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Ein Zeitbild aus Frankreich.
Ein Correfpondent schreibt der „National-Zeitung" aus Paris vom 9. b. Mts.: Die täglichen Hetzereien gegen Deutschland in den Journalen, in Bild und Schrift, darf man füglich unerwähnt lassen; dieselben sind auch mit d-r Zeit so „selbstverständlich" geworden, daß man sie kaum mehr beachtet. Dagegen muß ich es als eine Pflicht betrachten, über officiette Kundgebungen dieser Art zu berichten. In Ehalons sur Marne, der Hauptstadt der Champagne, bat am 6. d. Mts. die Einweihung eines Denkmals zum Andenken an die im Kriege von 1870 gefallenen Söhne der Stadl stattgefunden. Spät, aber doch. Wie die Berichte hervorheben, haben die in Chalons wohnenden Officiere a. D. die Errichtung dieses Monuments in die Hand genommen, weil es sie kränkte, daß auf dem Kirchhofe allein ein Denkmal für die in Chalons verstorbenen und begrabenen deutschen Soldaten stolz emporrqgte. Die Generale Fevcier, Appert, Boiffounet, Lanty, de Dampierre, Heros, La.onge, der General- Intendant de la Granville, der Präfekt des Marne-Departements, der Maire von Chalons, die meisten Mitglieder des Generalrathes des Departements, die Officiere der Garnison, turz olle Cioil- und Militär-Behörden, zahlreiche Delegationen von Vereinen oller Art, wohnten dem Trauer-Gottesdienste bei. der im Dome stattfand. Bevor er den Segen ertheilte, hielt der Bischof von Ehalons eine „von Patriotismüs erzitternde" Rede, aus welcher die folgende Stelle mitgetheilt wird: „Das Gefühl, welches die Versammlung bewegt, ist nicht das der Trauer; wir theilen die Ansicht der Makkabäer, daß es härter ist, den Ruhm seines Vaterlandes zu überleben, als mit den Waffen in der Hand zu sterben: Melius est mori in dello quam visiere mala genlis nostra.
— Das Abgeordnetenhaus erledigte die ersten 26 Paragraphen der Kreis- ordnung für Westfalen vorwiegend nach den Anträgen der Commission und nahm den Antrag Gneist an, wonach : die Ablehnung einer Ehrenamtmannsstelle zulässig ist, wenn der Kreisausschuß bestätigt, daß der Geschäftsumfang die Ansprüche an das Amt übersteigt. Die vom Herrenhaus beschlossene Heranziehung des Eisenbahn-Fiskus zu den Kreisabgaden wurde abgelehnt; ebenso die Anträge Richters, die Gemeindevorsteher von der Mitgliedschaft bei der Amtsversammlung auszuschließen, die Zahl der Amtsverordneten auf zwölf zu normiren und die Verhandlungen der Amtsversammlung öffentlich statrfinden zu lassen. Fortsetzung Montags 11 Uhr.
— In der heutigen Plenarsitzung des Bundesrathes wurde die Vorlage, betr. den Entwurf eines Gesetzes zur Ausführung des internationalen Vertrags zum Schutz der unterseeischen Telegraphen-Kabel, den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Den Gesetzentwürfen über die Branntwein-Besteuerung, sowie über die unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindenden Gerichtsverhandlungen wurde die Zustimmung ertheilt.
England.
London, 15. Mai. Die „Times" glaubt, das Ergebniß der gestrigen Versammlung bei Hartington habe das Schicksal der irischen Vorlage Gladstone's besiegelt. 1Ö4 liberale Abgeordnete hätten sich verpstichtet. gegen die Homerule- Bill zu stimmen, wodurch deren Ablehnung mit einer Majorität von 41 Stimmen gesichert sei.
Rußland.
