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29.10.1885 Zweites Blatt
 
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Rr. 252 Zweites Blatt Donnerstag den 29. October 1685

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schul st raße 7.

Politische Ueberskcht.

Gießen, 28. October.

Die Entscheidung in der preußischen Landtagswahl-Cam­pagne steht vor der Thür, alle Parteien mustern zum letzten Male ihre Mannen und bald wird man nun hören, wie die Würfel gefallen sind. Ob die diesmaligen Wahlen in Preußen mit dazu beitragen werden, unsere so beklagens- werthen 'Parteiverhältnisse einigermaßen zu klären und die Bildung zuverlässiger, compacter Parlaments-Majoritäten anbahnen zu Helsen, muß eben abgewartet werden. Sehr wahrscheinlich ist dies freilich nicht. DieNordd. Allg. Ztg." unterscheidet in dem künftigen preußischen Abgeordnetenhause bereits zwei große Gruppen. Die eine werde, wie das ofsiciöse Blatt meint, mit der Regie­rung in Frieden zu leben bereit sein und gern an der Fortbildung der preußi­schen Zustände in dem Geiste und der Richtung mitarbeiten, in welcher sie in einer nun fast 25jährigen Regierungszeit Kaiser Wilhelms als König von Preußen entwickelt worden seien. Der Umstand, daß die consequent verfolgte innere und äußere Politik Preußens nicht nur letzteren Staat, sondern das ganze deutsche Volk zu Den ersprießlichsten Resultaten geführt habe, habe in immer weiteren Kreisen des preußischen Volkes das Vertrauen auf die Regie­rung gestärkt. Im Inneren Frieden zu haben, damit die Wohlfahrt Aller ge­deihe in diesem Sinne sei eine große Anzahl polittsch gereister Männer bereit, die Regierung zu unterstützen und die Parteien, welche diese Männer unbeschadet ihrer conservativen oder gemäßigt-liberalen Tendenzen, umfassen, würden die eine dieser großen Gruppen des künftigen Abgeordnetenhauses bilden. Die andere derselben werde sich, fährt das officiöse Blatt weiter fort, aus den- Migen Elementen zusammensetzen, welche in Hingabe an demokratische Ideale, in Verfolgung parlamentarischer Herrschergelüste, in Wahrnehmung einseitig ultramontaner Ansprüche, in Geltendmachung partikularistischer und antinatio­naler Velleitäten sich auf die Unzufriedenen im Lande stützten. Das Blatt saßt dann nochmals zusammen, daß es sich um eine Entscheidung zwischen der ersten Gruppe, welche den Frieden im Inneren, die ruhige, stete Fortarbeit an den begonnenen Reformen wolle und der zweiten Gruppe, die im Streite mit der Regierung lebe, handele.

Die preußische General-Synode hat am gestrigen Dienstag ihre Arbeiten unter Zuhülsenahme von Abend-Sitzungen beendigt. Der wichtigste, aber zuletzt eingelaufene Gesetzentwurf, der eines Relictengesetzes, wird unter diesen Umständen keinensalls zur Erledigung gekommen sein. Die ad hoc eingesetzte Commission beabsichtigt deshalb, Angesichts der großen Be­deutung der Vorlage am Schluß der General'Synode zu beantragen, daß der Oberkirchenrath die Synode zu einer außerordentlichen Sitzung nach kurzer Zeit wieder zusammenberusen möge, um diese wichtige gesetzgeberische Arbeit noch zu vollenden. Als Termin für die Wiedereinberufung der Synode ist die Zeit nach den Landtagswahlen und vor dem Zusammentritt des Reichstages in Aus­sicht genommen, während man von anderer Seite die Einberufung des Reichs­tages für die Rachsession der Synode abwarten will, da dem Reichstage ohne­hin eine ziemliche Anzahl von Synodal-Mitgliedern angehört.

Zur Karolinenfrage schreiben dieBerl. Polit. Rachr."', die Ver­öffentlichung der deutschen Antwort-Note habe nur bezweckt, durch die öffentliche Constatirung des deutschen Standpunktes der tendenziösen Verdunkelung thun- lichst vorzubeugen.

Gerüchtweise verlautet, daß mit einem Berliner Consortiurn über die Regulirung der Finanzen des Königs von Bayern unter Bürgschaft der Civilliste verhandelt werde.

