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Arankreich.

Paris, 1. December. Deputirtenkammer. Keller tadelt die von der Commission und der Regierung an der Truppenbesoldung vorgeschlagenen Er- sparniffe. Redner vergleicht die Schwäche des französischen Effectivstandes mit dem Deutschlands und schlägt vor, den ursprünglichen Kredit wieder herzustellen. Der Kriegsminister Boulanger erwidert, man müffe denjenigen, die im deut­schen Reichstage eine Vermehrung des Effectivstandes verlangt haben, es über­lasten, sich der Argumente zu bedienen, welche aus einer Vergleichung des französischen und des deutschen Effectivstandes gezogen würden. Die beantragte Reduction entspreche den Beurlaubungen, die zu einer Zeit ertheilt werden, wo dies ohne Jnconvenienzen geschehen könne. Der Antrag Keller wurde mit 539 gegen 2 Stimmen abgelehnt.

Reichstag-

E. R. Berlin, 1. December 1886.

Die Generaldiscussion wird heute fortgesetzt.

Abg. Hasen clever (Socdem.): Erfreulich ist, daß die sociale Frage jetzt parlamentsfähig geworden ist. Ohne Aenderung des Steuersystems, Beseitigung der indirecten Steuern, welche die Arbeiter mehr, als die anderen Klassen belasten, könne man den Arbeitern nicht helfen. Bevor man dem Kapitel: Maximalarbeitstag, Sonntagsruhe, Arbeiterschutzmaßregel nicht näher trete, bleibe das Wort des Reichs­kanzlers vomRecht auf Arbeit" eine Phrase, auf die augenblickliche Beruhigung der Arbeiter berechnet. Das sei aber nur ein Recht aufs Arbeitshaus. Eine starke Waffe sei die Vaterlandsliebe des Volkes, die aber durch das jetzige Regierungs- und Polizei­system nicht anerzogen werde. Seine Partei werde im Wesentlichen für alle Abstriche, aber auch für alle Ausgaben stimmen, die zu Culturaufgaben bestimmt sind. Den Etat im Ganzen werde seine Partei, aus Mißtrauen gegen die Regierung, ablehnen.

Abg. v. Maltzahn (cons.) bekämpfte diese Anschauung, vertheidigte die Noth- wendigkeit der Erhaltung eines starken Heeres. An den dafür geforderten Summen werde auch die linke Seite nichts streichen können, wie dies Herr Rickert gestern erfreulicherweise schon zugegeben habe. Redner schloß mit der Mahnung, das Ver­gangene vergangen sein zu lassen und jetzt nur an die Zukunft zu denken.

Abg. v. Huene ((Str.): Wenn alle Ausgaben, die im Etat gefordert würden, auch bewilligt würden, wäre das offenbar zu viel. Die gestrige Ben.erkung des Finanz­ministers v. Scholz, man wolle erst die Bedürfnisse feslstellcn und dann Deckung dafür suchen, bedeute nichts weiter, als daß die Negierung an ihren Monopolgedanken fest­halte. Für das Monopol aber sei das Eentrum niemals zu haben. Schatzsecretär Jacobi sagte gestern:Was wir fordern, fordern wir nicht für uns, sondern für das Land" und Herr v. Scholz sagte;daß kein Groschen, der im Etat stehe, nicht vom Reichstage bewilligt worden sei", daraus ziehe er den Lchluß, daß der Reichstag ver­pflichtet sei, in .diesem Etat keinen Groschen zu bewilligen-, von dem er nicht über­zeugt sei, daß er nicht den verbündeten Regierungen, sondern dem Lande bewilligt worden sei.

Abg. Graf Behr (Reichspartei) erklärte alles zur Wehrkraft des Reiches Er­forderliche bewilligen zu wollen. Zur Deckung der Ausgaben und zur Wetterführung der Socialreform seien die Weiterausbildung der indirecten Steuern das Zweckmäßigste, speciell aus dem Branntwein könnten höhere Erträge erzielt werden.

Gegen einen Vorwurf des Abgeordneten v. Corilloki (Pole) verwahrt der Kriegsminister v. Bronsart die Militärverwaltung. Man beraube die polnischen Rekruten nichtdes letzten Trostes", indem man sie zur dienstlichen Ausbildung in entfernte Provinzen versende; es handelt sich doch um junge Soldaten und nicht um Kinder, die noch an der Mutterbrust lägen.