Das Gefühl, welches in der Versammlung herrscht, ist dennoch nicht das des Schmerzes, es ist das der Nothwendigkeit, über ernste Erinnerungen nachzu- denken. Wenn die Soldaten des Marne-Departements, welche in dem Kriege von 1870 gefallen sind, die Inschrift ihres Mausoleums wählen könnten, würden sie die Worte „Vergesset nicht" darauf eingraben .... Unsere Armee vergißt nicht, sie sammelt sich, sie arbeitet, sie bereitet sich vor, sie gehorcht, sie hofft... Wenn ich vor den Kasernen von Chalons vorbetkomme, glaube ich immer als Symbol unserer Armee die Worte zu lesen: „Ich erwarte, ich bereite die Wiederherstellung des nationalen Ruhmes vor ... ich glaube daran! Expeclo credo.“ — Nach dem Gottesdienste begab sich der lange Zug nach dem Kirchhofe; zwei Freiwillige von 1870 aus Metz und Straßburg trugen breite Trauerbänder, auf denen mit Buchstaben von Silber standen Alsace- Lorraine. Als sich die Versammlung um das Monument geschaart hatte, hielt zuvörderst General Fevricr eine Ansprache, um im Namen der Armee dem Comitsi zu danken. „Diese Ceremonie", sagte der General, „könnte verspätet erscheinen; ich glaube im Gegentheil, daß sie zur rechten Stunde (ä son heure) staltfindet." Der Präsident des Comitsis, Capitän Ratter, hat sodann, dem Berichte Der „France Militaire" zufolge, wie ein Soldat ohne Drohungen und ohne Prahlerei gesprochen. Der Maire von Chalons, Herr Jaunaux, scheint dagegen des Guten zu viel gethan zu haben. „Fünfzehn Jahre sind verflossen", rief er aus, „Frankreich hat sich von seinem Sturze erhoben, hat seine Unglücksfälle wieder wett gemacht (wenn dem so. ist, sollte der Mann sich doch ruhig verhalten), aber die Zeit, anstatt unseren Schmerz zu lindern, unser Rachegesühl abzustumpfen, hat demselben eine größere Heftigkeit, ein stärkeres Relief verliehen. Diese Landeskinder, Officiere und Soldaten, welche die Märtyrer der Pflicht geworden sind, haben in dem Volksglauben heroische Proportionen angenommen, deren sie würdig sind. Ihre unsterblichen Seelen leben in uns selbst, ihr theures Andenken beschäftigt unsere Einbildungskraft, ihre Stimmen tönen in unseren Herzen wieder, nm unseren Patriotismus zu erhalten und zu entflammen, um unsere heißen Wünsche, unsere natürlichen Forderungen zu ermuthigen. Theure Tobte, mit euren letzten Gebeten, mit eurem letzten Auffchrei des Haffes ver- einigen sich heute die heißen Wünsche aller Derjenigen, welche euch überlebt haben. Vereinigen wir diese Wünsche mit denen der neuen Generation und unserer Brüder in Elsaß-Lothringen. Sechszehn Iahte sind bald verfloffen seit dem schrecklichen Jahre, aber der Haß ist immer ebenso kräftig, ist um so bren- uender, als die Hoffnung ihn ohne Unterlaß anfacht. Und Du, starke Armee Frankreichs, laß mich dir sagen Angesichts dieser Gräber, wo man nicht lügen kann, daß das Vaterland auf dich stolz ist und daß es volles Vertrauen in die Zukunft setzt." Also sprach der Maire von Chalons, der ersichtlich das Buch „Avant la Bataille“ gelesen hatte. Dem Bericht fehlt auch nicht „le mot sie la fm“ (frei: das prägnante Schlußwort). Als der Zug den Kirchhof verließ, spielte die Musik der Pompiers das Lied „Le Rhin Allemand“ von Alfred de Muffet (als Antwort auf Becker's Rheinlied gedichtet), worin es heißt:
„Nous Tavons eu votre Rhin Allemand II a tenu dans notre verve.“ *)
So geschehen am 6. Mai 1886 in Chalons für Marne, der Hauptstadt -es Champagner-Landes.
) Wir haben ihn gehabt eueren deutschen Rhein, Er hat sich erhalten in unserer Begeisterung.
Deutschland.
Berlin, 15. Mai. Der „Reichs-Anz." publicirt die Ernennung des Präsidenten der preußischen Central-Bodenkredit-Gesellschaft, Unterstaatssecretär a. D. Dr. Jacobi, zum Unterstaatssecretär im Handelsministerium.
