Ausgabe 
20.5.1886 Zweites Blatt
 
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Lokales.

Gießen, 19. Mai. Tagesordnung für die Stadtoerordneten-Sitzung am Donnerstag -en 2V. Mai 1886, Nachmittags 4 Uhr.

1. Gesuch um Errichtung eines Güterbahnhofs verbunden mit Haltestelle am Rodberg.

2. Gesuch um Eröffnung der Straße zwischen den Häusern Nr. 36 und 40 der Frankfurter Straße.

3. Neubau von Kliniken.

4. Ausbau der Ostanlage.

5. Versteigerung von Bauplätzen an der Grünberger Ehaussee.

6. Einfrieoigung der städtischen Anlagen.

7. Gesuch des Oeconomen Philipp Schwan I. um Bauerlaubniß.

8. Desgleichen des Jean Böck.

9. Gesuch des Christian Arnold um Erlaubniß zur Vornahme von Bau­veränderungen.

10. Gesuch des Gärtners Georg Noll um Erlaubniß zur Erbauung einer Waschküche.

11. Gesuch des Möbelhändlers Wilhelm Reiber um Erlaubniß zur Anlegung von Treppentritten nach der Wieseck.

12. Gesuch desselben um Erlaubniß zur Anlegung eines Wasserabflusses über die Böschung der Wieseck.

13. Gesuch des Vorstandes der katholischen Religionsgemeinde wegen Abführung von Abfallwasser.

14. Desgleichen des Fabrikanten Eduard Silbereisen.

15. Desgleichen des Conservators Georg Zinßer.

16. Gesuch des Metzgers Georg Schunk wegen Abhebung einer städtischen Böschung.

17. Herstellung eines gepflasterten Uebergangs auf der Grünberger Chaussee.

BermL-ÄtrS-

Mainz, 12. Mai. In der Wiß'schen Wirthschaft befindet sich seit gestern ein veritabler Neger aus Lagos an der Westküste von Afrika als Kegeljunge. Derselbe ist ein noch junger Mann und spricht und schreibt derselbe die deutsche Sprache verhält- nißmäßig gut; auch spricht derselbe englisch und portugiesisch.

Frankfurt a. M., 12. Mai. In einer Wirthschaft auf dem Hirschgraben kam es gestern Abend zu einer ernsten und doch heiteren Scene. Anläßlich einer un­bedeutenden Differenz fielen 8 Mann über einen ruhigen Blutes dastehenden Menschen, ehemaligen renommirten Preisturner, her. In dem entscheidenden Moment, wo dem Gekreisch die Thgt folgen sollte, rief ein kleiner, hinzuspringender Mann:Zurück, ich nehme den Menschen allein auf mich!" Damit faßte er seinen Gegner, einen riesigen langen Menschen, unter der Brust. Dieser jedoch drückte dem kleinen Gernegroß die beiden Arme an den Leib, hob ihn in die Höhe und hängte ihn mit seinem Rock­kragen an einen Huthaken auf. Nun traten die andern acht, welche eine Ahnung von der Stärke ihres Gegners bekommen hatten, respectooll zurück und störten den Wirth- schaftsbetrieb nicht mehr.

Marburg, 12. Mai. Gestern gegen Abend hörten am Dammelsberg vorüber­gehende Leute mehrere Hilferufe. Sie gingen denselben nach und fanden einen fünfzehn­jährigen Burschen, welcher sich an einem Baumaste aufgehängt hatte und kein Lebens­zeichen mehr von sich gab. Man schnitt denselben sofort herunter und stellte Wiederbelebungsversuche an, welche von Erfolg begleitet waren, so daß der jugendliche Selbstmörder seinem Lehrherrn wieder zugeführt werden konnte. Derselbe gibt als Grund seines bedauernswerthen Entschlusses die Handlungsweise seiner Mutter an, welche vor kurzer Zeit unter Zurücklassung zweier Jungen in hilfloser Lage aus Mar­burg verschwunden ist.

In Köln war kürzlich das Gesicht des Standbildes des Fürsten Bismarck total mit Kienruß geschwärzt. Die Polizei ordnete natürlich sofortige Reinigung an.

Von einem größeren Brandunglück ist das an der Rhön gelegene Städtchen Gersfeld am 8. d. Mts. heimgesucht worden. Das Feuer brach Abends 7 Uhr in einer Scheune aus und griff so rasch um sich, daß in wenigen Stunden 13 Gebäude, darunter die Synagoge und das Schulhaus, ein Raub der Flammen wurden. Unter den abgebrannten Gebäuden befindet sich ferner u. A. eine Cigarrenfabrik, die eine große Anzahl Arbeiter beschäftigte, welche voraussichtlich nun längere Zeit verdienstlos fein werden. Es ist festgestellt, daß das Feuer durch einen 10jährigen Knaben ver­ursacht worden ist, der mit Zündhölzchen gespielt hatte.

