Ausgabe 
7.11.1886 Erstes Blatt
 
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Ar. 260 Grstes Blatt. Sonntag dm 7. November 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bwrttm t Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS MontagS.

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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

][ Darmstadt, 5. November. S. K. H. der Großherzog wird heute Abend 8 Uhr 25 Minuten von London abreisen und in Begleitung des Hof- marschallr Generalmajor v. Westerweller Ercell. über Vlissingen und Köln hierher zurückkebren, wo die Ankunst morgen Abend 9 Uhr 57 Minuten bevorstebt. Ein osficieller Empfang findet nicht statt- I. Gr. H. Prinzessin Irene ist mit dem Grobherzog nicht von Balmoral-Castle abgereist, vielmehr noch dort bei ihrer Königlichen Großmutter geblieben. Sie beabsichtigt, gestern mit der Königin von Balmoral nach Windsor-Castle überzusiedeln, woselbst die Prinzessin noch einige Zeit verweilen wird. Se. Gr. Hoheit Prinz Heinrich, der Kommandeur der Großherzoglich Hess. (25.) Division, war be­kanntlich vor einiger Zeit sehr heftig an Ischias erkrankt. Hochderselbe ist jetzt bereits so wiederhergestellt, daß er in den nächsten Tagen zu seiner voll- ständigen Rcconvalescenz eine längere Urlaubsreise wird unternehmen können. Wie wir aus guter Quelle vernehmen, dürste dar Projekt, Darmstadt mit elektrischer Beleuchtung zu versehen, seiner Verwirklichung um einen guten Schritt näher gerückt sein. Der Großherzog soll nämlich nicht abgeneigt sein, das neue Palais und das Hoftheater dem neuen Beleuchtungssystem an» zuschließen. In einer ihrer nächsten Sitzungen werden sich die Stadtverord- neten mit der Angelegenheit zu beschäftigen haben. Schon jetzt wird übrigens behauptet, das elektrische Licht werde die Stadt nicht theurer zu stehen kommen, als die bisherige Garbereitung.

A Mainz, 5. November. Um all- Tage etwas Neues über di- Cholera be­richten und so ängstlichen Gemüthern immer wieder imc neue Angst cmiagen zu können, hat ein hiesiger Lokalreporter für etnige SDiatnici unb eu§matti8e Blatter unter den letzteren die Frankfurter Zeitung den Geheunrath Dr. Koch, den Cnt-

reichisck - ungarische Botschafter Graf Paar sich vom diplomatischen Dienste zurück- zuziehen beabsichtige, und meldet, derselbe sei heute von Jacobini empfangen worden.

Lirnowa, 5. November. Heute Abend oder morgen findet eine geheime Sitzung der Sobranje statt, bevor die Antwort auf die Eröffnungsbotschaft der Regentschaft berathrn wird. , , . , . . J

Die Verhandlungen zwischen der gegenwärtigen Regierung und der Partei Zankow dauern fort, ohne bisher zu einer Annäherung geführt zu haben. Zankow beharrt auf seinem Verlangen, daß die Regentschaft und das Ministerium zurucktreten, die Sobranje aufgelöst und ein Ministerium ohne Regentschaft unter den Auspiclen des Generals Kaulbars gebildet werde. Die Regierung lehnt diese Bedingungen ab und hält dafür, dah die regierende Gewalt, welche ihrem Rücktritt zu folgen hätte, aus einer Regentschaft und einem Ministerium bestehen müsse; auch müsse es ber ©obranje überlassen bleiben, über die Einsetzung einer Regierung, die alle Parteien umfassen müsse, zu befinden; erst hiernach hätte die Sobranje sich aufzulösen, ohne die Wahl eines Fürsten vorzunehmen. . . ..

