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Alr. 269 Donnerstag den 18. November 1886.

Weßener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bwreant Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-. "^siührlich 2 Marl 20 Pf. Srtnjecfata.

_________________ u Durch bte Poft bezogen vrertcliührlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberficht.

Gießen, 17. November.

Der Militär-Etat enthält wie dies schon osficiöserseits geschrie­ben wurde durchaus keinerlei Überraschungen, wenngleich in ihm ansehnliche Mehrsorderungen gegen den vorigen Etat figurircn. Dieselben finden sich namentlich bei den einmaligen Ausgaben vor, wo ein großer Posten für die Vervollständigung des Waffenmatertals und der Munitionsvorräthe eingestellt ist. Dagegen wird die Frage der Präsenzstärke oder der angekündtgten Umbildungen in unserem Heereswesen im neuen Etat nicht berührt, so daß diese Angelegenheit Sache einer besonderen Vorlage sein wird; in derselben werden die neuen Vor­schläge für die Friedensstärke, resp. für die Truppen-Formationen nach Ablauf des Septennats enthalten sein. Diese Vorlage steht aber erst für die zweite Hälfte der Reichstags-Session in Aussicht und erst zu diesem Zeitpunkte werden sich im Reichstage die eigentlich kritischen Entscheidungen vollziehen; immerhin wird auch schon der vorliegende Militär Etat mit seinen bedeutenden Mehr­forderungen Anlaß zu heftigen Debatten geben. Ueberhaupt verspricht die bevor­stehende Reichstags-Session, nach mancherlei Anzeichen zu urtheilen, sich wiederum zu einer recht bewegten zu gestalten.

Ueber den Gesetzentwurf, betr. die Ausdehnung des Unfallver­sicherungs-Gesetzes auf die Erdarbeiter, wird jetzt Näheres veröffent­licht. Derselbe unterwirft alle bei Bauten von Eisenbahnen, Straßen, Kanälen rc, beschäftigten Personen, soweit dieselben nicht Maurer-, Zimmer- und ähnliche Arbeiten ausführen, ferner die bei Regiebauten und schließlich die von Privat­personen in ähnlicher Weile beschäftigten Arbeiter der UnsalloersicherungSpflicht. Im Wesentlichen lehnt sich der neue Entwurf an die schon bestehende Unfall­versicherungs-Gesetzgebung an und entsprechen demnach die Bestimmungen des Entwurfes über die Voraussetzungen und die Höhe der Entschädigungen, die Feststellung der letzteren, die hiergegen zulässigen Rechtsmittel, die Auszahlung durch die Post, das Unfallmeldewesen u. s. w. den bereits in Geltung befind­lichen Bestimmungen. Dagegen werden als neu die Baugewerbetreibenden, deren Betriebe sich auf die der Unfallversicherung bisher nicht unterliegenden Arten von Bauausführungen erstrecken, wie Erd- und Wafferbauarbeiten, in gleicher Weife wie die übrigen Baugewerbe zu einer Berufsgenoffenschast ver­einigt. Bezüglich der Regiebauten von Privatpersonen schlägt der Entwurf vor, mit jeder Berufsgenoffenschast für Baugewerbetreibende eine Versicherungsanstalt zu verbinden und jeden Bauherrn, welcher einen Bau für eigene Rechnung aus- führt, zu verpflichten, die dabei beschäftigten Personen bei der Versicherungs­anstalt derjenigen Berufsgenoffenschast, welche für die Baugewerkbetriebe der betr. Kategorie von Bauten errichtet ist, gegen Prämien nach dem Verhältniß der an die Versicherten gezahlten Löhne durch Vermittelung der Gemeindebehörde zu versichern. Nur geringfügige Reparaturen sollen unbeschadet Der Versicherung der dabei beschäftigten Personen von der Anmeldung und Prämienzahlung aus­geschlossen sein. Der Entwurf enthält dann weiters Bestimmungen über die Prämienberechnung u s. w. und sieht schließlich die Errichtung von Versicherungs­anstalten auch für die auf Grund des Unfallversicherungs-Gesetzes bereits errich­teten Berufsgenoffenfchaften für Baugewerbetreibende aller Art vor.

