Ausgabe 
7.3.1886 Erstes Blatt
 
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Gießen, 6. März. In der Stadtverordnetensitzung am 4. März waren an­wesend die Herren Bürgermeister Bramm, Beigeordnete Keller und Heß, sowie die Stadtverordneten Baist, Georgi, Grüneberg, Hanstein, Hoch, Hornberger, Kauf, Ad. Noll, Aug. Noll, Petri, Schopbach, Simon, Vogt und Wort­man n.

Die Prüfung der Rechnung pro 1884/85 ergab nur einige geringfügige Anstände, welche alsbald geregelt werden konnten, worüber sich die Versammlung zustimmend ausspricht; sodann wird der Versammlung zur Kenntniß gebracht, daß der Voranschlag pro 1886/87 aufgestellt wird, weshalb allenfallsige Wünsche wegen Einstellungen in den­selben baldigst kund zu geben seien. Die Voranschläge für die Bedürfnisse der höheren Mädchenschule und für die städtischen Volksschulen ergaben nur für erstere, für eine Beigabe zum Programm (von Dr. Ernst Bekker) eine Mehrausgabe von Ji 140; beide Voranschläge, welche in allem Uebrigen, sogar in den einzelnen Positionen, mit dem vorhergehenden Jahre gleichlautend sind, werden genehmigt. Die in den Bezug von Zinsen aus der Krug'scheu und Lony'schen Stiftung kommenden Personen sollen von den Mitgliedern der Stadtverordneten - Versammlung, welche auch der .Armendeputation angehören, aus den Bewerbern bestimmt werden.

Die Aufnahme des neuen Anleihens betreffend, wird der Tilgungsplan (2% vom Jahre 1896 an) gut geheißen und bekannt gegeben, daß auf Wunsch der beiden emittirenden Bankhäuser die Farben der Obligationen in den einzelnen Werthstücken dieselben sein sollen, wie bei der Anleihe von 1881. Die Legung einer Wasserleitung von Seiten der Militairbehörde von Annerod nach der neuen Kaserne und von da nach der alten Kaserne auf dem Brand wird aus Antrag der Baudepntation, falls auch die Oberförsterei nichts dagegen zu erinnern hat, genehmigt. Für die Aufstellung des Brunnens in der Nordanlage soll in nächster Sitzung zwischen den Offerten der Herren Th. Schmidt und Schreiner Bernhard definitiv entschieden, vorher aber Augenschein eingenommen werden.

Eine mit vielen Unterschriften versehene Eingabe, überreicht von Herrn Friedr. Müller IV., betreffend Antrag auf Uebernahme der Straßenreinigung durch die Stadt, wurde, als für die gegenwärtigen Verhältnisse der Stadt noch nicht passend, nach langer Verhandlung mit 10 gegen 7 Stimmen abgelehnt.

Da sich 5 Hausbesitzer in der Bleichstraße weigerten, den üblichen Kostenbeitrag zur Trottoirpflasterung zu leisten, so'muß fragliche Straße vorerst in ihrem jetzigen Zustand bleiben. Der Protest des Herrn Georg Schultheis gegen die aufgestellte Baufluchtlinie der Marktstraße in spec. gegen das darauf begründete Bauproject des Herrn Carl Aug. Faber wird ait| Antrag der Baudeputation abgewiesen. Das Ansinnen Großh. Kreisbauamtes, die Baufluchtlinie der Sonnenstraße bis zur Schul- straße fortzusetzen, wird, da hierfür kein Bedürfniß vorliegt, abzulehnen beschlossen. Die festgestellte Baufluchtlinie der großen Mühlgasse wird gutgeheißen. Das Baugesuch des Redacteurs Herrn Eugen Laris wird auf Antrag der Baudeputation abschlägig beschieden, weil das Gebäude außerhalb des genehmigten Bauplanes errichtet werden soll, dagegen dem Gesuch des Herrn Ernst Möser um Erlaubniß zum Abhub eines städtischen Raines zugestimml. Die Gesuche wegen Fortsetzung der Pflasterung der Trottoirs auf der Marburgerstraße und Fortsetzung der Gasbeleuchtung nach dem Wiesecker Weg wurden auf Antrag der Baudeputation abgelehnt. Für Pflasterung des Kanzleiberges und Brandplatzes wird auf Antrag des Stadtbaumeisters Herr Geometer Wtßner beauftragt, erst einen Nivellementsplan anzufertigen; desgleichen zur Regu- lirung des Fluthgrabens in der Flügelsgasse.

Der vorgelegte Voranschlag über Arbeiten auf der Hegstrauchwiese in der Höhe von 962 JL wird genehmigt und beschlossen, die alte Sandkaute diesseits des Stein­bergerwegs mit Erlen zu bepflanzen.

Ein Schreiben der Eisenbahndireetion, Absperrung des Mittelwegs hinter der Hollergasse betreffend, wird zur Feststellung der Eigenthumsfrage Augenscheineinnahme beschlossen. Zum Schlüsse der heutigen öffentlichen Sitzung wird Herrn Eduard Pöschel die Genehmigung zur Errichtung einer Wirthschaftshalle im Schützenhofe \ nach Antrag der Baudeputation ertheilt.