Bukarest, 5. November. Die Bereinigte Opposition erliefe ein Manifest, worin, die Wähler aufgefordert werden, an den am 14. November stattfindenden Munictpal- wahlen in ganz Rumänien sich zu betheiligen. Das Manifest ist unterzeichnet von Eatargi und VerneSco, den Führern der liberalen und conseroativen Partei und Demeter Bratiano, dem Bruder des Prellnerministers und Führer der dissentirrnden Liberalen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondeur-Bureau.

Berlin, 5. November. Der Kaiser nahm Vormittaas die Vorträge Perponcher's und Borck's entgegen. Bei der morgigen Hofjagd in Springe läfet sich der Kaiser, der hie Reise dahin aufgegeben hat, durch den Prinzen Heinrich vertreten.

bte Jtetie U 4. dss. Mts. unter dem Vorsitze des Staatsministers, Staats-

secretär des Innern, v. Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung erteilte der Bundes­rath dem Anträge der Ausschüsse für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen, b-tr-ffriib di- Ausprägung einer Zwänzigpfennigmmi,- in N.ckellegirung die Zu- fthnmuna und genehmigte auf den Bericht derselben Ausschüsse nachträglich eine Ueber- ckreituU des Besoldungs- und Pensions-Etats der Reichsbankbeamten für 1883. Die Vorlage, betreffend die zwischen ber fürstlich Waldeckffchen Regierung und den Ständen des Fürstenthums schwebende Streitigkeit wegen Heranziehung des 2)ominial; stammZe?mögens zur Bezahlung der Rothschild'schen Amortisationsgelder die Ueber- sicht d-r Ausgaben und Einnahmen der Landesoerwaltung von Eisafe-Lothringen für 1885-86 der Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Gerichtskoftengesehes und der Gebührenordnung für Rechtsanwälte nnd der Besoldung- und Pensions-Etat der Reichsbankbeamten für 1887 wurden den zuständigen Ausschüssen zur Vorberathung übe^cbin Endlich wurde über die Sr. Majestät dem Kaiser wegen Wiederbesetzung der Stellen eines Mitgliedes des Bundesamtes für das Heimathwesen, bezw. eines sündigen Mitgliedes des Patentamts, zu unterbreüenben Vorfchläge, sowie über bie geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt.

Berlin. 5 November. Einem Telegramm aus Zanzibar vom 30. October nffolae erwarb Jühlke für die ostafrikanische Gesellschaft das Makdischugebiet südwärts bis Witu hin, speciell den ausgezeichneten Hafen Durnford an der Wubuschimündung. cYn diesen Küstenstrich fällt auch die Jubamündung, welche den Zugang zu dem Hoch­lande der Gallas eröffnet. In Durnfordport legte Jühlke eine Station an. Die Wituerwerbung wird durch diese neue Erwerbung davor bewahrt, nach Norden hm durch eine fremde Macht abgeschnttten zu werden.

Wien, 5 November. Die gestrigen Reden des Delegationsprafidenten be­sprechend sagt diePresse": Die Kundgebung Smolka's sei als Warnung im Jn- eresse des Friedens aufzufassen. Der Gedanke an eine unmittelbar bevorstehende Act on sei ausgeschlossen; Redner habe im Hinblick auf die Schwierigkeiten des Momentes der Thätigkeit der Delegationen mir eine Richtschnur geben wollen. Das Blatt ist überzeugt, es werde gelingen, eine Friedensstoiung zu verbieten DasNeue Wiener Taaebl" meint, Smolka habe in dem palriotifchen Streben, die Forderungen des Kriegsministers kräftig zu unterstützen, wohl etwas grau gemalt u^ ist überzeugt Kalnokn werde das Situationsbild in freundlicheren Farben malen. DieN. F. P." findet Tism und Smolka können nur in ihrem eigenen Namen gesprochen haben, wetz- halb abzuwarten sei, ob die bevorstehende Rede des Kaisers und die Aufklärungen Kal- nocky's den angeschlagenen Ton rechtfertigen werden. .

