König entweder gewürgt oder unter Wasser gehalten, schließlich untersank; alsdann setzte der König mit eiserner Consequenz seinen Todesweg in den See hinein fort. Dr. Müller hatte allerdings vom Schloß aus den Beiden auf ihrem Spaziergange einen zuverlässigen Wärter nachgesandt, der aber von (toben zurückgewiesen wurde und dies mußte der pflichttreue Arzt mit feinem Tode büßen. Uebrigens hat am Mittwoch Nachmittag auf dem Kirchhofe der Münchener Vorstadt Au das Leichenbegängniß des Dr. v. Gudden unter zA- reicher Betheiligung der Hofkreise wie der Bevölkerung stattgesunden. Die Section der Leiche oeß Königs hat die von den Aerzten kurz vor seinem Ableben über seinen geistigen Zustand gestellte Diagnose lediglich bestätigt und ganz , abnorme Entwickelungs-Vorgänge, sowie chronische Entzünoungen älteren und i «eueren Datums im Gehirn ergeben.
Was nun die politischen Ereignisse, welche sich an das Ableben König Ludwigs knüpfen, anbetrifft, so ist der Proclamirung des jüngeren Bruders des dahingeschiedenen Monarchen, des Prinzen Otto, als Königs Otto I. unter der Regentschaft des Prinzen Luitpold der Zusammentritt der bayerischen Kammern gefolgt. Sowohl in der Kammer der Reichsräthe, wie in der Abgeordnetenkammer wurde vorläufig eine Commission zur Vorberathung der Regie- rungs'Vorlage über die Einsetzung der Regentschaft gewählt, lieber die Frage, wie die Verhandlungen in beiden Kammern zu gestalten sind, um einerseits durch genügende Oeffentlichkeit allen Zweifeln und Entstellungen den Boden zu entziehen, anderseits aber das zwecklose Breittreten peinlicher Einzelheiten zu vermeiden, scheint noch kein Einverständniß erzielt worden zu fein. Sonst fehlt es nicht an allerhand aufregenden Gerüchten, die aber von competenter Seite sämmtlich als unwahr erklärt werden. So wird namentlich die Meldung von einer angeblichen Proclamation des Königs Ludwig, in der er gegen die Regentschaft seines Oheims protestiren soll, als erfunden bezeichnet, ebenso ist an der angeblich schweren Erkrankung des Prinzen Luitpold, von der ein Wiener Blatt zu berichten wußte, kein Wort wahr.
Ein für das preußische und deutsche Volk schmerzlicher Gedenktag mar in dieser Woche zu verzeichnen — der Todestag des Prinzen Friedrich Karl von Preußen. Am Dienstag, den 15. Juni, ist ein Jahr vergangen, seit der ritterliche Neffe Kaiser Wilhelms, Prinz Friedrich Karl, einer der hervorragendsten Heerführer und allezeit ein siegreicher Feldherr, im kräftigsten Mannesalter unerwartet durch den Tod abberufen wurde und wohl geziemt es sich, dem Andenken des verblichenen Helden anläßlich der Wiederkehr seines Todestages ein Wort der Erinnerung zu weihen. Die kaiserliche Familie beging den Tag durch eine stille Gedächtnißseier in der Kirche zu Nikolskoe, wo die irdischen Ueberreste des Prinzen ruhen.
Die Psingstpause wirkt auf dem Gebiete der innerpolitischen Angelegenheiten noch immer nach, denn es liegt hinsichtlich der zur Zeit auf diesem Gebiete schwebenden Fragen noch keine bemerkenswerthe Nachricht vor. lieber den Wiederbeginn der parlamentarischen Thätigkeit, wenigstens was den Reichstag anbelangt, ist auch noch nichts Sicheres zu erfahren. Zwar wurde der 30. Juni als Tag der Wiederaufnahme der Reichstags-Verhandlungen bezeichnet, aber eine osficiöse Bestätigung dieses Termins fehlt bis jetzt. Ob es nach Entgegennahme des Berichts der Branntweinsteuer-Commission im Reichstage noch zu weiteren Verhandlungen über die Branntweinsteuer-Frage kommen wird, muß vorläufig abgewartet werden. Was den preußischen Landtag anbelangt, so nehmen oie beiden Häuser desselben in den nächsten Tagen ihre durch das Pfingstfest unterbrochene Thätigkeit wieder auf; da es aber im Herrenhause, wie im Abgeordnetenhause nur noch wenig zu erledigen gtebt, so Dürfte der Schluß der Landtagssession gegen den 30. Juni wohl zu erwarten fein.
Die belgische Arbeiterbewegung beginnt wieder bedenkliche Kreise zu ziehen. In den Kohlengruben von Flenu, im Districte von Mons, striken 2500 Arbeiter und in dem benachbarten Quaregnon wurden die Arbeiter durch eine große Schaar Strikender genöthigt, die Arbeit niederzulegen. Der Gouverneur von Hennegau hat sich nach den durch Arbeitseinstellungen bedrohten Districten begeben und wurde Cavallerie nach Hornu und Quaregnon beordert.


