von dem Marsche der Italiener gegen Kaffala haben sich noch nicht bestätigt und ist es überhaupt sehr zweifelhaft, ob eine Expedition gegen Kassala den Italienern irgendwelchen Nutzen brächte. Uebrigens meldet eine Depesche der „Agence Havas", daß die Italiener bei Maffovah eine Niederlage erlitten hätten, welche Nachricht, falls sie sich bestätigt, in Italien sehr gemischte Empfindungen über die Colonialpolitik Mancini'S Hervorrufen dürste.
Die Untersuchung über die im Londoner Admiralitäts- Gebäude stattgesundene Dynamit-Explosion nimmt ihren Fortgang. Etwas Positives über den Urheber derselben ist noch nicht zu Tage gefördert worden und wurden auch noch keine Verhaftungen vorgenommen.
In dem Chaos von Nachrichten über den englisch-russischen Conslict wiegen im Allgemeinen noch immer die kriegerischen Töne vor. So schreiben die „Times": Die afghanische Frage ist ohne wesentliche Veränderung. Rußland vermeidet geflissentlich Alles, was den Krieg abwenden könnte. Man muß indesien die Nachrichten der „Times" nicht allzuschwer auf# fassen, denn von Anfang des Confiictes an hat sich das genannte Blatt fast nur in pessimistischen Aeußerungen ergangen; ernster dagegen klingt eine dem „Standard" aus Tirpul zugegangene Meldung, welcher zufolge weitere große russische Truppenkörper vom Schwarzen Meere nach der afghanischen Grenze oiriqirt werden. Auch ein vom russischen Kriegsminister erlaßener Tagesbefehl muß mit als ein bedenkliches Stimmungs-Symptom aufgesaßt werden. Derselbe ordnet an, daß der Personal-Etat des Osficier-Corps der 10 Garde-Jnfanterie- Regimenter um je 7, von 3 Garde- und 24 Linien-Schützen-Bataillonen um je 2 Subaltern-Osficiere vergrößert werde, ferner befiehlt der Minister die sofortige Vergrößerung des Personal-Etats der Grenadier- und Armee-Regimenter im Warschauer Bezirk um je 5, im Wilnaer und Odeffaer um je 4, in den übrigen um je einen Subaltern-Officier; die Vergrößerung des Personal-Etats überhaupt aller Jnfanterie-Regimenter um 7 Officiere hat successive nach Maßgabe der hierzu vom Reichsrathe anzuweisenden Mittel zu erfolgen.
Gießen, 28. April. Fürst Bismarck hat an den Vorsitzenden des Kreistages des Kreises Gkeßen, Herrn Provinzial-Director Dr. Boekmann, ein Schreiben ergehen lassen, in welchem er dem Kreistage für dessen Glückwunsch in freundlicher Weise dankt.
Darmstadt, 25. April. Die Confirmation Sr. Königl. Hoheit des Erbgroßherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein fand heute Vormittag in der Hofkirche statt. Vormittags 11 Uhr versammelten sich in dem unteren Raume der Hoskirche: der Staatsminister und der Präsident des Ministeriums der Finanzen, die Präsidenten der beiden Kammern der Stände, die wirklichen Geheimeräthe, die activen Generale, die Präsidenten der Landes- Collegien und die Mitglieder des Staatsministeriums, die Provinzialdirectoren, die Regimentscommandeure, der Leibarzt, der Oberbürgermeister der Residenz, die evangelischen Stadtgeistlichen, der Divisionspsarrer, der Geistliche der anglikanischen Gemeinde und der katholische Stadtpsarrer, sowie die sonst zu dieser Feier eingeladenen Herren und Damen.
Die oberen Tribünen waren für diejenigen Personen, welche besondere Eintrittskarten erhalten hatten, die Räume vor und zu beiden Seiten der Orgel für die Mitglieder des evangelischen Kirchengesangvereins reservirt.