Die N Fr Pr." meldet aus Tirnowa, die Sobranje habe etne scharfe Verurteilung in Betreff der geistigen Urheber der Mordlhaten in Dubnitza aus­gesprochen und die Regierung beauftragt, den Hinterbliebenen der Opfer Pensionen auszuse^ern^ $ November. Der Bundesrath nahm die Anträge des Eisenbahn- Departements zur Ermächtigung von Unterhandlungen mit der Nordostbahn wegen Verstaatlichung derselben an und beauftragte die Vorstande des Eisenbahn-, Finanz- und Justizdepartements mit den Unterhandlungen.

Paris, 5. gtooember. Die Ernennung Millaud's zum Arbeitsminister ist erfolgt. ^rtDQti)epe1-d)en Qu§ Tongking zufolge besetzte, während eine Truppen- abtheilung unter General Munier Coabang besetzte, eine andere Abteilung unter Oberst Dugenne das am Oberlaufe des Nochnam gelegene strategisch wichtige Au-Chmu^^^ 5 November. Die socialdemokratische Vereinigung macht bekannt, haft der für den 9. November beabsichtigte Aufzug aufgegeben sei; dieselbe ersucht indessen ihre Mitbürger, sich an demselben Tage auf dem Trafalgar Square zu versammeln. cjnem Telegramm derTimes" aus Philadelphia wählten die Socialisten in Chicago durch eine Coalition mit den Demokraten drei Richter. Die , Times" meint, hierdurch könnten die zum Tode verurtheilten Anarchisten möglicher­weise gerettet werden. . ,

Petersburg, 5. November. Das Finanzministerium erklärte gegenüber mehr- fach Befreitet en Z° tungsnachrichtm, -S beabsichtig- nicht, -in- allgemeine Erhöhung aller Zölle und Steuern zu beantragen, auch soll kein- Erhöhung des Zoll-S auf schwarzen Thee -ing-sührt werden- - Der Gesandte m Teheran, Melnikow, ist in Jen @^^fcl^0Bcni6n.- DerOsservatore" dementirt formell, daß der öster-

Lokale«.

+ Gießen, 6. November. Die Feier des Jubiläums ihres 50jährigen Bestehens- wird die hiesige Realschule in den letzten Tagen des März k. I. begehen. Das Programm steht zwar noch nicht in allem Einzelheiten fest, doch können wir schon jefet mittheilen, dafe diese Feier in einer geselligen Vereinigung am Vorabend, einer Schul­feier und einem Festmahl am anderen Tage bestehen soll. Da eine grofee Anzahl ehe­maliger Schüler der Realschule nicht nur im Grofeherzogthum, sondern wett über deffen Grenzen hinaus sich in angesehenen amtlichen, industriellen, kaufmännischem landwirtschaftlichen und gewerblichen Stellungen befindet, so läßt sich erwarten, daß der Zweck einer würdigen Feier ganz urck voll erreicht wird.

Gießen, 6. November. (Sitzung Grofeh. Handelskammer vom 15. October.J Gegenwärtig war der Präsident Herr Commerzienrath Silbereifen und die Herren Koch, Heichelheim, Katz und Kraatz.

Herr F. C. B. Koch beglückwünscht den Herrn Präsidenten im Namen der Handelskammer aus Anlafe des ihm von Sr. König!. Hoheit dem Grofeherzoge ver­liehenen TitelsCommerzienrath" und bittet die Anwesenden, sich zu Ehren dieser Ernennung ihres Präsidenten von den Sitzen zu erheben, was geschieht.

Herr Commerzienrath Silbereisen dankt der Kammer für den ihm dargebrachten Glückwunsch, wobei er betont, daß seiner Meinung nach nicht vorzugsweise seine Person, sondern vielmehr die Handelskammer als solche durch Verleihung des Titels an deren Vorsitzenden hätte geehrt werden sollen, und daß darin eine Anerkennung der Thcttig- keit der gesummten Kammer sollte gelegen sein.

Der Entwurf eines Berichts, welcher die Thätigkeit der Handelskammer im verflossenen Jahre unter Hervorhebung der wichtigsten zur Berathung gelangten Gegen­stände in Kürze behandelt, wird verlesen und soll der Bericht in der vorgelegten Form Grotzherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz mitgetheilt werden.

