Ausgabe 
12.9.1886 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 212. Zweites Blatt Sonntag den 1?. September 1886.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

I

RhtTMitr Tchut^raße 7.

Erscheint mit AuSiahme bei Montag-.

Die Einberufung des Reichstages auf den 16. September hat der sommerlichen Siesta in unserer inneren Politik mit einem Male ein Ende gemacht. Die nöthigen Vorarbeiten für diese voraussichtlich nur kurze außerordentliche Session, für welche bekanntlich die Ratification des verlängerten deutsch-spanischen Handelsvertrages als einziger Gegenstand aus der Tagesordnung steht, haben im Bunderrathe am gestrigen Freitage begonnen und werden jeden- 'falls rasch zur Erledigung gelangen. Daß die Sesfion mit einer Thronrede -eröffnet werden sollte, wie verschiedene Blätter wiffen wollen, muß nach Lage der Sache al- durchaus unwahrscheinlich bezeichnet werden. Die Eröffnung dürste vielmehr in lediglich geschäftsmäßiger Weise durch den Staatssecretär des Innern, v. Bötticher, geschehen und wird überhaupt die Session, falls sich keine besonderen Zwischenfälle ereignen, den Charakter einer reinen Geschäfts-Session tragen. Eine Commissions-Vorberathung ist nicht in Aussicht genommen; es werden demnach alle drei Lesungen im Plenum vor sich gehen, durch welches Verfahren sich die Session allerdings wesentlich abkürzen wird; die geschäftlichen Förmlichkeiten Wahl des Präsidiums, des Bureaus u. f. w. werden sich auf dem Wege der Acclamationrwahl ebenfalls sehr rasch abwickeln. Die Theil- nahme des Reichskanzler» an den bevorstehenden parlamentarischen Verhand­lungen ist in Folge seines leidenden Zustandes wieder sraglich geworden, doch läßt sich iy dieser Beziehung noch nichts Bestimmtes sagen. Richt unwahr­scheinlich ist e», daß auch die Vorgänge in der auswärtigen Politik in irgend einer Gestalt im Reichstage zur Erörterung gelangen, selbst wenn Fürst Bis­marck nicht anwesend sein sollte, doch darf man wohl erwarten, daß sich die Reichsbot-n in diesem Falle einer speciellen Besprechung der auswärtigen Politik enthalten werden, da Verhandlungen über diesen Gegenstand doch nur einen rein »akademischen Charakter tragen würden.

Ein verdienstvoller Staatsbeamter, der Vorsitzende des wei- manschen Ministeriums, Dr. Stichling, feierte in dieser Woche sein 50jähri- ges Dienstjubiläum. Dis in Weimar am Mittwoch, dem Jubiläumstage, aus diesem Anlaß ftattgefunbene Feier verlief in glänzendster Weise. Der Groß- Herzog und die Großherzogin von Weimar übersandten dem Jubilar ihre Portraits; Namens de» Kaisers und des Bundesrathes wurde Dr. Stichling von Staats­secretär v. Bötticher beglückwünscht, welcher zugleich den Rothen Adler-Orden 1. Klaffe überreichte. Weitere Ordens-Auszeichnungen wurden dem Jubilar Seitens des Königs von Sachsen und der Herzöge von Altenburg und Gotha zu Theil und die theologische Fakultät zu Jena ernannte ihn zu ihrem Ehrendoctor.

In Düsseldorf tagte die diesjährige Hauptversammlung de» Gustav- Adols-Vereins, auf welcher der in der Breslauer Katholiken-Verfammlung erhobene Ruf nach Wiederzulaffung der Jesuiten in Deutschland eine kräftige Zurückweisung erfuhr. An den Kaiser richtete die Versammlung ein ehrfurchts­volles Begrüßungs-Telegramm. In dem thüringischen Soolbade Kösen war der allgemeine deutsche Handwerker-Verein versammelt.

Zum Nachfolger des Barons Courcel, des seitherigen Bot- schasiers der französischen Republik am Berliner Hofe, soll Billot, der ftan- zösische Gesandte in Lissabon, designirt sein.