Zur gleichen Stunde versammelten sich im Fahnensaale: die Hofstaaten der Allerhöchsten unv Höchsten Herrschaften, die General- und Flügeladjutanten und der Vorstand des Großh. Cabinets.
Um IIV4 Uhr versammelten sich die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften in dem Salon zunächst dem Fahnensaal.
Auf die Meldung, daß Alles zur heiligen Handlung bereit sei, begaben sich die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften unter Vortritte des Dienstes und gefolgt von der Oberhosmeisterin, den Hofdamen und den Hofstaaten über die Haupttreppe im Kirchenhofe nach der Hoskirche.
Ihre Maj. die Königin und Se. Königl. Hoheit der Großherzog geleiteten hierbei den Erbgroßherzog, nach denselben ging Prinzessin Alix, hierauf folgten Großfürst Sergius, die Prinzessin Beatrice von Großbritannien führend, und sodann paarweise die übrigen Mitglieder der Großherzoglichen Familie. Die Hofgeistlichen empfingen die Allerhöchsten Herrschaften. Nachdem die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften die Sitze vor und zu beiden Seiten des Altars eingenommen hatten, begann die Feier mit Gesang des Chorals „Allein Gott in der Höh' sei Ehr'", hieraus sprach Oberhofprediger Bender den Eingangsspruch und sang der Kirchengesangverein, welcher die Responsorien ausstihrte: „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war am Anfang jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."
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Nr. 98 Mittwoch den 29. April 1885
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Ä tAvii*, mit Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BringerlvhK
t «chulstraße 7. Gtf<$emt mit «vsnshme des «onlckg». Hurch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pi.
Amtlicher Aheil.
Steckbrief.
Repp, Wilhelm, Pionier der 1. Comp. Pionier-Bataillons Nr. 16, geboren am 21. Februar 1864 in Steinheim, Kreis Gießen (Hessen), Wagner, evangelisch, 1,66 m, untersetzt, Haar schwarz, Bart im Entstehen, Augen schwarz, gesund, Narbe am linken Handballen, trug Uniform, Schirmmütze, ohne Seitengewehr, hat am 19. d. Mts. Nachmittags das Kasernement verlassen, ist bis jetzt nicht wieder zurückgekehrt und besteht deshalb der Verdacht der Desertion; zu verhaften und der nächsten Militärbehörde abzuliefern.
Metz, den 22. Aprll 1885. Königl. Kommando Pionier-Bat. Nr. 16.
Politische Ueberficht.
Gießen, 28. April.
Die Verhandlungen des Reichstages über die Industrie-Zölle vollziehen sich fortgesetzt unter einer gewissen Theilnahmlosigkeit des großen Publikums und die Detailsragen, welche hierbei mitunter zur Erörterung gelangen, sind allerdings auch nicht besonders geeignet, großes Interesse an diesem Abschnitte der Zolltarif-Novelle Hervorzurusen.
Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Freitag und Samstag den Gesetzentwurf, betr. die Kreis- und Provinzial-Ordnung für Hessen-Nassau in zweiter, resp. dritter Lesung. In der Freitagssitzung kam auch die schon so oft oentitirte Frage des Spielens in auswärtigen ßotterieen zur Erörterung und wurde hierbei ein vom Abg. Bödiker beantragter Gesetzentwurf, welcher das Spielen in nichtpreußischen Lotterieen noch strenger bestraft, als bisher, angenommen. Zugleich genehmigte das Haus einen Zusatzantrag des Abg. Franke, nach welchem die Veröffentlichung der Resultate Der auswärtigen ßotterieen in preußischen Zeitungen mit einer Strafe bis zu 150 «X belegt werben soll.
