Italien.
Nom, iS. Januar. Der „Moniteur de Rome" und der „Offervatore Romano" veröffenüichen die Antwort des Reichskanzlers Fürsten v. Bismarck an den Papst aus dessen Schreiben anläßlich der Verleihung des Christusorden«. Der Reichskanzler spricht darin seinen Dank sür die ihm verliehene Auszeichnung, sowie für das päpstliche Schreiben aus. Dasselbe habe ihm um so größere Freude bereitet, als es sich an eine Sicherstellung des Frieden- knüpfe, au welcher er habe beitragen können. Se. Heiligkeit sage, daß der Natur des römischen Pontifikats nichts besser entspreche, als diese friedliche Intervention, aus eben diesem Grunde habe er, der Reichskanzler, die Vermittelung des Papstes angerusen. Die Erwägung, daß die beiden Nationen mit Rücksschl auf die Kirche, welche im Papste ihr Oberhaupt verehre, sich nicht in analoger Lage befinden, habe sein Vertrauen in die Unparteilichkeit des Papstes mcht ab* schwär n können. Die Beziehungen Spaniens und Deutschlands seien derartige, daß der zwischen beiden Ländern bestebende Friede durch keine dauernde Meinungsverschiedenheit bedroht werde, eü stehe demnach zu hoffen, daß das Werk des Papstes von Bestand sein werde. Am Schlüsse heißt es, daß Fürst Bismarck seinerseits stets und mit Freuden jede mit den Pflichten gegen seinen Herrn und sein Land vereinbare Gelegenheit ergreifen werde, dem Papste seine Erkenntlichkeit zu bezeige«.
Reichstag.
E. R. Berlin, 18. Januar 1886.
Zur Verhandlung steht die zweite Lesung des Postetats.
Abg. Gamp (Neichspartei) bemühte sich, die unfreundlichen Worte abzuschwächen, die er gelegentlich der ersten Berathung über den Postetat gebraucht.
Staatssecretär v. Stephan nahm davon dankend Notiz und betonte den Standpunkt, dos; die Entwickelung der Postanstalten Schritt halten müsse mit der des Verkehrs und daß es auf fiskalische Interessen bei der Reichspostverwaltung nicht ankomme. Er erkläre sich nach wie vor für möglichst billige Tarifirung der Drucksachen; eine Herabminderung des Zeitungsoersendungs-Tarifs sei nicht thunlich.
Abg. Baumbach (dfr.) hält die Einführung einer Zwischenstufe für Kreuzband- und Drucksachensendungen zwischen 3 und 10 Pfg. für nothwendig; eine Erhöhung des Zeitnngsportos aber für unstatthaft. Hier handelt es sich nicht um ein einseitiges Parteiinteresse. Auch die conservatioen Blätter hätten das gleiche Interesse wie die liberalen an den möglichst geringen Postportosätzen.
Abg. v. Köller (ff.) polemisirte gegen diese Ausführungen in einer so lebhaften und den Widerspruch der Linken hervorrufenden Art, daß ihm vom Präsidenten ein Ordnungsruf zu Theil wurde.
Abg. Dr. Windthorst erhofft von einer besseren Finanzlage eine Erweiterung der Verkehrsanstalten und Aufbesserung der Gehälter der Postbeamten; er verlangt die baldigste Publicirung des Neichsbeamten-Pensionsgesetzes und hält es für nothwendig, die bekannten anderen Gesetze nickt mit diesem zusammenzukoppeln.
Abg. Dirichlet (dfr.) verlangt, im Gegensatz zum Abg. Gamp, die Eisenbahnverwaltungen zu ferneren steigenden Leistungen für die Postverwaltungen anzuhalten.
Abg. Meyer-Jena (nntlib.)' sprach sich hinsichtlich des Pensionsgesetzes wie Abg. Windthorst aus und empfahl eine Preisermäßigung von Drucksendungen bis zu 100 Gr. auf 5 Pfg. Die Postverwaltung müsse in erster Linie den Verkehrsinteressen dienen und nicht denen des fiskalischen.
Abg. Dr. Lingens (Etr.) befürwortet die von ihm eingebrachte Resolution. Der Reichstag wolle beschließen:
die verbündeten Regierungen zu ersuchen, zu veranlassen, fortzuschreiten mit wirksamen Anordnungen, damit den Post- und Telegraphenbeamten Sonntagsruhe und Sonntagsfeier ermöglicht bleibt.
