Sonntag den 9 Mai
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MVksOvr Vchnsft-raß? 7.
Mx. 107 Zweites Blatt
Wochen - Ueberstcht.
Gießen, 8. Mai.
Die zweitägige Generaldebatte über die kirchenpolitische Vorlage, welche das preußische Abgeordnetenhaus am Dienstag und Mittwoch beschäftigte, beherrschte die Woche in Bezug aus die innere Politik vollkommen. Ein positives Resultat ist natürlich, da es lediglich die erste Lesung war, noch nicht erzielt worden, zu einem solchen wird erst die Specialberathung führen, über deren Beginn indessen noch nichts Näheres bekannt ist; eine Corn- missionsberathung findet nicht erst statt. Doch steht das Ergebniß der kirchen- Pvlitischen Verhandlungen des Abgeordnetenhauses schon jetzt fest und als dasselbe ist nach wie vor die im Wesentlichen unveränderte Annahme des Gesetz- Entwurses den Beschlüffen des Herrenhauses gemäß zu betrachten,- hieran läßt der Gang der Generaldiscussion keinen Zweifel. Von Seiten der Regierung griff Fürst Bismarck am Dienstag dreimal in die Verhandlungen ein; er betonte immer wieder, daß er das vollste Vertäuen in die Friedensliebe des Vatikans habe und daß jetzt die rechte Zeit zu einem befriedigenden Abschlüsse der kirchenpolitischen Kämpfe sei. Bemerkenswerther Weise wandte sich der Kanzler weniger gegen die Nationalliberalen, trotz deren stricten Opposition, als gegen die freisinnige Partei und speciell wieder gegen Herrn Richter, der in seiner Erwiderung dem Reichskanzler allerdings nichts schuldig blieb. Am zweiten Verhand- lungstage vertrat der Cultusminister Dr. v. Goßler die Regierung, welcher die Versicherung gab, daß bei einer weiteren Revision der Maigesetzgebung kein Komma ohne die Zustimmung der Landesvertretung geändert werden solle; im Uebrigen konnte auch der Cultusminister nur die Mahnung aussprechen, mit „einigem Vertrauen" in die Entwickelung der Dinge zu blicken. Charakteristisch war das Verhalten des Centrums; daffelbe begnügte sich, am Dienstag durch den Abg. Windthorst die Erklärung abzugeben, daß es der ktrchenpolitischen Vorlage zustimmen werde, sich aber an den weiteren Verhandlungen nicht betheiligen würde, falls man es hierzu nicht provocire. Dementsprechend verhielt sich crm Mittwoch das Centrum vollkommen passiv — offenbar paßte dieses Schweigen durchaus in die Situation! Die zweitägigen Verhandlungen hatten noch Mancherlei intereffante Specialzüge aufzuweisen, von denen wir nur die Auseinandersetzungen zwischen der nationalliberalen und der freisinnigen Partei, sowie zwischen jener und den Conservativen noch hervorheben wollen, und die Schärfe, mit welcher dies geschah, läßt fast vermuthen, daß wir am Anfänge neuer Verschiebungen in der gegenseitigen Parteiconstellation stehen. — Die kirchen- politischen Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses nehmen das allgemeine Jnterefle noch so sehr in Anspruch, daß für die Besprechung der anderweitigen innerpolitischen Angelegenheiten nur wenig Raum bleibt. Ueber den Fortgang der Verhandlungen der Bundesraths-Ausschüffe in Betreff der neuen Branntweinsteuer-Entwürse dringt nichts Verläßliches in die Oeffentlich- feit, nur erhält sich die Annahme, daß die Entwürfe Anfangs nächster Woche an das Plenum des Bundesraches würden gelangen können.
Aus München wird gemeldet, daß das Project, die finanziellen Schwierigkeiten der königlichen Cabinetskaffe durch eine dem bayerischen Landtage zu machende Vorlage zu beseitigen, an dem Widerstreben der Wortsührer der klerikalen Partei gescheitert sei. Die Civilliste wird also versuchen muffen, so gut es eben gehen will, ihren dringendsten Verpflichtungen mit den zu Gebote -stehenden Mitteln gerecht zu werden.
Aus finanzpolitischem Gebiete ist ein Erlaß des preußischen Finanzministers zu registriren, durch welchen die 4procentigen Prioritäten der Berlin - Görlitzer Eisenbahn von 1868 und 1871, der Märkisch-Posener Eisenbahn von 1871 und 1878 und der Cottbus-Großenhainer Eisenbahn von 1872 und 1880 zur Conversion in ZVzprocentige al pari ausgerusen werden.