In der Reihe der beachtenswerteren Kundgebungen zur bulgari­schen Frage sind die vom Grafen Kalnoky in der Ausschuß-Sitzung der ungarischen Delegation am Samstag abgegebenen Erklärungen die jüngste, aber vielleicht die bedeutungsvollste. Der Grundton derselben ist ein friedlicher, aber trotzdem fester; von besonderem Gewicht find die Aeußerungen über das deutsch­österreichische Bündniß. Zum ersten Male hört man über dessen eigentlichen Charakter von berufener Seite etwas Zuverlässiges; offen erklärt Graf Kalnoky, daß das Bündniß nur dann praktisch in Kraft treten werde, wenn es die Wah­rung gemeinsamer Interessen der beiden Parteien gelte. Der Fortbestand Deutschlands wie Oesterreich-Ungarns als starke, unabhängige Großmacht bilde für beide Theile ein wichtiges, eigenes Interesse; in diesem Sinne sei die Ge­meinsamkeit der Stellung Deutschlands und Oesterreich-Ungarns unerschütter­licher, als wenn dieselbe lediglich auf Paragraphen gegründet wäre. Graf Kalnoky hebt hervor, wie Fürst Bismarck auch diesmal eine ersprießliche Tätig­keit zur Erhaltung des Friedens entfaltet habe und wir Deutschen können wahrlich hierauf stolz fein! Von Interesse ist die Ankündigung, daß Oesterreich- Ungarn nöthigenfalls nicht nur auf die Unterstützung Englands, sondern auch Italiens rechnen könne, welch' letzteres bei seinen gewichtigen Mittelmeer-Jn- teressen einer Verschiebung der Machtverhältniffe nicht ruhig zusehen könne. Graf Kalnoky betont schließlich das fortdauernde freundschaftliche Verhältniß zwischen den Cabineten von Wien und Petersburg, wenngleich er hierbei durch­blicken läßt, daß über manche Punkte leichte Meinungs-Verschiedenheiten herr­schen. Jedenfalls ist die Versicherung Kalnoky's von hohem Werth,' wonach Rußland den übrigen Großmächten die bündigsten Erklärungen abgegeben hat, daß es nicht daran denke, an der internationalen Stellung Bulgariens zu rütteln und daß es überhaupt nur unter Mitwirkung der andern Mächte vorgehen werde. Hiernach lassen sich auch die steten Gerüchte von der angeblich bevorstehenden Besetzung Bulgariens durch die Russen auf ihren wahren Werth zurückführen.

In Bulgarien selbst scheint in der weiteren Entwickelung der Dinge wieder eine gewisse Ruhepause eintreten zu wollen. Am Samstag hat sich die Sobranje auf unbestimmte Zeit vertagt, nachdem von ihr die Regenten Stam- buloff und Mutkuroff, welche auf den Empfang der telegraphischen Benachrich­tigung , her König von Dänemark lehne für den Prinzen Waldemar die Wahl

zum Fürsten von Bulgarien ab, demisfionirt hatten, wiedergewählt worden waren. Außerdem ist für den au-geschiedenen Karaweloff Dukoff als drittes Regentschaftsmitglied gewühlt und Karaweloff hierbei wegen feiner zweideutigen Haltung von der Sobranje ein entschiedenes Taoelsootum ertheilt worden. Eine Deputation, welche an die europäischen Höfe geschickt werden soll, ist beauftragt, den Mächten die Wünsche der Bulgaren klarzulegen; viel wird sie aber wohl nicht ausrichten. Was General Kaulbars anbelangt, so ist derselbe unermüvlich in dem Bestreben, neue Conflicte mit der bulgarischen Regierung herbeizuführen. Jetzt verlangt derselbe die Bestrafung des Präfekten von Philippopel wegen der angeblichen unwürdigen Behandlung, die dem Kawaffen des dortigen russischen Consuls zu Theil geworden ist. Dieseunwürdige" Behandlung besteht darin, daß der Kawaß, als er Nachts mehrere Gensd'armen prooocirte, entwaffnet und sofort dem russischen Consul übergeben wurde und dafür soll der Präfekt bestraft werden! Kaulbars soll ferner die Amtsentsetzung der Comman» danken von Philippopel, welche die Verhaftung des Kawaffen verfügten, sowie die Salutirung der russischen Flagge durch die Garnison gefordert haben.

Die Erklärungen Kalnoky's haben in Petersburg seltsamer Weise unangenehm berührt. Dieselben werden vonNeuzeit" undNowosti" abfällig kritisirt und bemerkt hierbei letzteres Blatt, der doppelsinnige Ton Kalnoky's bedeute keine Garantie des Friedens. Auch dasJournal de St. Petersbourg" bedauert die Ausführungen Kalnoky's und meint, zwei Nachbarreiche, die ein gutes Einvernehmen wollten, schuldeten sich freundschaftliche Würdigung der bei­derseitigen Interessen. Wie gedenke Kalnoky die geäußerten Anschauungen in Einklang zu bringen mit dem Jdeen-Austausch zur Herbeiführung eines Einver­nehmens zur Würdigung der besonderen Stellung Rußlands in Bulgarien? Das officiöse Blatt steht von einem weiteren Urtheile ab, um dis Situation nicht zu verschärfen und kritisirt schließlich scharf den nun vorliegenden Wortlaut der Rede Salisbury's. Dagegen fassen fast sämmtliche Londoner Morgenblätter die Erklärungen Kalnoky's als friedlich und als eine Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens auf.

