feierlichkeiten, mit einer Menge von Kränzen und Blumen versehen, traf dort an jenem Tage eine Gesellschaft Leidtragender zu Wagen ein, um einem nahen Verwandten die letzte Ehre zu erweisen. Nicht wenig Erstaunen rief es nun auf beiden Seiten hervor, «ls am Trauerhause der vermeintlich Verblichene in eigener Person die Leidtragenden begrüßte. Jetzt ergab sich, daß ein unbefugter Leichenbitter zu Seckenheim aus Bosheit den Helden der Geschichte unter die Erde geredet hatte. Die vergebliche Fahrt nach O. ließen sich die Seckenheimer natürlich nicht verdrießen und manches Glas wurde auf Gesundheit und langes Leben des Widererstandenen geleert- der Anstifter der Geschichte jedoch wird wahrscheinlich die Kosten des „Begräbnisses ohne Leiche" vor Gericht zu tragen haben.
Darmstadt, 31. Januar. sEin Herzensbnnd.] Wir entnehmen den „N. H. V." Folgendes: Eine soeben zur Versendung gelangende Verlobungsanzeige meldet die Verlobung des Fräulein Antonie v. Dömming, bisher Victoria-Schwester im König!, chirurgischen Klinikum ju Berlin, mit Herrn Koch, Hofprediger des Fürsten Alexander von Bulgarien. Es ist ein eigenartiger Herzensroman, der hier zum Abschluß gelangt, eigenartig durch den Schauplatz, auf dem er sich entwickelte, auf dem serbisch-bulgarischen Kriegsschauplätze. Fräulein v. Dömming ist eine junge Dame im Anfang der zwanziger Jahre und von gewinnender Herzensgüte. Sie widmete sich frühzeitig dem Samariterberuf, der Krankenpflege, und trat als Novize in das Berliner Victoria-Haus zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen ein. Als „Schwester-Antonie" kam sie vor einigen Monaten in das Königl. Klinikum und erwarb sich bald durch ihre aufopfernde Thärig- kcit am Krankenbette die Liebe der ihrer Obhut anvertrauten Patienten, wie die Achtung und Zufriedenheit der Anstaltsärzte. Als nach Ausbruch des serbisch-bulgarischen Krieges das Eentral-Comilö vom Rothen Kreuze Aerzte und Pflegerinnen nach dem Kriegsschauplätze entsendete, war Schwester Antonie eine der Ersten,^welche mit noch zwei andern Schwestern sich freiwillig meldete und dorthin abging. ^>ie reiste zunächst nach Darmstadt und von dort nach Sofia, wo sie alsbald in einem der vielen Lazarethe reiche Gelegenheit zur Bethätigung ihres barmherzigen Berufes erhielt. In diesem schwierigen Wirkungskreise lernte sie der Hofprediger des Fürsten von Bulgarien, Prediger Koch, kennen, hodffchätzeu und lieben. Der Herzensbnnd war bald geschlossen. Vor einigen Tagen kehrte Schwester Antonie nach Berlin zurück, aber es hieß bald, daß sie nicht mehr an die bisherige Stätte ihrer Wirksamkeit zurückkehren werde. Die Verlobungsanzeigen geben nun den Grund dafür an.
Eassel, 1. Februar. In der Wehlheider Strafanstalt weilt seit etwa 4 Jahren ein Pole, freilich nicht ganz freiwillig, denn der Strafrichter hatte ihm wegen seiner Geschicklichkeit, sich eigenes Geld anzufertigen, 12 Jahre Zuchthaus zudictirt, so daß er noch 8 Jahre dortigen Aufenthalts vor sich hatte. Mochte es ihm nun in Wehlheiden nicht länger gefallen oder hatten die aufregenden Polendebatten ihren Schatten bis in seine Zelle geworfen, er brach in der Nacht vom Samstag bis zum Sonntag aus. Das kaum Glaubliche, daß ein Gefangener aus dem so festen Gefängniß entkommen könne, geschah, er brach aus. Der Mann war zur Tischlerei angehalten und hat sich hierbei die Mittel zur Flucht verschafft und zubereitet. Drittelst eines „Fuchsschwanzes" sägte er einen Eisenstab seines Fensters durch, stieg dann auf einer selbstoerfertigten, höchst praktisch construirten Leiter von diesem hinab zum Boden — und mit Hilfe derselben auch über die Mauer. Bis jetzt hat man ihn noch nicht wieder und die Vcrmuthung, daß der Aerger, nicht ebenfalls ausgewiesen zu sein, ihn zu der kühnen Flucht bewogen hat, ist wohl nicht ungerechtfertigt. Erwischt man ihn, so fürch'e ich freilich, man wird ihn sogar noch länger als 8 Jahre hier behalten. (E. A. Ztg.)