Abg. Schrader (dfr.): Die Resolution ist diesmal genügsamer als früher, ändern wird die Annahme derselben aber wohl kaum etwas. Die Ausführungen des Abg. Gamp sind für_ mich der Ausdruck des Kampfes der Industriellen, die sich in ihren großen an die Staatseisenbahnen gestellten Ansprüchen getäuscht sehen, gegen die Postoerwaltung. Wir werden aber das Interesse der Industriellen auf Kosten der Allgemeinheit nicht fördern helfen. Der Verwaltung der Post zollen wir vollste Anerkennung. (Beifall.)
Abg. Gamp: Ich stiinme mit den Rednern aller Parteien in der Anerkennung unserer Postverwaltung überein (Heiterkeit); ick kann aber nicht finden, daß die Anregungen, die ich gegeben, durch die heutigen Reden als unberechtigt erwiesen sind.
Die Beschlußfassung über die Resolution erfolgt in der dritten Lesung des Etats.
Abg. Lingens bittet, daß bei den Besetzungen der höheren Poststellen wie der Auswahl der Oberbeamten je nach den einzelnen Provinzen unterschieden und Beamte ernannt würden, die mit Sitte und Eigenart der betreffenden Provinz vertraut sind.
Abg. Dr. Baumbach wünscht, daß, wie bei den preußischen Beamten, auch den oberen Postbeamten das Gehalt pränumerando vierteljährlich gezahlt werden solle.
Abg. Dr. Lingens führt aus, daß nach ihm gewordener Mittheilung ein Postbeamter nach zwanzigjähriger Dienstzeit noch nicht das Dnrchschnittsgehalt erreicht habe und wünscht eine Anciennitäts-Statistik.
Staatssecretär v. Stephan erwidert, auf Mittheilungen einzelner Beamten hier nicht einaehen zu können. Derartiges hat sich selten als zutreffend erwiesen. Das Material für die gewünschte Statistik wollen wir gern liefern.
Abg. Dr. Müller (dfr.) befürwortet die von ihm gestellte Resolution:
„Den verbündeten Regierungen zu empfehlen, den in der Reichs-Poft- und Telegraphenverwaltung diätarisck beschäftigten weiblichen Beamten nach mehrjährigem, tadellosem Dienste die feste Anstellung mit Pensionsberechtigung zu gewähren."
Geh. Ober-Postrath Fischer: Die angestellten weiblichen Beamten haben das ihren Leistungen entsprechende Gehalt. Bei ihrem Engagement ist ihnen gesagt worden, daß sie auf Pension nicht zu rechnen hätten; ihre materielle Stellung ist sogar eine bessere geworden. Die Beschäftigung der weiblichen Beamten muß so oft unterbrochen werden, daß die Verwaltung weitere Engagements nicht wird vornehmen können.
Abg. Kayser (Socdem.): Meine Partei ist überhaupt gegen die Ausdehnung der Frauenarbeit; wenn dies aber geschieht, müssen sic auch Pension erhalten, deshalb werden wir für die Resolution stimmen.
Bei einem Antrag auf Vertagung und der Abstimmung darüber ergiebt sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses, da nur 167 Mitglieder anwesend sind.
Die Sitzung muß daher abgebrochen werden.
Nächste Sitzung morgen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'O telegr. «orrespottderrz» vrrrearr.
Dresden, 18. Januar. Der Kammersänger Joseph Tichatscheck ist heute gestorben.
— Der frühere Generalstaatsanwalt und Reichstagsabgcordnete Dr. v. Schwarze ist gestorben.
Straßburg, 18. Januar. Der Statthalter eröffnete den Landesausschuß mit einer Rede, worin er hervorliebt, daß der Haushaltsetat ohne Inanspruchnahme von Eredit bilanzirt. Vom Reiche seien erheblich größere Ueberweisungen zu erwarten, welche namentlich zu landwirthschaftlichen und Verkehrsmeliorationen zu verwenden seien, außerdem zil vermehrter Schuldentilgung und zu erhöhten Staatszuschüssen an die Ge- meinden. Die Dcpositcnverwaltung soll nunmehr in unmittelbare Staatsverwaltung ä'lbcrgchen. Das Resultat der Enquete betreffs der Verbesserung des landwirthschaft-
lichen Personal-Crebit- wird dem Landes-Ausschuß vorgeleat werden, ebenso ein umgearbeiteter Gesetz-Entwurf, betreffend Eigenthums- und Hyp,thekenrecht, sowie die Einführung eines Grundbuchs und ein Kostengesetz behufs Entlastung des Rechtsverkehrs auf dem Gebiete des Jmmobilienrechts. Ter Alterspräsident Pick fordert die Versammlung auf, zu Ehren des verstorbenen General-Feldmarschalls v. Manteuffel sich von den Sitzen zu erheben. Tas frühere Präsidium wird wiedergewählt.
