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27.9.1885 Zweites Blatt
 
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-rr 225 Zweites Blatt Sonntag den 27 September L885

Gießener Anzeiger

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Wochen - Ueberficht.

Gießen, 26. September.

Der Kaiser hat am Mittwoch die schöne Hauptstadt Württembergs wieder verlassen und ist nach Baden-Baden gereist, um hier den Rest des Monats an der Seite seiner erlauchten Gemahlin zu verbringen, welche een Kaiser nicht mit zu den Manövern bei Stuttgart begleitet halte. Dem greifen Monarchen ist während seines sechstägigen Aufenthaltes in Württemberg all- seitig der begeistertste Empfang zu Theil geworden und hat der kaiserliche Herr wiederholt Veranlassung genommen, seine innige Genugthuung hierüber auszu- sprechen. Mit der Beendigung der großen Manöver in Süddeutschland hat sich auch der glänzende Kreis hervorragender Persönlichkeiten, welcher sich aus diesem Anlässe um den obersten Kriegsherrn gebildet hatte, wieder nach allen Richtungen zerstreut; u. A. ist Prinz Wilhelm von Preußen nach Laxenburg abgereist, hiermit einer Einladung des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich zu den Hoch. gebirgs-Jagden in der Steiermark folgend; an letzterer wird auch der König von Sachsen Theil nehmen.

Die Ausbeute an bedeutsameren Nachrichten auf dem ®e< biete der inneren Angelegenheiten ist in Kieler Woche eine ziemlich magere, zumal °a die Vorgänge in der auswärtigen Politik und vor Allem auf der Balkan- Halbinsel das Interesse fast ausschließlich in Anspruch nehmen. Von Interesse sind Die Auseinandersetzungen derNordd. Allg. Ztg." mit Herrn Stöcker und seinem Anhang, und es ist immerhin ein Symptom für die in den leitenden Berliner Kreisen herrschende Stimmung, daß das offieiöse Blatt Worte milden Tadels für das Thun und Treiben des Herrn Stöcker und der christlich-socialen Partei findet. Bemerkenswerth erscheint ferner die Anwesenheit des Vorsitzenden de« braunschweigischen RegentschastSralhes, des Grasen v. Görtz-Wrisberg in Berlin, und wird dieselbe, wohl nicht mit Unrecht, dahin erklärt, daß Gras Görtz - Wrisberg mit dem Reichskanzler definitiv über die Person des künfligen Regenten von Braunschweig zu unterhandeln gedenke. Rach wie vor gilt als solcher lediglich der deutsche Botschafter in Wien, Prinz Reuß. In Straß­burg tagten die deutschen Naturforscher. Aus den zahlreichen Reden, die auf der Naturforscher-Versammlung gehalten worden find, ist ein Vortrag Virchow's über Acelimalisalion und ein anderer des berühmten Geographen und Ethnographen Peschuel ßoefdje über die Anbauwürdigkeit tropischer Länder-Gebiete hervor- zuheben.

In der Karolinen-Affaire mehren sich die Aussichten auf eine gütliche Verständigung zwischen Deutschland und Spanien, vornehmlich in Folge der versöhnlichen Haltung der deutschen Regierung. Letztere soll durch ihren Vertreter in Madrid ihre Bereitwilligkeit erklärt haben, aus die Insel Jap ver- zichten zu wollen, wenn Spanien dafür dem deutschen Handel und der deutschen Schifffahrt vollständige Freiheit auf den Inseln des Karolinen-Archipels gewähre. Ferner wird über Paris gemeldet, daß Spanien bereit sei, eine Insel der Karo­linen-Gruppe, sowie eine der Mariannen-Inseln als Schiffs- und Kohlenstation an Deutschland abzutreten, während die Marschall- und Gilbert-Inseln den Gegenstand weiterer Vereinbarungen bilden sollen. Die bevorstehende Beantwor- tung der jüngsten spanischen Note durch das Berliner Cabinet wird jedenfalls wesentlich mit zur Klärung der Karolinenfrage beitragen.

3®Uebrigen wurde die Woche wie schon angedeutet fast l Schilderhebung in Ost-Rumelien gegen die türkische Herrschaft und die damit in Zusammenhang stehenden anderweitigen Ereignisse beherrscht. Ob der Aufstand loealisirt bleiben ober aber die ganze Balkan-Halbinsel in Flammen setzen wird, läßt sich einstweilen noch nicht im Entferntesten beurthetlen. Die Mobilisirung des serbischen Heeres und verschie­dene Maßnahmen der griechischen Regierung, z. B. die Außerkraftsetzung der Ordre, welche bxe Reductron des Heeres und des Kriegsmaterials verfügt, deuten allerdings darauf hin, daß sich die Nachbarstaaten der Türkei auf alles Mögliche gefaßt machen, zumal da auch aus Albanien die Kunde von einem daselbst aus­gebrochenen Ausstande kommt. Zunächst ist aber die Hauptfrage die, wie sich I

