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Politische Ueberficht.

Gieren, 17. August.

Kaiser Wilhelm hat die Reise-Strapazen der letzten Wochen in denk« bar günstigster Weise überstanden und erfreut er sich sortgesetzt des besten Wohl­seins. Der greise Monarch erledigt auch in seiner gegenwärtigen Residenz Neu-Babelsberg die lausenden Regierungsgeschäste in gewohnter Weise. Am Sonntag ist auch die Kaiserin, welche am Abend des vorhergehenden Tages von ihrem Kuraufenthalt in Schlangenbad wieder in Potsdam eingetroffen war und im dortigen Stadtschloffe übernachtet hatte, nach Neu«Babelsberg überge« siedelt, um hier an der Seite ihres erlauchten Gemahls für die nächste Zeit zu restdiren.

Ein fürPreußen und Deutschland bedeutsamer Gedenktag sällt aus diesen Dienstag der 100jährige Geburtstag Friedrichs des Großen. Am 17. August 1786 verschied in seiner Lieblings-Schöpsung Sanssouci der Herrscher, welcher Preußens künftige Großmachtsstellung recht eigentlich begründete und verbreitete und schon seit Wochen gab sich daher in Deutschland eine tiefgehende Bewegung kund, um die 100jährige ErinnerungS« feier des Todestages des großen Preußenkönigs würdig zu begehen. Inzwischen hat aber Kaiser Wilhelm bekanntlich den Wunsch laut werden lassen, es möge von jeder öffentlichen Begehung dieses Tages abgesehen werden und so findet denn heute lediglich ein Gedächtniß> Gottesdienst in der Potsdamer Garnisonkirche als einziger ossicieller, dem Andenken an den verblichenen Herrscher gewidmeter Act statt. Desto inniger begeht das deutsche Volk in seinem Herzen die Erinne- rungsseter des 17. August, lebt doch gerade in der deutschen Volksseele das Bild desalten Fritz" leuchtend fort und feine ganze charakteristische Erscheinung mit dem Zopf und dem Krückstock wie mit dem Dreispitz, aber auch mit oeu geistvollen Zügen und mit den großen, durchdringenden Augen, bildet eine unaus­löschliche Erinnerung, gleich eindrucksvoll aus die Phantasie der Jugend, wie lehrreich fesselnd für das reise Verständniß. Was deralte Fritz" nicht für das preußische Volk allein, sondern auch für ganz Deutschland gethan, wie er aus den blutigen Schlachtfeldern von Mollwitz bis Torgau sich siegreich gegen eine Coalition übermächtiger Feinde behauptete und hierdurch den Grund zu Preußens künftiger Größe legte, wie er aber auch durch Werke des Friedens hervorragte und bis an feinen Tod in strengem Pflichtgefühl rastlos an dem Ausbau seines Staates, an der Förderung des materiellen und geistigen Wohles seiner Untertanen arbeitete das ist heute ja längst Gemeingut unseres Volkes gewbrden und bedarf an dieser Stelle keiner nochmaligen eingehenden Darstellung. Wenn es aber etwas ist, das der Erinnerungsfeier an den großen Friedrich zu seinem heutigen 100jährigen Todestage die eigentliche Weihe ver­leiht, so ist es das erhebende Bewußtsein, daß das preußische und deutsche Volk diese Feier als eine einige und mächtige Ration begehen kann und hierzu zu einem einheitlichen Deutschland hat deralte Fritz" tn seinem kriegerischen wie Iriedlichen Wirken unzweifelhaft den Grund gelegt. Aus diesem Grund aber ist von seinen Nachfolgern weiter gebaut worden, trotz aller Trübsale, die nach dem Hinscheiden Friedrichs über Preußen und Deutschland hereinbrachen, bis dann unter der glorreichen Regierung Wilhelms I. das deutsche Reich zu neuer Herr­lichkeit entstand. So hat sich herrlich erfüllt, was einst Friedrich der Große, gleichsam als ein heiliges Vermächtniß für alle Herrscher auf Preußens Königs­throne, seinem Großneffen und Nachfolger Friedrich Wilhelm III. zurief:Fritz, werde was Tüchtiges, wache über unserer Ehre und unserem Ruhme; halte es stets mit Deinem Volke, daß es Dich liebe und Dir vertraue; dann nur allein kannst Du stark und glücklich sein." Mögen diese goldenen Königsworte am heutigen Erinnerungstage an den, der sie gesprochen, in Aller Herzen wieder­klingen mögen sie auch ferner den Leitstern für Preußens Könige, für die späteren Herrscher aus dem deutschen Kaiserthrone bilden!

