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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hl- eil.

Gießen, am 29. Juli 1885.

Betreffend: Die Ausführung des Gesetzes über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grossherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben obigen Betreffs vom 27. März L I. (Amtsblatt Nr. 1) fordern wir Sie auf, die Ueberwachungsbogen über die in fremde Pflege gegebenen Kinder unter 6 Jahren innerhalb 14 Tagen an uns einzusenden.

Dr. Boekmann.

sehdet worden. Das Reichsland wird also fortan liberal regiert werden. Bolksthümlichkeit wird Hohenlohe um so leichter erwerben, da er nicht nur, gleich seinem Vorgänger, bemüht sein wird, liebenswürdig zu sein, sondern es, im Gegensätze zu dem rauhen Kriegsmanne, von Natur ist. Ueberdies fleht er als Süddeutscher den Elsässern, welche dem schwäbischen Stamme angeboren, und auch den Lothringern, welche fränkischen Ursprungs sind (gleich den Nord­bayern und den Bewohnern des Südens der preußischen Rheinprovinz) erheblich näher, als der rauhe Sohn Norddeutschlands, Manteuffel. Endlich geht ihm von seiner Tätigkeit als Botschafter in Paris her der Rus eines den Fran­zosen wohlgesinnten Mannes voraus und ebnet ihm die Wege in Neu« Deutschland.

Doch weit mehr, als er zu vollbringen vermöchte, thun Zeit und Ver- hältnisse. Zunächst bilden die alldeutschen Einwanderer einen immer stärkeren Procentsatz der Städtebewohner. Dann beginnt die Erinnerung an die Zuge- Hörigkeit zu Frankreich doch in Elsaß-Lothringen zu verblassen, Das gutnach- darliche, fast sreundjchastliche Verhältniß zwischen den Cabineten von Pans uno Berlin verringert die Hoffnungen auf einen Rückfall an Frankreich. Mit jedem Jahre wird der Abstand zwischen der Volkskrast Frankreichs und Deutschlands größer, vermindert sich sonach die Aussicht auf französische Revanche. 1820 zählte Frankreich vier Millionen Einwohner mehr, als das Gebiet des deutschen Reiches, 1880 zählte es neun und 1384 schon zehn Millionen Köpse weniger. Der Abstand wird alljährlich größer, und da die französischen Kolonieen wenig­stens 40,000 Mann fesseln und jährlich 300 Millionen «A. kosten werden, rit die Möglichkeit eines französischen Angriffes auf Deutschland heute schon saft ausgeschlossen. So fügen sich denn langsam die Elsaß-Lothringer in das Unver­meidliche, und die zweitnächste Generation wird sie ganz in Deutschland auf­gehen sehen." ________

Gießen, 30. Juli.

Ueber den neuen Statthalter von Elsaß-Lothringen wird uns geschrieben:Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst, der deutsche Botschafter bei der französischen Republik, hat am Montag Gastein verlassen, wohin er gereift war, um sich dem Kaiser vor Uebernahme der Statthalterschaft des Reichslandes vorzustellen. Das Amt, welches der Fürst zu übernehmen sich anschickt, ist nächst der Reichskanzlerschast das schwierigste in Deutschland. Unter allen Verhältnissen ist es eine mühselige, zu ihrer Lösung lange Jahrzehnte be­dürftige Ausgabe, die Bevölkerung eines eroberten Gebietes für die neue Herr- schast zu gewinnen, wenn jene völlig mit dem alten Vaterlanve verwachsen, von einem, zeitweise in Chauvinismus ausarlenden Patriotismus durchglüht war und durch tausendfältige Fäden der Familien «Verwandtschaft und schwerwiegende ^conomische Interessen geknüpft ist. Elsaß-Lothringen zählt heute noch unver- hältnißmäßig starke Contingente seiner Söhne in der Armee, der Flotte und der Bureaukratie der Republik; diese Elemente rühren unablässig den Revanche- Eifer unter den Franzosen und die Oppositionslust unter ihren, zu deutschen Reichsbürgern gewordenen Verwandten. Elsaß-Lothringen ist aber nicht nur das trefflichste RecrutirungS-Depot, auch die blühendste Jndustriestätte Frankreichs gewesen. Das Absatzgebiet der dortigen Fabriken ist natürlich Frankreich ge­wesen; seit 1871 hat die Zoll-Linie die alten Verbindungen gestört, und wenn die Schaffung derselben ein Jahrhundert erfordert hat, ist der Gewinn neuer, gleich wohlhabender Märkte in Deutschland nicht binnen anderthalb Jahrzehnten zu vollziehen. L t . ...

Die Schwierigkeiten sind erheblich gesteigert worden durch den Umstand, daß die Reichsregierung, ihrer sonstigen Eigenart zuwider, nicht Geduld und Ausdauer bd dem großen Werke gezeigt, sondern mehrfach geschwankt und die Methode gewechselt hat. Möller, der erste Statthalter, versuchte es, nach alt- preußischer Art Elsaß-Lothringen moralisch mit Deutschland zu verschmelzen. Die Elite der preußischen Beamten wurde in's Reichsland gesandt und ein strammes Regime emgesührt. Das Verfahren hatte sich bei früheren Vergrätze- rungen Preußens tresfiich bewährt; doch in Elsaß-Lothringen blieben die Wir­kungen des bewährten Systems aus. Die Errungenschaften von 1789 hatten die dortige Bevölkerung wie mit eisernen Klammern an Frankreich geschmiedet; dazu kamen die erwähnten verwandtschaftlichen Beziehungen und wirthschaftlichen Interessen und kam der Glaube an den nahen Ausbruch des Revanche-Krieges, welcher erst eine endgültige Entscheidung bringen werde.