Auch in dieser Woche lenkten die bulgarischen Ereignisse die Blicke der politischen Welt fast ausschließlich auf sich und dies um so mehr,

Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bdnfltcfcto

Durch die Poft bezöge« vierteljährlich 2 Mark -0

als sonst auf dem Gebiete der auswärtigen Begebenheiten eine merkwürdige Stille herrscht. Für diesmal steht die nun zur Thatsache gewordene Verzicht­leistung des Fürsten Alexander auf die bulgarische Krone im Vordergründe des Interesses an den bulgarischen Dingen. Roch am Dienstag hat Fürst Alexander, nachdem er die neue, aus Karaweloff, Stambuloff und Mutkaroff bestehende eingesetzte Regentschaft noch bestätigt, die Hauptstadt Sofia verlassen und sich zunächst nach dem Städtchen Lompalanka an der Donau begeben, wo­selbst dem scheidenden Herrscher zum letzten Male die AbschiedSgrüße seines Volkes dargebracht wurden. Eine an die Bulgaren erlassene Proklamation bezeichnet den letzten Akt der Regierung des Fürsten. Mit männlich-festen Worten nimmt in diesem bedeutsamen Aktenstücke der Fürst Abschied von der bulgarischen Nation und betont derselbe in seiner Kundgebung namentlich, daß sich Rußland feierlich verpflichtet habe, die Unabhängigkeit, Freiheit und das Recht Bulgariens unangerührt zu lassen. Mit dem Hinweis auf diese von Rußland eingegangene Verpflichtung hat Fürst Alexander seinem Lande den letzten Dienst erwiesen, von nun an muß er es seinem Schicksale überlassen, das vorläufig in den Händen der oben genannten Männer ruht. Von deren Verhalten wird es abhängen, wie lange Rußland den Bulgaren noch das Recht gestattet, über sich selbst zu bestimmen; daß man aber in Petersburg nicht ge­sonnen ist, Bulgarien für immer sich selbst zu überlassen, bedarf keiner be­sonderen Versicherung. Hat doch Rußland schon seinen Candidaten für den nun erledigten bulgarischen Thron in der Person des Prinzen Alexander von Oldenburg, des Commandeurs des russischen Gardecorps, in Bereitschaft. Prinz Alexander aber gilt als dem Czaren ganz unbedingt ergeben und es ist somit klar, daß die Jnstallirung des Oldenburgers auf dem bulgarischen Throne den russischen Interessen in Bulgarien Thür und Thor öffnen würde. Einst­weilen wird jedoch Rußland den kommenden Dingen in Bulgarien gegenüber eine abwartende Stellung einnehmen, zumal es ja eben erst erklärt hat, es denke im Falle der Entfernung des Fürsten Alexander an keine Besetzung Bul­gariens. Es sind daher auch die Besorgnisse überflüssig gewesen, welche man in dieser Hinsicht namentlich in Konstantinopel gehegt zu haben scheint und von denen das jüngste Rundschreiben der Pforte hinlänglich Zeugniß ablegt.V

Mit den übrigen Begebenheiten auf auswärtigem Gebiete ist es in dieser Woche, wie schon erwähnt, recht kärglich bestellt und kann daher der Wochen- chrvnist nicht» von Bedeutung melden. Am ehesten erwähnenswerth erscheint noch die Meldung von der in Bern erfolgten Gründung einer inter­nationalen Union zum gegenseitigen Schutze des literarischen und künstlerischen Eigenthums.

Weiter liegen aus Frankreich die üblichen Spionengeschichten oorr bei denen natürlich die Deutschen wieder eine hervorragende Rolle spielen; schade nur, daß an den von den französischen Hetzblättern beliebten Dar­stellungen kein Wort wahr ist.

In England schleichen die parlamentarischen Verhandlungen im Unter- Hause dahin, ohne besonderes Interesse zu erzeigen. Wahrscheinlich wird in dieselben nicht eher etwas mehr Lebendigkeit kommen, als bis der von Parnell ausgearbeitete Gesetzentwurf, betr. die Erleichterung der Lage der irischen Pächter, zur Erörterung gelangt, da derselbe jedenfalls der Opposition der Iren und Gladstonianer Gelegenheit zu scharfen Angriffen auf die irische Politik des Cabinets Salisburß geben wird.

In Rußland endlich ziehen die schon erwähnten großen Manöver bei Brest-Litewski hauptsächlich die Aufmerksamkeit auf sich, schon durch die An­wesenheit des kaiserlichen Hofes und die ungewöhnlich große Zahl der hierbei zur Verwendung gelangenden Truppen.

Wochen - Ueberficht.

Gießen. 11. September.

