Ne. 16. Mittwoch de« 20. J«miir 1886
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheit.
Bekanntmachung.
Hessische Landes-Gewerbe-Ausstellung in Mainz £887.
Die bis jetzt eingegangenen Anmeldungen zur Ausstellung genügen nicht, um danach die Ausstellungspläne festzustetlen. — Der Vorstand des Local- gewerbvereins in Mainz hat sich deßhalb veranlaßt gesehen, die Frist zur vorläufigen Anmeldung bis Ende des laufenden Monats Januar zu erstrecken. — ES liegt im Interesse der Ausstellenden, daß sie ihre Ansprüche bezüglich Platz u. s. w., wenigstens annähernd, baldigst zur Kenntniß des Vorstandes des Localgewerbvereins in Mainz bringen. Die verehrlichen Gewerbetreibenden des GroßherzogthumS, welche gesonnen sind, die Ausstellung zu beschicken, werden deßhalb um möglichst baldige Anmeldung dringend ersucht.
Darmstadt, den 13. Januar 1886. Großh. Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbverein.
Politische Uebersicdt
Gießen, 19. Januar.
Im königlichen Schlösse zu Berlin hat am Sonntag das Krisi tiungd« und Orden-fest in der herkömmlichen Weise staltgefunden.
Der Bundesrath hielt am Donnerstag eine längere Plenarsitzung ab. Von den erwähnenswertheren Vorlagen wurden diejenigen über den Handels- und Schifffahrts-Vertrag mit der Republik San Domingo (Hayti) und über den Entwurf, betr. die Bürgschaft des Reicher für die Zinsen u. s. w. einer egyptischen Anleihe, genehmigt, der Branntwein-Monopol-Entwurf verschiedenen Ausschüssen überwiesen.
Der Reichstag hat wieder einmal einen dreitägigen „Schwerinstag" hinter sich, wie man bekanntlich jene Sitzungen des Reichstages und des preußischen Landtages benennt, in denen nur Jnitiativ-Anträge, Interpellationen u. derzl. zur Verhandlung kommen. Am ersten Tage dieses langen „Schwerinstages", am Donnerstag, beschäftigte sich das Haus lediglich mit den von der freisinnigen Partei gestellten Anträgen aus Abänderung verschiedener Bestimmungen des goß* tarifs und auf Zulaffung des Rechtsweges in Zollstreitigkeiten und führte die Debatte zur Verweisung beider Anträge an eine Commission. Am Freitag und Samstag stand die polnische Ausweisungs-Frage zur Discussion, die den Reichstag schon vor Weihnachten einmal beschäftigte. (Die Leser fanden die aus- sührlichen Referate über die Sitzungen am Freitag und Samstag an anderer Stelle dieses Blattes und können wir hier von einer Wiedergabe derselben absehen.)
Die Erösfnung des neuen preußischen Landtages durch den .Reifer und König in Person und die Gegenwart des Reichskanzlers Fürsten Bismarck in seiner Eigenschaft al« preußischer Ministerpräsident find zwei Umstände, welche diesem Acte eine besondere Bedeutung verleihen. Seit einem Decennium sind der greise Herrscher und der leitende Staatsmann Preußens und des Reiches bei Eröffnung der Sitzungen des preußischen Landtages nicht zugegen gewesen und daß dies am Donnerstag zum ersten Male seit Jahren wiederum geschehen ist, läßt darauf schließen, daß jener jetzt wieder eine erhöhtere Bedeutung erhalten wird, als dies vielleicht in den letzten Jahren der Fall gewesen ist. In der gegenwärtigen Session dürste diese Bedeutung indeffen noch nicht so rasch hervortreten, da den Landtag keine besonder» hervorragenden Vorlagen beschäftigen werden. Von Jntereffe ist aber, daß die Thronrede auch Gesetzentwürfe ankündigt, welche geeignet erscheinen sollen, dem Vordringen der polnischen Elements in den östlichen Provinzen auf Kosten der deutschen Bevöl- ckerung Einhalt zu thun und darf man aus die bezüglichen Regierungs-Vorschläge gespannt sein.
Dem Herrenhaus-Präsidenten, Herzog v. Ratibor, ist vom Fürsten Bismarck ein Schreiben zugegangen, welches sich auf die Verwendung der „Bismarckgabe" bezieht. Der Reichskanzler hat derselben den Namen .„Schönhauser Stiftung" gegeben und sind deren Einkünfte zur Unterstützung für Vefliffene des höheren Lehramts bestimmt. Dem Herzog v. Ratibor, al« erstem Präsidenten des Herrenhauses, ist die Aufsicht über die Stiftung übertragen. Maßgebend für die erwähnte Bestimmung der Bismarckspende ist für den Kanzler, wie er in seinem Schreiben hervorhebt, der Umstand gewesen, daß die Mittel im ganzen Reiche aufgebracht worden seien. Aus diesem Grunde habe sich eine Verwendung der Gabe zu Gunsten der Arbeiter verboten, denn die- lelbe hätte nur einzelnen Landestheilen zu Gute kommen können. Dagegen bedürfe das höhere Lehramt noch einer besonderen Unterstützung, es bilde die Pflegstätte des nationalen Gedankens und stelle in seiner idealen Gesinnung ein sittliches Gegengewicht zum Materialismus unserer Zeit dar.