Arn Samstag Mittag hat der österreichische Kaiser die beiderseitigen Delegationen empfangen und sich hierbei, wie es bei dieser Ge­legenheit traditionell geworden ist, u. A. auch über die auswärtige Lage aus­gesprochen. Die kaiserliche Kundgebung ist diesmal besonders bedeutsam, weil sie mit dem Höhepunkt der durch die bulgarische Revolution hervorgerusenen Krise zusammenfällt und doppelt erfreulich ist es da, zu hören, daß der Herr­scher Oesterreich-Ungarns in diesen bewegten politischen Zeiten die Einmüthigkeit der Signatarmächte in ihren Bemühungen zur Sicherung der großen Jntereffen des Friedens betont. Besonders hob der Monarch dasenge und vertrauens­volle" Verhältniß zwischen den drei Kaisermächten hervor, welches neuerdings durch die Tage von Kremsier seine Bestätigung gefunden habe. Angesichts dieser Betonung des deutsch-österreichisch-russischen Einvernehmens erscheint es darum auch bedeutsam, daß der Kaiser kein Hehl daraus machte, wie sich seine Regierung bemühen werde,im Vereine mit den anderen Signatarmächten des Berliner Vertrages in den Gebieten des Balkan die legale Ordnung wieder herzustellen, deren unerwartete Verletzung für die Ruhe und Wohlfahrt der dor­tigen Völker ernste Gefahren heraufbeschwört." Wiederherstellung der legalen Ordnung, d. h. Wiederherstellung des durch den Berliner Vertrag geschaffenen RechLszustandes im Orient, das ist also das Programm der Großmächte Über­haupt , in dem Augenblicke, da ihre Vertreter in Konstantinopel zu einer neuen Eonserenz zusammentreten. Hoffentlich beherzigt man in Serbien und Griechen­land diese kaiserlichen Worte, die an ernster Offenheit nichts zu wünschen übrig lassen

Die englisch-türkische Convention wegen Egyptens ist nun end­lich doch und zwar am Samstag unterzeichnet worden. Die Convention hat den Firman über die Rechte des Sultans im Sudan zur Grundlage und ist ein Präliminar-Ueberemkommen. Die Hauptpunkte desselben sind: Entsen-

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düng eines englischen und eines türkischen Commiffars zur eingehenden Unter­suchung der Lage Egyptens; die Reorganisirung der egyptischen Justiz- und Finanzverwaltung und der Armee; Pacificirung des Sudans und Räumung Egyptens Seitens der Engländer nach erfolgter Wiederherstellung normaler Ver- hältniffe im Innern. Die Unterzeichnung der Convention erfolgte, nachdem verschiedene von der Pforte verlangte Modisicationen bezüglich der Bestimmungen über die Reorganisirung der egyptischen Armee vorgenommen worden waren. Ein türkischer Commiffar für Egypten ist noch nicht ernannt. Mit der Un­terzeichnung der Convention ist die Mission Sir> Drummond Wolff's, soweit sie sich auf Konstantinopel bezog, in erfolgreichster Weise erfüllt. Ob sich frei­lich die Ausführung des englisch-türkischen UebereinkommenS so glatt vollziehen wird, ist noch eine offene Frage.

Aus Konstantinopel wird vom Sonntag gemeldet, daß die Bot­schafter, mit Ausnahme des englischen, ihre Instructionen für die Conferenz erhalten haben. Der französische Botschafter ist für den Fall, daß die Mächte eine Aufforderung an den Fürsten Alexander von Bulgarien richten, dahin in- struirt, gewisse Vorbehalte zu machen, da eine solche Aufforderung Sache der Pforte und nicht der Mächte fei. Für diesen Fall erwartet auch der italienische Botschafter Special-Instructionen.

Unterdessen setzen die Mächte ihre Bemühungen fort, zu­nächst das noch immer actionslustige Serbien zur Vernunft zu bringen. Am Sonntag begab sich der österreichische Gesandte bei der serbischen Regierung nach Risch, um dem König Milan die gemeinsame Vorstellung, welche von den Ver­tretern der Mächte einstweilen bis zum Eingang weiterer Instructionen ihrer Regierungen festgestellt fein soll, zu überbringen.

Ein Mahnruf an die Eltern.

Kurzes Nachwort.'

Mit dem zeitgemäßen Mahnruf in Nr. 248 d. Bl. wird wohl jeder einverstanden sein, der der heutigen Jugendbildung seine Aufmerksamkeit zuwendet. Es ist eine Hauptfrage, welche sich die Eltern eines Knaben, ohne mit der durch Eigenliebe und Elternstolz gefärbten Brille zu sehen, stellen müssen, ob der Sohn geistig und körperlich den Anforderungen der höheren Schulen gewachsen ist. Ist dies der Fall, so gilt es, Schulaufgaben und häusliche Arbeiten zu überwachen, was auch meist dem Vater- möglich sein wird, dem der Sohn im Wissen über den Kopf gewachsen ist, insbesondere auch darauf zu achten, ob die Erholungsstunden wirklich der Erholung gewidmet werden, ob der Umgang zu keinen Besorgnissen Anlaß gibt ?c. Dabei kann es mitunter geboten sein, den Allzustrebsamen zurückzuhalten und das alte Wort: mens eana in sano corpore (nur im gesunden Leib ein gesunder Geist) nicht zu vergessen. Viele Eltern verderben es aber hierin, indem sie den Ehrgeiz ihrer Kinder allzu sehr anspornen, der dann leicht so überspannt wird, daß sie die geringste Demüthigung oder Strafe in der Schule nicht ertragen, sodaß hierdurch allein schon mancher Schüler auf den unseligen Ge­danken des Selbstmords gekommen ist.