Bei Bischof Dr. Korum in Trier waren in dieser Woche Erzbischof Dr. Krementz von Köln, Bischof Dr. Brinkmann von Münster, Bischof Roos von Limburg und Bischof Koppes von Luxemburg versammelt. Die Conserenz dürste unzweifelhaft mit -er gegenwärtigen kirchenpolttischen Lage zusam- mengehangen haben.
Der österreichische Reichsrath hat in dieser Woche seine durch die Osterpause unterbrochene Thätigkeit zunächst im Abgeordnetenhause wieder ausgenommen. Einen der Mittelpunkte der Berathung in diesem zweiten Abschnitte der Session werden die dem Reichsrathe über den österreichisch-ungarischen Ausgleich zugegangenen Vorlagen bilden. Dieselben betreffen die Bank-, Zuckerund Zollsrage, über welche in den jüngsten gemeinsamen Minister-Conserenzen in Wien nun endlich eine Verständigung erzielt worden ist. Daß die Ausgleichs- Vorlagen vom Reichsrathe genehmigt werden, ist nicht zu bezweifeln, doch sieht man hierbei im Abgeordnetenhause wenigstens lebhaften Debatten entgegen.
Die belgische Regierung hat sich zu einem bedeutsamen Schritte zur Bekämpfung der Arbeiterkrisiü entschlossen. In der Mittwochssitzung der Deputirtenkammer kündigte der Ministerpräsident und Finanzminister Bernaert eine Anleihe-Vorlage von 43 Millionen Francs an, um den zahlreichen beschäftigungslosen Arbeitern Beschäftigung zu geben. Dieses Vorgehen machte auch auf Seiten der liberalen Opposition einen günstigen Eindruck. Der greise Führer der Liberalen, Frvre-Orban, beglückwünschte offen die Regierung zu ihrer Initiative und beantragte eine parlamentarische Enquete über die Lage der Arbeiter und der Industrie. Auch gab Fröre-Orban die Erklärung ab, daß seine Partei die Regierung in dem Bemühen, die Lage der arbeitenden Klaffen zu verbessern, ausrichtig unterstützen würde, um die großen Störungen fernzuhalten, die sich
anzukündigen schienen. — Indessen wird es der belgischen Regierung auf die Dauer doch nicht gelingen, durch rein finanzielle Maßnahmen die Lage Der arbeitenden Klaffen zu verbessern, wenn diese Maßnahmen nicht durch entsprechende gesunde Reformen auf socialpolitischem Gebiete unterstützt werden.
Aus England ist als ein bedeutsames Ereigniß die am Dienstag erfolgte Eröffnung der colonialen und indischen Ausstellung in London zu verzeichnen. Die Königin, welche die Ausstellung eröffnete, nahm hierbei Gelegenheit, darauf hinzuweifen, wie die Ausstellung geeignet fei, das Band der Einheit, das alle Theile des britischen Reiches umfasse, zu stärken und unzweifelhaft gewinnen diese Worte der Monarchin in dem Augenblicke, in welchem sich das englische Unterhaus anschickt, die irischen Vorlagen Gladstone's der näheren Berathung zu unterziehen, nur an Bedeutung.
Aus Egypten sind Nachrichten eingetroffen, welche ein weiteres Vordringen der Sudanrebellen nach Norden signalisiren. Dieselben besagen, daß der Stellvertreter des Mahdi in Berber feine sämmtlichen, von Khartum kommenden Truppen eiligst nach Dongola dirigire und mit der letzten Abteilung selbst dahin abgehen werde. Die Aussichten auf Unterhandlungen zwischen der Regierung des Khedive und den Sudanesen scheinen also wieder verschwunden zu fein.
Die Neuwahlen für die italienische Deputirtenkammer scheinen unter günstigen Auspicien für das Cabinet Depretis beginnen zu wollen. Der Oppositionsführer Nicotera befindet sich gegenwärtig auf einer Wahl- und Agitationsreise durch Unter Italien, die einem wahren Triumphzuge gleicht, und es ist fast unzweifelhaft, daß die Wahlen wenigstens in diesem Theile des Landes oppositionell ausfallen werden.
In der griechischen Frage herrscht augenblicklich Windstille. Seit Montag, an welchem Tage die der griechischen Regierung zur Beantwortung des Ultimatums der Mächte gestellte Frist abgelaufen ist, sind keine positiven Nachrichten mehr aus Athen eingegangen und mit begreiflicher Spannung erwartet man allseitig die Entscheidung des griechischen Cabinets.