Die Kaufmännische Kranken- und Begräbnifekasse (E. G.) theilt der Handels­kammer einen Aufruf an den Handelsstand der Stadt Gießen mit, worin unter Hinweis auf die Thatsache, dafe der Anschlufe der jungen Leute des Kaufmannsstandes an die Kasse bis jetzt noch nicht in dem allgemein gewünschten Matze stattgefunden hat, um empfehlende Beurtheilung und Unterstützung gebeten wird. Die Handelskammer billigt wiederholt die Bestrebungen der Kasse und hofft, dafe dieselbe über die Schwierigkeiten des Anfangs hinaus zu einer gedeihlichen Entwicklung gelangen werde.

Im Namen des Vereins der gewerblichen Interessenten Butzbachs wird die Kammer um Unterstützung eines Gesuchs bei dem Eisenbahnbeirathe Darmstadt gebeten, welches dahin geht, daß die Schnellzüge 301 und 303 von Frankfurt a. M. nach Cassel und 304 von Cassel nach Frankfurt a.M. für die Folge in Butzbach anhalten mochten. Dem Vereine wurde die Antwort ertheilt, dafe die Handelskammer die letzte Eisenbahn- beirathssitzung nicht beschickt habe und dafe auch das Gesuch des verehrttchen Vereins keinen Anlafe dazu habe geben können, da der Vertreter der Kammer bereits in den Sitzungen des Bezirkseisenbahnraths Hannover die Frage, welche den Inhalt des Gesuchs bildete, angeregt habe, aber abschläglich beschieden worden sei, so daß vorläufig, auf einen entgegenkommenden Bescheid nicht könne gerechnet werden.

Die Firma Jean Dem L Co. hat als Vertreterin der Schlackensteinfabrik von Albrecht Stein, Margarethenhütte hier, in ber Beantwortung des ihr zu- gesandten Fragebogens zum Jahresberichte auf die Schwierigkeiten hingewiesen, welche von Seiten der Baupolizeibehörden der Einführung von Schlackensteinen als Material, für Umfangsmauern von Wohngebäuden, Brandmauern und Feuerungsanlagen ent­gegengesetzt werden. Dem Wunsche der genannten Firma, ihr in geeigneter Weise Unterstützung zu Theil werden zu lassen und ihr bei Einführung des genannten Materials mit Rücksicht auf den Standpunkt der Baupolizeibehörde Vorschub zu leisten, .soll durch einen besonderen Bericht an Grotzherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz entsprochen werden, zumal auch anderwärts die Benutzung der Schlacken­steine als Baumaterial in dem weitesten Umfang gestattet ist. .

Herr F. C. B. Koch stellt den Antrag, die Handelskammer wolle bei Komgl. Eisenbahndirection Köln (rechtsrheinisch) dahin vorstellig werden, dafedermangelhaften Personenverbindung auf der Strecke Deutz-Gietzen durch Einführung eines Schnellzugs ober beschleunigten Personenzugs von Giefeen nach Deutz unb zurück möge abgeholfen werben, welchem Anträge burch eine kurz motivirte Eingabe an Kömgl.

direction stattg^eg^en^ Handelskammer, betreffend Errichtung eines Gütnbahnhofs und einer Personenhaltestelle am Rodberge hier wurde von der König!. Eisenbahn- direetion Hannover eine abschlägliche Antwort ertheilt.

Gießen, 6. November. Nach einer dieser Tage gemachten Zusammenstellung befinden sich in unserer Stadt 154 concessionirte Wirthe, ohne die Personen, welche Branntweinausschank im Laden frequentiren ober FlasMnbierhandlung b^eiben. Ber einer Seelenzahl von 19 400 kommt also auf je 126 Seelen eine Wirtschaft. Dem. Bedürfnitz bürste also jedenfalls Genüge geleistet sein.