Statt auszuharren auf der Bahn, die allerdings weit größere Hindernisse aufwies, als berechnet war, aber bei cousequenter Verfolgung doch an's Ziel geführt hätte, bog die Reichsregierung durch Ernennung Manteuffel's in andere Pfade ein. Der verstorbene Feldmarfchall kehrte, im Gegensatz zu der eisernen, mit absoluter Unparteilichkeit gepaarten Strenge seines Vorgängers die äußerste Liebenswürdigkeit hervor. Er suchte bei den Massen populär zu werden, machte den Notabeln beinahe den Hof und schloß einen Bund mit dem katholischen Episkopat, mit dessen Hülse er die Partei der Unversöhnlichen zu besiegen hoffte. Während in Deutschland noch der Culturkamps tobte, wurden im Elsaß alle Forderungen der Kirche erfüllt. Aber auf politischem Felde erwies sich Man« teuftet als schlechter Stratege. Wohl war er persönlich beliebt, und den Un­willen der Altdeutschen (Einwanderer aus dem Reiche) und der Bureaukratie, gegen welche er in Streitfällen stets zum Vortheile der Eingeborenen Partei genommen, mochte er gering anschlagen; doch bei den Wahlen brachen die Ultra- montanen den Pakt; alle Autonomisten (d. h. Alle, welche nicht Parteigänger Frankreichs waren) unterlagen, ausschließlich Protestler (gegen die Zugehörigkeit zu Deutschland) wurden gewählt: Manteuffel's System hatte totalen Bankerott gemacht, und das Eingeständniß des Letzteren durch Abberufung des Feldmar- Ichalls wurde nur durch den Tod des Statthalters verhindert.

Jetzt soll nun das dritte System in der Behandlung Elsaß-Lothringens ringesühN werden. Fürst Hohenlohe ist Liberaler und Süddeutscher: damit ist Das neue System gekennzeichnet. Deutschland paktirt nicht länger mit den Elsaß- Lothringer Ultramontanen. Hohenlohe hat 1869 als bayerischer Minister- Präsident die europäischen Regierungen eingeladen, Vorkehrungen gegen den Versuch der Einführung des Unfehlbarkeits-Dogmas zu treffen. Gras Bismarck Imtte damals alle Aufmerksamkeit auf den herannahenden Krieg mit Frankreich ^richtet, das von der moralischen Hülse der Curie große Erfolge erwartete, ob ließ, trotz aller Mahnungen Grasen Harry Arnim's, das Conzil seinen Haus nehmen, so daß später der Culturkamps hereinbrechen mußte. Während Seiner Ministerschaft ist Hohenlohe auf Tod und Leben von den Klerikalen be-

Darmstadt, 29. Juli. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 20) enthält: .....

1. Verzeichnis der Vorlesungen, welche auf der Großherzogüch Hessischen Ludewigs-Universität zu Gießen im Winter-Halbjahre 1885/86 gehalten wer­den und am 26. October ihren Anfang nehmen.

1. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Worms, die für das Rechnungsjahr 1885/86 zur Bestreitung der Communal - Bedürfnisse der Stadt Worms zu erhebenden Umlagen betreffend.

3. Concurrenzeröffnungen:

Erledigt sind: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Schulstelle (die 1.) an der Gemeindeschule zu Langen-Brombach mit einem jährl. Gehalt von 900 Jl.; das Präsentalionsrecht steht dem Herrn Grasen zu Erbach-Fur. stenau zu. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Schulstelle an der Gemeindeschule zu Egelsbach mit einem nach dem Dienstalter des bett. Lehrers sich bemessenden Gehalt von 1000 bis 1500 «A.; mit derselben ist Orgarnsten- dienst verbunden. Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Schulstelle an der Gemeindeschule zu Klem-Stcinheim mit einem nach dem Dienstalter des bett. Lehrers sich bemessenden Gehalt von 900 bis 950 «A. Die evang. Pfarr­stelle zu Langsdorf; das Präsentationsrecht zu dieser Stelle steht dem Herrn Fürsten zu SolmS-Lich zu.

Telegraphische Depeschen.

Wolst'S lelegr. Eorresporrderrz »Bureau.

Bad Gastein, 29. Juli. Se. Maj. der Deutsche Kaiser machte heute in Be­gleitung des Flügeladjutanten Oberstlieutenant v. Petersdorst "^^n Spazlergang auf dem Kaiserwege. Zur Tafel sind heute die beiden Grafen zu Dohna, General v. stauch und - bmt Majestäten werden während ihres hiesigen Aufenthalts

°m 6<X7- Mr werden der Kaiser

und die Kaiserin zum Besuche des Kaisers Wilhelm am 6. August Abends in Gastein Eintreffen und daselbst bis zum nächstfolgenden Abend verweilen. . .

Posen, 29. Juli. Der Finanzminister v. Scholz ist nach erfolgter ^nspnirliug des hiesigen neuen Steuergebäudes und der Regierungsabtheüung für birecte Steuern *>eUte '^ri^2^Jnl7'°MilLdwards, Naturforscher und Doyen der Akademie der Wissenschaften, ^r8^tc°rebr^öerf(tnim[ung der Panama-Actionäre wcherlegte Lesseps alle über das Unternehmen umlaufenden ungünstigen Gerüchte. 4,ie Versammlung nahm ~£i'eP\Stn&i"-3eita0en behaupten, waren von dem Zw°lf-Milli-n-n-Cr°dit für Madagaskar 7 Millionen bereits verbraucht. Dle Blatter folgern daraus die ^toth.