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Nr. 232 Mittwoch den 6. Oktober 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

Schulstraßs 7. Erscheint mit Ausnahme des Montags. ZLA-N 2^»^

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Politische Ueberficht.

GieHen, 5. October.

Der Herbstausenthalt in Baden-Baden bekommt unserem Kaiser in ausgezeichnetster Weise und es lauten denn auch die privaten wie die offi- ciellen Nachrichten über das Befinden des greifen Monarchen andauernd günstig. Täglich unternimmt er, begünstigt durch das wieder eingetretene schöne Herbst­wetter. Ausfahrten und Promenaden, die Gelegenheit geben, sich von dem über* raschend wählen Aussehen des kaiserlichen Herrn zu überzeugen. Anderseits erledigt der Kaiser auch in gewohnter Pünktlichkeit und Gewissenhastigkeit die laufenden RegierungS'Angelegenheiten und folgt er hierbei den Vorgängen aus dem Gebiete der inneren wie äußeren Politik mit gleich regem Interesse. Dies gilt namentlich von der Entwickelung der Dinge aus der Balkan-Halbinsel, speciell der bulgarischen Dinge und verfichert man, daß der Kaiser dem Prinzen Alexander von Battenberg nach wie vor die größte persönliche Teilnahme ent­gegenbringt und daß das Opfer, welches der Prinz durch die Niederlegung der bulgarischen Krone der Erhaltung des europäischen Friedens gebracht hat, vom Kaiser voll gewürdigt werde.

In der.sächsischen Residenz ist am Samstag Vormittag nach dem schon vorher bekannt gegebenen Programme die feierliche Vermählung des Neffen des österreichischen Kaisers, des Erzherzogs Otto, mit der Prinzessin Maria Josepha, der Nichte König Albertus, unter allgemeiner Theilnahme der Be­völkerung begangen worden. Die Vermählung vollzog sich in einem ungemein glänzenden Rahmen und trug hierzu in erster Reihe die Anwesenheit einer großen Anzahl fürstlicher Gäste bei, zu denen wiederum die österreichischen Ver­wandten des erlauchten Bräutigams ein bedeutendes Contingent gestellt hatten. Nicht nur die sächsische Presse, sondern auch die österreichischen Blätter widmen der Vermählungsfeier am Dresdener Hofe herzliche Worte der Theilnahme und sagt u. A. dieWiener Abendpost", der Ehebund des jungen Paares füge den Banden der Verwandtschaft und Freundschaft, welche fett mehr als anderthalb Jahrhunderten zwischen dem österreichischen Kaiserhause und dem sächsischen Königshause bestehen, ein neues inniges Band hinzu.

Der Rücktritt des Staatssecretärs im Reichsschatzamte, Herrn v. Burchard's, ist feit Wochen das bemerkenswertheste Ereigniß auf innerpolitischem Gebiete. Mit Herrn v. Burchard scheidet einer der ältesten und verdientesten Mitarbeiter an der im Reiche durchgeführten WirthschastS- Neform aus dem öffentlichen Leben. Schon seit der Zeit, in welcher er als Vortragender Rath an der Spitze der früheren Finanzabtheilung des Reichs- kanzleramtes stand, war Herr v. Burchard zur Mitarbeiterschaft an dem Werke der praktisch«wirthschaftlichen Reformen berufen, denn er gehörte der Commission an, welche an der Hand des bekannten Schreibens des Fürsten Bismarck vom 15. December 1878 die Grundlagen für eine grundsätzliche Aenderung des bis dahin bestehenden Zollsystems auszuarbeiten hatte. In feinen folgenden Stellun­gen wirkte Herr o. Burchard an der Weiterförderung der wirthschaftlichen Reformpolitik mit vollster Hingabe mit und hatte er speciell als Staatssecretär im Reichsschatzamte die schwierige Ausgabe, im Reichstage die neue Zoll- und Handelspolitik zu verteidigen. Die Art und Weise, wie Herr v. Burchard sich der Losung dieser Aufgabe unterzog, hat auch Seitens der entschiedensten Gegner dieser Politik die gerechte Anerkennung erworben und daß man an leitender Stelle seine Verdienste vollauf zu würdigen weiß, davon legen die Herrn v. Burchard mehrfach zu Theil gewordenen hohen Ordens-Auszeichnungen, feine Erhebung in den Adelsstand, ferne Berufung in den Staatsrath u. s. w. hin­länglich Zeugniß ab. Andauernde Kränklichkeit nöthigte den hochverdienten Be­amten, um seinen Abschied einzukommen, nachdem selbst ein mehrmonatlicher Urlaub leider nicht im Stande gewesen war, Herrn v. Burchard zur Wieder- Übernahme seiner Reffortgeschäfte zu befähigen. Ob derselbe zu einer späteren Zeit im Stande sein wird, wieder in den Reichsdienst einzutreten, muß einst­weilen dahingestellt bleiben; jedenfalls ist sein Gesundheitzustand zur Zeit ein derartiger, daß bis aus Weiteres Herr v. Burchard sich die strengste Schonung auferlegen muß; über seinen Nachfolger verlautet noch nichts Bestimmtes.

