Warschau, 4. Februar. Nachrichten aus Lublin zufolge fanden dort anläßlich des Eindringens der Polizei in ein Dominikaner-Kloster, um Verhaftungen vorzunehmen, Exceffe der Bevölkerung statt, wobei zur Wiederherstellung der Ordnung Militär requirirt werden mußte.
Belgien.
Brüssel, 4. Februar. Bei dem gestrigen Festessen des conservatioen Vereins zu Ehren des Cabinets-Chefs und Finanzministers Bernaert, an welchem sämmtliche Minister, die Prästdenten der Kammern und 71 Mitglieder beider Kammern, sowie Delegirte aller katholischen Vereine des Landes Theil nahmen, legte Bernaert sein politisches Programm dar. Dasselbe basirt auf der Rückkehr zu den Ideen des Concordats von 1830. Der Redner sprach seine Hoffnung aus, daß es gelingen werde, diese Politik in Gesetzen zum Ausdruck zu bringen, und sagte, die conservative Partei, die von der Freiheit lebe, wisse die Freiheit Aller zu gewährleisten.
Rumänien.
Bukarest, 4. Februar. Die türkischen, bulgarischen und serbischen Dele- girten für die Friedensunterhandlungen sind heute zu einer ersten Sitzung zusammengetreten. Sie wurden Namens der rumänischen Negierung von Pherekydes begrüßt. Madschid Pascha und Mayertowich erwiderten dankend. Nachdem Pherekydes sich zurückgezogen, tauschten die Delegirten ihre Vollmachten aus. Die nächste Sitzung findet Samstag statt-
Reichstag.
E. R. Berlin, 4. Februar 1886.
In der heutigen Sitzung des Reichstages stand der Bericht der Kommission über den Gesetzentwurf, betreffend die Fürsorge für Beamte und Personen des Soldatenstandes in Folge von Betriebsunfällen zur Berathung. An der Debatte betheiligten sich außer den Regierungsvertretern nur die Abgg. v. Maltzahn-Gültz, Schrader und Struckmann. Es drehte sich hierbei der Hauptsache nach um die Frage, ob die bezeichneten Kategorien Betriebsunfällen gegenüber ungünstiger gestellt sein sollten, als die Arbeiter. Die Majorität entschied sich für die Negierungsvorschläge, wobei nur noch eine Bestimmung über die Entschädigung für die Kosten des Heilverfahrens eingeschaltet wurde. Ein Antrag der freisinnigen Partei, das Gesetz auf die Eivilbeamten zu beschränken und die Regelung der einschlägigen Verhältnisse der Alilitärpersonen einer besonderen Gesetzgebung vorzubehalten, wurde abgelehnt, ebenso ein Vorschlag, den durch einen Betriebsunfall dienstunfähig gewordenen Beamten die volle Pension zu sichern, auch wenn keine vollständige Erwerbsunfähigkeit vorliegt. Ein ähnlicher Streit erhob sich um den Paragraphen, welcher die rechtlichen Ansprüche der Staats- und Kommunalbeamtcn ordnet. Hier sollte der Landesgesetzgebung ein gewisser Spielraum gelassen werden, wofern nur gewissen Riinimalforderungcn genügt fei. Die Fassung des Kommissionsbeschlusses war aber nach Ansicht des Abg. Barth eine so unklare, daß er die Streichung desjenigen Paragraphen beantragte, der die Landesgesetzgebung über die Reichsgesetzgebung stellte und den Einzelstaaten überließ, die Reichsgesetzgebung illusorisch zu machen, indessen fanden die Vorschläge der Kommission Annahme und danach der ganze Gesetzentwurf in zweiter Lesung.
Nächste Sitzung morgen.
Telegraphische Depeschen.
WsLff'S tslege. CorrespsnvesrZ-Gnresrs.
Berlin, 4. Februar. Die Zolltarifcommission beschloß bezüglich des Petroleum- faßzolls nach dem Antrag Struckmann dem Paragraphen 2 des Zolltarifgesetzes hinzuzufügen, daß die Umschließung zollfrei sei und nur, luenn dieselbe als fabrik- mrd 1 handelsübliche Verpackung nicht anzuerkennen und zugleich der darauf ruhende Zoll höher ist als der auf der Waare selber ruhende, eine getrennte Verzollung der Waare und der Umschließung eintritt. Bei der Einfuhr von Flüssigkeiten in Land- oder Wasserfahrzeugen ohne Umschließung ist dem unmittelbaren Gewicht der Waare selbst ein der gewöhnlichen Verpackungsart entsprechender, vom Bundesrathe festzustellender Gewichtszuschlag hinzuzufügen.
