Ausgabe 
9.5.1886 Erstes Blatt
 
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Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen den Ausschüssen für Rech­nungswesen und für Handel und Verkehr, den Entwurf einer Verordnung über die Berechtigung der niederländischen Flagge zur Ausübung der deutschen Küsten- frachtsahrt den Ausschüssen für Handel und Verkehr und für Justizwesen zur Vorberathung. Hieraus wurden Eingaben, betr. die Zollbehandlung mehrerer Gegenstände, eine Eingabe wegen Doppelbesteuerung und Gesuche auf Zulassung zur Schifferprüfung erledigt.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'K telegr. Äorrefpoudeuz Bureau.

Berlin, 7. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm in zweiter Lesung die kirchen­politische Vorlage nach unerheblicher Debatte unverändert an. Zu Artikel 2, welcher von der Wiedereröffnung der theologischen Seminare handelt und dieselbe in Posen- Gnesen von einer königlichen Verordnung abhängig macht', beantragte Jazdzewski die Streichung der letzteren Bestimmung. Windthorst erklärte, seine Partei werde gegen den Antrag Jazdzewski ebenso wie gegen jedes andere Amendement stimmen, weil er dieselben für aussichtslos halte; er hoffe, daß nach der Besetzung des Posener Bischofsstuhles der Weisheit des heiligen Stuhles die Beseitigung des Ausnahme­zustandes gelingen werde. Der Cultusminister erklärte, das Zustandekommen des Gesetzes würde allerdings durch die Annahme des Antrags Jazdzewski ernstest ge­fährdet. Der Zusatz sei durch das Verhalten des polnischen Klerus nothwendig ge­worden und würde aufgehoben werden, sobald sich die Erwartungen erfüllen, welche die Regierung an den neuernannten Erzbischof knüpft, den sie nicht nur für einen eif­rigen Katholiken, sondern auch für einen guten Preußen halte. Gneist hatte bei jedem einzelnen Artikel den Standpunkt der Nationalliberalen dargelegt. Die Nationalliberalen stimmten nur einzelnen Artikeln zu, namentlich denjenigen über Aufhebung der mai­gesetzlichen Staatsaufsicht, sowie die Straffreiheit des Lesens stiller Messen und des Spendens der Sterbesacramente.

Nächste Sitzung morgen. Bericht über die Verhandlungen des Landes- Eisenbahnraths.

DieN. A.Z." schreibt: Unter dem Ehrenvorsitz des französischen Handels­ministers und unter Mitwirkung der medicinischen hydrologischen und meteorologischen Gesellschaften Frankreichs findet am 1. October in Biarritz ein internationaler Congreß für Hydrologie (Balneologie) und Klimatologie statt. Zur Theilnahme hieran werden durch Einladungen in deutscher Sprache auch die bei der Sache interessirten deutschen Gesellschaften aufgefordert.

Naumburg, 7. Mai. In dem Diätenproceß Fiskus contra Hasenclever wurde der Antrag auf Vernehmung des Fürsten Bismarck und v. Bennigsen über den Sinn ihrer Erklärungen bei der Berathung der Verfassung abgelehnt und der Verklagte verurtheilt zur Herauszahlung der von der Fraction gewährten Gelder, deren Betrag noch besonders ru ermitteln ist.

In dem Diätenproceß des Fiskus gegen den Reichstagsabgeordneten Lerche leistete der Beklagte einen Eid dahin ab, daß er weder von seiner Partei, noch von andererer Seite Diäten oder Entschädigungen empfangen habe. Der Fiskus wurde in Folge dessen mit dem Klaganspruch abgewiesen.

Loudon, 7. Mai. Im Unterhause erklärte Gladstone, die aus Athen ein­gegangenen Informationen seien noch unvollständig. Die Antwort Griechenlands, welche den Vertretern der Mächte zugegangen sei, befriedige nicht und füge den früheren Versicherungen Griechenlands substantiell nichts hinzu. Der englische, deutsche, öster­reichische und italienische Gesandte hätten Athen bereits verlassen.

Das Unterhaus nahm in zweiter Lesung die Regierungsvorlage, betreffend die Regelung des Canal- und Eisenbahn-Betriebs, an. Eine Bill, welche das Gesetz ; über den Besitz von Waffen in Irland für eine beschränkte Zeit erneuert, wurde in erster Lesung genehmigt.

Brindist, 7. Mai. Von gestern bis heute Mittag kamen hier 2 Cholera- Erkrankungen und 2 Todesfälle vor. In Ostuni 4 Erkrankungen.