Der Prinz-Regent Luitpold von Bayern hat am Freitag feine Rundreise durch Schwaben und Franken mit dem Besuche von Ansbach, Der politischen Hauptstadt Mittel-Frankens und mehr wie 300jährigen Residenz der Markgrafen von Ansbach-Bayreuth, beendigt und ist noch am Abend des ge­nannten Tages nach München zurückgekehrt. Von Anfang bis Ende der Reise ist dem Prinz-Regentm überall die begeistertste Aufnahme zu Theil geworden und Augsburg wie Nürnberg, Würzburg wie Ansbach haben in dem Bestreben gewetteifert, dem greifen Fürsten den herzlichsten und zugleich glänzendsten Em­pfang zu bereiten und somit hat auch die nun beendigte Reise dem Prinz- Regenten den Beweis geliefert, daß das Bayernvolk in Liede und Treue zu ihm steht und seiner Regierung das vollste Vertrauen entgegenbringt.

Die Betrachtungen der österreichischen Tagespresse sind noch vorwiegend den Erklärungen Tisza's im ungarischen Abgeordnetenhause über die bulgarische Angelegenheit gewidmet. Es ist bemerkenswerth, daß sich die Wiener Regierungsblätter wie die oppositionellen Zeitungen in gleichem Maße anerkennend über das von dem ungarischen Ministerpräsidenten entwickelte Pro­gramm ausfprechm und daffelbe als ebenso maßvoll, wie entschieden und gemein­verständlich bezeichnen. Jedenfalls hat die positive Versicherung Tisza's, daß i das deutsch-österreichische Bündniß ungeschwächt fortbestehe, allen Gerüchten über die angebliche Erschütterung deffelben ein Ende gemacht und das plötzliche Ver- *

stummen der in der oppositionellen Preffe diesseits wie jenseits der Leitha bis jetzt gegen das Bündniß gerichteten Angriffe ist offenbar mit auf Rechnung der Ausführungen Tisza's zu setzen. Von unleugbarem Werthe ist ferner auch die bestimmte Erklärung des ungarischen Staatsmannes, daß Niemand zu einem be­waffneten Einschreiten ober Errichtung eines Prottctorates in den Balkanländern berechtigt sei und daß Aenderungen in deren staatsrechtlichen und polnischen Verhältnissen überhaupt nur im Einverständniß mit sämmtlichen Signatarmächten des Berliner Vertrages vorgenommen werden könnten. Es geht hieraus deut­lich hervor, daß Oesterreich'Ungarn den Berliner Friedens-Vertrag trotz der mehrfachen ihm schon zugefügten Verletzungen durchaus nicht in die historische Rumpelkammer geworfen, sondern als zu Recht fortbestehend anerkannt wissen will und daß Deutschland, der eigentliche Bürge des Berliner Vertrages, diese Anschauung voll und ganz theilt, ist nicht im Mindesten zu bezweifeln. Im Uebrigen dürsten am vorigen Samstag die auch im österreichischen Abgeord­netenhause über die bulgarische Frage eingebracht gewesenen Interpellationen Seitens der Regierung in einem sich mit den Tisza'schen Erklärungen deckenden Sinne beantwortet worden sein und sich hiermit die Jnterpellations-Sturmfluth in den österreichischen und ungarischen Parlamenten wieder verlaufen haben.

