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11.7.1886 Zweites Blatt
 
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Mr. ISS Zweites Blatt Sonntag den 11. Juli ISS«

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Wochen - Uebersicht.

GLeßen, 10. Juli.

Dietobte Jahreszeit" macht ihre Rechte, wie im gesellschaftlichen Leben, so auch in der Politik jetzt unverkennbar geltend und die abgelausene Woche bekundete wenigstens in Bezug auf die innerpolitifchen Angelegenheiten den Mangel an erheblicherem Nachrichts-Material in fast auffallender Weise. Von bemerkenswerthen Meldungen ist da einzig und allein diejenige über den Verbleib des bayerischen Ministeriums Lutz auf seinem Posten zu verzeichnen und dies namentlich wegen der Art und Weise, in welcher der Prinz-Regent Luitpold das Entlassungsgesuch des Ministeriums abgelehnt hat. Daß der Prinz-Regent die bisherigen Minister beibehalten würde, darüber herrschte ja -fast allseing Uebereinstimmung, nur daß er dem Cabinet in so offener und für dasselbe so überaus ehrenvoller Art seine Anerkennung für die Wahrnehmung der Jntereffen des Landes ausgesprochen, überraschte einigermaßen um so glänzender stellt sich deshalb die Rechtfertigung des Cabinets Lutz dar. Kein Fürst hätte seinen Berathern einen eclatanteren Beweis seines vollsten Vertrauens geben können, als dies in dem ablehnenden Antworts-Schreiben des Prinzen Luitpold auf das Entlaffungsgesuch der bisherigen leitenden Persönlichkeiten Bayerns geschehen ist. Man darf wohl überzeugt fein, daß die große Mehrheit des Bayernvolkes dieser Entscheidung des greisen Fürsten, den ein verhängniß- volles Geschick an die Spitze der Regierung berufen hat, aus überzeugtem Herzen zustimmen wird.

Eine lebhafte Controverse in der Tagespresse hatte die Ab- lehnung des ReichSzuschuffeS zu der geplanten Berliner nationalen Ausstellung hervorgerufen. Der weitaus überwiegende Theil der Blätter spricht sich zustim­mend zu diesem Votum des Bundesrathes aus und billigt vollkommen deffen Beweggründe, die in der Ueberzeugung givseln, daß in weiten Kreisen der deut­schen Industrie das Ausstellungs-Unternehmen für jetzt aus keine Sympathien, geschweige denn aus thatkräftige Unterstützung rechnen kann. Bedeutsam ist in­dessen, daß man in Regierungskreisen, wie sich aus einem bezüglichen Artikel der vsficiösenBerl. Polü. Rachr." entnehmen läßt, die Hoffnung aus ein schließ­liches Zustandekommen der Ausstellung nicht aufgegeben hat und man kann nur wünschen, daß sich diese Hoffnung in nicht allzuserner Zeit verwirklichen möge.

Wohl selten sind über Reisen eines hervorragenden Diplo­maten so widerspruchsvolle Nachrichten verbreitet worden, als es diesmal bezüglich der Sommerrcisen des leitenden Staatsmannes Rußlands, des Herrn v. Giers, der Fall gewesen ist. Zu wiederholten Malen wurde schon die bevor­stehende Abreise desselben aus Petersburg gemeldet, ja, dieselbe sollte schon erfolgt fein und Berliner Meldungen besagen sogar, daß Herr v. Giers am Dienstag in Berlin eingetroffen sei und bald nach seiner Ankunft Unterredungen mit ver- fSiebenen leitenben Persönlichkeiten gehabt habe. Speciell dieRat.-Zeitung" wußte zu berichten, daß der russische Staatsmann im Central-Hotel abgestiegen sei, gleich darauf sah sich aber das genannte Blatt gezwungen, diese Meldung zu bementiren, mit dem Bemerken, baß Herr v. Giers vorläufig Petersburg noch gar nicht zu verlassen gedenke. Der Minister wirb vielmehr, nach berselben Quelle, feine Sommerreisen erst Enbe Juli antreten, die ihn zunächst nach Fran- zensbab, wo die Familie des Ministers weilte und bann nach Cannes führen werden. Unter diesen Umständen müssen selbstverständlich auch alle Gerüchte, die über eine angeblich bevorstehende Zusammenkunft zwischen dem Fürsten Bis­marck und Herrn v. Giers in Umlauf sind, einstweilen als gegenstandslos erscheinen.