Der preußische StaatSrath hat am Donnerstag und Freitag wieher Sitzungen abgehalten. In Reichstagskreisen will man, wie die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt, wissen, daß der Staatsrath sich für eine procentuale Besteuerung entschieden habe, ohne jedoch über detaillirte Taris-Feststellungen votirt zu haben. Die nach letzterer Richtung zielenden Anträge sollen von den Antrag- ßellern von der Berathung zurückgezogen worden sein.
lieber den gegenwärtigen Stand der kirchenpolitischen Angelegenheiten schreibt man der „Germania" aus Rom: „Die Congregation der außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten hat am letzten Freitag (17. April) über die Personen der künftigen Erzbischöfe von Posen und Gnesen definitiv entschieden. Alle Cardinäle, mit Ausnahme eines einzigen, haben sich für sofortige Erledigung der Personenfrage ausgesprochen; Cardinal Graf Ledochowski befürwortete die Beschleunigung dieser Angelegenheit am lebhaftesten." Darüber, wer vom Cardinals-Collegium zum Nachfolger Ledochowski's auserkoren worden isi, scheint der Gewährsmann der „Germania" keine Andeutungen gemacht zu laben; nun, hoffentlich wird man den Namen des künftigen Erzbischofs von Posen-Gnesen wohl bald erfahren.
Der Conslict zwischen Frankreich und Egypten in Sachen „BoSphore Egyptien" droht eine akute Wendung zu nehmen. Der französische Generalkonsul in Kairo, Barrere, ist von seiner Regierung angewiesen worben, jede officielle Verbindung mit ber egyptischen Regierung abzubrechen. Außerdem lehnt es Frankreich einstweilen ab, die jüngsten zu Gunsten Egyptens Betroffenen finanziellen Arrangements zu fanctioniren und behält sich formell die uolle Freiheit feines Handelns vor. Indessen steht trotzdem eine Verständigung erwarten, da die Regierung des Khedive einen Vergleichsvorschlag in'S Auge Mßt hat, wonach sie das Eindringen der Polizei in das Bureau des „Bos- diore Egyptien" als Hausrechts-Verletzung anerkennen und sich entschuldigen mürbe. lieber die Frage, ob dem genannten Blatte das Wiedererscheinen ge* Met werden soll, scheint noch nicht entschieden zu sein. Nach officiellen Mitteilungen, welche der Journalisten-Tribüne des englischen Unterhauses zuge- gingen sind, wäre der französische Geschäftsträger instruirt, von Kairo nach Alexandrien abzureisen. In letzterer Stadt wird er wohl die Enschlüsse der Optischen Regierung abwarten und letztere dürften wohl in der angebeuteten, Frankreich entgegenkommenden Weise ausfallen.
Die der stricken Ausführung des französisch-chinesischen Friedens-Vertrages entgegenstehenven Mißverständnisse und Hindernisse i jeinen endlich beseitigt zu sein. Eine Depesche Briere'S aus Hanoi meldet, biß die chinesischen Connnissare Haaphong am 24. d. Mts. verlassen würden, öig sich die chinesischen Truppen vor Kep auf Bacle zurückgezogen hätten und diß keinerlei Schwierigkeiten vorlägen.
Die Aufsehen erregende Nachricht, daß sich Italien England Mmüber verpflichtet habe, bte englischen Truppen in den größeren Städten tzyptens durch italienische Truppen zu ersetzen, Suakim und Berber zu occu- Men unb eventuell in dem englisch'russischen Conslict mit England zu gehen, wirb jetzt von den italienischen officwsen Blättern bementirt. Daß Italien 91eig:nng verspüren sollte, sich in die englisch-russische Streit-Affaire einzumischen, war von vornherein entschieden zu bezweifeln, aber die Möglichkeit einer Ueber- eiitaft zwischen England unb Italien bezüglich einer Ersetzung der englischen Garnifonen in Egypten durch italienische Truppen war nicht ohne Weiteres von dir Hand zu weisen; nunmehr scheint aber die Action Italiens in Egypten auf Len Küstensaum des Rothen Meeres beschränkt zu bleiben. Die Nachrichten