— Abgeordnetenhaus. Die Abgeordneten überwiesen die Verhandlungen des Landeseisenbahnraths an eine Commission von 14 Mitgliedern, die Berichte über die Eisenbahnbetriebsergebnisse pro 1884/85 und über die Eisenbahnbauaussührungen wurden der Budgetcommission überwiesen. Hieraus wurden die Etats der indirectcn Steuern und des Finanzministeriums nach unerheblicher Debatte genehmigt. Nächste Sitzung Samstag. Etats des Ministeriums des Innern.
Berlin, 4. Februar. Der , frühere Abgeordnete von Unruh ist heute gestorben.
— Der Bundesrath ertheilte heute dem Anträge Preußens wegen Verlängerung der Giltigkeitsdauer des Socialistengesetzes seine Zustimmung.
Dresden, 4. Februar. Die Kammern bewilligten die beantragte laufende Unterstützung: 8000 X jährlich für Arbeitercolonien und 5000 JC zur Förderung des Handfertigkeitsunterrichts.
Paris, 4. Februar. Der frühere Botschafter in Berlin, Graf Saint-Vallier, ist gestorben.
Paris, 4. Februar. Deputirtenkammer. Die Berathung der Interpellation des socialistischen Deputaten Basly über den Arbeiterstrike in Decazeville wurde auf nächsten Donnerstag festgesetzt. Bei der Berathung einer Petition, welche den Verkauf der Krondiamanten verlangte, um aus dem Erlös eine Alterversorgungskasse für Arbeiter zu stiften, sprach sich de Lanjuinais von der Rechten gegen die Petition aus und äußerte dabei, er sehe voraus, daß sich Frankreich in nicht zu ferner Zeit von der Republik losgemacht haben werde. Lanjuinais wurde wegen dieser Aeußerung zur Ordnung gerufen, die Linke verlangte jedoch unter großem Tumulte seine temporäre Ausschließung, der Präsident gab dem Verlangen der Linken aber nicht nach und trat für die Freiheit auf der Rednertribüne ein.
Rom, 4. Februar. Der König und die Königin wohnten gestern Abend dem Ball in der deutschen Botschaft bei. Die Königin tanzte mit dem Botschafter v. Keudell die Ehren-Quadrille. Das Ballfest war äußerst glänzend und währte bis 4 Uhr Morgens.
London, 4. Februar. Das Oberhaus vertagte stch bis Montag, das Unterhaus bis Samstag. Für das Unterhaus sind in Wahlbezirken, wo durch Ernennung der Minister Vacanzen eingetreten sind, Neuwahlen angeordnet.
— Ein Wahlschreiben Gladstone's an seine Wähler in Midlothian besagt, es sei vor Allem Pflicht der neuen Regierung, von ihrer amtlichen Stellung Gebrauch zu I ■ machen, um sich über den socialen Zustand in Irland ein Urtheil zu bilden, wie nur
i das Ministerium allein in der Lage sei, sich ein solches bilden zu können, namentlich
I bezüglich der Agrarverbrechen, bei Ausführung der Pachtcontracte, sowie betreffs des
in Folge niedriger Preise auf der Landwirthschaft lastenden Druckes und der persönlichen Freiheit. Ohne eine solche Prüfung sei es unmöglich, die einzuschlagende Politik in ihrer Gesammtheit zu erörtern. Das neue Ministerium habe zweifellos Hoffnung und die Absicht, sorgfältig zu prüfen, ob es nicht ausführbar sei, es mit irgend einem I Änderen Plan zn versuchen, um die gegenwärtige Krisis zu beschwören und den Be-
dürfniffm auf socialpolitischem Gebiete in Irland Genüge zu thun, einem Plane, der 1 wirksamer sei und größere Hoffnung auf Dauerhaftigkeit gewähre, als die neue Gesetz-
* gebung zur Unterdrückung von Agrarverbrechen. Die Regierung werde sich dieser
। Aufgabe unterziehen mit der vollen Anerkennung der Verantwortlichkeit und werde
nicht leichthin auf ein glückliches Ereigniß rechnen, aber sie habe keinerlei Zweifel über die großen Principien, von denen ihr Vorgehen geleitet sein müsse.
— Wie das Reuter'sche Bureau erfährt, hat die Königin folgende Ministerliste genehmigt: Gladstone — erster Lord des Schatzamts; Herschell — Lordkanzler- Spencer — Präsident des Geheimen Raths; Ehilders — Inneres; Rosebery — Aus
wärtiges; Granville — Colonialminister; Kimberley — Indien; Bannermann —- Kriegsminister; Harcourt — Schatzkanzler; Ripon — -Marineminister; Chamberlain — Präsident des Localregierungsamts; Trevelyan — Secretär für Schottland; John Morley — Secretär für Irland; Charles Rüssel — Staatsanwalt. — Die Zusammensetzung des neuen Cabinets wird von den Morgenblättern im Allgemeinen ziemlich beifällig beurtheilt. Die größte Befriedigung erregt die Ernennung Lord Rosebery's zum Staatssecretär des Auswärtigen, welche als Bürgschaft dafür angesehen wird, daß die guten Beziehungen zu Deutschland aufrecht erhalten würden.