Athen, 7. Mai. (Havas-Meldung.) Delyannis erklärte gestern, er würde die verlangte Erklärung abgegeben und die Abrüstung begonnen haben, wenn das Ulti­matum nicht gestellt worden und die Schiffe nicht im Hafen wären. Unter den obwaltenden Umständen könne er nur auf seine Antwort vom 29. April Bezug nehmen.

(Meldung des Reuter'schen Bureaus.) Der Marincminister beorderte das KanonenbootSalaminia", sofort nach Konstantinopel zu gehen, um den griechischen Gesandten, Conduriotis, abzuholen. Der Befehl erfolgte nach der gestern Abend statt- -efundenen Ankunft des türkischen KanonenbootsHanie" im Piräus.

Athen, 7. Mai. (Meldung des Reuter'schen Bureaus.) Das internationale Geschwader, welches in Phalerun ankerte, ist nach der Suda-Bai zurückgekehrt. Die griechische Flotte hat Salamis verlassen und soll nach Poros gegangen sein.

Der Vertreter der Pforte zeigte der Regierung an, er verlasse Athen, weil feine Collegen wegen einer mit der Sicherheit der Türkei zusammenhängenden Frage Athen verlassen hätten. Der russische Gesandte ist von Livadia noch nicht hierher zurückgekehrt. Das erste Regiment aus der hiesigen Garnison ging heute nach Thessalien ab.

Athen, 7. Mai. Die Gesandten der fünf Mächte verließen die Stadt. Der britische Gesandte geht nach Malta und der deutsche über Konstantinopel nach Berlin. Der russische Gesandte, welcher von Livadia kommend im Piräus etntraf, reist mit feinen Collegen wieder ab. Der türkische Gesandte reist mit dem gesammten Personal ab. Bei den anderen Gesandtschaften führen die ersten Secretäre die Geschäfte fort, wenn schon sie nicht officiell accreditirt sind.

Newyork, 7. Mai. In mehreren Städten dauern die Streiks behufs Erhöhung der Lohnsätze und Herabsetzung der Arbeitszeit fort.

Chicago, 7. Mai. Die Polizei fand noch weitere Mengen Dynamit auf. Die Arbeiterzeitung" erschien nach mehrtägiger Unterbrechung heute Morgen wieder. Der Bürgermeister drohte derselben aber Unterdrückung an, falls sie fortfahre, aufreizende Artikel zu bringen.

Lokales.

Gießen, 8. Mai. (Stadtverordnetensitzung vom 6. Mai, Nachmittags 4 Uhr.) Anwesend Herr Bürgermeister Bramm, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Baist, Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Hornberger, Kauf, Lüdeking, Ad. Noll, Aug. Noll, Petri, Scheel, Schopbach, Simon und Wortmann.

Die heutige Tagesordnung wurde erledigt wie folgt:

Die statistische Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung soll wie in vorhergehenden Jahren von den Mitgliedern des Feldrechtes ausgeführt werden.

Das Gesuch des Directors Herrn Gg. Heß um Erlaubniß zur Abtragung eines Rains, von dem Stadtbaumeister befürwortet, wird auf Antrag der Bauoeputation genehmigt.

Die Einfriedigung der städtischen Anlagen und das bereits ausgeführte Probe­stück in der Westanlage betreffend, soll demnächst eine Besichtigung derartiger in Wetzlar ausgeführter Arbeiten gemeinschaftlich vorgenommen werden.

Durch das Baugesuch des Küfermeisters Herrn Heinrich Becker in der Löwengasse ist die Festsetzung der Baufluchtlinie der Löwengasse, Katharinengasse und des Teufelslustgärtchens nöthig geworden; mit dem vom Stadtbaumeister vorgelegten Entwurf ist die Baudeputation einverstanden und findet derselbe ebenfalls die Ge­nehmigung der Versammlung.

Die eingereichte Beschwerde des Herrn Aug. Wehn über die an sein Besitz- thum grenzende Gosse wird, nach geschehener Besichtigung, von der Baudeputation als unbegründet zurückgewiesen; die dabei angeregte Grenzfrage geht ebenfalls an denselben zurück, da diese nur mit dem betreffenden Nachbar zu regeln sei.

Die Verpachtung der Gemeindejagd betreffend wird ein zwischen dem Pächter dieser und den Pächtern der Schiffenberger Jagd abgeschlossener Tauschvertrag ohne Beanstandung gutgeheißen.

