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Freitag den 18. Juni
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schr-l-ratzr 7.
Erscheint IK^Mh rmt MO»-«-».
Gießen, den 15. Juni 1886.
WreiO »irrtehührltch 2 Mark « Pf. »V BMI
Durch die Post -e,ogen meNeljLhrlich 2 MsrlH
Grobherzogliches Kreisamt Gießen. _______Dr. Soefmann.
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Politische Ueberficht.
m Ä , Gießen, 17. Juni.
Der Tod des Königs von Bayern steht im Vordergrund der Ereia- ntffe und beherrscht im Augenblick alle Interessen. Der Kaiser, den der ganze Verlaus der Angelegenheit während der letzten Tage lebhaft bewegt hatte, ist, wie aus seiner Umgebung verlautet, durch die Nachricht tief erschüttert worden ES heißt allgemein, der Kronprinz werde zur Beisetzungs - Feierlichkeit nach München reisen, um dabei den Kaiser zu vertreten. Es wird nunmehr auch eine neue Beglaubigung der diplomatischen Agenten Bayerns im Auslande uno seiner Bevollmächtigten zum Bundesrathe einzulreten haben. In den geregelten Beziehungen Bayerns zum Reiche kann sich nichts ändern.
Das deutsche Volk hat der ritterlichen edlen Gestalt des jungen Bayernkönigs stets eine besondere Zuneigung gewidmet; nie wird es ihm ver- geffen, welchen entscheidenden Antheil er an der Begründung unserer nationalen Erhebung genommen und mit welcher Bundes- und Reichstreue er an der neuen Gestaltung der vaterländischen Dinge mitgearbeitet hat. Unter den nationalen Helden der neuesten deutschen Geschichte wird darum König Ludwig stets mit genannt werden und daß ein so reiches und edles Fürstenleben in so trauriger Weise — doppelt traurig, da dem Selbstmord des unglücklichen Fürsten ja lange Jahre geistiger Umnachtung vorausgingen — enden mußte, kann nicht verhindern, daß das menschliche Mitgefühl an dem ergreifenden Geschick König Ludwigs II. in voller Größe bestehen bleibt. — Der verblichene Herrscher wurde am 25. August 1845 zu Nymphenburg als Sohn König Maximilians II. und der Königin Maria geboren und hat demnach ein Alter von nahezu 41 Jahren erreicht. In Folge des unerwarteten Ablebens seines Vaters wurde er schon am 10. März 1864, also im Alter von noch nicht 19 Jahren, zur Regierung berufen, nahm jedoch gleich von Ansang an den Staatsgeschäften nur einen sehr bedingten Antheil und hielt sich meist auf Schloß Berg auf. 1867 verlobte sich Ludwig II. mit der Herzogin Sophie von Bayern, der jetzigen Herzogin von Alenyon, jedoch noch in demselben Jahre ging die Verlobung wieder zurück und der König wurde seitdem menschenscheuer als je. Immerhin war er mehrfach gezwungen, in den Fragen des Tages Stellung zu nehmen, namentlich in den Kämpfen zwischen dem Ministerium Hohenlohe und der klerikalen Partei; von besonderer Bedeutung aber wurde sein Auftreten beim Ausbruche des deutsch-französischen Krieges, denn rasch und entschlossen ergriff er für Preußen Partei und riß unter dem Jubel des Volkes Die widerwillige zweite Kammer mit sich fort und Ludwig II. war es ja auch, der im December 1870 die Uebe'rtragung der Kaiserwürde an den König von Preußen anregte. Leider zog sich der König bald wieder von den Regierungsgeschäften und überhaupt von der Oeffentlichkeit so viel wie möglich zurück und mit dem Staatsministerium verkehrte er schließlich nur noch durch die Vermittelung des jeweiligen Cabinets- secrelärs und auch diese beschränkte sich meist daruf, daß dem Könige die wichtigeren Actenstücke u. s. w. lediglich zur Unterzeichnung vorgelegt wurden. Trotz der im Allgemeinen sprunghaften, schwankenden und oft unberechenbaren Bethet- ligung des Königs an den politischen Dingen trat bet ihm doch eine tiefe Abneigung gegen die klerikal-patriotische Partei unverkennbar hervor und nur dem Eingreifen des Monarchen hatte es das liberale Ministerium Lutz zu verdanken, wenn e« den wiederholten Angriffen der genannten Richtung immer wieder zu widerstehen vermochte. Ob das Ministerium Lutz unter der Regentschaft des Prinzen Luitpold noch lange bestehen bleiben wird, ist zwar noch eine offene Frage, es erscheint indessen bei der gegenwärtigen Krisis in Bayern nach mehr als einer Beziehung hin compromittirt und könnte daher die Nachricht von seiner demnächstigen Demission gerade nicht besonders überraschen.
Das Pfingstfest ist in Belgien verlausen, ohne daß es zu den befürchteten Ausschreitungen der Arbeiterpartei gekommen wäre. Die Delegirten der verschiedenen Arbeiter-Vereine des Landes hielten lediglich eine Versammlung in Brüssel ab, auf welcher beschlossen wurde, dis Propaganda zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechts sortzusetzen und eine allgemeine Arbeitseinstellung zu vroclamiren, falls die Regierung die Gewährung des allgemeinen Stimmrechts fortgesetzt verweigern sollte. Im Weiteren wurde eine neue Manifestation für den 15. August, den belgischen Nationalsesttag, verabredet und soll binnen 24 Stunden eine allgemeine Arbeitseinstellung erfolgen, sobald es bekannt wird, däß die Regierung auch diese Manifestation verbietet. Von einem bewaffneten Widerstände scheinen also die Führer der belgischen Arbeiterbewegung vorläufig absehen zu wollen, doch nimmt auch ohne dies die Arbeiterfrage in Belgien all- Lemach wieder ein kritisches Aussehen an.
