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Mittwoch den 28. October
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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P*.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Dureaur Schulstraße 7.
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 27. October.
Der Kaiser ist, wie der Telegraph bereits gemeldet, in voriger Woche im besten Wohlsein von Baden-Baden nach Berlin zurückgekehrt und hat der hohe Herr demnach nach sechswöchentlicher Abwesenheit jein Palais wieder bezogen.
Aus den dem Bundesrathe nunmehr zugegangenen Special-Etats pro 1886/87 seien folgende Data hervorgehoben: Der Etat für den Reichskanzler und die Reichskanzlei schließt in Einnahme mit 2549 <A. in Ausgabe mit 152,360 «A ab. Der Etat für das Reichseisenbahnamt weist in Einnahme 9107 Ä, in Ausgabe 297,165 <A auf. Beim Etat der Reichsdruckerei ist em Ueberschuß von 1,065,000 A zu verzeichnen. Was den Etat der Zölle und Verbrauchssteuern, sowie der Reichsstempel-Abgaben anbelangt, so sind die Erträgnisse aus Zöllen und Verbrauchssteuern auf 383,406,500 <A veranschlagt, um 43.954,000 A mehr, als im Etat für das laufende Jahr veranschlagt war. Die Aversa für Zölle und Verbrauchssteuern, an welchen sämmt- liche Bundesstaaten participiren, belaufen sich nach dem Voranschlag auf 6,780,150 A Die Einnahmen aus den Reichsstempel-Abgaben sind auf 30,387,000 A veranschlagt. Von der Einnahme an Zöllen, Tabaksteuer und bezüglichen Aversen verbleiben der Reichskasse nur 130,000 A und wird der die genannten Summen übersteigende Betrag den Bundesstaaten nach Maßgabe der Matrikular-Bevölkerung überwiesen; den einzelnen Staaten verbleiben 128,600,000 A. Ferner erhalten die Einzelstaaten dm .Reinertrag der Stempelabgaben von Werthpapieren, Kaufgeschäften und Lotterie- Loosen. Im Ganzen stellt das nächste Jahr den Einzelstaaten 53,565 A mehr in Aussicht, wofür sich freilich anderseits eine Steigerung von ihnen zu leistenden Matrikular - Beiträge Herausstellen dürste. — Am Donnerstag hielt der Bundesrath eine Plenarsitzung ab, aus welcher indessen nichts für weitere Kreise Interessantes zu erwähnen ist.
Der neue Regent von Braunschweig, Prinz Albrecht von Preußen, empfing am Samstag auf feinem Schlosse in Kamenz in Schlesien die Deputation des braunschweigischen Landtages, welche gekommen war, den Prinzen um die Annahme der Wahl zu bitten. Am Tage vorher war auch der Vorsitzende des braunschweigischen Staatsministeriums, Graf Görtz-Weisberg, in Kamenz eingetroffen und conferirte längere Zeit mit Prinz Albrecht.
Die von den Karolinen-Inseln dieser Tage eingegangenen und vom „Hamb. Corresp." veröffentlichten Nachrichten über die Vorgänge auf Yap bei der Besitzergreifung der Insel durch das deutsche Kanonenboot „Iltis" lassen die Behauptung des Madrider Cabinets, die Spanier hätten die Insel schon vor der Ankunst des deutschen Kriegsschiffes besetzt, als völlig haltlos erscheinen. Allerdings hatten die Commandeure der drei Tage vor dem „Iltis" auf Yap eingetroffenen spanischen Transport-Dampfer augenscheinlich den Auftrag,' die Besitzergreifung Yaps für Spanien zu vollziehen. Der auf demselben mitgekommene, zum künftigen Gouverneur der Karolinen bestimmte Officier, Capriles, hatte sich schon die Plätze angesehen, auf denen das Gouvernements- Gebäude und die Kirche errichtet werden sollten, auch war von den Spaniern sogar ein von Manilla mitgebrachter Altar gelandet worden, wahrscheinlich, um bei der Verkündigung des spanischen Parlaments irgendeine Rolle zu spielen. Aber ein hierauf bezüglicher Act wurde von den Spaniern nicht vorgenommen, ja, sie hißten nicht einmal eine Flagge auf. Mittlerweile war am Abend des 25. August der „Iltis" herangekommen, dessen Commandant in der bekannten energischen Weise die Insel sofort unter deutsches Protektorat stellte und dann den ganz verblüfften Spaniern hiervon Mittheilung machte, denen nun weiter nichts, als ein Protest übrig blieb. Auch sind die auf Yap schon lange Jahre hindurch weilenden Europäer bereit, eidlich zu versichern, daß während ihres Aufenthaltes noch nie die spanische Flagge gehißt oder überhaupt ein Act vor- genommen worden ist, der eine Besitzergreifung der Insel Seitens der Spanier hätte bedeuten können. Mit den spanischen Besitzansprüchen aus Yap ist es demnach schr windig bestellt und um so mehr ist die Mäßigung anzuerkennen, welche die deutsche Regierung auch in den ferneren Verhandlungen mit Spanien fortgesetzt an den Tag legt. . T n r
