Ausgabe 
12.9.1886 Erstes Blatt
 
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Nr/212 Erstes Blatt. Sonntag den 12 September 1886»

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Bttttant Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Drei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brlngedcfau

Durch bte Poft bezogen vierteliäbrlieü 2 Mark &0 M.

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Bekanntmachung.

xn, Ju Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende DurchschmttSmarktpreise vom Monat August veröffentlicht: 0

Hafer JL 13.20, Heu JL 5.13, Stroh JL 4.23 pro 100 Kilogramm.

Gießen, am 10. September 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__________ Dr. Boekmann.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz dem Allgemeinen DeutfLerr Versicherungsverem m Stuttgart die nachgesuchte Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Hessen auf Widerruf ertheilt hat.

Gießen, am 9. September 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

_________________________________________ I- V.: Jost, Regierungsrath.

Gefunden: 1 Taschentuch, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Serviette.

Zugelaufen r 1 kleiner Hund.

Gießen, am 11; September 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius. _______________

Deutschland.

Darmstadt, 10. Septbr. Se. Königl. Hoheit der Grobherzog sind in Begleitung des General-Adjutanten Generalmajor v. Westerweller und des Flügel-Adjutanten Oberstlieutenant Wernher heute Morgen 6 Uhr von Fried­berg über Mannheim-Ladenburg nach Straßburg abgereist. In demselben Zuge befanden sich Se. Maj. der König von Sachsen und Se. Königl. Hoheit Prinz Georg von Sachsen.

Darmstadt, 10. September. Der Fürst Alerqnder traf um 4 Uhr 20 Min. hier ein und wurde von einer ungeheuren Volksmenge, welche den Bahnhof, den Bahnhofsplatz und die Bahnlinie besetzt hatte, stürmisch begrüßt. Nach herzlicher Begrüßung durch den Vater, Bruder und die Verwandten nahm der Fürst eine Ansprache des Ober-Bürgermeisters Ohly entgegen, der ihn Namens der Stadt bewillkommnete. Der Fürst dankte, durchschritt den Fürsten­saal und zeigte sich der am Bahnhofsplatz versammelten Menge. Nachdem der Begrüßungssturm sich gelegt hatte, sprach der Fürst:Ich danke Ihnen herzlich für den freundlichen Empfang und werde das nie vergessen. Ich bin unendlich erfreut, daß ein Hesse, wenn er aus der Fremde zurückkehrt, von seinen Landsleuten so sympathisch empfangen wird." Hierauf kehrte der Fürst auf den Perron zurück und stieg mit Verwandten und Gefolge in den bereit­stehenden Extrazug. Unter endlosem Hochrufen, Tücherschwenken und Kränze­wersen der Menge fuhr der Zug ab. (Fr. Ztg.)

Bickenbach, 10. September. Als Fürst Alexander hier eintraf, spielte sich eine ergreifende Scene des Wiedersehens zwischen ihm und seiner Mutter ab, die schluchzend in die Arme des Sohnes sank. (Fr. Ztg.)

Jugenheim, 10. September. Das Städtchen ist reizend decorirt. Der Fürst Alexander wurde von den Einwohnern und Kurgästen auf das Leb­hafteste begrüßt. (Fr. Ztg.)

Hesterreich.

Aus Prag wird derKöln. Ztg." über ein närrisches Gesuch berichtet, dar von einigen czechischen Fanatikern, an deren Spitze der Führer der czechi- schen Antisemiten, ein biderber Wäschehändler, steht, an den Prager Stadtrath gerichtet wurde. In diesem unterthänigsten Promemoria werden die ehrsamen Stadtväter gebeten, dahin zu wirken, daß den deutschen Couleur-Studenten in Prag das Tragen von studentischen Abzeichen, Mützen und Tricoloren u. s. w. verboten werde. Begründet wird diese Narretei vor Allem mit der Unwahrheit, daß Prag eineczechische Stadt" sei. Dieser Charakter werde ihr aber dadurch geraubt, daß man in den Straßen zahlreiche deutsche Studenten herumziehen sehe, welche an ihren Abzeichen leicht erkennbar sind. Die Prag besuchenden Fremden müßten die Meinung bekommen, sie befänden sich in einer Stadt des deutschen Reiches. Die deutschen Studenten seien an zahlreichen Reibereien schuld; die czechische Landbevölkerung, welche aus Furcht vor Zusammenstößen mit den deutschen Studenten die verschiedenen czechischen Feste in Prag nur spärlich besuche, werde sich dann, wenn jenes Verbot ergangen sein werde, wie­der zahlreich in Prag einfinden. Es ist gewiß lustig, wenn die Petenten einer­seits behaupten, Prag sei eineczechische Stadt", wenn sie aus der andern Seite erklären, die czechischen Landbewohner in der Umgebung Prags fürchteten sich, die Hauptstadt zu besuchen- eben dieser deutschen Studenten wegen. Dagegen ist es allgemein bekannt, daß die deutschen Studenten alle Ursache haben, Aus­flüge in den Machtbereich dieser harmlosen Landbevölkerung zu unterlassen die Namen Kuchelbad und Veleslawin, in welchen beiden Orten das eine Mal über deutsche Studenten, das andere Mal über deutsche Studenten und Turner ein verhängnißooller Steinhagel niederging, stehen den Prager Deutschen noch in zu frischer Erinnerung. Ueber dasczechische Prag", dessen 50,000 deutsche Bewohner, sowohl was Intelligenz, als was Besitz anlangt, die Elite der ganzen Bevölkerung bilden, fei mit dem großen Wäschehändler nicht weiter gerechtet,

der sich mit seiner Petition auch insofern verrannt hat, als der Prager Stadt­rath eine rein communale'Behörde ist, die kein Recht hat, irgend Jemanden und am allerwenigsten den deutschen Studenten, deren Abzeichen und Farben ihnen gesetzlich zugestanden und statuarisch gewährleistet sind, das Tragen von Bändern und farbigen Mützen zu verbieten.