Im Nordwesten der Vereinigten Staaten, in Chicago, ist es Anfang dieser Woche zu förmlichen Straßenkämpfen zwischen der Polizei und den Socialisten gekommen. Letztere warfen hierbei sogar Dynamitbomben, wodurch 3 Polizisten getöbtet und 39 verwundet wurden, darunter 4 todtlich,' Die Polizei antwortete mit regelmäßigen Gewehrsalven, wobei 1 Socialist getöbtet würbe, währenb zahlreiche Socialisten mehr ober weniger schwere Ver- wunbungen erhielten. Die Mehrzahl ber Socialisten bestand aus professionellen Anarchisten. — Das finb ja recht nette Znstänbe im elastischen Laube ber „Freiheit unb Gleichheit".
Universität- - Thronik.
— DerStadtrath in Heidelberg, gez. Dr. Wilkens, hat unterin 24. v.M. nachstehende Bekanntmachung, das Universitäts-Jubiläum in Heidelberg betreffend, erlassen: „Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß Seitens der hiesigen Stadtgemeinde für die Besucher des in der Zeit vom 2. bis 8. August d. I. dahier stattfindenden Universitäts-Jubiläums in städtischen Gebäuden Massenquartiere eingerichtet werden, deren Ausstattung billigen Anforderungen entsprechen wird. Jedem Besucher wird ein gutes Bett zur Verfügung gestellt. Für chte Benutzung dieser Quartiere wird für die ganze Dauer des Festes pro Person eine Gebühr von 15 </M erhoben und werden Anmeldungen hierauf jetzt schon von uns entgegengenommen.
Verwischtes.
Frankfurt, 4. Mai. ^Selbstmord und Dynamitfund.] Unsere durch die mannigfachen Ereignisse der letzten paar Jahre häufig genannte Stadt erzählte sich heute, daß in der Nähe eines Selbstmörders ein kleines Dynamitlager entdeckt worden sei. Die Thatsache ist wahr und bin ich in der Lage, Ihnen folgendes Authentische mitzutheilen: „Der keiner und am wenigsten der anarchistischen Partei angehörige 21jährige Schuhmachergeselle C. Frommer, welcher aus Stuttgart gebürtig, hier auf der Altegasse wohnhaft und bei Freunden und Bekannten ob seines heiteren Naturells sehr beliebt ist, begab sich gestern Abend nach einer fidelen Kneipe in der Wirthschaft zur Capelle an die Obcrmainbrücke auf die linke Mainseite, trat dicht an's Ufer und schoß sich eine Revolverkugel durch den Kopf. Die Leiche fiel in's Wasser, blieb dort, da es an der Stelle flach ist, liegen und wurde heute Morgen gefunden, während die Mordwaffe dicht am Ufer lag. Die mit der Bergung der Leiche beschäftigten Polizisten entdeckten im Wasser,' dicht neben ihr, eine Reihe von mit Pergamentpapier umhüllte Sprengstoffhülsen, welche mit der Bezeichnung „Rheinische Dynamitfabrik" versehen waren. Ein Arbeiter des Badeanstoltsbesitzers Wirth brachte den mysteriösen, aus neunzig Patronen bestehenden, einen ganzen Blecheimer füllenden Fund auf's Trockene, wo man constatirte, daß die Patronen wohl schon einige Zeit im Wasser gelegen haben mochten, denn die Sprengmasse war so durchweicht, daß sie herausfloß. Anfänglich brachte man den Dynamitfund mit dem Selbstmörder in Verbindung, um alsbald das Haltlose dieser Annahme einzusehen. Eigenthümlich ist es allerdings, daß sich Frommer, als ein sehr lebenslustig und kreuzfidel geschilderter junger Mann, erschoß, und nicht minder sonderbar der Fund selbst, da in der Nachbarschaft des Fundortes keinerlei Sprengungen vorgenommen worden sind. Die Möglichkeit wäre nicht ausgeschlossen, daß man hier die beseitigten Zeugen eines beabsichtigten aber nicht ausgeführteu Verbrechens entdeckt hat; doch spricht die große Quantität des gefundenen Dynamits in erster Linie dafür, daß es sich hier um Beseitigung eines lediglich zu technischen und nicht verbrecherischen Zwecken dienen sollenden Dynamitvorraths handelt. Die Polizeibehörde entfaltet natürlich nach verschiedenen Richtungen hin eine intensive Thätigkeit, um Desjenigen habhaft zu werden, welcher die Sprengmasse in den Main versenkte. Seine Eruirung wäre im hohen Grade wünschenswcrth, damit unsere Stadt nicht wieder durch arge Vermuthungen verdächtigt wird.
— Die neuen Markthallen Berl-ins, welche an Stelle der seitherigen offenen Märkte treten, sind am 3. Mai, Mittags 1 Uhr, in Gebrauch genommen worden. In hohen, schönen, luftigen Räumen werden die Maaren unter den Bedingungen der