Das parlamentarische Leben in Oesterreich steht gegenwärtig in vollster Blüthe, da neben dem Reichsrathe in Wien auch die Delegationen am Donnerstag zusammengetreten sind. Am Samstag Mittag wurden die Delegationen vom Kaiser empfangen und hat sich der Monarch hierbei auch Über die auswärtige österreichische Politik — namentlich in Bezug auf die Lage im Orient — geäußert. Der die auswärtigen Angelegenheiten betreffende Passus in der Thronrede war nur sehr kurz gehalten. Im österreichischen Abgeordnetenhause ist in voriger Woche auch die Specialdiscussion über den Adreß- entwurf zu Ende geführt worden. Die Verhandlungen boten zwar nicht solche stürmischen Scenen dar, wie die Generaldebatte über die Adreßentwürfe, immerhin kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen dec Rechten und der Linken und mehr als einmal mußte die Glocke des Präsidenten die gestörte parlamentarische Ordnung wieder Herstellen. Im Uebrigen wurden sämmtliche Abschnitte des Adreßentwurfes genehmigt, auch der neunte, in welchem die Noth- wendigkeit einer weiteren organischen Entwickelung der Selbstständigkeit der einzelnen Länder Cisleithaniens betont wird.
Das Attentat eines radikalen Buchdruckers auf den dänischen Ministerpräsidenten Estrup hat in Dänemark selbst allgemeine Entrüstung her-
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. «orrespondenz»Brrrea«.
Berlin, 26. October. Der Kaiser begab sich heute Vormittag in die Capelle des Domcandidatenstifts zur Besichtigung des der Capelle vom Kaiser geschenkten Altarbildes: die Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande darstellend. Der Cultus- minister, die Mitglieder des Oberkirchenrathes und der Generalsynode waren zur Begrüßung des Kaisers anwesend. Oberhofprediger Kögel empfing den Kaiser, geleitete ihn in die Capelle und hielt nach dem Gesang des Domchors eine kurze Ansprache, worin er den Dank für die Schenkung aussprach und unter Anderem sagte: In der profanen Kunst tritt heute mit der Verwilderung des Geschmacks die Entthronung der Moral auf; um so willkommener sei die Gabe des Bildes, welches bekundet, daß auch die fromme Kunst noch ihre Priester hat, die uns predigen helfen.^ Mancher werde von hier die Ueberzeugung mitnehmen, daß nur das Befte für das Volk gut genug ist und daß das Schöne in den Dienst der Heiligen zu treten habe. Hieraus begrüßte der Präsident Arnim den Kaiser Namens der Generalsynode. Der Kaiser hob tn seiner Erwiderung hervor, daß das große Werk der letzten Jahre, welches Preußen so hoch gestellt, bestehen werde, wenn sein Fundament bleibt: Reinheit der Religion und Fortschritt in jedem guten Werke. Sich hierauf ait den Präsidenten Arnim wendend, sprach der Kaiser die Hoffnung aus, daß die Synode unter seiner Leitung wie früher in Einmüthigkeit arbeiten unb ebenso gute Resultate erzielen möge. Nach nochmaligcur.
iehener Anzeiger
Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
vorgerusen. Auch die radikale Partei stimmt in dieselbe mit ein, indem der radikale Präsident, Berg, in der Freitagssitzung unter Zustimmung des ganzen Hauses sein tiefes Bedauern und seinen Abscheu gegen das Attentat aussprach. Ob es der radikalen Partei in Dänemark hiermit gelungen ist, Den Attentäter, welcher sich selbst als dieser politischen Richtung angehörig bezeichnet, von ihren Rockschößen zu schütteln, mag dahingestellt bleiben. Im Landsthing gab Präsident Liebe ebenfalls dem Abscheu des Hauses über das Attentat lebhaften Ausdruck. Hierauf wurde ein offener Brief des Königs verlesen, durch welchen der Reichstag bis zum 18. December vertagt wird.