Triest, 18. Januar. Der Lloyddampfer „Diana" ist mit der ostindischen Post gestern sltachmittag aus Alexandrien hier eingetroffen.
Paris, 18. Januar. Courcy ist abberufen und der Oberbefehl in Anam an General Warnet übertragen worden.
— Die Regierung trifft Vorbereitungen, um die nach Tunis detachirten Jn- fanteriebataillone nach Frankreick zurückzuberufen.
— Freycinet erhielt heute Vormittag den Text des Madagaskar-Vertrags.
London, 18. Januar. Die „Times" veröffentlicht ein Schreiben des Herzogs von Bedford, in welchem derselbe erklärt, er würde aus der liberalen Partei aus- lreten, falls Gladstone seinen Einfluß dahin geltend machen sollte, die loyalen Unter- thanen in Irland der Herrschaft ihrer treulosen Gegner zu überliefern.
Stockholm, 18. Januar. Der Reichstag ist heute vom König mit einer Thronrede eröffnet worden, worin es unter Anderm heißt: Tie Beziehungen des Königs- reichs zu den auswärtigen Regierungen sind niemals günstiger gewesen. Was die Lage einer wichtigen Industrie und Gewerbe anbelangt, so sei dieselbe, wie in anderen Ländern auch, eine weniger befriedigende. Der Regierung seien zahlreiche Petitionen um Einführung von Schutzzöllen zugegangen, dieselben seien Gegenstand der verfassungsmäßigen Erwägung. An Vorlagen werden angekündigt Gesetzentwürfe über die Umbildung des Rechtswesens und des Bankwesens; für die Fortsetzung der nördlichen Stamm-Eisenbahn werden die erforderlichen Mittel nachgesucht.
Chriftiania, 18. Januar. Das Barkschiff „Anna Howitz" aus Rostock, von Savannah nach Bergen mit Baumwolle, litt an der Westseite der Insel Karmoe Schiffbruch.
Lokales.
Gießen, 19. Januar. Tagesordnung für die Stadtvcrordneten-Sihung am DONnerstckg den 21. Januar 188«, Nackmittags 4 Uhr.
I. Ueberfluthungen des Neustädter Feldes.
2. Aufstellung eines Brunnens in der Nordanlagc.
3. Die Erbauung eines Schlachthauses.
4. Die Erbauung eines Schulhauses für die Stadtmädchenschule.
5. Den Neubau eines Hauses der Herberge zur Heimath betr.
6. Unterhaltung der städtischen Anlagen.
7. Einfriedigung der städtischen Anlagen.
8. Die Uebetragung der städtischen Armenpraxis an das akademische Hospital.
9. Feststellung der Richtungslaternen.
V Gießen, 19. Januar. Wie uns von authentischer Seite versichert wird, war Herr Dr. Reiß am Sonntag Abend vollständig indisponirt und sang nur, um seinen Verpflichtungen dem Concertoerein gegenüber nachzukommen. Diese Umftänbe mildern allerdings unser gestriges Urtheil und werden auch beim Publikum eine gewisse Rücksicht in Anspruch nehmen. —a—
UniverfitätS - Chronik.
— Von den österreichischen Hochschulen. Die Wiener Universität zählt im gegenwärtigen Studienjahr 5157 Hörer. Die deutsche Universität in Prag hat 1517, die böhmische 1952, die deutsche technische Hochschule in Prag 253, die böhmische 391 Hörer. In Graz hat die Universität 1175, die tecknische Hochschule 184, in Lcm- b erg die Universität 1005, die technische Hochschule 178, die Universität in Innsbruck hat 797, in Krakau 1025, in Czernowitz 223 Hörer und die technische Hochschule in Brünn 142 Hörer. Sämmtliche Universitäten in Oesterreich haben im gegenwärtigen Semester 12,891, sämmtliche technische Hochschulen 1972 Hörer.
— Als Nachfolger des verstorbenen A. E. Biedermann ist Th. Häring, bisher Diakonus in Stuttgart, als Professor der Theologie nach Zürich berufen worden.
— In der philosophischen Fakultät der Universität Berlin hat sich Dr. phil. et med. Carl Heid er als Privatdocent habilitirt. Seine Antrittsrede behandelte das Thema: „Geschichte und gegenwärtiger Stand der Gastraeatheorie".
Straßburg, 18. Januar. Gestern starb an den Folgen eines Schlagflusses der bekannte Zoologe, Professor an der Universität, Oscar Schmidt.
