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Rr» 199 Freitag den 28. August 1883
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Betreffend: Quartierleistung für die bewaffnete Macht im Frieden. Gießen, den 25. August 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzhev^strichen Bürgermeisterei-»» des Kr-eiseS.
Sie wollen die Liquidationen über Fourage und Vorspann, sowie die Bescheinigungen über gestellte Quartiere sofort nach Abzug der Truppen hierher einsenden, damit wir in der Lage sind, die bis Ende September l. I. entstandenen Kosten der Intendantur XL Armee-Corps angeben zu können.
Die bis zum 1. October l. I. nicht bei uns eingelangten Liquidationen rc. werden wir ohne weitere Erinnerung durch Wartboten abholen lassen.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 27. August.
Der deutsche Kronprinz wird am 31. August in Regensburg eintreffen, um dort bie bayerische Caoallerie zu besichtigen. Vom König von Bayern ist dem Kronprinzen bereits das Regensburger Schloß und der Marstall zur Verfügung gestellt worden, auch hat der Obersthosmarschall v. Malsen Befehl erhalten, bei dem hohen Besuche die Honneurs des königlichen Hoses zu wachen.
Der deutsch-spanische Conslict wegen der Karolinen- Inseln hat neben diplomatischen Erörterungen zwischen den Cabineten von Berlin und Madrid auch eine lebhaste Polemik zwischen Der deutschen und der spanischen Presse hervorgerusen. Während ober die spanischen Regierungs- Organe rückhaltlos und in leidenschaftlicher Weise die angeblichen Ansprüche Spaniens auf die genannte Inselgruppe oertheidigen und in demselben Maße das Vorgehen Deutschlands angreifen, befleißigte sich unsere ojficiöse Presse bisher einer bemerkenSwerthen Zurückhaltung. Jetzt ist nun die „Rordd. Allg. Zeitung" aus derselben hervorgetreten; das Blatt reproducirt einen Artikel Der Madrider „Correspondenzia" vom 15. d. Mts., worin der Nachweis versucht wird, daß Spanien historische Anrechte auf die Karolinen-Inseln besttze (in wörtlicher Uebersetzung), widerlegt den von der „Correspondenzia" angeführten vermeintlichen Besttztitel Spaniens Punkt für Punkt und constatirt, daß der einzige bekannte Versuch Spaniens, die Karolinen als spanisches Eigenthum zu recla- miren, Seitens Deutschlands und Englands 1875 in gleichzeitigen Noten zurückgewiesen worden sei. Die „Nordd. Allg. Zeitung" theilt die deutsche, vom 4. März 1875 datirte Note im Auszuge mit, desgleichen den Schlußsatz der bezüglichen englischen Note im Wortlaute und schließt: Gegen diese Verwahrung, die von der spanischen Presse mit charakteristischem Stillschweigen übergangen ist, hat die spanische Regierung seit 10 Jahren kaum Widerspruch erhoben.
Heber die jüngsten Beschlüsse der Berliner internationalen Telegraphen-Conserenz wird von osficiöser Seite geschrieben: Außer dem wichtigen Beschlüsse der Conferenz in der S'tzung vom 22. d. Mts., betr. Die Annahme des einheitlichen Tarisfystems für ganz Europa, sind in derselben Sitzung noch verschiedene Nebensragen erledigt worden. Unter denselben ist für das Publikum besonders der Beschluß von Interesse, daß künftig die Bezeichnung des Bestimmungsortes für ein Wort gerechnet werden soll, auch wenn begleitende Zusätze zur näheren Bezeichnung ersorderlich sind. Danach wird z. B. FranktUlt a. d. O. nicht mehr für 4, sondern künftig nur für 1 Wort gerechnet werden. Diese von vielen Seiten gewünschte und beantragte Entscheidung wird gewiß in den weitesten Kreisen mit Genuglhuung ausgenommen werden als ein neuer Beweis des guten Geistes, von welchem dis in der deutschen Reichühauptstadt tagende internationale Telegraphen-Conserenz erfüflt ist.
Die Massen-Ausweisungen russisch-polnischer Untertha- nen aus den östlichen preußischen Provinzen dürsten doch zu einem diplomati- scken Schriftenwechsel zwischen Berlin und Petersburg führen. Der russtsche General-Consul in Danzig, Baron Wrangel, empfing nämlich eine Deputation russischer Unterthemen, der er u. A. erklärte, die westpreußischen und posen'ichen Hülfs-Comitö's für die Ausgewiesenen möchten ihm eine Petition mit dem Nachweise sämmtlicher Beschwerden der Ausgewiesenen übermitteln, er würde Diese Petition in Petersburg mit allen Kräften unterstützen.
Das österreichische Kaiserpaar traf am Montag Nachmittag in dem festlich geschmückten Kremsier ein und wurde von der dichtgedrängten Men- schmmerge jubelnd empfangen. Ein geradezu bezauberndes Bild bot die glänzende Cavalcade, als sie vor dem aus Fichtenreisern zusammengesetzten großen Obelisken vorüberzog, auf dessen Sockeln Burschen und Mädchen in hübscher hannakischer Tracht durch ländliche Arbeiten lebende Bilder allegorisitten. Die Stadt war zur Regelung des Sicherheitsdienstes in Districte eingekeilt und in jedem übte eine Vertrauensperson aus dem Bürgerstande die Aufsicht. Alle Meldungen über beschränkten Verkehr und strenge Behandlung der Fremden haben sich als übertrieben herausgestellt und dürsten daraus zurückzusühren fein, daß in Hullein die Verhaftung eines gewissen Smeykal, welcher angeblich Socialist ist, vorgenommen wurde. Die Stimmen der öffentlichen Meinung sowohl rn Cis- wie Trans-Leithanien besprechen an erster Stelle die Kaiserbegegnung in Kremsier und bezeichnen dieselbe als ein Werk des Friedens. Speciell die „Wiener Abendoost" schreibt: Die Völker Oesterreich-Ungarns begrüßen die Entrevue mit aufrichtiger Freude und ungeteilter Genuglhuung und erblicken hierin ein neues Unterpfand des Friedens und einen weiteren Beweis
der herzlichen und freundschaftlichen Beziehungen, welche die beiden Souveränen und ihre Völker mit einander verbinden.
