Im Reichsamte des Innern haben am Montag unter dem Vorsitz des Staaissecretärs v. Bötticher die Verhandlungen über die Erneuerung de» deutsch - schweizerischen Handelsvertrags begonnen. Von schweizerischer Seite wohnen denselben nicht weniger als 14 Commiffare bei, währenv Preußen und die übrigen norddeutschen Staaten durch 4 Commiffare, Bayern, Württemberg, Baden und Elsaß-Lothrtngen durch je einen Commiffar vertreten sind.
Eine Erweiterung der Reichspostdampser,Linien ist nach osficiösen Andeutungen in's Auge gesaßt. In beteiligten Kreisen erwägt man die Ausgabe der Mittelmeer. Linie Triest-Brindisi'Alexandrien, da dieselbe den Erwartungen der Reichsregierung und des Norddeutschen Lloyds nicht entsprochen habe und soll dafür eine Zweiglinie Genua-Neapel eingerichtet und Neapel auf den Fahrten oer Hauptlinie nach Ostasten und Australien angelausen werden. Außerdem erwägt man die Einrichtung einer Zweigltnie der ostasiattschen Linie und zwar von Colombo (Ceylon) nach einem der großen indischen Häsen; auch das Project einer weiteren Zweigltnie von Aden nach Zanzibar ist angeregt worden. Vorläufig dürsten die Erwägungen über diese verschiedenen Projecte wohl noch nicht so bald zum Abschluß gelangen.
Kaum ist die inFrankreich drohende allgemeine Ministerkrists, welche durch die DemisstonSgesuche der Minister Sarrien und Goblet in Aussicht stand, glücklich beigelegt, so kommt aus Paris schon wieder die Nachricht von einer partiellen Ministerkrists. Diesmal handelt es stch um den Bautenminister Baihaut, der aus für weitere Kreise noch unbekannten Gründen seine Ent- laffung eingereicht hat und ist dieselbe vom Präfidenten Grevy auch angenommen worden, lieber die Ernennung des Nachsolgers für Baihaut ist noch nichts bekannt, wahrscheinlich hat aber die Vacanz zur Stunde bereits ihr Ende erreicht.
Die Ernennung de Laboulaye's zum Botschafter Frankreichs am russtschen Hose ist in Petersburg sehr beifällig ausgenommen worden. Da» „Journal de St. PeterSdourg" bezeichnet dieselbe als genehm und fügt hinzu, die Unterhaltung der guten Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland, die aus den gegenseitigen Jntereffen beider Länder beruhe, könne in keine besseren Hände gelegt werden. — Da werden die Revanchepatrioten jenseits der Vogesen die Köpfe wieder gewaltig hoch tragen.
Aus T ougking sind wieder einmal unangenehme Nachrichten eingelausen. Piraten griffen das Detachement Nr. 35 der tongkingnesischen Tirailleure so heftig an, daß nur 17 der letzteren dem Blutbave entkamen. Vom General Jamont wurden zwei starke Truppenabtheilungen zur Züchtigung der Seeräuber abgesendet.
Die Londoner Socialistenführer wollen es in Sachen des polizeilichen Verbots der anläßlich des Lordmayors-Banketts geplanten socialistischen Maffenkundgebung in der That aus einen Conflict mit den Londoner Behörden ankommen lassen. Gegenüber der Aufrechterhaltung des Verbotes haben jene beschlossen, den Auszug ihrer Parteigenossen trotzdem am 9. November ^n Scene zu setzen und trieben die Herren Revolutionäre ihre Unverschämtheit so weit, von diesem Beschlüsse den Londoner Polizeichef, Mr. Fraser, in Kenntntß zu setzen. Von der Energie Mr. Fraser's steht zu erwarten, daß er den Londoner Socialisten bei einem wirklich versuchten Putsche gebührend Heimleuchten wird.
Der gegen den Emir von Afghanistan ausgebrochene Ausstand der Ghilzai scheint nicht die Bedeutung zu haben, welch- man ihm anfänglich zuschrieb. Reuters Bureau läßt stch aus Bombay berichten, daß der Ausstand im Laghman - District unterdrückt sei. In London hat man ein begreifliche« Jntereffe an der baldigen Niederwerfung der Empörung, da der Emir Abdurr- haman der Schützling der Engländer ist.
Die Beziehungen zwischen Serbien und Bulgarien stnd in der letzten Zeit in ein recht sreundschaftliches Fahrwasser eingelenkt. Hiervon legt besonders die zwischen beiden Staaten abgeschlossene Convention Zeugniß ab, die jetzt zur Räumung des Districts von Bregova seitens der Bulgaren.
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Erscheint täglich mit SKSMme brf MontckgS.
fhmtntt Schnlstraß« 7.
Betreffenb: De. im Oclobm 1888 vorjunehMnben Wteftngang. Gießen, am 4. November 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an »I. Grotzherzoglich.n Bürg.rm-ift-r.I.» d-S »reif««.
Unter «-.»«nahm, .ul »ie, M-I«v.ib-» -am 18 Senl-mde- < z. - S* -in-'4 - Ich-» »I- d" '>*««» b->
den Wiesenrundgang entgegen, soweit solche noch nicht emgesandt worden sind.