Ferner finden folgende Angelegenheiten noch nachträglich ihre Erledigung:

Einer Interpellation Großh. Kreisamts zufolge, wird der frühere Beschluß der

Versammlung, die Schlachthaus-Ordnung erst bei Vollendung des. Schlachthausbaues zu veröffentlichen, aufgehoben und die demnächstige Veröffentlichung angeordnet.

Die Nioellirung des Hamm, insbesondere der Lahnstraße, findet nun ihre definitive Erledigung, int Einverständniß mit dem Kreisbaumeister Herrn Baurath Walter, dahin, daß genannte Straße nun etwa auf der bereits bestehenden, anstatt 12V2 M. nur ca. 910 M. breit und mit 40 Ctm. erhöhtem Niveau, statt der bereits zugestandenen Erhöhung von 32 Ctm. errichtet werden soll. Mit diesem Project wird dieselbe zum größeren Theil auf städtischem Eigenthum errichtet und schließt Ankauf anderer Grundstücke zum Theil ganz aus.

Das eingereichte Baugesuch des Weißbinders Herrn L. Hellmold muß ab­gelehnt werden, da die Dammstraße in dem betr. Theil noch nicht zum Ausbau vor­gesehen ist; dagegen wird dem Gesuch des Weißbinders Herrn W. Seipp, Fortsetzung der Röhrenleitung an der Göthe- und Ludwigstraße behufs Wasserablcitung ent­sprochen. t

Ein Vortrag des Stadtbaumeisters Herrn Stief ergiebt, daß bei der vor­genommenen Reinigung des Stadtringgrabens und zwar desjenigen Theils, welcher bereits in eine Steinsohle gelegt ist, die letztere allen an sie gestellten Anforderungen entspricht und die Fortsetzung derselben nur empfohlen werden kann.

Die Einführuna neuer Schulgeldzettel (nach Art der Steuerzettel) bei den höheren Schulen und deren Erhebungsweise soll probeweise zur Ausführung kommen.

Noch wird durch Herrn Bürgermeister Bramm bekannt gegeben, daß Herr Lehrer Römer nach 55jähriger Dienstzeit vom 1. Mai er. ab mit vollem Gehalt in den wahlberechtigten Ruhestand versetzt worden sei.

Schluß der öffentlichen Sitzung 5 Uhr.

Wie uns mitgetheilt wird, hat Herr Gaswerksbesitzer A. Heß sein Amt als Beigeordneter der Stadt Gießen niedergelegt.

Gießen, 8. Mai. Am 29. April d. I. wurde in einem Bache bei Büdingen die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden. Die hiesige Staatsanwaltschaft hat eine Bekanntmachung erlassen, in welcher alle Diejenigen, welche über die Persönlich­keit des Verstorbenen Auskunft ertheilen können, ersucht werden, sich bei Großherzogl. Amtsgericht Büdingen oder bei obengenannter Behörde zu melden. Der Verlebte mar ungefähr 50 Jahre alt, 1,57 Mtr. groß, hatte dunkelblondes Kopfhaar, und war be­kleidet mit tirauer Bieberjacke, gestrickter grauer Weste, grau und rothem Baumwollen­hemde, 2 grauen Arbeitshosen, graublauen wollenen Strümpfen, Schnürschuhen, schwarzem Halstuch und ledernem Hüftrtemen. Am Kopfe der Leiche fanden sich ver­schiedene Verletzungen vor, welche ihrer Beschaffenheit nach dem Verstorbenen im Leben zugefügt worden sein müssen.

Die Notiz im gestigen Anzeiger, betr. die Verletzung im chemischen Labora­torium, ist dahin zu berichtigen, daß der betr. Studirende allerdings in die Klinik ging, jedoch die Verletzung eine unerhebliche war.

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Gießen, 6. Mai. Auf dem am 4. und 5. d. Mts. abgehaltenen Viehmarkte waren aufgetrieben: 1130 Stück Rindvieh und 2512 Stück Schweine; es zeigte sich am Tage vor dem Markte sehr große Kauflust und war der Handel lebhaft.

Nächster Markt Dienstag den 18. d. Mts.