Kopenhagen, 4. Februar. Das Höchstengericht sprach den Vicepräsidenten des Folkething, Hörup, von der Anklage der Majestätsbeleidigung frei, legte ihm jedoch die Proceßkosteu auf.
Athen, 4. Februar. Die Antwort der griechischen Regierung auf die Collectiv- note der Mächte wurde gestern übergeben.
Lokales.
Gießen, 5. Februar. ^Allgemeiner Verein für Armen- und Krankenpflege zu Gießen.j Am 3. Februar hielt der genannte Verein feine Generalversammlung ab. Aus dem dabei verlesenen Jahresbericht ging hervor, daß der Verein auch im verflossenen Jahre eine segensreiche Thätigkeit entfaltet hat. Von ordentlichen Mitgliedern des Vereins sind im verflossenen Jahre 3350 Jt. bezahlt worden, die Sparkasse zahlte 600 JL, das Mathildenstist für Oberhessen 100 JL und Herr PH. I., ein langjähriges und thätiges Mitglied des Vereins, vermachte demselben 500 Jt. Die Gesammt- einnahmen betrugen 8064 </&. Unterstützt wurden im Ganzen 160 Personen mit Kohlen und Milch im Betrage von 1090 jt, einzelne auch mit Geld für Brot, Kleider und Wohnung. Für 7 Kinder bezahlte der Verein das Kostgeld in der Kleinkinder- bewahranstalt und für 16 Kinder die Unterhaltungskosten im Kinderhospital zu Nauheim. In der vom Verein unterhaltenen Krippe wurden durchschnittlich täglich zehn Kinder gepflegt. Sehr segensreich entfaltete sich die Thätigkeit der im Auftrage des Vereins wirkenden (Schwestern; in 433 Familien versahen sie die Pflege und hatten dabei 491 Nachtwachen. Nicht in einem einzigen Falle haben die Schwestern die an sie gestellten Forderungen abgelehnt, was das beste Zeugniß für , ihre aufopfernde Thätigkeit ist.
Die eigentliche Arbeit des Vereins kennt jedoch nur Der, welcher im Vereine selbst thätig ist. Die Helfer haben die Aufgabe, sich der Armen mit Rath und That anzunehmen und ihre Verhältnisse genau in Hinsicht der Nothwendigkeit von Unterstützungen zu prüfen; in den alle 14 Tage stattfindenden Versammlungen erstatten sie dann Bericht, auf Grund dessen dann die Unterstützung vom Bezirksvorstand genehmigt oder verweigert wird. Dieser Beschluß unterliegt jedoch noch der Genehmigung des Hauptvorstandes. Es iit selbstverständlich, daß jede Entscheidung ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf Confession oder gar politischer Ansicht getroffen wird. Was die Krippe und die Schwestern unserer Stadt sind, das weiß jeder Bürger, ebenso sollte er auch wissen, daß ein solcher Verein in jeder Hinsicht unterstützt werden muß. Dankbar gedenken wir der edlen Geber, die es auch im verflossenen Jahre dem Verein möglich machten, so segensreich zu wirken. Aber noch viel zu gering ist die Unterstützung, daher lasse Niemand, dessen Verhältnisse es erlauben, die Gelegenheit, welche der, Wohlthätigkeits - Bazar bietet, vorübergehen; spende jeder seine Gabe nach seinen Kräften, denn es gilt für einen guten Zweck.
Gießen, 5. Februar. Im Saale des Casö Leib gab der mit Recht berühmte Zauberkünstler Herr Professor Epstein seine erste Vorstellung in der höheren Magie und spiritistischen Wunderexperimenten. Wir sagten „mit Recht" berühmt, denn Herr Epstein hat nicht allem dem ihm vorangegangenen Ruse Ehre gemacht, er hat durch diese Vorstellung die gehegten Erwartungen übertroffen. Es war uns vergönnt, in den größten Städten Deutschlands solchen Vorstellungen beizuwohnen, so daß wir uns wohl für befugt halten, das Landläufige und Gewöhnliche von dein Hervorragenden uub Originalen scheiden zu können, aber wir müssen gestehen, jene vollendete Sicherheit der Ailsführung, verbunden mit durchaus frischer und gewandter Darlegung der einzclnen Experimente, wie sie Herr Epstein gestern bewährte, hatten wir früher noch nicht Gelegenheit, bei anderen 'derartigen Künstlern in solcher Weise zu beobachten. Besonders betoney wir das durchaus Originale bei allen Vorführungen, alsdann die vollständige Beherrschung seiner Kunst und ihres gesammten Apparates und Umfairges, so daß auch der Zuschauer in das felsenfesteste Vertrauen in diese Kunst und den Künstler eingewiegt wird und sich sagen muß, diesem Manne kann nichts mißlingen. Wir glauben, dieses Gefühl ist in allen Zuschauern rege gewesen, und der Künstler, der ein solches Vertrauen zu erwecken verstanden hat, ist ein richtiger, ein wirklich hervorragender Künstler.