die Tractatmächte zu der Verletzung des Berliner Vertrags stellen werden, welche das Vorgehen des Fürsten von Bulgarien und der provisorischen Regie­rung in Phckippopel offenbar bedeutet. Was nun die Regierungsblätter in Berlin, Wien, Petersburg und London hierüber schreiben, klingt freilich nicht ermuthigend für die Bulgaren, namentlich an der Newa verdammt man ent­schieden die bulgarisch-rumelische Revolution. Auch die unabhängige russische Presse thut dies; so spricht sich z. B. dieMvSk. Ztg." sehr entschieden gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien und deffen Regierung, welche das bul­garische Volk unter dem Deckmantel des angeblichen Willens des Kaisers von Rußland zu dem jüngsten thörichten Schritte verleitet habe, aus. Die ganze Angelegenheit dürste in Nichts verlaufen, wenn die Türkei ihre Truppen einst­weilen noch nicht einrücken laffe und Rußland energisch auf dem Status quo ante bestehe. Der Czar selbst will offenbar von den bulgarischen Chauvinisten nichts wiffen. Er hat, wie diePolit. Corresp." berichtet, dem bulgarischen Kriegsminister, Generalmajor Fürsten Cantacuzöne, befohlen, in seiner Eigen­schaft als Kriegsminister seine, Entlaffung zu nehmen und untersagt, die ostru- melische Bewegung irgendwie zu unterstützen. Die russische Regierung hat, nach einer ferneren Mittheilung des genannten Blattes, außerdem das Zuströmen von russischen Freiwilligen nach Bulgarien verboten. Was nun dte Pforte anbe­langt, so hat sie vorläufig in einem Rundschreiben an die Mächte gegen das Vorgehen des Fürsten von Bulgarien protestirt und erklärt, der Sultan habe beschloffen, die ihm laut Art. 16 des Berliner Vertrags zustehenden Rechte effectiv auszuüben. Zu besonderen militärischen Maßregeln scheint sich aber die Pforte noch nicht entschließen zu können, denn es wird aus Konstantinopel ge­meldet, daß nur einige Bataillone in der türkischen Grenzstadt Mustapha Pascha zusammengezogen worden seien. Hierauf ist die Nachricht, daß Truppen unter Mukthar Pascha von Konstantinopel nach Rumelien abgegangen seien, zurückzu- sühren. In einem noch in voriger Woche abgehaltenen, vom Sultan präsidirten Cabinetsrathe waren übrigens die Meinungen darüber, ob die Pforte überhaupt das Recht habe, Truppen nach Ost-Rumelnn zu schicken, sehr getheilt. Die letzten Nachrichten über die dortigen Vorgänge besagen Folgendes: Die Türken sollen am Mittwoch mit der Wiederherstellung der an der ostrumelischen Grenze von den Aufständischen zerstörten Mustapha-Brücke begonnen haben, wobei es angeblich zu einem Zusammenstöße zwischen ihnen und der bulgarischen MiAz gekommen ist. Aus Philippopel ist eine Deputation abgesendet worden, um bei den Mächten die baldigste Anerkennung der bulgarisch-rumelischen Union nachzu­suchen. Die zusammengetretene bulgarische Kammer hat allen Anträgen des Ministeriums zugestimmt und auch einen Kredit von 5 Millionen für eventuelle Kriegskosten genehmigt.

In Oesterreich hat in dieser Woche mit dem Zusammentritte des Reichsraths die parlamentarische Herbstcampagne begonnen. Die Eröffnungs­sitzung sand am Dienstag statt, dagegen erfolgt die eigentliche Eröffnung an diesem Samstag mit einer Thronrede des Kaisers, welcher man unter Hin­blick aus die inneren politischen Verhältniffe in Oesterreich, sowie auf die Er­eignisse in Rumelien mit besonderer Spannung entgegensieht. Am Dienstag sind in Wien auch die im Frühjahre unterbrochenen gemeinsamen Minister­conserenzen wieder ausgenommen worden, zu denen sich ungarischerseits der Ministerpräsident Tisza und der Finanzminister Szapary eingefunden haben. Aus dem Parteileben Oesterreichs ist als ein bedeutsames Ereigniß die am Vorabend der Parlaments - Eröffnung erfolgte Scheidung der ehemaligen ver­einigten Linken in einendeutsch - österreichischen"^.und einendeutschen Club" hervorzuheben. Prinz Wilhelm von Preußen ist zum Oberst-Inhaber des 7. österreichischen Husaren - Regiments, dessen seitheriger Chef Prinz Friedrich Carl von Preußen war, ernannt worden.

Auf der Apenninen-Halbinsel wird die Theilnahme an den politischen Vorgängen inner- und außerhalb Italiens durch die Cholera- Epidemie säst gänzlich in den Hintergrund gedrängt. _ Besonders auf Sicilien hat die Seuche revolutionär zu nennende Zustände geschaffen, welche die Ent­sendung von Truppen nach der Insel nothwendig gemacht haben. Jede Stadt