In England liegen die Geschäfte in der Eisenbranche bedenklich darnieder. Die große Eisengießerei von Kinnersley und Comp. in Kidsgrove, Grafschaft Nordstaffordshire, hat wegen schlechten Geschäftsganges ihre Arbeitsstätten geschloffen; gegen tausend Arbeiter sind hierdurch brod- los geworden. __________________

Telegraphische Depesche«.

«orrrefpoirdtirz Bvrrau.

Frankfurt a. d. £>, 16. August. Se. K. u. K. Hoheit der Kronprinz ist heute früh zur Vornahme von Truppenbesichtigungen hier eingetroffen und hat sich alsbald nach dem Kunersdorfer Felde begeben, wo die Besichtigung stattsindet. Bei der Fahrt durch die mit Flaggen und Guirlanden geschmückte Stadt wurde der Kron­prinz mit brausenden Hoch- und Hurrahrufen begrüßt.

Frankfurt a. M», 16. August. Die Wanderversammlung des Verbandes der deulschen Architekten- und Jngenieuroereine wurde heute Vormittag im hiesigen Saalbau in' Gegenwart des Regierungspräsidenten v. Wurmb, als Vertreters des Ministers für öffentliche Arbeiten, Maybach, sowie des Oberbürgermeisters Miquel und der Vertreter vieler anderen Behörden durch den Vorsitzenden, den Oberingenieur Andreas Meyer aus Hamburg feierlich eröffnet. Etwa 500 Mitglieder sind aus allen Theilen Deutschlands, aus Oesterreich und der Schweiz eingetroffen. Die Verhand­lungen werden voraussichtlich 4 Tage in Anspruch nehmen.

Pofen, 16. August. DasPosener Tageblatt" meldet: Erzbischof Tinder ordnete an , daß die Theologie - Studirenden der Erzdiöcese Posen - Gnesen von Michaelis ab in Münster und Breslau, nicht wie bisher in Würzburg ihren Studien obliegen sollen.

München, 16. August. Die feierliche Ueberführung des Herzens des Königs nach Altötting hat programmmäßig stattgefunden.

Hamburg, 16. August. Zwischen der hiesigen Packetfahrt-Gesellschaft und der Thingvalla"-Gesellschaft in Kopenhagen wurde heute hier eine Vereinbarung abge­schlossen, wonach die Dampfer beider Gesellfchaften zusammen fortan eine regelmäßige wöchentliche Verbindung zwischen Stettin und Newyork via Kopenhagen und schwedische Häfen unterhalten.

London, »16. August. Vom Samstag zum Sonntag erneuerten sich die Un­ruhen in Belfast. Bewaffnete Mannschaften von Protestanten und Katholiken feuerten vier Stunden lang aufeinander und beide Seiten hatten mehrere Todte und Ver­wundete. Erst in früher Morgenstunde unterdrückte das Militär die Ruhestörung ohne weiteres Blutvergießen.

Ein Telegramm aus Dungannon meldet: Als der Zug der Nationalisten Abends durch das Protestantenquartier zog, fiel eine Ruhestörung vor. Ein Protestant wurde schwer verwundet, ein Nationalist mit dem Messer in der Hand verhaftet. Der bedeutenden Polizeimacht gelang es, die Streitenden zu trennen.

Die SchmackMartha" aus Geestemünde wurde als des Schmuggels ver­dächtig unweit der Fairinsel durch ein englisches Kanonenboot mit Beschlag belegt und nach Leswick eingebracht, wo die Mannschaft internirt ist.

Dublin, 16. August. Vergangene Nacht wurde nahe bei Portadown auf den Eisenbahnzug der Great Northern-Bahn geschossen und mit Steinen geworfen, es wurde jedoch Niemand verletzt.

Brüssel, 16. August. Der Kriegsminister ordnete die Entlassung der activen Bürgergarde aus dem Jahrgange 1883 an, welche anläßlich der Unruhen in Lüttich und im Kohlenbecken Hainaut einberufen worden war.

Lokale-.

Gießen, 17. August. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Dsnnerstag den 19. August 1886, Nachmittags 4 Uhr.