Auf dem Gebiete der hohen Politik ist es das Vorgehen Ruß­lands in Batum und die hiermit in Zusammenhang stehende Verletzung des Berliner Vertrages, was aus Mangel an Besserem von den Blättern ziemlich eifrig erörtert wird. Die Aufhebung des Freihafen-Charakters Batumü, wie /sie durch den jüngsten Ukas des Czaren ausgesprochen wird, bedeutet die ein­fache Streichung von Art. 59 des obigen Vertrages durch Rußland und also eine flagrante Verletzung der Beschlüsse, welche der Berliner Congreß im Jahre 1878 zur Neuordnung der Verhältnisse im Orient gefaßt und in dem Vertrage niedergelegt hat. ES scheint indessen, daß die Mehrzahl der (Kontrahenten die von Rußland kurzweg bekannt gegebene Streichung der Bestimmung, wonach Batum nur als Freihafen im Besitze Rußlands bleiben solle, nicht sonderlich tragisch nimmt. Man findet es ganz erklärlich, baß sich bie russische Regierung tiner lästigen Fessel, welche für sie offenbar Art. 59 bes Berliner Vertrages bedeutet, entledigt, und da wenigstens die continentalen Großmächte kein beson­deres Interesse daran haben, ob jener entfernte Handelsplatz an der kleinasiati- fchen Küste des Schwarzen Meeres Freihafen bleibt oder nicht, fo steht auch nicht zu erwarten, daß von dieser Seite nachträgliche Schwierigkeiten gegen das rassische Vorgehen erhoben werden. In England freilich flieht sich eine gereizte Stimmung gegen die Handlungsweise Rußlands kund und bie tonangebende Lon­doner Presse, voran dieTimes", zeigt sich während der Batumer Affaire hoch entrüstet. Das erscheint auch begreiflich, lediglich auf Betrieb des damaligen englischen Premiers, Lord Beaconsfield, setzte der Berliner Congreß die,Bestim­mung, daß Batum nur als Freihafen bei Rußland verbleiben solle, fest, und wenn nun letzteres diese Clausel jetzt höchst ungenirt streicht, fo ist das allerdings für England recht fatal. Indessen, man wird sich in London hüten, wegen diffes Zwischenfalles ernstlich mit dem russischen Rivalen anzubinden, dazu hat man ja an der Themse seine guten Gründe und so wird es bei ein paar wässerigen Protesten sein Bewenden haben. Und im Grunde genommen will

man Rußland verargen, daß es sich kaltblütig über eine ihm unbequeme Be­stimmung des Berliner Vertrages hinwegsetzt, nachdem schon das kleine Bulga­rien den letzteren durch den Philippopeler Staatsstreich ungestraft verletzen durste? Wohl schwerlich, und so wird denn weiter nichts übrig bleiben, als daß eine (Konferenz nachträglich Ja und Amen zu dem russischen Coup sagt.

Die Cholera-Epidemie an der Ostküste Italiens scheint ihren Höhepunkt endlich überschritten zu haben. Wenigstens ist in Latiano, dem Hauptseuchenherd, die Zahl der täglichen Erkrankungen an der Cholera, die sich vor Kurzem auf über 100 belief, entschieden zurückgegangen, wenn­gleich sie noch immer eine hohe ist. Am 7. Juli betrug sie z. B. 70, auch starben in Latiano zu gleicher Zeit 26 Personen an der Cholera; am selben Tage kamen in dem ebenfalls besonders heimgesuchten Francavilla 76 Er­krankungen und 34 Todesfälle an Cholera vor. Außerdem hat die Seuche auch Ortschaften ergriffen, die bis jetzt als cholerafrei galten, so Codigoro und Erchie. Aus Triest wird gemeldet, daß daselbst vom Dienstag Mittag bis Mittwoch Mittag kein Cholerafall vorgekommen sei.

Jenseits ber Vogesen hat man anläßlich des Empfanges aus Tongking heimkehrender Truppenabtheilungen wieder einmal stark im Patrio­tismusgemacht". Natürlich spielte bei den verschiedenen Begrüßungsreden auch die Revanche wieder ihre Nolle, wenngleich in dieser Beziehung lange nicht so viel geleistet wurde wie bei früheren Gelegenheiten. Auffälligem eise war bei dem Empfange der Truppen der Kriegsminister Boulanger nicht an­wesend, obwohl derselbe doch sonst keinen Anlaß vorübergehen läßt, um seinen bekannten Patriotismus in das gehörige Licht zu setzen.

Die türkisch-montenegrinischen Grenzscharmützel sind be­endigt. Amtliche Cettinjer Berichte constatiren, daß reguläre türkische Truppen nahe der Grenze vollkommen passive Zuschauer der Kämpfe in Mojcovac blieben und dieser klugen Zurückhaltung ist es wohl auch zu danken, daß die jüngste Kopsabschneiderei zwischen Montenegrinern und Türken keine weiteren Folgen gezeitigt hat.