Auf eins sei noch besonders hingewiesen, auf die Versetzungen, bez. das Sitzen­bleiben. Jff der Schüler begabt und fleißig, dabei sein Betragen gut, so wird die Versetzung nicht ausbleiben. Fehlt es an der Begabung, so werden die Eltern es schon einmal ruhig hinnehmen müssen, wenn die Versetzung ausbleibt und können hoffen, daß durch Fleiß das Fehlende ersetzt werde; fehlt es aber am Fleiß oder Betragen, so mögen sie sich prüfen, ob sie nicht selbst durch allzu große Nachsicht und mangel­hafte Ueberwachung ihr gutes Theil Schuld auf sich nehmen müssen. Vor einem aber sei dringend gewarnt: am Ende eines Schuljahres, wo es nicht mehr in der Macht des Schülers liegt, Versäumtes nachzuholen, heftige Drohungen auszusprechen für den Fall, daß die Versetzung nicht erfolge. Abgesehen davon, daß solche Drohungen gar oft nicht gehalten werden und gehalten werden können, können sie ebenda, wo ihre Erfüllung wahrscheinlich ist, zu eben jener Verzweiflung führen, welche schon so manchen Schüler in den Tod getrieben und so vielen Eltern zeitlebens Kummer und Vorwürfe gebracht hat. Hat doch Einsender dieses selbst einmal an einem Tage, wo die Ver­setzungen publicirt wurden, einem nicht versetzten Schüler allen Ernstes zureden müssen, der seinen Mitschülern gegenüber Selbstmordgedanken ausgesprochen hatte, weil sein Vater ihm gedroht, er dürfe ihm nicht mehr unter die Augen kommen, falls er sitzen bleibe. Kommt es da zu traurigen Verirrungen, so trifft nicht die Schule, sondern neben dem Schüler auch die Eltern die Verantwortung. W.

UniverfitätS - Chronik.

An Stelle des nach Marburg berufenen Professors Niese ist der außer­ordentliche Professor an der Universität Leipzig Dr. E. Meyer zum ordentlichen Professor für alte Geschichte an der Universität Breslau ernannt morden.

Herr Professor Dr. August Schmarsow in Göttingen soll den an ihn ergangenen Nuf als Professor der Kunstgeschichte an die Universität Breslau an­genommen haben.

Vermischtes.

Aus Schlesien, 23. October. Die Weigerung, sich an einem kühlen Sommer­tage zum Baden zu entkleiden, hat einer größeren Anzahl von Königsgrenadieren in Liegnitz schwere Strafen gebracht. Der Rädelsführer ist zu fünfjähriger Festungs- strafe, ein Einjähriger zum Verlust des Rechts, einjährig zu dienen, und sieben- monatlicher Festungshaft, zweiundzwanzig Gemeine sind zu längeren Freiheitssttafen verurtheilt. r .

Zürich. Lieber die Katastrophe auf der Arth-Rigi-Bahn entnehmen wir den Berichten derN. Z. Z." und desVaterland" Folgendes: Der letzte Dienstag war für die Arth-Rigi-Bahn der letzte Betriebstag des Jahres. Ein Zug sollte das bisher noch auf der Linie beschäftigte Personal sammt den Betriebsmaterlatten auf den Stationen Staffel und Kulm zu Thale führen. Der Zug ging um 2 Uhr in Kulm ab. Er bestand ans einer Maschine, zwei Gepäck- und einem Personenwagen. Auf der Locomotive befanden sich der Locomotivführer Schmidig und der Heizer Eberhard, im Güterwagen der Bahnarbeiter Pozz (Italiener) und ein anderer Bahnarbeiter, im Personenwagen Fräulein H., Buchbalterin auf Kulm, die Bahnhofvorffeher von Staffel unt) Kulm, sodann dec Kassier von Kulm und der dortige Portier mit Frau und einem Knaben; auf dem Fußbreit des Personenwagens standen der Eonducteur Franz Rickenbacher an der Bremse, Bahnarbeiter Maria Rickenbacher und Vorarbeiter Gia-

Erscheint täglich mit Ausnahme deS MontagS.

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