Gießen, 8. Mai. Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Pfund X 1.00103, Hühnereier 2 Stck- 900 4, Enteneier St- 56 H, Käse pr. St. 58 4, Käsematte 30 H, Erbsen pr. Liter 24 4, Linsen 32 Tauben per Paar 0,60 bis 0,80 H, Hühner per Stück X 0-901.20, Hahnen pr. Stück X 1.101.50, Eulen per Stück X 1-502.00, Ochsenfleisch per Pfund 6264 H, Kuh- und Rindfleisch 5256 H, Schweinefleisch 5460 H, Hammelfleffch 50-66 Kalbfleisch 40-48 Kartoffeln per 100 Mlo X 3.504.50, Milch per Liter 1218 4, Zwiebeln per Centner X 7.50-8.00.

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Auszug aus den Staudesamtsregister« des Standesamts Gießen:

Aufgebote.

Mai: 1. Franz Xaver Kronemeier von Altenbeken, Locomotivheizer dahier, mit Christine Jacobine Philippine Mahla, Tochter des Bäckers Johannes Mahla dahier. 4. Michael Maas von Sprendlingen, Weinhändler zu Mainz, mit Ida Blumenthal, Tochter von Kaufmann Aron Blumenthal Wittwe dahier. 4. Jacob Peter Nolte von Stammheim, Schneider dahier, mit Anna Elisabeth Lehning von Lauterbach. 4. Kaufmann Friedrich Karl Anton Bender dahier mit Johanna Katharina Marie Siegeletz, Tochter des Gepäck-Expedienten an der Main-Weser-Bahn Franz Karl August Siegeletz dahier. 7. Universitäts-Bibliothekar Dr. Franz Christian Hermann Haupt dahier mit Elisabeth Marie Anna Apollonia Haupt von Colmar im Elsaß.

Eheschließungen.

Mai: 1. Bernhard Salzmann von Bad-Nauheim, Glaser dahier mit Christiane Johanna Henriette Stamm, Tochter von Zimmermeister Johann Balthaser Stamm Wittwe von hier.

Geborene.

April: 25. Dem Porzellanmaler Karl Punge eine Tochter. 28. Dem Metzger David Löwenstein eine Tochter, Johanna. Mai: 1. Dem Kaufmann Franz Petri ein Sohn. 1. Dem Schriftsetzer Albert Wolff eine Tochter, Lina Alwine. 2. Dem Hülfs- weichensteller an der Main-Weser-Bahn Ludwig Körbächer eine Tochter. 3. Dem Lackirer Christian Euler eine Tochter, Frieda Louise.

Gestorbene.

Mai: 2. Ludwig Herbert, Küfer, Wirth und Eichmeister, 34 Jahre alt, von hier. 3. Ernst Hainmöller, Realschüler, 18 Jahre alt, Sohn von Stations-Assistent Konrad Hainmöller dahier. 4. Andreas Krug, 7 Monate alt, Sohn von Schuhmacher Heinrich Krug.

Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Getraute.

Den 1. Mai. Bernhard Salzmann, Glaser in Gießen und Christiane Johanna Henriette Stamm, ledige Tochter des verstorbenen Zimmermeisters Balthasar Stamm in Gießen.

Den 6. Mai. Heinrich Schneider IV., Wirth in Gießen, und Elise Lina Schuchard, ledige Tochter des Domänen-Pfandmeisters Ludwig Schuchard in Friedberg.

Getaufte.

Den 2. Mai. Dem Vicefeldwebel Jakob Rauh eine Tochter, Katharine Luise Karoline Franziska, geboren den 18. März.

Denselben. Dem Drechsler August Bock eine Tochter, Marie Elisabeth Henriette, geboren den 12. März.

Denselben. Dem Restaurateur Louis Hormann eine Tochter, Lisa Auguste, geboren den 30. Januar.

Denselben. Dem Bierbrauer Philipp Lindenstruth eine Tochter, Frida Christiane, geboren den 15. April.

Beerdigte.

Den 4. Mai. Ludwig Martin Heinrich Herbert, Küfermeister, Wirth und Eich­meister tn Gteßen, alt 34 Jahre, gestorben den 2. Mai.

Den 5. Mai. Ernst Heinmöller, lediger Sohn des Stationsassistenten Conrad Heinmöller in Gießen, alt 18 Jahre, gestorben den 3. Mai.

Kirchliche Anzeigen der evangel. Gemeinde.

A Wegen Erkrankung des Pfarrers Dingeldey muß die auf Sonntag den 9. Mai, angesetzte Vorstellung und Prüfung der Realschüler verschoben werden; sie soll, wenn möglich, am Samstag, den 15. Mai, in Verbindung mit der Beichte, stattfinden.

Am Sonntag den 9. Mai, wird den Nachmittagsgottesdienst um 2 Uhr Pfarrer Dr. Naumann halten.