Der österreichische Reichsrath wird übereinstimmenden Meldungen aus Wien zufolge am 26. d. Mts. seine Thätigkeit wieder eröffnen, so daß also spätestens im Laufe dieser Woche der Schluß der noch versammelten Landtage der Kronländer erfolgen muß. Von der zu Ende gehenden österreichischen Landtagssession läßt sich im Allgemeinen wenig sagen, denn die Landtage waren meist mit internen Fragen der Wirthschasts- und Verwaltungs-Politik der einzelnen Kronländer beschäftigt. Rur in der Prager Landstube führte der Gegensatz zwischen Deutschen und Czechen speciell in der Svrachenfrage wieder zu erbitterten Wortkämpfen, wie dies hinsichtlich des deutschen Antrages auf nationale Eintheilunq der Gerichts- und Verwaltungs-Bezirke Böhmens der Fall war. Eine seltsame Episode spielte sich ferner in voriger Woche anläßlich der Be- ralhung über Errichtung deutscher Bürgerschulen in der Prager Vorstadt Weinberge und in Pilsen, sowie einer czechischen Bürgerschule in Budweis im Landtage
ab. Die deutsche Bürgerschule für Weinberge wurde trotz des hier vorliegenden nothwendigen Bedürfniffes abgelehnt, und zwar stimmten neben den Czechen auch die deutschen Großgrundbesitzer dagegen. Der Vorgang rief auf deutsch- liberaler Seite große Erregung hervor; dennoch stimmten später die deutschen Abgeordneten mit ihren czechischen Collegen für die Errichtung der czechischen Schule in Budweis — jedenfalls beschämend für die Czechen.
Die Präsidenten-Botschast an die Kammern ist bei der Mehrzahl der französischen republikanischen Blätter günstig ausgenommen worden. Rur die monarchistischen Preßorgane bezeichnen die Kundgebung des Herrn Grövy als nichtssagend und sie haben in gewiffem Sinne Recht, denn Grsoy hat eß in der Botschaft ängstlich vermieden, auf specielle Fragen einzugehen und erklärt nur so im Allgemeinen, daß das republikanische Regime zur Zeit das einzig mögliche in Frankreich sei. Wenn trotzdem die Botschaft auch im Lande einen durchaus günstigen Eindruck gemacht hat, so erklärt sich dies aus der einfachen, klaren Sprache derselben, die Jeden von den echt republikanischen Gesinnungen des greisen Staatsoberhauptes Frankreichs und feinem festen Vertrauen in die republikanische Regierungsform des Landes überzeugen muß. Die ministerielle Erklärung ist am Donnerstag noch nicht verlesen worden, dieselbe ist von den Kammern vielmehr erst am Samstag entgegengenommen worden.
In Spanien dauern die Verhaftungen verdächtiger Persönlichkeiten fort und »erben solche besonders aus Saragoffa gemeldet. — Die Königin-Regentin hat das Dekret über die Personal-Veränderungen im spanischen diplomatischen Corps unterzeichnet; unter den neu ernannten Gesandten befindet sich auch Msi- quis Valera, welcher Spanien künftig am Berliner Hofe vertreten wird.
Kurz n»ch dem formellen gufammentritte des neuen englischen Parlaments ist einer der höchsten englischen Beamtenposten vacant geworden, derjenige des Vicekönigs von Irland. Der bisherige Inhaber dieses Postens, Lord Carnarvon, hat seine Demission gegeben und wird die Geschäfte nur noch bis Ende dieses Monats führen. Es heißt, Lord Carnarvon habe einem von London aus gegen ihn ausgeübten Drucke weichen müffen, da fein Auftreten in Irland einem Theile der Cabinets-Mitglieder nicht energisch gtnug sei. — Die noch immer mysteriöse Samoa-Angelegenheit soll, wie die Londoner Blätter melden, nicht im Geringsten die freundschaftlichen Beziehungen zwischen England und Deutschland beeinflussen.
Der Papst hat am Freitag ein geheimes Consistorium abgehalten und glaubt man, daß auf demselben auch die Ernennung des neuen Erzbischofs von Posen erfolgt sei.
Zur Orientkrisis lag bis Ende voriger Woche nichts wesentlich Neues vor. Doch berichtet die „Neue Fr. Presse", daß jetzt in Serbien die friedliche Stimmung überwiege und daß auch Mijatovics, der serbische Delegirte zu den Friedens-Unterhandlungen für den Frieden sei. In unterrichteten Belgrader Kreisen glaubt man, daß die Wiederherstellung des friedlichen Zustandes zwischen Serbien und Bulgarien nicht schwer halten dürfte.
Deutschland.
Berlin, 17. Januar. Die Feier des Krönungs- und Ordenssestes fand heute in herkömmlicher Weise statt. Nachdem vor dem Kronprinzen und den übrigen Prinzen die neuen Ordensritter ausgerusen waren, wurden dieselben dem Kaiser und der Kaiserin vorgestellt. Hierauf fand Gottesdienst in der Schloßkapelle statt, bei welchem Hofprediger Kögel predigte. Nach dem Gottesdienste fand Festtafel im Weißen Saale statt, wobei der Kaiser den Trinkspruch auf die alten und neuen Ritter ausbrachte.
Krankreich.
Paris, 18. Januar. Die in einem Briefe an das „Journal des D6- batö" wiederholte Behauptung des „Times"-Correspondenten Herrn v. Blowitz, Deutschland habe Frankreich aufgesordert, die Carlisten an der fpanischen Grenze schärfer zu überwachen, findet wenig Glauben. Der „National" sagt, Spanien habe nicht einmal direct bei Frankreich Vorstellungen wegen der Carlisten gemacht.
— Die „Havas"-Meldung ist vollkommen unrichtig, daß eine auswärtige Regierung der französischen Regierung gegenüber Bemerkungen ober Vorschläge bezüglich der Ueberwachung der spanischen Grenze gemacht habe. Die Regierung der Republik sei sich ihrer Pflichten gegen Spanien als Nachbarstaat wohl bewußt und habe sie pünktlich erfüllt.