Daß Schneelawinen im Gebirge gefährlich sind und Menschen verschüttet gehen, wie auch ganze Dörfer dadurch blockirt werden, ist wohl Jedem von uns be­kannt. Daß aber unserem wackeren Thürmer auf dem Stadtthurme gestern letzteres vassirte, ist doch auf diesem erhabenen Standpunkte kaum für möglich zu hasten und doch ist es so. Eine kleine Schneclawine löste sich vom Dache des Thurmes und fiel gerade vor die Thür der Wohnung, dieselbe fest zuhallend. Mittelst des, Tele­phons konnte Herr Bauer sich Huse requiriren, welche ihm denn auch von Seiten des Stadtbauamts gewährt wurde.

Theater.

V Gießen, 5. März.

Vor recht gut besetztem Hause ging heute Abend Gustav v. Moser's neuer Schwank:Die Leibrente", in Scene. Alles, was man der Novität nachrühmen kann, ist ein fließender Dialog, mit zahlreichen drastischen Witzen versehen, welche aller­dings bisweilen an's nicht mehr Schöne grenzen. So z. B.ich glaube, die Alte hat auch noch Gefühle," war ein Bonmot, das den Berlinern einige Freude machen kann, uns jedoch im Interesse des besseren Publikums als höchst unpassend erscheint. Man sollte solche Sachen einfach streichen.

Die Handlung des Stückes ist nicht uninteressant, wenn sie auch Figuren mit sich bringt, die alle schon dagewesen sind. Zwei alte Gauner, die in ihrer Geldgier sich gegenseitig betrügen und endlich geprellt werden, ein junger Bonviant, der aus Liebe zur Tochter eines störrischen Vaters auf einmal mit Gewalt reich werden will, eine jugendlich muntere Liebhaberin und noch so etwas ähnliches von demewig Weiblichen" u. s. w.

Dank der guten Aufführung fand das Stück beifällige Aufnahme und wir müssen solche als berechtigt anerkennen, denn nach dem ielig verschwundenen Rhein­berger war es einmal wieder ein Labsal, eine anständige Theatervorstellung mit «nzusehen.

Frau Hermann-Ihm leistete als Gertrud Vortreffliches, Fräulein Belgrad (Jenny) spielte ebenfalls recht lobenswerth und Herr Director Herrmann gestaltete seinen Zippe so wirkungsvoll, wie ein sicherer Schauspieler es nur vermag.

In der Rolle des Hartwig fühlte sich Herr Strobel durchaus heimisch und Herr Hendrich verkörperte den spitzbübischen Schmoll meisterhaft.

Herrn Humbert's Otto Körner hätte etwas alles überlegenver, würdiger sein können, wie die Rolle dies auch bedingt. Herr Hagen wäre als Kratzer gut gewesen, wenn er nicht demzu viel" gehuldigt hätte.

Diese Worte gelten auch für Frau Bens berg und Herrn Fritze; letzterer war besonders beachtenswerth, da er schöne Anlagen besitzt und sicher die Eigenart seiner Rolle richtig erfaßt hatte, aber oft den Liebhaber vergaß und dadurch sich selbst Schaden zufügte.

Eine Wiederholung unter Beachtung obengemachter Ausstellungen dürfte sich empfehlen. a.

Der köstlichste und zugleich gesündeste Erfrischungstrank ist kohlensaures Wasser mit Vs achtem Magenbehagen von August Widtfeldt in Aachen. 1630

Auszug aus den Standesamtsrcgistern des Standesamts Gießen.

Aufgebote.

März: 4. Johann Heinrich Peter Keller, Eisenbahnschaffner zu Gießen und Näherin Marie Margarethe Anschütz zu Bissenberg. 4. Abraham Austerlitz, Weinhändler zu Gießen und Dorethchen Levi zu Eschwege.

Eheschließungen.

März: 5. Kaufmann Heinrich Wilhelm Frisch und Johanna Henriette Auguste Katharine Fürst.

Geborene.

Februar: 25. Dem Zimmermann Johannes Neeb ein Sohn, Friedrich Johann Heinrich. 26. Dem Sergeant Heinrich Kaiser eine Tochter, Pauline Emma Anna Margarethe. 27. Dem Eisenbahn-Stations-Aspiranten Karl Schmidt eine Tochter. 28. Dem Kaufmann Robert Heinrich Stuhl ein Sohn, Robert Johannes. 28. Dem Schreiner Johannes Leih ein Sohn, Karl. März: 1. Dem Apotheker Max Krause eine Tochter.

Gestorbene.