Karlsruhe, 2. Februar. [Auf der Flucht erschossen.] JHm Samstag Mittag wurde zwischen Ottenhausen und Arnbach von dem Landjäger Eisemnanu aus Birkenfeld ein Handwerksbursche, welcher in die Amtsstadt bleuenbürg verbracht werden sollte, erschossen. Der Handwerksbursche, ein blutjunger Mensch, wurde in Ottenhausen beim Bettel ergriffen. "Verschiedene Fluchtversuche innerhalb des Ortes, falsche Papiere, sowie verschiedene Siegel in Schiefer, welche man bei demselben fand, auch gewisse Aehnlichkeit mit einem steckbrieflich Verfolgten bestimmten den Landjäger, den Jnhaftirten mit der Bemerkung zu schließen, daß er bei einem weiteren Fluchtversuch unnachsichtlich von seiner Waffe werde Gebrauch machen. Zwischen Ottenhausen und Arnbach, bei einem Nadelholzwalde, ergriff der Bursche, wie die „N. B. Ldsztg." erzählt, wieder die Flucht und wurde nach vorausgegangenem „Halt!" niedergeschossen. Die Kugel ging durch den 9tücfen und kam an der linken Wange zum Vorschein. Der Tod trat sofort ein.
Brandenburg a. H., 31. Januar. Ein schreckliches Unglück ereignete sich, wie der „K.-Z." gemeldet wird, am Freitag Vormittag wenige Kilometer von unserer Stadt entfernt. Drei Bahnbeamten passirten in der Gegend des Gränert das Bahngeleise, als ein Güterzng sie nöthigte, auf das zweite Geleise überzutreten. In demselben Moment kam aber auf diesem der Frankfurt-Berliner Schnellzug dahergebraust und, da der Güterzug soeben Dampf abgelassen, sahen die Männer den Schnellzug nicht, wurden von ihm erfaßt und auf der Stelle getödtet. Alle drei sind Familienväter.
— Dem „Basler Volksblatt" wird geschrieben, daß die Most'sche „Freiheit" in der diummei1 vom 16. Januar eine Eorrespondenz enthalte, in welcher ungescheut erzählt wird, daß Lieske allerdings den Auftrag hatte, den Polizeirath Rumpfs in Frankfurt a. M. 51t ermorden und zu diesem Ende vor seiner Abreise von Basel mit einem Dolch, einem Revolver mit Munition und 50 Fr. in Geld versehen worden sei. Bekanntlich bestritt die „Freiheit" bei Lebzeiten Lieske's dessen Schuld an der Ermordung Numpfs's beharrlich. Nach der genannten Eorrespondenz war Lieske ursprünglich dazu bestimmt gewesen, im November 1884 einen Spion zu ermorden, dessen Freilassung auf diesen Zeitpunkt erwartet wurde. Es ist wohl gemeint der wegen Verbreitung des Stellmacher-Aufrufs in Liestal inhastirt gewesene Theodor Weiß aus Dresden.
— [9(u§ der Kaserne.] Unterofficier: „Warum trägt der Soldat, wenn er feldmarschmäßig jepackt ist, eine Feldflasche mit?" — Erster Rekrut: „Um sich einen Schnaps mitzunehmen," — Unterofficier: „Nicht richtig." — Zweiter Rekrut: „Um unterwegs zu trinken." — Unterofficier: „Nicht richtig." — Einjähriger: „Zur Aufbewahrung geistiger, resp. stärkender Getränke." — Unterofficier: „Sehr schön jesagt, namentlich das respective gefällt mir sehr jut, aber nid) trichtig. Weil's vorgeschrieben is."
