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Nr. 254L
Samstag den 31. October
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieße».
Bureau r Schulstraße T. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Preis vierteljilhrlich 2 Mark 20 Pf. mit Vringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P*.
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Lehrer-Conferenz
des Conferenz-Bezirks Gießeu. Mittwoch den 4. November, Vormittags 10 Uhr, in Gießen.
Lieder 1. 6. 11.
Gießen, den 29. October 1885.__ Büchner, Kreis-Schulinspector.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 30. October.
Die am Donnerstag stattgesundenen Urwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause standen diesmal selbstverständlich im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses. Einen vollständigen Ueberblick dieser ersten Wahlen, bei denen bereits die eigentliche Entscheidung ruht, während die Wahlen der Abgeordneten selbst nur mehr Formsache sind, wird man wohl erst nach einigen Tagen gewinnen können und nur aus den meisten größeren Städten dürfte die Entscheidung alsbald bekannt werden. Von diesen zieht natürlich die Haupt- und Residenzstadt Berlin die Ausmerksamkeit in besonderem Grade aus sich, nicht nur, weil hier der Kampf zwischen den politischen Parteien von jeher am schärfsten geführt worden ist, sondern auch, weil diesmal die nationalliberale Partei zum ersten Male selbstständig in den Wahlkampf eingegriffen hat. Der Ausgang dieses Unternehmens wird jedenfalls darthun,, inwieweit man künftig von der vielfach bezweifelten politischen Existenz-Berichtigung der gemäßigten Parteien in der Reichshauptstadt wird sprechen können. (Die Nationalliberalen in Berlin sind gestern total unterlegen.) Im Uebrigen läßt sich von der nunmehr beendigten preußischen Wahlbewegung sagen, daß sie sich im Allgemeinen in maßvollen Schranken bewegt hat, da große, politische Schlagworte fehlten, welche sonst die Maffen zu erhitzen pflegen; vielleicht gestattet dieser Umstand einen Schluß auf eine verhältnißmäßig ruhige und deshalb ersprießliche Session. — In Berlin sind mit vorigem Sonntag endlich auch die kirchlichen Ergänzungswahlen zum Abschluß gelangt. Das Gesammt-Resultat derselben ist ein für die Kirchlich-Liberalen nicht besonders günstiges, denn es sind etwa 107 freisinnige Kirchengemeinde - Beamte und 115 positiv-kirchliche Candidaten gewählt worden und haben die Kirchlich-Liberalen in den die Berliner Parochien vertretenden Körperschaften also nicht mehr die Majorität.
In zwei interessanten Processen politischer Natur ist dieser Tage das Urtheil gesprochen worden. Der eine derselben bezieht sich auf eine Anzahl von Ausländern, welche an der vorjährigen Reichstagswahl in Danzig Theil genommen und dadurch deren Ungiltigkeit herbeigeführt hatten. Sämmt- liche vor der Danziger Strafkammer erschienene Angeklagte — 34 — wurden indessen freigesprochen, weil „das Bewußtsein der Widerrechtlichkeit ausgeschloffen erscheine." Der andere Proceß ist der sog. „Hödur»Proceß", angestrengt gegen den Vorstand des fortschrittlichen Vereins in Hörde (Westfalen) und den Nedac- teur der „Hagener Zeitung", Butz. Letzterer war wegen Beleidigung des Reichskanzlers zu 200 J4,., die übrigen Angeklagten zu je 500 »X von der Hagener Strafkammer verurtheilt worden. Dieses Urtheil hat jetzt seine Bestätigung durch die Verwerfung der von den Angeklagten eingelegten Revision Seitens des Reichsgerichtes gesunden.
Die preußische General-Synode ist am Dienstag geschlossen worden, nachdem von ihr vorher auch das Relictengesetz, betr. die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der Geistlichen, genehmigt worden war.