Februar: 19. Heinrich Belz Wittwe, Susanne geb. Frank, 77 Jahre alt. 26. Luise Elsa Rohrbach, 7 Monate alt, Tochter des Drehers Johannes Rohrbach. 27. Oeconom Wilhelm Lindenstruth, 69 Jahre alt. 28. Dorothea Sophie Huppert, 7 Tage alt, Tochter des Schneidermeisters Wilhelm Moritz Huppert. März: 2. Pauline Arnold, 77 Jahre alt. 5. Konrad Schweitzer, Taglöhner, 32 Jahre alt.

Auszug aus Den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Getaufte.

Den 28. Februar. Dem Scribent Christian Zulauf eine Tochter, Emilie, ge­boren den 7. Februar.

Denselben. Ein unehelicher Sohn, Karl, geboren den 24. December 1885.

T^nselben. Dem Taglöhner Heinrich Jörg eine Tochter, Elisabeth, geboren den 4. Januar.

Denselben. Dem Schreiner Ludwig Becker ein Sohn, Emil Karl Jakob Ludwig, geboren den 13. Januar.

Denselben. Dem Fuhrmann Philipp Bocher eine Tochter, Katharine, geboren den 22. Januar.

Denselben. Dem Schuhmacher Ludwig Schneider ein Sohn, Johann Wilhelm, geboren den 25. Januar.

Denselben. Dem Schlosser Wilhelm Klöß eine Tochter, Anna Gertrud, geboren den 22. November 1885.

Denselben. Dem Schuhmacher Karl Heß eine Tochter, Wilhelmine Katharine, geboren den 15. December 1885.

Den 2. März. Dem Restaurateur Heinrich Schraner eine Tochter, Marie, geboren den 29. September 1885.

Den 3. März. Dem Schuhmacher Wilhelm Schmidt ein Sohn, Caspar Heinrich Ernst, geboren den 25. Januar.

Den 5. März. Dem Schreiner Georg Lind ein Sohn, Friedlich Karl Heinrich, geboren den 16. November 1885.

Beerdigte.

Den 20. Februar. Sophie Henriette Valentine Luise Rosalie Kuhn, ledige Tochter des verstorbenen Försters und Kaufmanns Heinrich Christian Kuhn zu Gladen­bach, alt 74 Jahre, gestorben den 17. Februar.

Den 27. Februar. Daniel Keil, Rentner und Mitglied der Kirchengemeinde­vertretung, verwittwet, alt 72 Jahre, gestorben den 25. Februar.

Den 2. März. Wilhelm Lindenstruth, Oeconom rmd Mitglied der Kirchen­gemeindevertretung, alt 69 Jahre, gestorben den 27. Februar.

Den 4. März. Pauline Arnold, ledige Tochter des verstorbenen Oberpfarrers in Münzenberg, Casimir Arnold, alt 75 Jahre, gestorben den 2. März.

Gedenket der hungernden Vöglein im Schnee!

Alle Freunde unserer lieblichen Sänger in Wald und Feld werden dringend gebeten, soweit sie es nicht schon gethan haben, an geschützten Lagen wohlverwahrte Futterstellen zu errichten, um die armen Thierchen, namentlich die völlig hülflofen Lerchen, vor einem elenden Hungertod zu bewahren. Der Schneefall der letzten Tage gibt Tausende dem Verderben preis, wenn nicht umfassende Maßregeln getroffen werden. Unsere Bitte ist nicht sowohl an die Bewohner der Stadt Gießen gerichtet da geschieht es wohl ohnedies als vielmehr in erster Linie an die Mitglieder der Thier­schutzvereine auf dem Lande, an die Herren Geistlichen, Lehrer und Bürgermeister, überhaupt an alle, die den Schutz unserer heimischen Singvögel sich angelegen sein lassen. Einem lieben Nachbar, der auch zur Einsendung dieser Bitte bewogen hat, will ich auch die andere Bitte nicht abschlagen und den Vers noch hierhersetzen, den er von Jedem beherzigt sehen möchte und der gewiß auch der Beherzigung werth bleibt:Wen eines Thieres Qual erfreut, der wird (es kann nicht fehlen) kalt und gefühllos mit der Zeit, gewiß auch Menschen quälen. Wer Härt' und Grausamkeit verübt und frech sein Mitgeschöpf betrübt, der kann auch Gott nicht lieben." B.

Brodpreise

vom 7. März bis 21. März 1886.

der Bäcker H

1 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod .... 27

2 (4 Pfd.) Weißbrod .... 54

1 (2 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sorte 24

2 (4 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sorte 48

1 (2 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 21

2 (4 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 42

3 (6 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte

bei K. Haas, L. Keil, I. Lein . 63

Gießen, den 6. März 1886.

der Brodverkäufer

1 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod . ... 27

2 (4 ) .....54

1 (2 ) Schwarzbrod 1. Sorte 24

2 , (4 , ) Schwarzbrod 1. Sorte 48

3 (6 ) Schwarzbrod 1. Sorte

1 (2 ) Schwarzbrod 2. Sorte 21

2 (4 ) Schwarzbrod 2. Sorte 42

3 o (6 , ) Schwarzbrod 2. Sorte SS

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Anzeigen.

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