Warnung vor Hamburger Kaffee.j Von Hamburg aus werden die Binnen­städte Deutschlands mit Preislisten zum Bezug von Kaffee überschwemmt. Das Kgl. hygieinische Institut der Universität München hat letzthin 26 von 10 Hamburger Firmen bezogene Kaffeesorten einer eingehenden Prüfung unterzogen. Es hat sich dabei herausgestellt, daß auch nicht in einem einzigen Falle die in den Preislisten an­geführte, sondern stets eine minderwerthige Sorte geliefert worden war. Der Unter­schied im Werthe zwischen den Angaben der Preislisten und den Ergebnissen der Untersuchung bewegt sich bei Postpacketen im Gewichte von 9^2 Pfund zwischen 1 JL 23 4 und 4 JL 20. Dadurch ist doch unwiderleglich der Beweis erbracht, daß die Empfehlungen jener Firmen nicht auf reellem Boden sich bewegen und daß die äußerste Vorsicht beim Bezüge von auswärts angezeigt ist. Am vortheilhaftesten wird es für den Consumenten daher unter allen Umständen sein, den Bedarf einem ein­heimischen als reell bekannten Geschäfte zu entnehmen.

Eine Unglückswoche im buchstäblichen Sinne des Wortes war die abgelaufene. DerMaisturm" hat unsägliches Unglück angerichtet und eine große Zahl von Menschen­leben gefordert. Am schlimmsten ist die spanische Hauptstadt, Madrid, betroffen, wo der Orkan furchtbar gehaust hat; 80 Todte und 700 Verwundete sind bisher ver­zeichnet. Durch den Einsturz des Daches eines Waschhauses wurden 13 Personen getödtet und noch mehr verwundet, das einbrechende Dach eines Spitales verletzte 62 Personen. Wagen, Omnibusse, Eisenbahnwaggons wurden umgeworfen, zahllose- Bämne entwurzelt. Hunderte von Rauchfängen und Dächern wurden abgetragen, die Fenster ganzer Straßenreihen zertrümmert. Nicht minder schlimm sah es in Amerika aus. In Kansas City sind bisher 20 Leichen und 50 Verwundete aus Trümmern von Häusern hervorgezogen worden. In Parsoys und Lawrence büßten 7 Personen das Leben ein. Hierzu kommen starke Regengüsse mit Hagel, die der Feldfrucht colossalen Schaden zugefügt haben. Bei Xenia in Ohio fielen Den Überschwemmungen gegen 30 Menschenleben zum Opfer. In England hat ein furchtbarer Hagel- und Schneesturm großes Unheil angerichtet. Bäume und Häuser sind in großer Zahl zerstört, auch an Ueberschwemmungen ist leider kein Mangel. Auch eine deutsche Stadt, Krossen a. d. Oder, ist von einem furchtbaren Sturm heimgesucht, der nur kurze Zeit währte, aber sieben Menschenleben forderte. Die meisten Fenster der Stadt wurden zertrümmert, die Dächer abgedeckt, Trümmer, Bretter, Dachsteine deckten oft fußhoch die Straßen. Der Marienthurm, die Zierde der Stadt, wurde von seinem steinernen Sockel abgehoben, in der Luft wie ein Trichter umgestürzt und mit seiner ganzen Schwere auf das Haus eines Restaurateurs Habel geworfen, welches unter seinen Trümmern sammt den Insassen begraben wurde. Die schweren Balken des stürzenden Thurmes schlugen das zweistöckige Haus bis fast zum Parterre durch. Von einer Lagerbierbrauerei stürzte der große Schornstein herab und bedeckte die anliegenden Vorräthe, Maschinen und Gebäude mit seinen Trümmern. Aus der Oder saicken zwei Kähne, mit denen allein fünf Personen ihren Tod fanden. Auch von der Gasanstalt stürzte der Schornstein herab und richtete schweren Schaden an. Eine ganze Reihe von Häusern ist zum großen Theile demolirt worden. Ein Kind wurde vom Sturm emporgehoben und erschlagen, Promenaden total verwüstet, auf dem Markte die Gas­kandelaber ungeschlagen; dem Denkmal wurde die Spitze abgebrochen, ebenso fast alle Denkmäler auf dem Kirchhofe zerstört. In der Druckerei des Krossener Wochenblatts wurden sämmtliche Fenster zerschlagen, der fertige Satz der fälligen Nummer zerstört, die Maschinen mit Schutt überschüttet. Zu allem Unglück begann es am Abend heftig zu regnen, das Wasser drang in die unbedeckten Häuser und weichte die Decken auf. Daß der große Kirchthurm in der Luft umgestülpt wurde, ist daraus ersichtlich, daff die Spitze und der obere Theil am tiefsten in das Haus eingedrungen sind. Die Neste des Thurmes liegen jetzt auf dem Markte, zu oberst das Zifferblatt der alten großen Tburmubr.

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