In dem Wahlwettrennen der englischen Parteien haben die Conservativen noch immer die Führung. Von 415 bis Mittwoch Nach­mittag bekannten Wahlen entfielen auf jene 218, auf die dissentirenden Libe­ralen 45, auf bie Anhänger Gladstone'S 108 und auf die Parnelliten 44. Die Conservativen verfügen also bis jetzt über mehr Abgeordnete, als alle drei anderen Parteien zusammengenommen, und speciell den Gladstonianer gegenüber verfügen sie über den ganz bedeutenden Vorsprung von HO Stimmen. In Regierungskreisen beginnt man denn auch, eine eventuelle Niederlage der Anhänger Gladstones ernstlich in Betracht zu ziehen. DieDaily News" wissen zu melden, daß nächsten Dienstag oder Mittwoch, bis zu welchem Zeit­punkte die Wahlen in der Hauptsache vollzogen sein werden, ein Cabinetsrath stattfinden solle, der über das Verfahren der Regierung gegenüber dem Wahl- ergebniß entscheiden wird.

Bezüglich des Vorgehens Rußlands in Batum bemerkt das­selbe Blatt, die Handlungsweise Rußlands sei ein grober Vertrauensbruch. England könne weder zugeben, noch verzeihen, was Rußland gethan; jedoch sei die Einberufung einer Conferenz ober die Ergreifung thätigec Maß­nahmen nicht in Aussicht genommen, auch ein regelrechter Protest über­flüssig, falls England nicht vorbereitet sei, über bloße Worte hinauf Zugehen.

Vermischte-.

Nachstehend geben wir eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten neueren Fälschungen und ihrer Kennzeichen. Falsche Zwanzigmarkstücke sind in Thüringen mehrfach angehalten worden; sie nehmen besonderes Interesse für sich in Anspruch, da sie ausgezeichnet fein in Silber hergesteUt und dann galvanisch vergoldet sind. Zn erkennen sind sie nur durch Wägung, denn entweder sind die Stücke wesentlich dicker oder wesentlich leichter als die echten Stücke. Von falschen Zweimarkstücken sind mehrere Sorten aufgetreten. Die eine trägt das Münzzeichen A und ist unschwer an der unregelmäßigen, theilweise abgegriffenen Aufschrift, sowie am Klange und Gewichts­unterschied zu erkennen. Die andere besteht aus einer Mischung von Blei und Zinn, trägt württembergisches Gepräge mit der Jahreszahl 1876 und hat dumpferen Klang, wie auck größere Weichheit; letztere sollen aus der Schweiz stammen, ebenso eine Sorte falsche Einmarkstücke aus Zinn, theils gegossen, theils gepreßt, mit der Jahreszahl 1875. Falsche Zwanzigpfennigstücke kommen nach wie vor häufig in den Verkehr. Namentlich ist eine gefährliche Sorte aufgetaucht, die aus Neusilber von tadellosem Gepräge besteht. Sie sehen etwas gelblich aus. Von Papiergeldfälschungen ist nichts Neues bekannt geworden; in dieser Beziehung bewährt sich das Pflanzenfaserpapier als vorzüglicher Schutz.

Coburg. Ein hier wohnender Italiener kam auf's Standesamt, um sein Auf­gebot mit einer Coburgerin zu veranlassen. Er legte zugleich seine Papiere vor. Zum nicht geringen Erstaunen des Standesbeamten stellte sich aber heraus, daß der Jtaliano schon eine lebende Frau in Triest habe. Auf die Frage, wie er denn auf den Gedanken komme, eine zweite Frau zu nehmen, sagte er ganz trocken:Ja, die andere gilt doch nur für's Ausland." Kopfschüttelnd und betrübt zog er von dannen, als der Standes­beamte erklärte, daß diese rechtliche Anschauung seinerseits nicht getheilt werde und daß es deshalb nichts mit der zweiten Ehe sei. Was mag die arme in Aussicht genommene zweite Gattin für ein Gesicht gemacht haben!

- Folgende goldene Regeln für Industrielle giebt ein amerikanisches Blatt: Behandle deine Arbeiter als deine Mitmenschen. - Kaufe für deine Arbeiter gutes Material. Liefere nur solide Arbeit. Ueberstürze dich nicht in deinem Gcschafts- eifer und lasse deine Coneurrenten auch leben. Arbeite nicht über deine Kräfte Halte auf dein NenouiNiee. Bezahle deine Schulden aiif's Pünktlichfte. Gieb feine Gefälligkeit Hiros. Achte daö Talent und fordere nicht, daß sich dasselbe blmdlmgv dem Geldbeutel unterwerfe. Unterstütze die Talente und du unterstützest die Fort­schritte und dich selbst. Beachte die Fortschritte auf dem Gebiete der Industrie und