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Rr. 197 Mittwoch den 26. August L88S

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheit.

Betreffend: Die Voranschläge der enang. Kirchensond«. Lang-GönS, den 24. August 1885.

Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen

an fämmtliche Kirchenvorstände des Dekanats.

Unten anstehend theile ich Ihnen die Verfügung Grobherzoglichen Ober-Consistoriums in rubricirtem Betreffe zur Beachtung mit. * Dr. Strack.

Zu Nr. O. C. 10258. Darmstadt, am 19. August 1885.

Betreffend: Wie oben.

Wir benachrichtigen Sie, daß die Publikation der neuen Instruction zur Fertigung der Kirchenvoranschläge in der Kürze zu ermatten steht und die Aufstellung der Voranschläge für 1886/87 bis dahin unterbleiben kann.

I. V.: Melior.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 25. August.

Das Befinden des Kaisers ist andauernd ein gutes und kann sich derselbe täglich den laufenden RegierungSgeschästen widmen. Am letzten Freitag hatte der türkffche Botschafter Said Pascha die Ehre, von dem Kaiser in beson- derer Privat-Audienz zur Ueberreichung eines Handschreibens des Sultans empfangen und bald darauf zur kaiserlichen Tafel gezogen zu werden, zu welcher außerdem auch der türkische General Hobe Pascha, der Staatssecretär des Aeußern, Gras v. Hatzfeldt, die Staatsminister Dr. Friedberg und Dr. Lucius, der deutsche Botschafter in London, Gras Münster u. s. w., mit Einladungen beehrt worden sind. Man bringt diesen Vorgang vielleicht nicht mit Unrecht in Verbindung mit der egyptischen Frage, deren Lösung aus den Vorschlag Deutsch­lands durch ein gemeinsames Vorgehen der Türkei und Englands er­folgen soll.

In politischen Kreisen cursirt ein Gerücht, wonach der deutsche Reichskanzler Fürst Bismarck, der russische Minister v. Giers und der englische Minlster-Mhrquis v. Salisbury eine Zusammenkunft haben würden, um über die Regelung des afghanischen Grenzstreites eine endgültige Vereinbarung zu treffen. Der unerquicklichen Lage dieses Grenzstreites entsprechend dürste man sich in London wie in Petersburg wohl nicht ungern der Vermittelung Deutsch­lands bedünen, doch muß erst noch die Bestätigung obiger Nachricht abgewartet werden-

Die Berathungen der Telegraphen - Conferenz in Berlin haben nun doch ein gutes Resultat gezeitigt. Die Grundgedanken der deutschen Vorschläge sind von der Tarif-Commission der Telegraphen-Conferenz nach schmierigen DiScussionen mit erheblicher Majorität angenommen worden. Die Kabel Gesellschaften haben sich im Allgemeinen und der Mehrzahl nach zu einer Ermäßigung ihrer Tarife um etwa 25 pCt. bereit erklärt; ähnliche Zugeständ- niffe sind von außereuropäischen Staaten in Aussicht gestellt. Die Bestrebungen auf Ermäßigung der Kabelgebühren für den weiten überseeischen Verkehr, nament­lich nach China, Japan, Australien und Ostindien, verheißen gleichfalls Erfolg. Die Annahme der Vorschläge ist ein großer, in diesem Umfange kaum erwar­teter Erfolg Deutschlands.

JnErwiderung der außerordentlichen Gesandtschaft, welche sich im vorigen Jahre im Auftrage des Kaisers nach der persischen Hauptstadt Teheran begeben hatte, sendet jetzt der Schah von Persien gleichfalls eme außer­ordentliche Gesandtschaft nach Deutschland, welche bereits in Berlin eintraf. Dieselbe besteht aus dem außerordentlichen Botschafter Mohsin Khan und 4 Be­gleitern, den General-Consuln Mirza-Mahomed-Khan, Hadji-Mirza-Hussein-Khan und Hadji-Mirza-Räzi'Khan, sowie dem Dolmetscher Oberst Mirza-Hassan-Khan.

Die in Fulda vom 5. bis 7. August d. Js. versammelt gewesenen preußischen Bischöfe haben ein gemeinsames Hirtenschreiben an den CleruS und das Volk erlassen, welches am Sonntag von den Kanzeln zur Verlesung gelangte. Die Bischöfe von Paderborn und Kulm, welche in Fuloa nicht anwesend waren, hätten das Hirtenschreiben nachträglich unterzeichnet.

In Oesterreich concentrirt sich gegenwärtig das gesammte politische Interesse aus die Kaiserbegegnung in Kremsier. Die politische Bedeutung dieser Monarchen-Zusammenkunst ist schon so oft erörtert worden, daß man dieselbe nicht zu wiederholen braucht. Das fücsterzbischöfliche Residenzschloß in Kremsier, woselbst am letzten Montag die Zusammenkunft der Kaiser von Oesterreich und Rußland erfolgte, ist ein im italienischen Barockstyle errichteter Prachtbau und erhielt seine jetzige Gestalt von dem Fürstbischof Karl, Grasen von Lichtenstein- Castelcorn. Da in Kremsier selbst, wie schön und gut ausgestattet auch die Räume des erzbischöflichen Palais sind, das Material fehlt, welches für eine große Prachtentsaltung erforderlich ist, so ist Alles aus der Wiener Hofburg und ben kaiserlichen Schlössern herbeigcschafft worden. Außer dem Kaffer Franz Joseph sind in Kremsier angekommen: die Kaiserin Elisabeth, der Kronprinz, die Kronprinzessin, Erzherzog Albrecht, Minister Graf Taaffe, Minister Graf Kalnoky und andere hohe österreichische Würdenträger. Kaiser Alexander von Rußland war bei seiner Ankunft in Kremsier begleitet von der Kaiserin Maria Feodorowna, von.seinen zwei ältesten Söhnen, dem Thronfolger Nicolaus und dem Großfürsten Georg, und von seinem ältesten Bruder, dem Großfürsten

Wladimir, sammt dessen Gemahlin, der Großfürstin Maria Palowna, geborenen Prinzessin von Mecklenburg.