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-------------------------- Gießen, am 5. November 1886.
Betreffend- Ermitllung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags im Jahre 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grobherzoglichen Bürgermeistereien des Kreise». Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Einsendung der Uebersichten im Rückstände sind, werden an deren Vorlage mit Frist von 3 Tage» bei Meidung der Zusendung eines Wartboten erinnert. vr. Boekmann.
9!l. 2S« SamSIag »tu 6. N»°embcr 1886-
chiehcucr Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Politische Ueberficht.
Gießen, 5. November.
Prinz Wilhelm von Preußen leibet bekanntlich schon seit längerer »eit an einem sehr schmerzhaften Ohrenleiden, dar, wie man vernimmt, eme Kolge der Masern ist, an denen der Prinz im vergangenen Wrnter erkrankte. Er suckle im Lause dieses Sommers Heilung in Reichenhall, leider hatte aber di Kurnicht den erhofften Erfolg und muß jetzt der hohe Patient vollständig dar Zimmer hüten. Selbstverständlich ist der Prinz hierdurch verhindert, seinen militärischen Functionen, die er sonst mit großer Pflichttreue zu erfüllen pflegt, nachzukommen, und ebenso kann er den diesjährigen Hoffagden nrcht bei- wohnen, was Prinz Wilhelm, der ein vasstonrrtsr Jäger ist, besonders be- dauern^soll. Kronprinz hat seinen Herbstaufenthalt aus italienischem
Boden nunmehr beendigt. Am Dienrtag srüh reiste der hohe Herr von Mar- And "wo der deutsche Consul und die Spitzen der Behörden auf dem Bahnhose anwesend waren, nach Basel ab. In Berlin steht man dem Wiedereintreffen de» Kronprinzen im Lause des nächsten Sonntag entgegen, nachdem er noch am genannten Tage der Einweihung des restaurtrlen Dome» in Merseburg bet« gewohm habe zum pari amentarischen Winterfeldzuge
werden im Bunderrathe eifrig fortgesetzt und beschäftigen den letzteren gegen« wärtig die verschiedenen Specialetatr de» Reichrbudget». Unter denselben in« tereistrt namentlich der Marine-Etat wegen der ihm bergegebenen ausführlichen Denkschrift. Aus letzterer ist zu ersehen, daß im Lause der nächsten sunf Jahre im Marine«Budget Mehrsorderungen im Gesammlbetrage von ca. 40 Will. M finnrtren werden die zunächst dazu verwendet werden sollen, unseren großen Flußmündungen ausreichenden Schutz gegen feindliche Angriffe zu verschaffen. Dieser Zweck wird nach den neuesten Prtnctpten der Seekriegs durch kleine ^.tmetfabneuae und große gepanzerte Kanonenboote erreicht und sollen zehn solcher Schiffe ^gebaut werden, von denen jedes etwa 3,500,000^. kosten würde. Di? ersten sechs sollen mit der Vollendung der Nordostseekanalr sertiggestellt sein- an der Mündung der Elbe würden allein sechs, an anderen Flußmündungen die übrigen vier Fahrzeuge stationirt werden. Natürlich erfordert die projectirte Vermehrung der schwimmenden Flottenmaterial» auch eine Vermehrung der CfRcicre und Mannschaften, die aus 15 Dfftcute und 300 Mannschaften ver« anschlagt ist und ist nach der Denkschrist die Möglichkeit sür die rechtzeitige Anstellung und Ausbildung der Personal» gesichert. Für die Feststellung einer neuen Organisationsplaner der deutschen Flotte zum Schutze der vater« ländischen Küsten werden demnach die dierjährtgen Verhandlungen des Reichstags über den Marine-Etat ausschlaggebend sein und kann man denselben mtt hohem Jntereffe entgegensetzen. r x
Die Wahlbewegung im ersten Berliner Landtag«, und zugleich auch ReichttagSwahlkreise ist mit den am Donnerstag stattgesundenen Ersatzwahlen sür die durch Tod oder Verzug au» dem Urwahlbezirke erledigten Wahlmanns« Mandate endlich au» dem bloß vorbereitenden Stadium herausgetreten. Gleich« »eilia haben sich die Nationalliberalen daselbst zu einem selbstständigen Vorgehen binsichtlich der Nachwahl zum Reichstage entschloffen, doch verlautet über die Derimt ihre» Candidaten noch nichts Bestimmteres. In der betreffenden Ver« iammluna wurde u. A. mitgetheilt, daß die Conservativen nicht daran dächten, sür einen Freiconfervativen, geschweige denn sür einen Nationalliberalen zu stimmen es wird demnach die bevorstehende Nachwahl im ersten Berliner Reichs, taaswablkreife eine recht merkwürdige Illustration zu den Bestrebungen, die Conservativen und die Nationalltberalen im Reiche überhaupt einander möglichst nahe zu bringen, bilden. Von einer selbstständigen Candidatur auch im ersten Berliner Landtagswahlkreise werden aber dte Nationalltberalen wohl absehen und werden sie da wahrscheinlich mit den Freiconservatwen zusammengehen; doch liegt in dieser Hinsicht ein bestimmter Beschluß noch nrcht vor.


