Sucht, über Stand und Würden hinaus ungerechtfertigte Ansprüche zu erheben, Haus, Kleidung, die ganze Lebensweise in eine unsinnige Ueppigkeil, wofür Mittel nicht vorhanden sind, hineinzuführen und überhaupt einen Schein der Vornehmheit um sich zu verbreiten, dem auch die nöthige Anmaßung nicht fehlt. Der berühmte Geschichtsschreiber Wolfgang Menzel hat schon 1869 in seiner „Kritik des modernen Zeitbewußt- seins" (Frankfurt, Heyder) die falschen Meinungen von der Bestimmung des Menschen arg gegeißelt, noch eingehender hat jetzt der beliebte Apostel reiner Naturpoesie, Rosegger, der als einstiger armer Schneidergeselle dem Leben seines Volkes bis in die untersten Schichten hat nachgehen können, in seinen „Bergpredigten" (Wien, Hartleben, 1886), „die Schwächen, Laster und Jrrthümer der Cultur" schonungslos gegeißelt, besonders in der Predigt vom Größenwahn, Protzenthum und Verschwenderthum". Es steht auch fest, durch dieses krankhafte Hinaufschrauben des Lebens ist die heilsame Macht der früher unerbittlich streng herrschenden und jedem Stande wie seine besondere Ehre, so auch seine besondere Hauseinrichtung, Lebensordnung und kleidsame Tracht genau vorschreibenden Sitte gebrochen worden.
An ihre Stelle ist eine fremde Verwandte getreten. Die unheilvolle Mode, fremd in ihrem Namen wie in ihrem Ursprung, und hat sich in der äußeren Erscheinung des Menschen besonders der Haare und der Kleider bemächtigt. Während die Sitte etwas Festes ist und bei allen Völkern, bei denen noch Nationaltracht zu finden ist, das ganze Leben regelt, gefällt sich die Mode in überstürzender Abwechselung und Aenderung unserer sämmtlichen Lebensordnungen. Seit 2—3 Jahrzehnten ist die Pariser Mode, die in Paris selbst viel weniger zur Geltung kommt als in Deutschland, in allen Schichten der Bevölkerung herrschend geworden. Die Modezeitung wird auch von jeder Dorfschneiderin gehalten. Die Culturmenschen aller Länder kleiden sich modern, ein Unterschied an den Kleidern ist nicht mehr zu erkennen.
Wo nun die Mittel vorhanden sind, da können ja die Ansprüche, wie die sociale Stellung, der Bildungsgrad sie verlangen, befriedigt werden; aber in wie vielen Schichten der Bevölkerung steht der Aufwand in Kleidern in keinem Verhältniß zu der äußeren Stellung, zu dem Erwerb, zum Bildungsgrad, so daß er eine trostlose Verwirrung anrichtet. Es ist derselbe ordentlich eine Krankheit geworden, heruntergedrungen bis zu Denen, die sonst ganz besonders ihre Ehre dareinsetzten, auch in ihrer Kleidung zu erweisen, daß sie dem ehrsamen und in allen rechtschaffenen Familien hochgeachteten Dienstbotenstande angehören. In Hamburg besteht heute noch unter den feineren Dienstmädchen eine besondere Tracht. Aber wohin ist sonst die kleidsame Tracht der weiblichen Dienstboten gekommen, das saubere Häubchen mit dem faltigen Rocke «' Selbst auf dem Lande ist sie verschwunden.
Geschichts-Kalender.
18. April.
1417. Friedrich VI. von Hohenzollern, Burggraf von Nürnberg, wird auf dem Eoncil zu Constanz in feierlichster Weise mit der Mark Brandenburg belehnt und nennt sich von nun an als Kurfürst Friedrich I.