Nachdem die sranzöslsche Deputirtenkammer sich in der Prinzenfkage für d:e Auffassung der Regierung entschieden, wonach also vorläufig nur die directen Prätendenten und deren ältesten Söhne ausgewiesen werden sollen, wird nunmehr auch der Senat sein Urtheil in dieser Affaire abzugeben haben. Am Dienstag hat der letztere seinersetts die Commission zur Vorberathung der von der Kammer genehmigten Vorlage gewählt und bezweifelt man in parlamentarischen Kreisen nicht, daß auch der Senat der bedingten Ausweisung der Prinzen zustimmen werde, lieber den künftigen Aufenthaltsort der französischen Prätendenten ist noch nichts Bestimmteres bekannt, jedenfalls werdm dieselben aber nicht allzuviel Zeit mehr haben, sich ihr Exil in aller Muße auszusuchen.
Die Decazeviller Arbeiterbewegung hat einen besriedigenben Ausgang genommen, mbem di- sinkenden Arbeiter noch unmittelbar vor dem Pfingstfest einstimmig beschlossen, die Arbeit in der nächsten Woche wieder aukzunehmen.
flT SSa^bctüe9ung hat bereits begonnen, obwohl die
Auflösung des gegenwärtigen Parlaments erst am 26. d. Mts. erfolgen soll Auf die Wahlmanifeste Chamberlains und Dilke's ist jetzt der Wahlaufruf Gladstone's selber gefolgt. Das Manifest des Premiers, welches an seine Wähler in Midlolhian gerichtet ist, vertheidigt im' Großen und Ganzen die irische Politik Gladstone's und führt bereit Vortheile auf, unter denen mund-r- barer Weise die Consolidirung des Reiches und Stärkung seiner Einheit mit aufgezählt wird, während man bislang selbst auf liberaler Seite vielfach der Ansicht war, daß die Zugeständnisse Gladstone's an Irland die britische Reichs- Emheit ernstlich gefährdeten. „Times", „Standard" und die meisten übriünt Londoner Morgenblätter vom 14. Juni verurteilen denn auch das Wahl- mamsest Gladstone's, dagegen versprechen sich „Daily News" von demselben einen großen Erfolg; wer Recht hat, müssen freilich erst die Wablen selber bekunden.
DieblutigenZusammenstöße zwischen Katholiken und Protestanten rn Belfast haben am Pfiigst-Samstag in einer anderen irischen Stadt, in Sligo, eine Wiederholung gesunden; auch in Sligo mußte das Militär einschreiten und mit dem Bajonette die Ruhe wieder Herstellen. An demselben Tage erfolgte in Belfast das Leichenbegängniß der bei den dortigen Unruhen Getödteten; die Ordnung wurde nirgends gestört.
Ueber den Gesundheitszustand der in den egyptischen Grenz- Stationen stehenden englischen Truppen sind recht besorgnißerregende Berichte in London eingelaufen. Ihnen zufolge sind in Assuan und anderen südegyptischen Garnisonsorten 150 Soldaten an gastrischem Fieber und Schlagfluß 'in letzter Zeit gestorben; 700 Erkrankte sollen nächstens nach Kairo transportirt werden Die engtischerseits beschlossene vollständige Räumung Des südlichen (oberen) Egyptens wird durch diese Nachrichten jedenfalls nur beschleunigt werden.
Deutschland.
Berlin, 16. Juni. Fürst Bismarck ist gestern Abend Hier eingetroffen. — Der Kaiser nahm heute den Vortrag des Reichskanzlers entgegen.
— Anläßlich des Todes des Königs Ludwig ist eine dreiwöchentliche Hoftrauer angeordnet. In Vertretung des Kaisers begiebt sich der Kronprinz zu der Beisetzungsfeier nach München.
— Das bisherige Mitglied des Heroldamtes v. Borwitz und Harttenstein ist zum königlichen Heroldsmeister ernannt worden.
— Der ^Reichs-Anz." veröffentlicht einen königlichen Erlaß vom 19. Mai, betr. Errichtung eines besonderen Consistoriums für Westpreußen mit dem Amtssitze Danzig.
München. Die „Allg. Ztg." schreibt: Ueber den muthmaßlichen Verlauf der grausen Tragödie in Berg stellen wir im Nachfolgenden zusammen, was sich aus autoptischen Daten und an der Hand authentischer Mittheilungen mit Wahrscheinlichkeit ergiebt. Zugleich berichtigen wir damit verschiedene Unrichtigkeiten und Jrrthümer, welche in den bisher veröffentlichten Telegrammen aus Schloß Berg unterlaufen sind, die sich aber mit der aus einem so entsetzlichen Ereignisse stets erfolgenden Verwirrung mehr als entschuldigen lassen. Se. Majestät weiland König Ludwig II. war, wie erhärtet ist, in hohem Grade vom Verfolgungswahn befangen. Ohne mit Bezug hierauf auf die allmälige Entwicklung der unseligen Krankheit des Königs zurückzugreifen, als deren Hauptsymptom wir die Vorliebe des Monarchen für Einsamkeit und Abschließung erkennen, constatiren wir hier nur, daß der verstorbene König in den Gesprächen mit Dr. v. Gudden und Dr. Müller in Schloß Berg stets, obwohl in ruhiger Weise, von seinen Verfolgungsideen sprach. Waren dem König in Hohenschwangau die zu seinem Schutze aufgestellten Genßdarmen eine angenehme Umgebung, ,so änderte sich das mit