Die englische, in der afghanischen Grenzfrage hart be­drängte Regierung kann erleichtert aufathmen, denn nicht nur Londoner, sondern auch Petersburger Zeitungen melden, daß die russische Regierung nach Empfang einer an Ort und Stelle aufgenommenen Specialkarte der afghanischen Grenze sich entschlossen habe, aus die Einverleibung des Zulfikar-Paffes zu ver­zichten. Damit wäre nun auch der letzte Zankapfel in der afghanischen Frage beseitigt.

In gewissen Kreisen der spanischen Bevölkerung haben un- zusttedene Parteiführer wegen der angeblichen Wegnahme der Spanien gehören­den Karolinen-Inseln durch Deutschland eine Deutschenhetze angefacht, der man durch eine Volks-Demonstration in Madrid die Krone aussetzen will. Das dieser durchsichtigen Agitationen ist indessen viel weniger gegen Deustchland als gegen die gegenwärtige spanische Regierung selbst gerichtet, die durch jene Affaire discreditirt werden soll. Hoffentlich bewahrt die spanische Regierung in dieser Angelgenheit kaltes Blut und zeigt weder nach oben noch nach' unten eine Schwäche, sonst könnte ihr aus dem politisch unterminirten Boden die Existenz sauer gemacht werden. Hinzugefügt darf werden, daß wegen der Karo­linen-Inseln zwischen Deutschland und Spanien von keinem Conflicte, sondern nur von einer Meinungs-Verschiedenheit die Rede sein kann. Auch hat Spa­nien zugestanden, daß es noch keine festen Vesitztitel aus die Karolinen-Inseln bis jetzt besaß, also Deutschland dieselben wohl behalten wird.

Im russischen Reiche scheint die revolutionäre Propaganda der Nihi­listen thatsächlich im Niedergange begriffen zu sein. Eme Correspondenz eines Eingeweihten" aus Zürich betont dies ausdrücklich und erklärt, daß das anar­chistische Vorgehen der Nihilisten weiter keinen Zweck gehabt hätte, als einen Theil der die Freiheit liebenden russischen Jugend aus die Schlachtbank zu liefern und die große Masse des russischen Volkes gleichgiltig zu lassen. Die Liberalen Rußlands müßten mit geistigen Waffen kämpfen und die nihilistischen Ideen aus ihrem Jdeenkreise verbannen. Ob diese Mahnung an die noch vorhandenen Nihilisten etwas Hilst, muß freilich abgewartet werden.

Darmstadt, 24. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog, Ihre Gcoßh. Hoheit die Prinzessin Victoria, Prinzessin Ludwig von Batten­berg, nebst Prinzessin-Tochter Alice, sowie Ihre Großh. Hoheiten die Priu- zessinnen Irene und Alix sind gestern Nachmittag 5 Uhr 23 Min. aus England hier eingetroffen. Ällerhöchstdieselben wurden am Bahnhof der hessi­schen Ludwigsbahn von Ihren Großh. Hoheiten den Prinzen Heinrich und Wilhelm begrüßt und fuhren darauf nach dem Großh. Schlosse, wo die Herrschaften abgestiegen sind.

Der Königl. Großbritannische Geschäftsträger Nassau-Jocelyn war eben­falls bei der Ankunft der Herrschaften am Bahnhof zugegen.

Se. Königl. Hoheit der Großherzog wohnten mit Sr. Großh. Hoheit dem Prinzen Heinrich heute Vormittag den Uebungen der 50.'Infanterie- und der 25. Cavallerie-Brigade bei, welche auf dem Griesheimer Artillerie-Schießplatz stattfanden.

Se. Königl. Hoheit der Großherzog empsingen heute im Großh. Schlosse: Den General-Adjutanten, Generallieutenant und Ordenskanzler v. Grolman; zum Vortrag den Ministerial-Präsidenten Weber, den Ministerialrath v- Werner, den Hosjägermeister v. Werner, den Oberftallmeister Freiherr v. Nordeck zur Rabenau.

Se. Königl. Hoheit der Großherzog und die Großh. Familie nehmen von heute Nachmittag an Aufenthalt im Jagdschloß Wolfsgarten.

Darmstadt. 25. August. Am heutigen Ludwigstage bringt das hessische Volk die innigsten Glückwünsche seinem geliebten Landesherrn, Sr. Königs. Hoheit dem Großherzog, dar. Das hessische Volk freut sich, daß Se. Königl. Hoheit in bestem Wohlergehen wieder von seiner Reise zurllckgekehrt sind, und begrüßt doppelt herzlich seinen Fürsten, der jetzt wieder in seiner Mitte weilt. Möge Gott der Herr auch fernerhin Se. Königl. Hoheit und das ganze Großh. Haus in seinen Schutz nehmen!