Einer der Veteranen der deutsch-liberalen Partei Oesterreich-Ungarns, der Präsident des obersten Gerichtshofes, Ritter Anton v. Schmerling, beging am Sonntag feinen 80. Geburtstag. Der Kaiser richtete aus diesem Anlaß ein äußerst herzliches Glückwunsch - Telegramm an Herrn v. Schmerling nach Außen. Aeußersi zahlreich waren auch Die Kundgebungen, welche dem Jubelgreis aus den Kreisen der deutsch-österreichischen Bevölkerung zu seinem Ehrentage zugegangen sind.
Die Afsaire wegen des Todes Olivier Pain's, welche in Paris in Folge der Bemühungen der Radikalen so viel Staub aufgewirbelt hat, schemt nach den Mittheilungen mehrerer Pariser Abendblätter vom 24. August bei* gelegt zu sein. Bekanntlich beschuldigte Rochefort im „Jntransigear.l" die englischen Behöroen in Egypten, daß auf ihr Geheiß der genannte französische Parteigänger des Mahoi gefangen genommen und erschossen worden sei und brachte hierfür verschiedene, allerdings ziemlich bedenkliche Zeugen-Aussagen. Die englische Regierung hat inzwischen Recherchen bezüglich des Todes Olivier Pain's angestellt und als deren kaum mehr zu bezuSifelndes Resultat muß die Bestätigung der Nachricht von dem in der Gegend von Khartum erfolgten natürlichen Tod Olivier Pain's betrachtet werden. Der englische Geschäftsträger in Paris hat denn auch der französischen Regierung das Ergebniß dieser Recherchen bereits mitgetheilt und darf man diese Angelegenheit nunmehr wohl als abgeschlossen bezeichnen, wenngleich Der „Jntransigeant" des Herrn Rochefort vielleicht versuchen wird, den Gegenstand noch länger breit zu treten — Die Leichenfeierlichkeiten für Den in Tongking gestorbenen Admiral Courbet haben am Mittwoch in HyöreS, wo der „Bayard" mit der Leiche Courbet's gelandet ist, begonnen, werden am Freitag in Paris fortgesetzt und in Abbeville, wo Die Leiche beigesetzt wird, beendigt werden.
In der afghanischen Grenzfrage herrschen jetzt die friedlichen Klänge entschieden vor. Dem englischen Cabinet sind neue Vorschläge Rußlands zugegangen, nach denen Rußland definitiv aus den Zulfikarpaß verzichtet uno würde derselbe demnach bei Afghanistan verbleiben. Nur die benachbarten Weidegründe werden russischerseits beansprucht und da es Englano hauptsächlich nur darum zu thun ist, daß der wichtige Paß von Zulfikar nicht in die Hände der Russen fällt, so werden die gemeldeten russischen Vorschläge in London jedenfalls aus eine günstige Aufnahme zu rechnen haben. Im Uebrtgen wird auch die afghanische Grenzsrage in der nächsten Zeit die englische Regierung weit weniger in Anspruch nehmen, als dies bezüglich der egyptischen Angelegenheiten der Fall sein wird. Einmal erfordert die Anwesenheit Sir Drummond Wolff's in Konstantinopel, welcher dort mit den maßgebenden Persönlichkelten behuss Förderung seiner egyptischen Mission conferirt, die Aufmerksamkeit des Londoner Cabinets, dann aber sind aus dem Sudan wiederum schlimme Nachrichten eingetroffen.
KestcrreiH.
Prag, 26. August. Das hiesige „Abendblatt" bringt eine authentische Darstellung Des in Königinhof anläßlich der Eröffnung des deutschen Turnsaales vorgekommenen Exceffes. Hiernach kam es gleich nach Beginn des Festes zu Ansammlungen. In Folge eines Streites versuchten etwa 1500 Menschen in das Hütet einzudringen, in welchem der Turnsaal sich befindet, wurden jedoch von Gensd'armen und Polizei zurückgewiesen. Nachdem die Haltung der Volksmenge trotz der an sie wiederholt ergangenen Aufforderung, sich zu zerstreuen, immer drohender wurde, ersuchte der Bezirkshauptmann um 11 Uhr Nachts die Turner, ihre Feier zu schließen. Die Volksmenge versprach, die wegfahrenden Turner nicht zu belästigen; trotzdem wurden drei Wagen überfallen, wobei ein GenSd'arm verwundet uno ein Kutscher durch Steinwürfe schwer verletzt wurde. Die Untersuchung ist im Gange.
Kußtand.
Petersburg, 26. August. Das „Journal De St. Pätersbourg- sagt anläßlich der Kaiserbegegnung von Kremsier: Wir schrieben am 16. September v. Js., daß die Drei-Kaiser-Zusammenkunft von Skierniewice die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich lenke und daß sie in Wirklichkeit nicht der Ausgangspunkt einer neuen.Situation sei, sondern die Weihe eines glücklicher Weise bereits bestehenden Zustandes, ein vollständiges Zeugniß für das über alle große Fragen, die die öffentliche Meinung beschäftigen, vorhandene Einvernehmen