1. Die Stellung der Löber'schen Stiftungsrechnung für das Jahr 1885/86.

2. Die Feier des 2. September.

3. Anschaffung von Schulbänken.

4. Anschaffung von Lernmitteln auf Grund des Artikel 26 des Volksschul­gesetzes.

5. Ausbau der Schillerstraße.

6. Ausbau der Ostanlage.

7. Festsetzung der Richtungslaternen.

8. Beleuchtung des oberen Riegelpfads.

9. Erbauung eines Schlachthauses.

10. Errichtung einer Feldbäckerei.

11. Unterhaltung des Pflasters.

12. Lieferung des Brennmaterials pro 1886/87.

13. Reparaturen in der Thürmerwohnung.

14. Die Pumpe vor dem Gail'schen Hause in der Neustadt.

15. Baugesuch des Gastwirths Eiertänzer.

16. Kostendecreturen.

* Gießen, 17. August. sDas Sommerfest der Rudergesellschaft.f Nach den Mühen und Lasten, welche die Saison den Ruderern auferlegt, pflegt auch die Er- ' holung zu folgen; nicht nur für sie, sondern auch für die passiven Mitglieder, Freunde und Gönner des Rudersports. Draußen an der Woog, dem sog. Bootsplatz, der wahrhaft reizend und idyllisch gelegen ist, versammelte sich eine wohl nach Tausenden zu zählende Menschenmenge, um dem aquatischen Feste beizuwohnen.

Dasselbe wurde mit einer Auffahrt von 7 Booten (2 Fünfer und 5 Vierer) eröffnet. Hierauf folgten verschiedene Rennen in Dollenvierer, Skiffs und Grönländer, welche von dem anwesenden Publikum mit großem Interesse verfolgt wurden; die Sieger wurden stets mit lebhaften Beifallszeichen und dem obligaten musikalischen Tusch empfangen.

Auch ein Wettschwimmen für Nichtmitglieder hatte die Gesellschaft ausgeschrieben und erregte es große Heiterkeit, die Kämpen mit farbigen Mützen und Fähnchen decorirt mit dem nassen Elemente kämpfen zu sehen, aus welchem schließlich Herr Klemmrath als Sieger hervorging; Herr Trän kn er blieb guter zweiter.

Das erste Rennen brachte 4 Grönländer zum Start; Herr Ferd. Busch nahm alsbald die Führung und konnten seine drei Concurrenten, die sich alle erdenkliche Mühe gaben, demselben auch nicht mehr gefährlich werden.

Im Dollenvierer wurde die diesjährige Nennmannschaft gegen alles Erwarten in heißem Nennen von einer nicht eingefahrenen Mannschaft, die allerdings durch physische Kraft überlegen war, geschlagen.

Im Skiffrennen siegte Herr Krailing über Herrn Bieler; beide Herren ruderten sehr exact und schön und war für uns die beste Leistung des Tages.

Im nächsten ssg.Gestrennen" fuhren die beiden Boote des Wetzlarer Ruder­club gegeneinander und errang die ältere Mannschaft einen leichten Sieg über die Junioren; erstere benutzten ein Boot der hiesigen Ruder-Gesellschaft.

Das letzte mit großer Spannung erwartete Rennen,Herausforderungspreis", brachte nochmals die beiden Dollenvierer-Mannschaften an den Start und mußte die Nacemannschaft nochmals sich mit dem 2. Platz begnügen.

Wir könnten noch von Entenjagd, Faßrennen tn allen möglichen Costümen rc. sprechen, beschränken uns aber darauf, zu constatiren, daß auch der humoristische Theil des Festes auf das Schönste verlief und das Publikum in die animirteste und heiterste Stimmung versetzte.

Die Pretsoertheilung wurde von den beiden Vorsitzenden, Herrn I. Kirch und Ad. Busch, geleitet und brachte ersterer, nachdem er der Sieger gedacht und für die rege Betheiligung seitens des Publikums im Namen seiner Gesellschaft gedankt, auf die Gäste aus Wetzlar ein kräftigesHipp hipp, Hurrah" aus, in welches die An­wesenden begeistert einstimmten.

Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen und ermöglichte die Stellung des vorgesehenen lebenden Bildes.

