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Mittwoch den 29. Juli
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euer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher T 8 eit.
Betreffend: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung vom 30. Aprll 1881. Gießen, am 27. Juli 1885.
Das Großherzogüche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien, beziehungsweise die «OrtSpolizeibeamten, mit Ausnahme von Gieße«.
In Anwendung des § 80 der Ausführungsverordnung vom 1. Februar 1882 zur allgemeinen Bauordnung weisen wir Sie hiermit wiederholt an, sich bei Prüfung der baupolizeilichen Zulässigkeit aller derjenigen Bauausführungen, welche nicht der kreisamtlichen Genehmigung bedürfen, stets des Beiraths des Bezirksbauaufsehers zu bedienen, in Zweifelsfällen aber unsere Entscheidung über die zu stellenden baupolizeilichen Anforderungen einzuholen.
Sodann werden Sie an die Bestimmung des Absatz 4 des § 101 der obigen Ausführungsverordnung erinnert, wonach dem Kreisamt durch die Localpolizeibehörde Anzeige von der erfolgten Rauhbaurevision genehmigungspflichtiger Bauten und Feuerungsanlagen zu erstatten und dabei zu bemerken ist, ob die Ausführung vorschriftsmäßig erfolgt ist, oder ob und welche Anstände sich bei der Revision ergeben haben und binnen welcher Frist der Bauherr diese Anstände beseitigen will.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberficht.
Gieße«, 28. Juli.
Wie nun ziemlich bestimmt feststeht, wird Kaiser Franz Josef bei seiner Begegnung mit Kaiser Wilhelm von der Kaiserin Elisabeth begleitet sein und ist es auf diese Weise möglich geworden, dem greisen deutschen Monarchen die beschwerliche Fahrt von Gastein nach Ischl zu ersparen. Dem Vernehmen nach werden die österreichischen Majestäten bereits in den ersten Tagen des August in Gastein eintreffen und daselbst einen mehrtägigen Aufenthalt nehmen. Gleichzeitig tauchen auch die Gerüchte von einer Zusammenkunft zwischen dem österreichischen Kaiser und dem Kaiser von Rußlad wieder mit großer Bestimmtheit auf. Im kaiserlichen Lustschloffe zu Reichsstadt in Böhmen, das immer vorzugsweise als Ort dieser Entrevue genannt worden ist, sollen bereits große Vorbereitungen für den Empfang hoher Gäste getroffen und namentlich jene Zimmer.glänzend renovirt werden, welche bei der letzten Monarchen-Begegnung benutzt worden sind.
Der deutsche Kronprinz hat mit der Frau Kronprinzessin und den PrinzessinneN'Töchtern am Freitag eine längere Reise nach Süddeutschland und der Schweiz angetreten. Den ersten größeren Aufenthalt gedenken die kronprinzlichen Herrschaften in Andermatt zu nehmen.
In nächster Zeit wird das Eintreffen des Fürsten Bismarck von Varzin in Berlin erwartet, da noch ein weiterer Kur.Aufenthalt für diesen Sommer in Aussicht genommen worden ist. Wie es heißt, dürfte Gastein wiederum bevorzugt werden.
Das VI. deutsche Turnfest zu Dresden gehört nunmehr der Vergangenheit an, aber das Bewußtsein, daß es ein schönes, erhebendes, ein echt nationales Fest gewesen ist, was man in den gastlichen Mauern Dresden- gefeiert hat, wird in den Herzen seiner Teilnehmer sicherlich noch lange fort» leben. Bemerkenswerter Weise bildete den Grundton deffelben die herzliche Sympathie, welche den deutsch-österreichischen Turnern von Anfang bis Ende in reichstem Maße entgegengetragen wurde und die zahllosen Reden und Toaste, welche in Dresden den Turngästen aus Deutsch-Oesterreich gewidmet waren, haben unseren Stammesbrüdern in Oesterreich klar und offen dargethan, wie sehr wir in Deutschland ihr schweres Ringen um Bewahrung ihrer Nationalität zu würdigen wiffen. Es ist dies auch dankbar von den österreichischen Rednern anerkannt worden und ihren Versicherungen darf man wohl glauben, daß sich die Deutsch'Oesterreicher heute und immerdar in geistiger Beziehung Ems wiffen mit ihren StammeSgenoffen „draußen im Reiche." Dabei muß anerkannt werden, daß von den in Dresden vertretenen Deutsch-Oesterreichern kein einziges unösterreichisches oder unpatriotisches Wort gesprochen wurde und das kann ihnen nur zur Ehre angerechnet werden. Was den bekannten Zwischenfall, den ein Pesther Turnverein durch Ueberreichung eines Kranzes mit ungarischer Widmung und mit Schleife in den ungarischen Landessarben heroorgerufen hat, anbelangt, so ist es bester, die weiteren Erörterungen hierüber endlich ruhen zu lasten, da, wie es scheint, die Schuld auf beiden Seiten liegt.