In den auswärtigen Beziehungen des deutschen Reiches bildet der Streit mit Spanien wegen der Karolinen-Inseln fortgesetzt den „dunkeln Punkt." Nach wie vor lehnt Spanien die Anerkennung der deutschen Ansprüche auf diese Inseln entschieden ab, wie die spanische Antwort auf die letzte Note des Reichskanzlers vom 1. October klar besagt. Höchstens will sich Spanien dazu verstehen, die Karolinensrage einer neuen internationalen Con- ferenz, nach dem Vorbilde der Congo-Conserenz, zu unterbreiten; von der Vermittelung des Papstes ist in der spanischen Antwort-Note merkwürdiger Weise gar nicht die Rede. Obwohl erst die jüngsten Nachrichten von den Karolinen- Inseln wiederum bekunden, daß Deutschland speciell bei Besetzung der Insel Jap den Spaniern unzweifelhaft zuvorgekommen ist, so bleibt Spanien hartnäckig dabei, daß seine Ansprüche die älteren seien und legt außerdem die Bestimmungen der Congo-Conserenz in einer geradezu lächerlichen Weise zu seinen Gunsten aus. Unter diesen Umständen blebt eben nur der letzte Appell an die ja auch von Spanien im Princip angenommene Vermittelung des Papstes übrig; hoffentlich wird es letzterer gelingen, die Wolken, welche die Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien so lange schon verdunkeln, wieder zu entfernen.
In Oesterreich liegt das parlamentarische Schwergewicht gegenwärtig bei den in Wen versammelten Delegationen, zu deren Gunsten der Reichsrath mit seinen Arbeiten einstweilen ausgesetzt hat. Mit der einge- iretenen Vertagung ist der kurze Sitzungs-Abschnitt des Reichsrathes, welcher am 22. September begonnen hatte, beendigt. Trotz ihrer kurzen Dauer war diese Vorsession im Abgeordnetenhause eine überaus stürmische und dem österreichischen Minister-Präsidenten dürfte es leichter um's Herz sein, sich einige Monate hindurch wieder der reichsrathslosen Zeit erfreuen zu können. Der Reichsrath wird kaum vor Ende Januar wieder zusammentreten; die nächsten Wochen gehören den Delegationen. Ende November aber sollen die Einzel- f Landtage zusammentreten und der politische Chorus in 17 Landes-Hauptstädten angestimmt werden.
Die Feindseligkeit, mit welcher in Dänemark die radikale Partei der Regierung gegenübersteht und die Bevölkerung gegen die Staatsgewalt aufzuwiegeln sucht, hat in den Kopenhagener leitenden Kreisen längst den Gedanken wachgerufen, die Zügel der Regierung straffer anzuziehen. Augenscheinlich ist diesem Gedanken durch das gegen den Minister-Präsidenten Estrup begangene Attentat Leben verliehen worden. Der Staatsrath bat nämlich ein provisorisches Gesetz über die Bildung einer unter dem Kriegsminister stehenden militärisch organisirten Gensd'armerie erlassen. In den Motiven zu diesem Gesetz wird daraus hingewiesen, daß die Civilbehörden unter den jetzigen Verhältnissen in Dänemark öfter in die Lage kommen könnten, militärische Hülfe zu requiriren und es solle daher ein militärisch organisirtes Gensd'armerie'Corps errichtet werden, eigens, um die Civilbehörden in der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit, Ruhe und Ordnung, und bei Handhabung der bestehenden Gesetze zu unterstützen. Ein weiteres Gesetz bewilligt den Communen für außerordentliche Polizei-Ausgaben einen Staatszuschuß.