Vom Kriegsminister der französischen Republik liegt wieder einmal eine Kundgebung vor. Am Sonntag hat nämlich Herr Boulanger in der Jahresversammlung der Pariser Turnvereine eine Rede gehalten, in der er betonte, die militärische Erziehung her Jugend trage keinen aggressiven Cha­rakter. Jedes Land, welches existiren wolle, müsse stark fein; er, Boulanger, selber treibe unablässig Vorbereitungen zum Kriege, dies sei die beste Garantie eines dauerhaften Friedens. Das klingt denn doch ein bischen zu naiv!

Sir Drummond Wolff ist mit kurzem Urlaube von Egypten nach London abgereist, um der englischen Regierung mündlich Bericht über die Fort­schritte seiner Mission zu erstatten und mit ihr über seine Unterhandlungen mit Mukhtar Pascha zu berathen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondenz-Bureau.

Pesth, 16. November. Bei der Diskussion über das Expose des Ministers des Auswärtigen in dem Ausschüsse der ungarischen Delegation erklärte Gras Andrassy, er glaube auch heute noch, daß den Frieden Europas nichts so sehr verbürge, als das Bündniß mit Deutschland, weil die Interessen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns in keiner Weise kollidiren. Sobald aber der Ausgangspunkt der auswärtigen Politik der Monarchie dahin gerichtet sei, daß in der orientalischen Frage auch Rußland be­sonders berücksichtigt werden müsse, so werde die Lage eine veränderte. Das Doppel- bündniß mit Deutschland und mit Rußland sei für Oesterreich-Ungarn nicht mehr das, was es früher gewesen. Bei dem von Tisza aufgestellten Programm sei der Beistand Deutschlands unter allen Bedingungen Oesterreich-Ungarn gesichert. In Bulgarien herrschen legale Verhältnisse, nur die Union mit Ostrumelien müsse noch näher geordnet werden. Rußland besitze Bulgarien gegenüber keinerlei Vorrechte.

Bombay, 16. November. Prinz Friedrich Leopold ist mit Gefolge wohlbehalten hier eingetroffen und hat bei dem Gouverneur Wohnung genommen.

Das 25jährige Jubiläum des Gabelsberger Stenographen- Dereins Gießen.

Gießen, 12. November.

Die am vergangenen Samstag und Sonntag, den 6. und 7. November, ab­gehaltene 25jährige Stiftungsfeier des hiesigen Gabelsberger Stenographen- Vereins legte Zeugniß davon ab, wie große Anerkennung die Bestrebungen des Vereins in der gesammten stenographischen Welt gefunden haben.

Zu dem Commers am Samstag Abend hatten sich die hiesigen Mitglieder, sowie eine Anzahl Gäste und früherer Vereinsangehörigen nicht nur aus verschiedenen Theilen unseres Großherzogthums, sondern auch aus weiter Ferne, in dem mit Fahnen, Wappen, der Büste Gabüsbergers und mit frischem Grün sinnig decorirtem Vereins­lokal zusammengefunden. Nach einem Musikvortrag und Absingung des Eröffnungs- ltedes hieß der 1. Vorsitzende des Vereins, Herr Reallehrer Alb ach die Versammelten mit herzlichen Worten willkommen und hob in längerer Rede die Bedeutung dieses Tages hervor. 25 Jahre seien verflossen, seitdem in unserer Stadt der Stenographie nach Gabelsbergers System durch Gründung eines Vereins eine Heimstätte bereitet worden; unentwegt habe seither der Verein, dem Vorgang seiner Gründer folgend, der hohen Aufgabe, die £unft Gabelsbergers zu verbreiten durch Unterricht und Belehrung weiterer Kreise nachgestrebt und dürfe heute, wenn ihm auch schwere Zeiten und manche Enttäuschung nicht erspart geblieben seien, doch mit Befriedigung auf die Erfolge seiner Thätigkeit zurückblicken. Redner gedachte sodann der Bemühungen des Vereins, die Schule für die Stenographie zu gewinnen, welche Bestrebungen besonders ihren Aus­druck fanden in der seinerzeit vom Verein verfaßten und von dem damaligen Ab­geordneten unserer Stadt, Herrn Professor Sold an, bei der Großherzoglichen Staats-