In etwa 14 Tagen tritt die neue französische Deputirten- kammer zusammen, zunächst um Wahlprüfungen vorzunehmen und es wird sich dann bald zeigen müssen, inwieweit das Cabinet Brisson auf eine Regierungs-Mehrheit in derselben rechnen kann. Zur Klärung Der parlamentarischen Lage wird jedenfalls der von radikaler Seite angekündigte Antrag, den früheren Ministerpräsidenten Ferry, den Ches der opportunistischen Partei, wegen der Tongking-Affaire in AnklagezustanD zu versetzen, das ©einige mit beitragen. Es ist zweifellos, daß die gesammte Rechte in ihrem blinden Haffe gegen Alles, was opportunistisch heißt, für den Antrag stimmt und es muß sich bann zeigen, ob das Ministerium im Stande ist, einer Coalition der Monarchisten und der äußersten Linken mit einer genügenden Mehrheit zu begegnen. Daß der radikale Antrag wegen Tongking der Regierung sehr gelegen kommt, kann man nicht behaupten, da sie im Begriff steht, weitere 3000 Mann nach Ostasien zu schicken und diesen Umstand werden sich die Gegner der Colonialpolitik Frankreichs in den Verhandlungen über den gegen Herrn Fern) angekündigten Antrag schwerlich entgehen lassen.
Die auf Schloß Eu stattgefundene Vermählung des Prinzen Waldemar von Dänemark mit der Prinzessin Marie oon Orleans, ältesten Tochter des Herzogs von Chartres, wird von den Orleanisten zu einer Haupt- unb Staatsaction aufzubaufchen versucht. Besonders weisen die legitimistischen Preßorgane mit Genugthuung darauf hin, daß die Orleans nunmehr in nahe Beziehungen zu den Königshäusern von England und Dänemark und zur russischen Kaiserfamilie getreten seien. Aber selbst die engagiertesten Orleanisten werden wohl nicht glauben, daß Rußland und England in Folge dieser Verbindung ihren Einfluß zu Gunsten der Wiederherstellung der orleanistischen Monarchie in Frankreich geltend machen würden.
Am gestrigen Montag sollte die neue Botschafter-Conserenz in Konstantinopel zur endgiltigen Lösung der ostrumelischen Frage ihren Anfang nehmen, doch erscheint er noch fraglich, ob bis dahin alle Botschafter ihre Instructionen erhalten haben. Wie es scheint, sind nämlich noch nicht alle Meinungsverschiedenheiten unter den Mächten wegen Bulgariens gänzlich beigelegt. Eine Gruppe neigt der Wiederherstellung des Status quo ante zu, während die andere die Belassung der gegenwärtigen, durch den bulgarischen Aufstand geschaffenen Zustände, in Erwägung stellt. An einer schließlichen Verständigung Der Mächte wird indessen nicht gezweifelt.
Konstantinopel, 24. October. Die heute unterzeichnete englisch-türkische Convention bezüglich Egyptens hat den Firman über die Rechte des Sultans auf den Sudan zur Grundlage und ist ein Präliminar-Uebereinkommen. Die Hauptpunkte der Convention sind: Die Entsendung eines englischen und eines türkischen Commissars zur eingehenden Untersuchung der Lage Egyptens; die Reorganisirung der Justizverwaltung, des Finanzwesens und der Armee; die Pacificirung des Sudans, die Räumung des Landes von Seiten der Engländer, sobald die innere Verwaltung wieder in normalem Gange ist. Die Unterzeichnung der Convention erfolgte, nachdem einige von der Pforte verlangte Aenderungen vorgenommen waren. Die hauptsächlichste dieser Aenderungen besteht in der Streichung der Bestimmung, welche Egypten gestattete, Mannschaften zur Reorganisirung der Armee in der Türkei zu rekrutiren. An Stelle dieser Bestimmung wurde die Versicherung ausgenommen, daß die Türkei Egypten bei der Reorganisirung der Armee behilflich sein werde. Weitere Modifica- tionen sind nebensächlicher Bedeutung. — Ein türkischer Commiffar für Egypten ist noch nicht designirt.