Auf dem Wasser treibend, von grünen Pflanzendecorationen umgeben, in rolheir und grünen Farben leuchtend, bot sich uns, aus den dunklen Umrissen scharf hervor­tretend, ein wahrhaft feenhaftes Bild dar; die lautlose Stille des Publikums und der hierauf ausbrechende frenetische Beifall ist wohl der beste Beweis der Anerkennung seitens der Zuschauer gewesen.

Ein kleines, aber recht gut ausgeführtes Feuerwerk bildete den Schluß des in allen seinen Theilen gelungenen Festes. h.

Am Sonntag gegen Abend wurde in der Wohnung einer Schneidmühle. eingebrochen und verschiedenes Silbergeräth rc. mitgenommen.

Ein Dienstmädchen, welches seiner Herrschaft verschiedene Schmucksachen ent­wendete, wurde in Haft genommen.

Gestern Abend wurde auf dem Kirchenplatze ein Kind überfahren; dasselbe kam jedoch, wie es scheint, ohne gefährliche Verletzung davon. Den Fuhrmann soll keine Schuld treffen.

Universität- - Chronik.

Privatdocent Dr. Lesser zu Berlin ist als Gerichtsphysikus nach Breslau berufen worden. Sein Vorgänger war Dr. Long, der jetzige Gerichtsphysikus von Berlin. Dr. Lesser war eine Reihe von Jahren Assistent des Prof. Liman. Seit 1882 ist er Docent an der Universität. Er hat sich als Herausgeber eines Atlas der gericht­lichen Medicin einen Namen gemacht.

DermtfiOte-

Darmstadt, 14. August. An Stelle des Großh. Dragoner-Regiments Nr. 24), welches zu den Kaisermanövern nach Elsaß-Lothringen abrückt, wird das 13. Husaren-Regiment mit dem Großh. Dragoner-Regiment Nr. 23 im Brigade­verband üben.

Darmstadt, 15. August. Die landwirthschastliche Abtheilung des Großh. Ministeriums beschäftigt sich soeben, wie wir vernehmen, mit der Neuorganisation der landwirthschaftlichen Vereine des Großherzogthums und ist gleichzeitig eine Umge­staltung der bisherigen Vereins-Zeitschriften in sichere Aussicht genommen. Der land- wirthschaftliche Verein von Rheinhessen, welcher für seine Mitglieder noch eine eigene Vereins-Zeitschrift:Nachrichten von und für Rheinhessen", herausgibt, hatte ebenfalls die Absicht, diese Vereins-Zeitschrift in der seitherigen Form nicht mehr erscheinen zu lassen. Da aber nun von Seiten der Regierung selbst eine Acnderung geplant ist, so soll die seitherige Zeitschrift noch so lange erscheinen, bis auf jener Seite die endgiltige Entscheidung getroffen ist. (N. H. V.)

Nach den Zusammenstellungen der Großherzoglichen Centralstelle für die Landesstatistlk gab es im Jahre 1885 743,481 tragfähige Aepfelbäume, 370,713 Birn­bäume, 803,741 Pflaumenbäume (Zwetschen), 142,559 Kirschbäume, 17,595 Aprikosen- unb Pfirsichbäume, 1507 edle Kastanien, 93,036 Wallnußbäume, zusammen 2,112,632 Obstbäume, welche 297,805 Doppelcentner Obst im Werthe von 2.128,364 JL lieferten.

93ab Nauheim, 13. August. Dieser Tage wollte ein bei einer hiesigen Familie in Diensten stehendes Mädchen aus Södel einem kleinen Kinde nachlaufen, glitt dabei aus, fiel hin und stieß sich ihre Stricknadeln in die Brust, so daß die Lunge verletzt wurde. Das Mädchen wurde zu seinen Eltern nach Södel verbracht, wo es nun bedenklich krank liegt.

In Bezug auf die Erkrankten, welche das in Karlsruhe garnisonirende Regiment in Folge der überaus großen Hitze und Schwüle der Luft hatte, wird mit- getheilt, daß sämmtliche umgefollene Leute entweder schon wieder vollständig hergeftellt sind oder sich doch auf dem entschiedenen Wege der Besserung und außer aller Gefahr befinden. Bei dem einen Mann, welcher am Abend an den Folgen des Hitzschlags trotz aller Bemühungen starb, ergab der Sectionsbefund einen Riß in der Hirn­schale. Der Mann ist nach Angabe seiner Eltern als zweijähriges Kind von einem Gerüst gefallen und hatte sich dabei einen Schädelbruch und eine Verletzung des Gehirns zugezogen.