Abg. Richter (dfr.): Herr v. Maltzahn irrt sich, wenn er meint, daß Abg. Rickert sich bereits über die Militärvorlage geäußert habe; das haben wir absichtlich vermieden und werden es thun, wenn die Vorlage zur Verhandlung steht. Herr ö. Scholz griff gestern den Kaufmannsstand an und warf ihm Defraudationen bei der Stempelsteuer vor. Was ist das für eine Kampfesweise? Wo ist es je £>ei uns vor­gekommen, daß wir den Eharacter von Persönlichkeiten angreifen; wir ^wenden uns nur gegen ihre Fähigkeiten. Solche Defraudationen kommen auch schwerlich vor, da jeder entlassene Comniis seinen ehemaligen Principal denunciren könnte. Dankbar sind wir dem Minister für die Eröffnung, daß die Monopole wieder erscheinen werden; diese Erklärung können wir gebrauchen. Auf den Minister Scholz scheint, angesichts seiner Redeweise gegen die freisinnige Partei, der Umgang mit dem Redacteur, den er zu empfangen die Ehre habe", schlecht eingewirkt zu haben. (Große Heiterkeit.) Dem Abgeordneten v. Maltzahn bemerkte er, daß, wenn die Colonialpolitik nicht die Aus­schreitungen gemacht habe, wie geschehen, dem Reiche der Rückzug von den Karolinen- Inseln und die Anrufung des Papstes als Schiedsrichter erspart geblieben sein würde. Wären unsere vorjährigen Vorschläge angenommen, so würde auch der Aussall bei der Zuckersteuer nicht eingetreten sein. Der Schaden, den die Fluth der Monopolprojecte hervorgerufen, ist unwiederbringlich. In der Thatsache, daß alle diese Versuche von einem einzigen Manne abhängen, liegt die Ursache unseres wirthschaftlichen Nieder­ganges. Das mag sich Herr v. Maltzahn merken.

Finanzminister v. Scholz: Die Wahrheit dieses Bildes wird Niemand glauben. (Widerspruch links.) Würde die freisinnige Partei einmal zur Negierung kommen/ so würde sie sicher unsere Projecte zur Ausführung bringen, weil sie andernfalls Fiasko machen müßte. Wie könnte man alles, wie Abg. Richter gethan, was in Europa geschehe, denn der Handel liege doch auch in England danieder, rc., auf den Willen eines einzelnen Mannes zurückführen? Das Monopol habe er nicht in Aussicht gestellt.

Abg. Windthorst ((Str.) wendet sich sehr energisch gegen die Ausführungen des Ministers v. Scholz. Die Negierung könne ja eine höhere Branntweinsteuer haben, wir selber haben sie angeboten, aber wir wollten ihre Verwendung wissen; diese Aus­kunft wurde uns verweigert. Jetzt wissen wir, wohin die Reise geht.

Abg. Rickert (dfr.) betont, daß die heutige Abschwächung des Ministers v. Scholz bezüglich der Monopole gegenüber seiner gestrigen feststehenden Bemerkung keine Bedeutung haben könne.

Minister v. Scholz protestirt nochmals gegen den von den Abgeordneten Windt­horst und Rickert gemachten Versuch einer Legendenbildung; er habe kein Wort gesagt, das diese Deutung zuläßt. Ich verwahre mich dagegen, daß meinen Aeußerungen eine Auslegung in einer Weise gegeben wird, die unter ehrlichen Leuten nicht üblich ist. (Große Unruhe im Centrum und links; laute Rufe: Zur Ordnung!)

Präsident v. Wedell-Piesdorf bittet den Minister, Ausdrücke zu unterlassen, welche Mitglieder des Hauses verletzen müßten.

Minister v. Scholz erklärt, daß ihm dies ferne gelegen; wenn aber seine Aus­drücke als beleidigend empfunden seien, so zögere er keinen Augenblick, sie zurück­zunehmen.

Abg. Dr. Windthorst ((Str.) weist wiederholt darauf hin, daß es Aufgabe der Regierung sei, betreffs neuer Einnahmen Vorschläge zu machen. Finde die Re­gierung beim Reichstage kein Entgegenkommen, so habe er ja schon den Weg angegeben, der der Regierung offenstehe.

Die Diskussion wird geschlossen.

Nächste Sitzung Freitag den 3. er. T.-O.: Militärvorlage.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correspondenz - Bureau.

Berlin, 1. December. Seine Majestät der Kaiser empfing Vormittags den Besuch des Kronprinzen und nahm darauf die Monatsrapporte der Letbregimenter, -sowie die Meldung des neuen württembergischen Mtlitärattachö's Sick entgegen. Er arbeitete alsdann mit Wilmowski und machte Nachmittags eine Ausfahrt. Um 5 Uhr fand ein größeres Diner statt, wozu ausschließlich höhere Militärpersonen ge­laden sind.

i nr r DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Staatssecretärs de8 Aeußeren, Grafen Bismarck, und des württembergischen Militärbevollmächtigten v. Sick j zu Bundesrathsbevollmächtigten.