- lieber die Ergebnisse der Zuckercampagne in Deutschland liegen bereits •einige positive Daten vor. Die von 401 Fabriken Deutschlands verbreitete Rüben- nienge wird mit 72,3 Mill, metrische Centner veranschlagt gegen 103,98 Millionen im Vorjahre, 89,2 Mill, in der Campagne 1883—84. Es würde sich sonaä; ein Ausfall von rund 30 Proc. ergeben, womit auch alle bisherigen Schätzungen so ziemlich über- einstimmen. Es gelangt nur weniger Waare zum Ausgebote und die Preise haben in Folge dessen mit Leichtigkeit eine Avance durchsetzen können.
Literarisches.
— Reich an unterhaltenden und belehrenden Stoff ist wiederum Nr. 2 der fix weit verbreiteten Neuen Musik-Zeitung. Diese Nummer enthält unter Anderem: Anton Bruckner, Portrait nebst Biographie von Dr. Hans Kleser. — Der Hexenmeister, eine überaus interessante wahrheitsgetreue Novelle von Johanna Baltz. — Geschichte der modernen Blechinstrumente mit 12 Abbildungen. — Geschichte der Orgel mit 5 Abbildungen. — Ein zur Aufklärung wichtiger Brief von Sofie Menter,, ein Ereignis; am rumänischen Königshofe betreffend. — Die Münsterorgel zu Straßburg, eine Erzählung aus dem Mittelalter von Franz Siking. — Apollodorus oder „Die Dilettanten", eine heitere Musik- und Liebesgeschichte von W. Bölsche. — Vermischtes, aus dem Künstlerleben, über Theater und Concerte rc. rc.
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Landwirthschaftiiches.
— sGenossenschaften gegen Unfraut.J Ein großer Feind wirthschastlicher Pflanzenkultur ist bekanntlich daS Unkraut. Es raubt den Culturpflanzen Licht und Luft und einen Theil derjenigen Nährstoffe des Bodens, die zu ihrem Gedeihen erforderlich sind; es beeinträchtigt, wie die Ouecke und andere Wurzelunkrauler, die Bodenbearbeitung; es erschwert, wie die Distel, die Ernte; es verunreinigt die Marktwaare, wie die Rade bei dem Weizen oder der Hederich bei dem Flachs. Alle Sorgfalt und Muhe aber, welche der Landwirth oder der Gärtner auf Ausrottung des Unkrauts verwenden mag, ist vergeblich, wird zu einer sich alljährlich wiederholenden Sisyphusarbeit, wenn nicht alle seine Nachbarn, ja, alle Ackerwirthe einer durch Berge, Wälder oder größere Gewässer in sich abgeschlossenen Gegend in gleichem Sinne thätig sind; denn meilenweit trägt ja der Wind die gefieberten Samen, während andere sich an die Körper des Weidviehes ober des vierfüßigen sowohl wie des geflügelten Wildes hängen und so von einem Grundstück auf bas anbere übertragen werden. Hier vermag nur ein systematischer, nachdrücklicher Kampf mit vereinigten Kräften erfolgreiche Hilfe zu gewähren. Als zweckmäßigste Form dafür scheint die Bildung obligatorischer Flurgenossenschaften. Derartige Flurgenossenschaften findet man schon in Bayern, Württemberg und Baden. Die betreffenden Gemeindevorstände haben die Pflicht, im Juni jeden Jahres alle Grundstücke auf das Vorhandensein von Unkraut zu besichtigen und die nachlässigen Besitzer oder Nutznießer anfzusordern, ihrer Pflicht, das Unkraut auszurotten, binnen kürzester Zeil nachzukommen. Ist dies bei einer bald folgenden Revision nicht geschehen, so wird es durch die Gemeinde auf Kosten des Saumseligen