Vermischtes.
Friedberg. In seiner letzten Versammlung faßte der hiesige Turnverein einstimmig den Beschluß, aus dem Gau Hessen, dem er seit 1877 wieder angehörte, auszutreten und beauftragte den Vorstand, Erkundigung über die Verhältnisse in dem ihm geographisch weit günstiger gelegenen Maingau, bezw. Main-Taunusgau, einzuziehen.
— sTurnerischesF Der neugewählte technische Ausschuß für den Mittelrheinkreis tagte am vorletzten Sonntag in Offenbach. Der Ausschuß faßte u. A. den Beschluß, daß am -weiten Sonntag des April in Frankfurt und zwar in der Turnhalle am Sandweg die erste Kreisvorturnerstunde, an welcher alle Gauturnwarte theilnehmen, abgehalten werden soll; es werden Ordnungsübungen, Stabübungen, Freiübungen vorgeführt, auch erfolgt behufs Instruction der Theilnehmer das Vorfübren von Musterriegen. Nach Beendigung der turnerischen Uebungen findet eine Sitzung statt, in welcher in erster Linie die Frage besprochen wird: Auf welche Art und Weise ist bei den Festen der Gaue und des Kreises eine stärkere Betheiligung bei den Freiübungen zu erzielen? In den Ausschuß, dessen Aufgabe die Fecht-Angelegenheiten des Kreises sind, haben noch je einen sachkundigen Turner zu wählen die Vereine Frankfurt (Turn- und Fechtklub), Mainz (Turnverein), Wiesbaden (Turnverein), Hanau (Turn- und Fechtclub), Offenbach (Turnverein) und Darmstadt (Turn-Gemeinde).
— sVermächtnisse.j Die kürzlich verstorbene Prinzessin Karl von Hessen hat in ihrem Testament dem Diakonissenhaus „Elisabethensttft" in Darmstadt ein Vermächtniß von 60,000 «*L bestimmt unter der Bedingung, „daß dasselbe immer eine mit der evangelisch-lutherischen Kirche verbundene Anstalt bleibe." Die Erben der Prinzessin sind gehalten, den bemerkten Kapitalbetrag dem Diakonissenhause zu eigener Verwaltung zahlen zu lassen. Der Vorstand des Diakonissenhauses hat beschloffen, u. A. aus dem Legat drei Freibetten für mittellose Kranke zu begründen.
Der am 12. Juli v. I. zu Breslau verstorbene Rechtsritter des Johanniter- Ordens, Wirklicher Geheimer Rath und Kammcrherr Graf Friedrich von Berghauß, hat dem der schlesischen Genossenschaft dieses Ordens gehörigen Krankenhausc zu Saarau die Summe von 10,000 JL letztwillig vermacht.
Herr Commerzienrath Hetzel hat der Stadt Neustadt a. H. die Summe von 500,000 vM zur Erbauung und Unterhaltung eines Spitals überwiesen.
Darmstadt, 15. Januar. Von dem um 8 Uhr 20 Min. von hier abgehenden und um 8 Uhr 43 Min. in Bickenback ankommenden Zuge ließ sich bei letztgenannter Station gestern Abend ein Mann überfahren und wurde der Körper vollständig zermalmt. Ueber die Persönlichkeit des Selbstmörders schwcnckeu die Angaben. Nach der einen Version wäre derselbe ein fremder Handwerksburschc, nach der anderen ein Bickenbacher.
Darmstadt, 18. Januuar. sDas Verbrechen an den Eheleuten Fach.j Die Polizeibehörde entwickelt eine außerordentliche Thätigkeit, um der Thäter habhaft zu werden. Für den 80jährigen F. ist wenig Hoffnung vorhanden, daß er am Leben bleibe; durch Keilhiebe ist ihm der Schädel schwer verletzt. Auch die alte Frau F. ist schwer verletzt: außer Beilschlägen auf den Kopf erhielt sie einen solchen auf die Hand, btt" ihr mehrere Finger abschlug.
Wie uns mitgetheilt wird, sind nach geschehener Feststellung die bei der That gebrauchten Instrumente (Axt und Ladeeifen, nebst anderen Gegenständen, Beißzange, Steigeisenriemen) aus einem Steinbruch in der Nähe der drei Brunnen in der nämlichen Nacht gestohlen worden.
— Auf dem Gute Fahrendolz bei Marlow in Mecklenburg brannte das Viehhaus ab, wobei 77 Kühe und 160 Schafen in den Flammen umkamen.