Der französische Minister-Präsident ist von seiner Reise nach Toulouse, Montpellier u. f. w. am Sonntag wieder nach Paris zurückgekehrt. Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr de Freycinet sich in Südsrankreich einer sehr herzlichen Ausnahme Seitens der Bevölkerung zu erfreuen gehabt hat die monarchistischen Blätter wußten das Gegentheil zu berichten und daß seine Ausführungen zu Toulouse, Montpellier u. s. w. bei der großen Mehrheit der Bevölkerung Frankreichs Zustimmung gefunden haben. Im Uebrigen ist der Minister-Präsident in Toulouse sowohl wie in den andern Orten, in denen er sprach, hinsichtlich der Darlegung der auswärtigen Politik Frankreichs ziem­lich referoirt aufgetreten und ist wohl kein Zweifel, daß er vorher speciell über diesen Theil seiner Reden mit seinem Minister - College» Rücksprache ge­nommen hat.

Die Verlegenheiten der spanischen Regierung sind plötzlich von einer neuen Seite her nicht unbedenklich vermehrt worden. Der aus seiner Haft entflohene Herzog von Sevilla hat von Tarbes, also von französischem Boden, aus ein Manifest an die spanische Nation gerichtet, das einen durchaus revolutionären Charakter trägt. In demselben beklagt sich der Herzog über die ihm zu Theil gewordene schlechte Behandlung während seiner Haftzeit und spricht er seine republikanische Gesinnung aus. Nur aus Familienpflicht, bekennt der Herzog, habe er sich unter Alfons XII. loyal verhalten, aber nun der König tobt fei, fühle er sich von jeder Verpflichtung gegen das spanische Königshaus entbunden. Ganz offen sagt der Herzog, er wolle das ©einige zur Proklamirung der Republik in Spanien beitragen, da dieselbe die beste Staatsform fei, welche die Sicherheit und Integrität Spaniens garantire. Diese unvermuthete republi­kanische Gesinnung bei einem so nahen Verwandten des spanischen Herrscher­hauses wird in den Madrider Regierungskreisen wohl ebensolche Überraschung hervorgerufen haben, als bei der republikanischen Partei Spaniens selbst und die Vermuthung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß der Herzog von Sevilla seinen angeblichen RepublikanismuS nur als Maske vorsteckt, um feine eigenen Pläne auf den spanischen Thron desto besser verbergen zu können. Uebrigens werden auch Stimmen laut, welche das Manifest des Herzogs von Sevilla nur als ein Manöverstück der Zorrilliften bezeichnen; nun, das muß sich ja bald zeigen!

Wie eine Depesche aus Sofia vom 2. October meldet, ist dem General v. Kaulbars am Samstag die officielle Antwort der bulgarischen Regie­rung auf die Forderungen Rußlands übergeben worden. Die Antwort gesteht die Aufhebung des Belagerungszustandes und die Freilassung der weg«n des Staatsstreiches Verhafteten zu, weist aber die Verschiebung der Wahlen zur großen Sobranje als unthunlich zurück. Damit ist der Bruch zwischen Kaulbars und der provisorischen Regierung zur Thatsache geworden.

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Berlin, 4. October. Der frühere Unterstaatsfecretär Geheimrath v. Schuhmann, zuletzt Vorsitzender des Aufsichtsraths der Discontogesellschaft, ist gestorben.

Berlin, 4. October. Die Leichenfeier v. Hülsen's fand heute auf dem Jnoaliden- kirchbofe mit großer Feierlichkeit unter Theilnahme des gesammten Theaterpersonals, der hiesigen Bühnendirectoren, vieler auswärtiger Bühnenchefs, dramatischer Schrift­steller, Musiker und zahlreicher distinguirter Personen aller Stände statt. Prinz Wil­helm wohnte der Trauerfeierlichkeit in der Kirche und im Leichenzuge bei.

DerRetchsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Eultus- ministers vom 2. September, wonach die theologische Lehranstalt des Klerikalseminars Fulda zur wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen geeignet ist.

Leipzig, 4. October. Von etwa 2000 hier beschäftigten Buchdruckcrgehilfen stellten 540 die Arbeit ein, weil die Principale neue Forderungen betreffs des ver­einbarten Tarifs ablehnten. Die Principale riefen die Entscheidung des im § 43 vor­gesehenen Schiedsgerichts an. _ _ _ ,

München, 4. October. Das heutigeGesetz- und Verordnungsblatt" ver­öffentlicht ein Handschreiben des Prinzregenten mit den wärmsten und lebhaftesten Danksagungen für die zahlreichen, überaus herzlichsten Beweise treuer Liebe und Er­gebenheit nicht nur in oen von ihm besuchten Städten, sondern auch in den von dem Buge lediglich durcheilten benachbarten Gegenden und Orten und schließlich für den Willkommengruß der Münchener Gemeinde - Collegien, als würdigen Schluß aller, patriotischen Kundgebungen.