vorgenommen. Diese Besichtigung erstreckt sich auf die Feldraine, Dämme, Anger, Schutt- und Erdhaufen, ebenso auf Einfriedigungen aller Art, auf Büsche und Gestrüppe. Auch hier müssen alle Unkräuter beseitigt werben, besonders solche, die sich wie die Quecken durch Wurzeltriebe stark vermehrest, oder solche, deren Samen, wie bei dem Löwenzahn, der Distel n. s. w. durch den Wind die weiteste Verbreitung^erhalten, ober solche, die sich, wie Kamille, Melde n. s. w. durch eine ungeheure Samenfülle auszeichnen. Dieses Beispiel verdient sicherlick; allseitige und eifrige 'Nachahmung. Thatsächlich unvermögende Besitzer oder Pächter kleinerer Grundstücke werden aus Gemeindemitteln oder aus einer besonderen für die Zwecke der Genossenschaft zu bildenden Kasse zu unterstützen sein. Es wirb des Hinweises kaum bebürfen, daß derartige Vereinigungen in sehr nützlicher Weise ihre Thätigkeit auch auf die Vertilgung des Ungeziefers, wie Maikäfer, Kohlweißlinge u. dgl., und auf die Hebung nützlicher Vögel erstrecken könnten.
— In gegenwärtiger Jahreszeit, wo Jedermann darauf bedacht ist, sich gegen Erkältung und namentlich gegen den feuchten Morgennebel zu schützen, könnte man keine bessere Herzstärkung finden als den ächten Benedictiner-Liqueur -er Abtei zu Fecarnp. An den Küsten der Normandie tritt man keine Reffe an, ohne vorher ui nüchternem Zustande ein kleines Glas dieses kostbaren Magenelixirs zu sich genommen zu haben. Sehr bekannt ist and) die alte normännische Sitte, zwischen den beiden Hauptgängen einer Mahlzeit ein Glas Liqueur zu nehmen; der Volksmund nennt dies „das Lock) der Mitte bohren", nun dieser erste Act der Verdauung wirb überall mit dem ächten Benedictiner vorgenommen.
Für die Hinterbliebenen des verunglückten Konrad Keßler sind nod) nach- tväglid) eingegangen: Am Stammtische im Gasthaus zum Löwen 4,25 JL Weiter sei bemerkt, baß bie bei mir eingegangenen Gaben nicht, wie irrthümlich angegeben wurde, 137 «M., sonbern 147 «X betrugen. Die nod) verwenbbare Gesammtsumme beträgt demnach 591,85
Gießen, den 4. Februar 1886.
Dr. Naumann, Pfarrer.
Kirchliche AuZeigeu der Studt Gieße«. Evangelische Gemeinde.
Gottesbien st.
5. Sonntag nach Epiphanias, 7. Februar.
Vormittags 9Vz Uhr: Pfarrer Schlosser.
Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Dr. Naumann.
Kinberkirche, Vormittags 11 Uhr: Pfarrer Schlosser.
Montag, ben 8. Februar, Abends 8 Uhr, Bibelstunde in der Kleinkinder- schule, 1. Johannesbries Kap. 4, von Vers 1 an. Pfarrer Dr. Naumann.
Am Sonntag, den 14. Februar, wird Beichte und heiliges Abendmahl im Abendgottesdienst gehalten werden.
Die Pfarrgeschäfte in der Woche vom 7. bis 13. Februar besorgt Pfarrer Schlosser.
Katholische Gemeinde.
5. Sonntag nach Epiphanie.
Mariä Lichtmeß.
Von 7 Uhr an Beichte. Um 8 Uhr: Frühmesse und Austheilung der h. Com- muuion. Um VrIO UHr: Hochamt und Festpredigt. Um 2 Uhr: Feftandacht.
Gottesdienst in der Synagoge.
Freitag Abend 430 Uhr, Samstag Morgen 830 Uhr, Samstag Mittag 3 Uhr, Samstag Abend 5'° Uhr.
Allgemeiner Anzeiger.
Gasthaus „Zur 'kraue“
in Seligenstadt M.
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