Der gordische Knoten der Balkanfrage soll also von einer echten, wirklichen Botschaster-Conferenz — keiner bloßen „Vereinigung" — in Konstantinopel gelöst werden. Die äußeren Umstände sind diesem Beginnen nicht ungünstig, namentlich steht die Einigkeit der drei Kaisermächte außer allem Zweifel da, Italien scheint gegen ihr Programm keinen ernstlichen Widerspruch erheben zu wollen und die Westmächte haben, wenngleich mit einigen Klauseln, gleichfalls ihren Beitritt zur Conferenz erklärt. Außerdem scheinen auch Serbien und Griechenland vorläufig Ruhe halten zu wollen, zumal da erst dieser Tage die serbische Regierung auf die gemeinsame Note der Großmächte die Versicherung ertheilt hat, baff M wr Berliner Vertrag heilig sei und daß sie den Mächten vertraue. Nun, zum Losschlagen ist es ja auch immer noch Zeit!
Die Rede des Kaisers von Oesterreich beim Empfang der Delegationen wird jetzt auch vom „Journal de St. Pötersbourg- in bemerkens- werther Weife glossirt. Das officiöse Blatt wünscht, daß diese Sprache in Sofia, Belgrad und Athen verstanden werde und daß die Uebereinstimmung der Cabinette sich bald auf der Konstantinopeler Conserenz bekunden möge. Die Vorbehalte einzelner Mächte würden hoffentlich bald vor der Erwägung schwinden, wie sehr eine einheitliche Action geboten sei. Das „Journal de St. Pö- tersbourg" erinnert weiter daran, wie sich derartige Vorbehalte so verhängniß- voll bei der Schiffs-Demonstration vor Dulcigno und in Egypten bei der Niederwerfung der Revolution Arabi Paschas erwiesen hätten. Diese Thatsachen seien zu neueren Datums, als daß sich die Erinnerung daran nicht ausdrängen sollte.
Isrankreich.
Paris, 29. October. Heute Mittag gegen 12 Uhr feuerte ein Individuum auf der Concordien-Brücke aus den Wagen des Ministers Freycinet in dem Augenblick, als der Minister aus dem Ministerrath in das Ministerium des Aeußern zurückkehrte, einen Pistolenschuß ab. Es ist Niemand verletzt worden. Der Thäter wurde verhaftet. Derselbe erklärt, Freycinet nicht persönlich zu kennen, und lehnt es ab, irgend eine Aussage über seine Person und seine Existenzmittel zu machen. Er hat das Aussehen eines Fabrik-Werksührers und scheint von Nationalität ein Italiener zu fein.
Paris, 29. October. Freycinet erhielt anläßlich des Attentats im Laufe des Nachmittags zahlreiche Besuche von Senatoren, Deputirten und Mitgliedern des diplomatischen Corps. Der Verhaftete verweigert hartnäckig die Nennung seines Namens und die Angabe der Motive für das Attentat, auch wurde nichts bei ihm gefunden, was zur Feststellung seiner Persönlichkeit dienen konnte.
— Die „Agence Havas" bezeichnet die hier umlaufenden Gerüchte von einer bevorstehenden Anleihe und einem neuen Einkommensteuer-Gesetzentwurf mit dem Bemerken als unbegründet, daß die Regierung keinerlei derartige Beschlüsse faßte.
Griechenland.
Athen, 29. October. Die Kammer nahm in zweiter Lesung die vorgelegten finanziellen Gesetzentwürfe an. Delyarmis brachte einen Gesetzentwurf ein, wonach von allen Beamtengehältern und allen sonstigen Zahlungen aus der Staatskasse 5 pCt. während der Dauer der Mobilmachung abzuziehen flnb- Von der Marine sind weitere Reserven einberufen.
— Der frühere Minister Tricupis wurde, von England zurückkehrenk bei seiner Ankunft hier von einer zahlreichen Menschenmenge begrüßt und hielt eine Rede, worin er zur Wahrung der Rechte des Hellenismus aufforderte und erklärte, er werde die Regierung unterstützen. Tricupis wiederholte später in der Kammer diese Erklärung. Delyannis dankte Tricupis für dessen patriotische ! Reve. — Die Kammer hielt heute eine geheime Sitzung ab.