Berlin, 1. December. DemReichsanzeiger" zufolge ist nach erfolgter Zu- sttmmung der lstaatsregterung durch päpstliches Breve vom 16. November Domherr Redner in Pelplin zum Bischof von Culm ernannt worden. Der Kaiser hat durch Urkunde vom 29. November demselben die nachgesuchte landesherrliche Anerkennung als Bischof von Culm ertheilt.

Vermischte-.

Mainz, 30. November. Infolge der vielen Diebstähle auf den Strecken der Hess. Ludwigsbahn werden neuerdings bei dem niederen Zugspersonal der Bahn Revisionen vorgenommen. Sobald ein Zug auf irgend einer Hauptstation einläuft, wird das Personal auf das Bureau der Perwaltung beschieden und hier findet nun eine körperliche Visitation statt. Die erste derartige Untersuchung wurde am Samstag vorgenommen. Bei einigen Beamten sollen dabei die großen Taschen aufgefallen sein, welche innerhalb der Mäntel angebracht waren.

Worms, 27. November, [©rabfunb.] Bei den fortgesetzten Fundamentunter­suchungen im Westchor des Domes stieß man neuerdings auf einen Steinsarg, nach Art derjenigen, welche in fränkischen Gräbern gefunden werden. Vor einer geladenen Versammlung von Mitgliedern des Dombauvereins, des Kirchenoorstandes, Alter- thumsvereins u. A. wurde auf Anordnung des Herrn Probst Fehr gestern Nachmittag zur Oeffnung dieses Sarges geschritten und zur Ueberraschung der Anwesenden die merkwürdig gut erhaltene Leiche eines geistlichen Würdenträgers, vermuthlich eines Bischofs, darin vorgefunden. Für die Annahme, daß die menschlichen Ueberreste diejenigen eines Bischofs seien, sprachen die vorzüglich conservirte Bischofsmütze und der auf der Leiche ruhende Bischofsstab. Gewänder umhüllten die Leiche und erschienkn in ihrem Faltenwurf noch völlig intakt, wenn auch bei der Berührung der vermoderte Stoff nur allzu leicht zusammenfiel. In besonders wohlerhaltenem Zustande sind die Füße der Leiche mit den noch ganz vorzüglich zu unterfcheidenden Stickereien der Schuhe. Aus den vorgefundenen Metallzierrathen will man folgern, daß der Sarg mit seinem Inhalt aus der spätkarolingischen Zeit, beziehungsweise aus dem 12. Jahr­hundert stammt; sicheres darüber wird natürlich erst eine genauere Prüfung der Gewandstücke, der Ornamentik an den Insignien und Pretiosen, vielleicht auch der zur Zeit dem Sarge noch nicht entnommene Bischofsring ergeben. Auf Vorschlag und Beschluß der bei der Ausgrabung Versammelten wurde bestimmt, den Fund photo­graphisch und mittelst Handzeichnung aufnebmen und durch eine eigens dazu ernannte Commission, der u. A. die HH. Probst Fehr, Fr. Schön, Dr. Weckerling, Dr. Köhl und ein Fachmann aus Köln angehören sollen, mit der gehörigen Sorgfalt weiter untersuchen zu lassen. (W. Z.)

Handel und Verkehr.

Frankfurt, 1. December. Auf dem heutigen Markt kosten: Kartoffeln per Malier 5.005.50, das Gescheid 100 H, Eier das Hundert JL 5-007.50, das Stück 68 Butter im Großen JL 95.00100.00, im Detail das Pfund JL 1.20 bis 1.40, Weißkraut per Stück 1012 H, Rothkraut per Stück 2000 H, Kohlrabi per Stück 30 H, Ochsenfleisch per Pfund 4570 H, Kuh- u. Rindfleisch 4560 H, Kalbfleisch 4065 H, Schweinefleisch 6575 H, Hammelfleisch 5070 H, 1 Hahn JL 0.701.50, 1 Huhn JL 1.002.50, 1 Ente JL 2.003.00, 1 Gans JL 4-008.00 1 Taube 4070 Welsche JL 5.0012.00.

Limburg, 1. December. Rother Weizen, 14-40, weißer Weizen 1430, Korn JL 10.30, Gerste 8 20, Hafer JL 5.80, Kartoffeln ä 100 Pfund 0.00, Erbsen ä 100 Pfund JL 00.00.