Jn',s Einzelne, besonders auch auf die zum Schluffe gegebene spiritistische Vorstellung näher einzugehen, möge man uns erlassen; man besuche den heutigen Zauberabend und wird, das können wir versichern, mit denselben Empfindungen, wie die oben geschilderten, mit dem Gefühle der Zufriedenheit und wirklich genossener trefflicher Unterhaltung von dort Weggehen. —n
Gießen, 5. Februar. Damit die Freunde eines luftigen Faschings auch in unserer Stadt Gelegenheit finden sollen, ihre Laune schießen zu lassen, beabsichtigt Herr Stein in seinem Etablissement am 25. Februar einen großen Entröe-Masken- ball (Redoute) zu arrangiren.
Universstäts - Chronik.
— Professor Schollmeyer zu Halle ist an Stelle des verstorbenen Landgerichtsraths Dr. Thümmel zum Universitätsrichter an der Universität ernannt worden. Bon der Vorschrift des Cabinetsbefehls vom 28. December 1810, wonach ein akademischer Lehrer zu gedachtem Amte nicht berufen werden kann, ist man in diesem Falle abgegangen — offenbar mit Rücksicht auf die Veränderung der akademischen Gerichtsbarkeit.
— Ober-Regierungsrath Steinmetz, ein geborener Wolgaster, jetzt zu Königsberg i. Pr., vorher zu Düsseldorf, soll zum Curator der Universität Greifswald bestimmt in Aussicht genommen fein.
— Professor Dr. Blaß in Kiel hat einenRus nach Greifswald für klassische Philologie abgelehnt.
— Professoren der Universität zu Marburg haben sich zu einer Reihe von Vorträgen verpflichtet, von deren Reinertrag einem deutschen Studenten des Auslandes (Siebenbürgens) der Besuch genannter Hochschule ermöglicht werden soll. Den ersten Vortrag hielt am 26. v. M. Professor Dr. Fischer über Aufgaben der deutschen Colonialpolitik.
— Der bisherige Privatdocent an der Universität und Professor an der Handelsakademie zu Wien, Dr. Arnold Schröer, ist als außerordentlicher Professor der engl. Philologie an die Universität Freiburg i. B. berufen worden und wird seine Lehrthätigkeit an derselben im Sommersemester beginnen.
— Der bisherige Privatdocent Dr. Paul Volkmann in König sbcrg ist zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät daselbst ernannt worden.
— Im gegenwärtigen Wintersemester sind in Berlin wegen Nichtbelegung einer Vorlesung 102 Studirende, darunter 37 Ausländer, im Album der Universität gelöscht worden. Es gehörten davon 9 zur theologischen, 15 zur juristischen, 22 zur medicinischen und 56 zur philosophischen Fakultät. Die Mehrzahl derselben hat wohl schon mit dem Schluß des vergangenen Semesters Berlin verlassen; doch wurde, da sie fein Abgangszeugniß sich hatten ausstellen lassen, ihr Name bisher noch in den Registern der Universität geführt. Zu bemerken wäre noch, daß unter den Ausländenr auch ein Sohn des Herrn Waddington, des französischen Senators und früheren Ministers für die auswärtigen Angelegenheiten, sich befindet.
— Gelegentlich der Feier des 300jährigen Jubiläums der Heidelberger Universitäk wird zum, ersten Male die vom Ophthalmologen - Verein gestiftete große, goldene Denkmünze für Verdienste um wissenschaftliche Leistungen in Bezug auf das menschliche Auge zur Vertheilung gelangen und zwar ist für dieselbe Professor Helmholtz in Berlin ausersehen wegen seiner Erfindung des Augenspiegels.
BerMischteS.
Worms, 1. Februar. Eine hübsche Begräbnißgefchichte hat sich am Freitag in dem nahegelegenen Oppau zitgetragen. Mit dem ganzen Rüstzeug für Trauer-
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