Telegraphische Depesche«.

Berlin, 10. September. DasArmee-Verordnungsblatt" enthält eine Bekannt­machung des Kriegsministers vom 3. September, wonach auf Grund allerhöchster Be­stimmung alle ausländischen (nicht deutschen) Fürsten, welche in irgendwelcher Form zur Armee in Beziehung stehen, künftig ohne Angabe des militärischen Ranges in der Rangliste geführt und in die Anciennetätsliste nicht ausgenommen werden. Betreffs der Anlegung der Gradabzeichen wird angenommen, daß alle nichtdeutschen regierende Herren zur preußischen Uniform mindestens die Abzeichen eines Generalmajors tragen während es ihrem Ermessen überlassen bleibt, auch zur preußischen Uniform Grad/ abzeichen anzulegen, welche sie zur heimathlichen Uniform tragen. Die übrigen zur preußischen Armee in Beziehung stehenden Mitglieder der ausländischen regierenden Familien werden bezüglich der Anlegung von Rangabzeichen der preußischen Armee als demjenigen Range angehörend angesehen, welchen sie in der Heimathsarmee bekleiden.

Der Bundesrath ertheilte der Vorlage und dem Ausschußberichte, betreffend die Verlängerung des deutsch - spanischen Handels- und Schifffahrts - Vertrages, die Zustimmung.

DieN. A. Z." schreibt über die Hitzschläge während der Herbstübungen: Ueber Erkrankungen und Todesfälle am Hitzschlag bei der Armee während der dies­jährigen Herbstübungen drangen sehr übertriebene Nachrichten in die Oeffentlichkeit. Nach den vom Kriegsministerium am 8. d. M. erforderten telegravhischen Meldungen der Corps-Generalärzte kamen bei den 14 den preußischen Contingentsverwaltungen angehörigen Armeekorps 84 leichte und schwere Erkrankungsfälle vor, darunter sieben tödtlich, von letzteren mindestens einer, welcher durch eigenes Verschulden, bezw. in­structionswidriges Verhalten des Betreffenden entstanden ist. In einem anderen Falle trat die zum Tode führende Erkrankung nicht nach dem Marsche oder der Uebuna sondern nach der Etsenbahnfahrt ein.

Der Hamburger PostdampferLessing", welcher am 7. d. M. von Havre nach Newyork abgegangen ist, lief heute früh mit Verlust der Schraube unter Assistenz eines Hafenschlepper-Dampfers in Queenstown ein. Da sich eine Reserveschraube an Bord befindet, wird derLessing" voraussichtlich die Reise bald wieder fortsetzen können.

Wien, 10. September. DasFremdenblatt" vermuthet, daß die weitgehenden, sogar auf eine Einverleibung Bulgariens in Rußland sich zuspitzenden Blättermeldungen über angebliche Intentionen Rußlands bezüglich Bulgariens nur die Aspirationen der russischen Panslavisten wiederspiegeln. Was den Antheil anbetreffe, den man Oester­reich-Ungarn hierbei vindiciren möchte, welches insbesondere die Herbeiziehung der Frage wegen der Annexion Bosniens und der Herzegowina verlange, so könne das Fremdenblatt" dieselbe auf das Bestimmteste in das Gebiet der willkürlichen Com­binationen verweisen.

Paris, 10. September. DemTemps" zufolge begibt sich der neue Botschafter Herbette Mitte October nach Berlin, um seine Accreditive zu überreichen.

DerUnivers" veröffentlicht eine aus Hongkong von gestern datirte De­pesche des Bischofs Puginier im Tonkin über eine im August in Tan Hoa statt­gehabte Christenverfolgung, wobei 30 Ortschaften eingeäschert und 100 Christen nieder­gemacht wurden.

London, 10. September. Das Unterhaus erledigte sämmtliche Positionen deS Marinebudgets.

Petersburg, 10. September. DasJournal de St. Petersbourg" sagt be­züglich des Textes der Proklamation des Fürsten Alexander, worin von Versicherungen gesprochen wird, die Rußland ertheilt habe: Rußland habe aus Gründen, auf welche man nicht näher einzugehen brauche, dem Fürsten gegenüber keinerlei Verpflichtungen übernehmen können. Angesichts des gegenwärtigen Streites der Parteien und der daraus folgenden Erregtheit der Gemüther seien indessen die russischen Agenten in Bulgarien angewiesen, der Bevölkerung mitzutheilen, daß die kaiserliche Regierung bereit sei, ihren ganzen Einfluß aufzuwenden, um die Parteien miteinander zu versöhnen und die Ruhe wiederherzustellen; daß sie sich dieserhalb nicht weigern werde, eine provisorische Re­gierung zu unterstützen, welche, legalerwctse eingesetzt, es verstehe, nicht Parteiinteressen, sondern die Interessen des allgemeinen Landeswohles zu verfolgen und sich bemühen werde, die Uneinigkeiten zu beenden, worunter Bulgarien schon zuviel gelitten habe.