Nach einer verhältnißmäßig nur kurzen Ruhepause ist für Unfern Kaiser mit den Kaisermanövern im Elsaß eine neue Zeit der Anstren­gungen und Mühen gekommen, denen sich der greife Monarch in seinem bekannten hohen Pflichtgefühl auch diesmal trotz feiner 90 Jahre nicht hat entziehen wollen. Am Mittwoch Abend hat der Kaiser mit großem Gefolge die Reichshauptstadt verlassen und sich zunächst nach Baden-Baden zur Begrüßung feiner dort weilen­den Gemahlin begeben. Die Ankunft in Baden-Baden erfolgte Donnerstag Vor- mittag 9 Uhr; am Freitag Mittag fetzten die kaiserlichen Majestäten gemein­schaftlich die Reise nach Straßburg fort, woselbst sie in Begleitung des Kronprinzen, welcher, von den Manövern in Bayern kommend, sich in Appen­weier seinen erlauchten Eltern anschloß, in der dritten Nachmittagsstunde des 10. September eingetroffen sind. In der Hauptstadt des Elsasses werden auch die zahlreichen deutschen Fürstlichkeiten, welche den diesjährigen Kaisermanövern beiwohnen, den allerhöchsten Kriegsherrn begrüßen und ihn von Straßburg aus «ach dem Manöver-Terrain begleiten.

Prinz Wilhelm von Preußen hat sich als Vertreter seines kaifer- Lichen Großvaters zur Begrüßung des Kaisers Alexander nach Brest- Litewski in Russisch-Polen begeben, wo der russische Hof anläßlich der in dortiger Gegend stattfindenden großen Manöver weilt. Prinz Wilhelm wird den letzteren jedoch nur kurze Zeit beiwohnen und sich bann birect nach dem Elsaß behuf» Theilnahme an den Kaisermanövern begeben.

Fürst Bismarck leidet, einer osficiösen Mittheilung zufolge, an einer Muskel-Zerrung oder -Zerreißung, die er sich auf der Heimreise von Gastein zugezogen. Der Fürst beachtete anfänglich die Sache wenig, schließlich machten sich die Schmerzen aber dermaßen geltend, daß ihm jede Bewegung unmöglich geworden ist und er sich qenöthigt sieht, fast nur in liegender Stellung gu verharren. So schmerzhaft indessen auch dieser Zustand für den Fürsten ist, so gtebt derselbe doch zu keinerlei Besorgnissen Anlaß und beeinträchtigt die Arbeitskraft des Kanzlers nicht im Mindesten.

Vermischte-.

Frankfurt, 3. September. Der Criminalpolizei glückte heute Morgen ein guter Fang. Drei Detectives gingen durch die Fahrgasse, als ihnen ein Mensch be­gegnete, der schon sehr oft im Gesängniß und sogar im Zuchthaus gesessen hatte. Sie sprachen denselben, da sie ihn genau kannten, an und forschten ihn cüt wenig aus. Während sie noch mit dein Menschen sprachen, kam ein Mann gerannt und erklärte, die Geliebte des ehemaligen Zuchthäuslers habe ihm in der Obermainanlage ein Portemonnaie mit mehr als 70 «X aus der Tasche gestohlen. Da nun der Geliebte der Diebin die beste Auskunft über deren Verbleib geben konnte, so nahm man den Herrn fest und zwang ihn, Führer zu sein. Nach kurzer Mühe war denn auch die Gesuchte gefunden. Man durchsuchte sie und ihre Habseligkeiten und fand einige Portemonnaies mit einem Inhalte von je 100 bis 30 JL Selbstverständlich hielt man es auch für gut, den sauberenGeliebten" der Diebin zu durchsuchen und förderte dabei außer einer Portion Geld, oas er von seiner Braut empfangen haben wollte, einen sechsfach geladenen Revolver aus seinen Taschen zu Tage. Angeüchts dieser Entdeckungen fand man es am Platze, Braut sammt Bräutigam zu verhaften. Auf dem Transport zum Gesängniß mußte es der Diebin unangenehm gewesen sein, allein im Gesängniß anzukommen, denn sie machte plötzlich Halt und erklärte, man könne sofort noch ein Frauenzimmer verhaften, das einem Fremden in Homburg v. d. H. eine Uhr im Werthe von 600 JL gestohlen habe. (Dieser Fall ereignete sich bekannt­lich vor mehreren Tagen, ohne daß der Dieb gefunden worden wäre.) Die Detectives nahmen den Vorschlag an, vertrauten der diebischen Führerin und kaum eine Viertel­stunde später befand sich die längst gesuchte Diebin in ihrer Gewalt. Da die zuerst Verhaftete nun doch einmal verrathen hatte, so denuncirte sie nun weiter ein Frauen- jimmer, daß sich an einem größeren Diebstahle betheiligt, ein Weib, das einige Taschen- riebstähle verübt, und deren Hehler. Sämmtliche Spitzbübinnen und der letztgenannte Hehler konnten gleich festgenommen werden.

Ober-Ingelheim, 6. September. Wegen des Verdachts der Brandstiftung, verübt am verflossenen Freitag, wobei an drei verschiedenen Stellen Feuersbrünste ent­standen sind, ist nunmehr ein hier wohnender Schlosser aus Offenbach verhaftet