Die Czechen betreiben ihre Versuche, in Wien immer festeren Fuß zu fasten, mit einer merkwürdigen Hartnäckigkeit. Nachdem ihnen bereis die Errichtung zweier czechischer Volksschulen in der österreichischen Hauptstadt gelungen, haben sie nun auch die Gründung eines czechischen Vereins im deutschen Wien durchgesetzt. Das Programm desselben ist vielversprechend und umfaßt folgende Hauptpunkte: Errichtung czechischer Volksschulen und Volksbibliotheken in sämmtlichen Wiener Bezirken, Erhebung der czechischen Sprache zur zweiten Landessprache in Nieder-Oesterreich, Aufstellung czechischer Candidaten bei Gemeinde-, Landtags- und Reichsraths-Wahlen in Wien u. s. w. Man sieht, die Czechen lasten sich die Ausbeutung des vom Grafen Taaffe ausge- st-llten nationalen Gleichberechtigungs-Princips in ihrem Sinne eifrigst angelegen sein; werden doch auch Städte in Böhmen von ausschließlich deutschem Charakter, wie Reichenberg, Dux, Brüx, zur Errichtung und Unterhaltung czechischer Schulen gezwungen. Immerhin haben solche Vorgänge ebenfalls ihr Gutes, sie < kästen auch das öeutsche Ausland mehr und mehr erkennen, daß der Kampf, welchen die Deutsch-Oesterreicher führen, denn doch seine gute Berechtigung hat.
In der innern französischen Politik beherrschen die Vorberei- iungen zur Wahlcampagne vollständig das Feld. Augenblicklich concentrict sich
das Interesse aus die Programm-Rede, welche Clemenceau, der Führer der Radikalen, jüngst zu Bordeaux gehalten und auf den Wahlaufruf, den Ribot, das Haupt der conservatioen Republikaner, an die republikanischen Wähler in der Provinz erlassen hat. Während aber der Beifall, den man der Rede Cle- menceau's zollt, nur ein sehr mäßiger ist, hat der Wahlaufruf Ribot's in der Provinz lebhaften Anklang gesunden und viele Wahlausschüsse haben bereits ihre Zustimmung zu dem Programm der gemäßigten Republikaner gegeben. Clemenceau will nun in diesen Tagen in Marseille eine neue Rede vom Stapel lassen, um für die Sache der Radikalen mehr Stimmung zu machen.
Die letzten Meldungen des Gen-rals de Courcy aus Hue lassen eine Besserung der Lage in Anam hoffen und geben der Zuversicht aus baldige Wiederherstellung der Ruhe Raum. Sehr beruhigend klingt auch die Mittheilung der chinesischen Regierung an die französische, wonach der Führer dec Schwarz-Flaggen nach China übergetreten ist und steht also die baldige Zerstreuung der im Delta des Rothen Flusses aufgetauchten Banden in Aussicht. Im Uebrigen beweist der Empfang der aus Berlin in Paris eingetroffenen chinesischen Gesandtschaft durch den Präsidenten Gr6vy und durch den Minister des Auswärtigen, Freycinet, daß die osficiellen Beziehungen zwischen Frankreich und China nunmehr in vollem Umfange wieder aufgenommen worden sind.
In die fortgesetzten Verhandlungen zwischen London und St. Petersburg wegen der afghanischen Grenzsrage füllt plötzlich die Kunde von einem in Kabui, der Residenz des Emirs von Afghanistan, angeblich ausgebrochenen Ausstande hinein. In letzter Zeit sind allerdings Meldungen über Unruhen in Afghanistan wiederholt ausgetaucht, ohne daß sie sich bestätigt haben und so wird man wohl auch der neuesten Meldung einiges Mißtrauen entgegenbringen müffen. Daß eine Auflehnung der Afghanen gegen ihren Emir eine entscheidende Wichtigkeit für die russisch - englischen Verhandlungen haben würde, ist gewiß, für das Cabinet Salisbury wäre ein Herrschaftswechsel in Kabul eine schwere Verlegenheit. Uebrigens stammen all' die allarmirenden Gerüchte über Unruhen in Afghanistan aus englischer Quelle und fühlt man sich versucht, jene lediglich als Manöver zur Beunruhigung der Börse zu betrachten, welche den schmutzigen Interessen einer gewissen Clique Londoner Börsenleute dienen sollen.
Fast kein Tag vergeht, an welchem der Telegraph nicht die Kunde von stattgehabten großen Bränden in Rußland brmgt. So fanden am Donnerstag in Moskau wieder drei größere Brände statt, bei denen drei Personen leicht, eine schwer verwundet wurden. Der durch dieselben angerichtete Schaden wird auf eine halbe Million Rubel veranschlagt. Es ist wohl kaum mehr zu bezweifeln, daß bei diesen fortgesetzten Schadenfeuern verbrecherische Hände betheiligt sind, denn an eine zufällige Enstehungs-Ursache bei so vielen Feuersbrünsten ist schwer zu glauben.
Das nach monatelangem Leiden in voriger Woche erfolgte Hinscheiden des Generals Grant hat in der Union wieder die Erinnerung an den großen Dienst, welchen der Dahingeschiedene seinem Vaterlande durch die Besiegung der süostaatlichen Rebellion geleistet, geweckt. Die Dankbarkeit der amerikanischen Nation spricht sich in einer Proklamation aus, die Präsident Cleveland erlassen hat und in welcher er der Verdienste des Dahingeschiedenen gedenkt und befiehlt, daß die öffentlichen Gebäude 30 Tage hindurch Trauer anlegen und am Tage der Beerdigung geschloffen bleiben sollen. Die Börse wird ebenfalls am Beerdigungstage geschlossen bleiben. Pietätvoll wirst demnach die amerikanische Nation einen Schleier über die schweren Fehler, die Grant während seiner zweimaligen Präsidentschaft begangen und die seinen Namen mit der Korruption im amerikanischen Beamtenstande in engste Verbindung brachten. Dankbar gedenkt heute die große atlantische Republik nur der glänzenden militärischen Thaten Grant's, sie preist ihn als ihren Erhalter in der schweren Zeit des Bürgerkrieges und so wird auch Grant als einer der großen Männer Nord- Amerikas im Gedächtniß seiner Nation neben einem Washington und einem Lincoln fortleben.