1499. Die Eidgenossen schlagen das Reichsheer im Schwaderloch.
1521. Abends 6 Uhr. Dr. Martin Luther zum zweiten und letzten Male in der Reichsoersammlung zu Worms vor Kaiser Karl V. Nachdem ihn Dr. Eck aufgefordert hatte, seine Antwort auf die gestern vorgelegten Fragen jetzt klar und bestimmt ab;ugeben, hielt Dr. Martin Luther an die glänzende Versammlung folgende Anrede: „Gehorsam der Verfassung meines Vaterlandes, erscheine ich vor Kaiser und Reich, um wegen einer Anklage mich zu verantworten. Ein Mann aus dem Volke, erzogen in klösterlicher Einsamkeit, nicht gewöhnt an die Zierlichkeit der Höfe, die Feierlichkeit der Fürstenversammlung, kenne ich die Gebräuche und feinere Sitte des höheren Anstandes nicht; wo ich daher gegen sie aus Einfalt verstoßen, möge man es mir zu Gnaden halten. In der Sache selbst wiederhole ich zuvörderst das Anerkenntniß der mir vorgelegten Schriften, sofern sie nicht etwa von Mißgünstigen arglistig verfälscht worden sind. Was hingegen den geforderten Widerruf anbetrifit, so muß zwischen demjenigen Theil meiner Schriften unterschieden werden, welcher die Sache, und demjenigen, welcher bloße Persönlichkeiten betrifft. Jene kann ich weder widerrufen, noch ermäßigen, noch einschränken, denn sie enthalten nur Wahrheit, und Verläugnung der Wahrheit ist ein Verbrechen am Menschengeschlechte. In den Streitschriften gegen die Vertheidiger der römischen Tyrannei bin ich hingegen allerdings heftiger und schärfer gewesen, als es meinem Stande gebührt; doch so aufrichtig ich meine Fehler bekenne, so vermag ich gleichwohl auch von den Streitschriften
nichts zu widerrufen, weil man dies nur zur Erneuerung und Befestigung der Tyrannei benützen würde." — Besonders rührend war die Erklärung des Reformators, daß er den Streit nicht aus persönlichem Interesse, sondern aus Gemeinsinn unternommen habe. „Um der deutschen Nation, meinem lieben Vaterlande, meinen schuldigen Dienst nicht zu entziehen," lautete die wörtliche Aeußerung Luther's. Als er geendet hatte, so erklärte der Official, daß die Verhandlung keine Disputation oder Erörterung von Glaubenssätzen, sondern einfach den Widerruf der Luther'schen Schriften zum Zwecke habe, daß sohin die Rede des Angeklagten an die Frage nicht streng genug sich halte. Darum möge er eine einfache und bestimmte Antwort ertheilen. Da antwortete Dr. Martin Luther mit funkelnden Augen und glühenden Wangen: „Weil denn Euer Kaiserlichen Majestät, Kurfürstlichen und Fürstlichen Gnaden eine schlechte, einfältige, richtige Antwort begehren, so will ich die geben, so weder Hörner noch Zähne haben soll. Nämlich also: Es sev denn, daß ich mit Zeugnissen der heiligen Schrift oder mit öffentlichen, klaren und Hellen Gründen und Ursachen überwunden und überweiset werde, so bin ich überwunden. So kan und wil ich nichts widerrufien. Hie stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen." So ein damaliger Bericht. Es ist jetzt erwiesen, daß Luther nur gesagt hat: „Helf mir Gott, Amen."
1800. Die Schlacht bei Voltri; die Oesterreicher unter General Melas erfechten einen Sieg über die von General Massena geführten Franzosen, worauf dieser sich mit einem Theile seines Heeres in die Festung Genua zurückziehen mußte, während der andere Theil den Rückzug durch die piemontesischen Alpen nahm. •
1809. Treffen bei Dinzling und Hausen; durch eine falsche Nachricht über die Bewegungen der Franzosen unter Napoleon I. getäuscht, konnten die Oesterreicher der Uebermacht nicht Stand halten und wurden zum Rückzüge gezwungen.
1864. Erstürmung der Düppeler Schanzen. Die Dänen wehrten sich wacker, aber sie konnten dem gewaltigen Anprall der Preußen nicht widerstehen; — in wenigen Stunden hatten die heldenmüthigen Sieger das schwarz-weiße Banner auf allen zehn Schanzen aufgepflanzt. Mit Verlust von 5000 Mann und 118 Kanonen floh der Feind über den Alsensund hinüber auf die Insel; den Preußen kostete der glorreiche Tag 1100 Mann, die tobt oder verwundet waren.
1873. Justus Freiherr von Liebig, berühmter Chemiker, stirbt in München.
19. April.
1521. Kaiser Karl V. erläßt eine Botschaft in französischer Sprache (!!) an die Reichsversammlung in Worms, worin er sich als den Vertheidiger des römisch-katholischen Glaubens im Sinne seiner Vorfahren erklärt; es reue ihn, daß er Luther bis jetzt geschont habe, nach den Aeußerungen der Hartnäckigkeit, die man gestern von Luther gehört habe. Er werde gegen ihn verfahren wie gegen einen offenbaren Ketzer, und er fordere die Fürsten auf, im gleichen Sinne mit ihm zu handeln. „Wir wollen", hieß es darin, „Martin Luther und seinen Anhang durch die Acht und andere bequemliche Wege uns unterstehen zu dämpfen, wollen wir ihm das zugesagte Geleit nicht brechen." Dieses Umlaufschreiben des Kaisers an die Fürsten wurde mit Mißfallen ausgenommen.
1529. Speyrer Protestation der evangelischen Stände, durch welche für die Folge die evangelische Partei im In- und Auslande den Namen der „Protestanten" erhielt.
1560. Melanchthon stirbt, 63 Jahre alt, „müde und voll Aengften in der Seele um die Zukunft der Reformirten und der deutschen Nation."
1688. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg — der „große Kurfürst" — stirbt.
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