Bezüglich der bei Waarenproben im Postversandt zulässigen handschriftlichen Bemerkungen hat jüngst eine Handelskammer in Folge von Vorkommnissen die Frage bei der Postbehörde in Erwägung gestellt, ob es gestattet sei, den Waarenprobesendungen Zeitnotizen, wie z. B.in 8 Tagen erwartet" u. s. w., beizufügen. Die Handels­kammer wies dabei nach, daß eine solche Notiz über die Zeit, in welcher die Waaren disponibel seien, ein nothwendiges Attribut der Preisfestsetzung sei und deshalb einen unentbehrlichen Bestandtheil der Waarenprobe bilde. Die Poftbchörde hat dies auch anerkannt und entschieden, daß derartige Zeitangaben den Waarenprobesendungen ohne Taxerhöhung beigelegt werden können.

Ein herrlicher Schlaftrunk (Punsch), welcher vorzüglich mundet u- be­kommt, besteht aus i/z Widtfeldt'schem Magenbehagen u. 2/a kochenden Wassers. Nieder!, u. A- b. Emil Fischbach. 8640

Lokale-.

Gießen, 2. December. sSitzung Großh. Handelskammer vom 11. November.! Gegenwarttg waren die Herren Silbereisen, Koch, Heichelheim, Klingspor und Kraatz.

Herr F. C. B. Koch theilte mit, daß er bei Gelegenheit der letzten Eisenbahn- rathssttzung zu Köln die Frage der mangelhaften Personenzugverbindung zwischen Deutz und Meßen wiederholt in Anregung gebracht habe. Hierauf habe man ihm zwar eine definitive Erklärung noch nicht geben können, er habe aber die Versicherung erhalten, daß die in der Eingabe der Handelskammer an Königliche Eisenbahndirection enthaltenen Wünsche, wenn irgend möglich, Berücksichtigung finden würden.

Ein Circular des Reichsschatzamts an Großh. Staatsministerium gelangte durch Vermrttlung Großh. Ministeriums zur Kenntniß der Handelskammer, worin auf die seit fahren ausgesprochenen Wünsche, namentlich süddeutscher Industrieller, nach Um- I gestaltung unseres Verzollungssystems bezüglich der Baumwollengewebe durch Uebergang SU einer neuen Klassification derselben hingewiesen wird, und worin im Anschluß an bestimmte Vorschläge, welche von dem elsässischen industriellen Syndikat zu Mühlhausen und von Feinwebern in Württemberg und Baden gemacht wurden, das Project eines neuen Klassificationssystems eingehender besprochen wird. Da die Handelskammer zu gutächtlicher Aeußerung aufgefordert war, wurde das Circular den hier in Betracht kommenden Geschäften abschriftlich mitgetheilt und gebeten, etwaige Wünsche oder An­sichten der Kammer schriftlich übermitteln zu wollen. Die Umfrage ergab jedoch, daß directe Interessen für oder gegen die projectirten Steuerungen nicht vorlägen und wurde auch demgemäß an Großh. Ministerium berichtet.

Mit Rücksicht auf die Verhandlungen über die Erneuerungen des deutsch- schweizenschen Handelsvertrags soll auf dem Wege der Annonce über die geschäftlichen Beziehungen zur Schweiz bei den Interessenten Umfrage gehalten und demnächst an Großh. Staatsministerium eingehend über das Resultat der Ermittelungen Bericht erstattet werden.

Zu der im December stattfindenden Ergänzungswahl für die nach dem Gesetze ausscheidenden Mitglieder der Handelskammer, die Herren Koch, Katz und Zinßer, wird Herr Klingspor als Wahlcommissär und die Herren Mettenheimer und Aug. Wehn als Urkundspersonen bestimmt.

Herr F. C. B. Koch stellte den Antrag, daß die Kammer für Beseitigung der Gebühr bei Erwirkung eines Musterpasses eintreten möge, da die Erhebung dieser Gebühr in Hessen dem im Zollvereinsgesetz enthaltenen Grundsatz der gleichen Behand­lung Aller widerspreche, indem in anderen Staaten, z. B. Preußen, die Ertheilung des Musterpasses unentgeltlich erfolge. Dem Antrag soll durch berichtliche Vorlage bei Großherzoglichem Ministerium stattgegeben werden.

Gießen, 2. December. Der hiesige Docenten-Verein wird im nächsten Jahre sein fünfundzwanzigjähriges Stiftungsfest feiern- Derselbe besteht seit dem Jahr 1862.

fTheater.jHas em an ns Töchter" gingen gestern Abend in vorzüg­licher Darstellung über unsere weltbedeutenden Bretter und wurden vom zahlreich erschienenen Publikum sehr beifällig ausgenommen.

Sollte die Freitags-Aufführung vonJnspector Bräsig", zu der übrigens schon viel Billetbestellungen eingegangen sind, den gewünschten Anklang finden, so beab­sichtigt Herr Director Rudolph den ganzen Reuter-Cyklus aufzuführen und zwar soll jede Woche ein Stück nach Reuter zur Darstellung gelangen-