Petersburg, 15. Mai. Anläßlich einiger Zeitungs-Nachrichten, wonach die Beziehungen ChmaS und Rußlands sich zuzuspitzen schienen, erklärt vaS „Journal de St. Mnsbourg", daß diese Vermuthungen durch nichts motivirt seien. Möglicher Weise habe die Thatsache, daß die. beiden Regierungen eine Grenzregulirung im Ussuri-Gebiete vornehmen, irgend einem Correspondenten 'Beunruhigungen eingeflößt. Es sei aber nicht der mindeste Grund vorhanden. V3. Kruben, daß bei dieser Demarkations. Arbeit irgend welche Störung vorkommen könnte.
Petersburg, 16. Mai. (Telegramm der nordischen Telegraphen- Agentur). Die auswärts verbreitete Nachricht, daß das Kartell der russischen Bahnen mit den österreichischen und preußischen Bahnen von den elfteren gekündigt worden sei, wird von unterrichteter Seite als ganz unbegründet bezeichnet.
Sebastopol, 15. Mai. Der Kaiser, die Kaiserin und die Großfürsten sind nebst Gefolge Nachmittags hier eingetroffen und feierlich empfangen worden. Der Dampfer, auf welchem dieselben während ihres hiesigen Aufenthaltes verweilen, ankert gegenüber der Admiralität, woselbst das Panzerschiff „Tschesme" zum Stapellaufe bereit liegt. Zahlreiche ehemalige Militärs, welche an den Kämpfen um Sebastopol theilgenommen haben, sind hier eingetroffen. Morgen wird das Kaiserpaar den Friedhof, auf welchem die gefallenen Krieger liegen, besuchen und darauf die nördlichen Befestigungen besichtigen. Alsdann findet ein Diner statt, zu welchem die früheren Sebastopol-Kämpfer und die Spitzen der Behörden geladen sind.
Amerika.
Mew-Vork, 14. Mai. Johann Most ist nach Hinterlegung einer Caution von 1000 Dollars wieder in Freiheit gesetzt worden.
Telegraphisch- Depeschen.
WokU'S selegv. Esreewsudenz-WuLra«.
Homburg v. d. H., 16. Mai. Der Großherzog von Hessen ist mit dein Erb- großherzog und den Prinzessinnen Irene und Alix heute Nachmittag zum Besuche Ihrer K. K. Hoheiten des Kronprinzen und der Frau Kronprinzessin hier eingetroffen. Se. K. K. Hoheit der Kronprinz empfing Se. K. Hoheit den Großherzog am Bahnhofe.
Bern, 16. Mai. Der gestern von der internationalen Conferenz für die technische Einheit im Eisenbahnwesen unterzeichnete Entwurf der Convention betrifft die Vorschriften über die sichere Einrichtung der im internationalen Verkehr unter zollamtlichem Raumverschluß abzufertigenden Eisenbahnwagen imb ferner die Punkte des Schlußprotokolls der internationalen Conferenz von 1882, welche in der Zwischenzeit beanstandet worden sind. Die Ratification des Conventionsentwurfs ist den betreffenden Negierungen vorbehalten.
Paris, 16. Mai. Im Departement Aisne wurde Sebline (gemäßigter Republikaner), dessen Wahl als Senator für ungiltig erklärt worden war, mit 984 (Stimmen anderweit zum Senator gewählt. Sein Gegencandidat Sandrique (Opportunist) er- | hielt 364 Stimmen.
— Der Konstantinopeler Botschafter, Marquis v. Noailles, zur Seit in London, erhielt Befehl, sich sofort auf seinen Posten nach Konstantinopel zurückzubegeben.
London, 16. Mai. Wie das Reuter'sche Bureau erfährt, hat die englische Regierung beschlossen, ihre Einwilligung zu der Annexion der Neuen Hebriden durch Frankreich nicht zu geben.
Rom, 16. Mai. Bei eineni in Catanzaro stattgehabten Wahlbanket legte der Handelsminister Grimaldi die von der Negierung in der auswärtigen Politik befolgten Principien dar und äußerte u. A.: In der ostrumelischen und m der griechischen Angelegenheit sind wir immer vollkommen im Einvernehmen mit den drei Kaisermächten und mit England vorgegangen, die Freundschaft Englands ist werthvoll für unsere maritimen Interessen im mittelländischen Meere. Die den Kammern vorzulegenden diplomatischen Actenstücke werden ergeben, daß wir ohne Zögern und ohne Schwäche den doppelten Zweck verfolgt haben, zur Aufrechterhaltung des allgemeinen


