Nr. 171
Erstes Blatt.
Sonntag den 26. Juli
1883
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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"t. 2. Männerchöre: „SBalbmotgen", von ed" von H. Kxp, ce str Mw, von >el. 6. Männerchöre: i", von Max Bruch, i Mehul. 8. Romanze „Mlingszeit", von
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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerletz^ Durch die Bost bezogen vierteljährlich 2 Start 50 Pt.
x Amtlicher Hheil.
Betreffend ' Die Ansprüche aus Erbschaften, welche von Reichsangehörigen in den Niederlanden gemacht werden.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherz »glichen Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Hinweis aus den in Nr. 160 des „Gießener Anzeiger" abgedruckten Artikel über die Geltendmachung von Erbschaften in den Niederlanden 'beauftragen wir Sie, etwaige Angehörige Ihrer Gemeinden, welche ErbschaftStrnlprüche in den Niederlanden geltend machen wollen, in Gemäßheit ,eneS
Artikels zu bedeuten.
Dr. Bvekmann.
Gefunden: 1 Portemonaie mit Inhalt, 1 Dutzend Hemdenknöpfe, 1 Taschentuch, 1 Spiegel, 1 Handschuh, 1 Lanzette, 1 Korallenkettchen, 1 Armkettchen, 1 Medaille, 1 Damen-Sonnenschirm, 1 Herren-Sonnenschirm (letzterer auf dem Postamt geblieben) und mehrere Schlustel.
Gießen, am 25. Juli 1885. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
____________I. V.: Kraemer. _______ ____
Deutschland.
Darmstadt, 24. Juli. Dar Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 19) enthält:
Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlägen zur Bestreitung von Communal-Bedürfniffen in den Gemeinden des Kreises Erbach pro 1885/86.
Berlin, 25. Juli. Nach neuerdings vorliegenden Nachrichten wird sich die Kaiserin Elisabeth dem für die ersten Tage des Monats August angekündigten Besuch des Kaisers Franz Josef bei dem Kaiser Wilhelm in Gastein anschließen. .. . "
Oesterreich.
Bad Gastein, 24. Juli. Se. Maj. der Kaiser fuhr gestern zur Erzherzog Johann-Promenade, verließ, dort angekommen, den Wagen und machte Einen längeren Spaziergang durch den Wald. Heute nahm Allerhöchstderselbe das dritte Bad und unternahm darauf wieder, von dem Flügeladjutanten, Oberst- kieutenant v. Pleffen begleitet, einen Spaziergang.
England.
London, 24. Juli, Abends. Unterhaus. Der Unterstaatssecretär Bourke theilt mit, daß die engliche Regierung nach den Ergebnissen der Proceß- Verhandlungen wegen der Beraubung der deutschen Schiffe „Diedrich" und „Anna" bei der niederländischen Regierung angefragt habe, ob sie Schritte für ein baldiges Zusammentreten der Conferenz, betr. den Spiritushandel in der Nordsee, thun wolle. Die niederländische Regierung habe geantwortet, daß sie bereits die bezüglichen Schritte gethan habe und hoffe, daß die Conferenz in Kurzem zusammentreten werde.
— Das Oberhaus nahm die Bill, betreffend Verbesserung der Arbeiter- mohnungen, sowie die Bill, betreffend Pachtgüterverkaus in Irland, in dritter Lesung an.
Loudon, 24. Juni. Die Königin hat dem Prinzen Heinrich von Battenberg den Hosenband-Orden und den Titel „Königliche Hoheit" verliehen.
— Der „Daily Chror.icle" läßt fich aus Allahabad vom 23. ds. das übrigens anderweitig gänzlich unbestätigte Gerücht von einem Ausstande in Kabul melden. Ein englischer Abgesandter werde fich von Peschawur dorthin begeben.
Schweden.
Stockholm, 24. Juli. Das Schiff „Venus" aus Rostock, Kapitän F. Bründel, ist in Folge der dicken Seeluft in den Schären von Kemi auf den Grund gerathen. Das Schiff ist wahrscheinlich wrack, die Mannschaft gerettet.
Amerika.
New-Bork, 24. Juli. Präfident Cleveland hat anläßlich des Todes Grant's eine Proklamation erlassen, in welcher er der Verdienste des Dahingeschiedenen gedenkt und befiehlt, daß die öffentlichen Gebäude 30 Tage hindurch Trauer anlegen und am Tage der Beerdigung geschlossen bleiben sollen. Die Börse wird ebenfalls am Beerdigungstage geschlossen.
Telegraphische Depeschen.
Wolft'S telegr. Correfpondeirz-Brrrrarr»
Potsdam, 24. Juti. Der Kronprinz, die Kronprinzessin, die Prinzessinnen . Mctoria, Sophie und Margarethe sind um 8 Uhr 20 Min. von Station Wildpark über Frankfurt nach der Schweiz abgereist.
München, 24. Juli. Die „Neuesten "Nachrichten" veröffentlichen den Wortlaut einer Erklärung des Rectorats der hiesigen Universität, welche die Meldung der Blätter, daß preußische Studirende der Rheologie in München immatrikulirt seien und Testate über gehörte Vorlesungen erhielten, während dieselben thatsächlich in Innsbruck \ sludirten, als unbegründet bezeichnet. Die Untersuchung habe die Grundlosigkeit der . Behauptung ergebene
Paris, 24. Juli. Der Senat wird die Budget-Berathung Dienstag beginnen. Die chinesische Regierung zeigte der französischen an, daß der Führer der Schwarzflaggen nach China übergetreten ist. r . ,
— In dem Gebiete Nizzas gingen zahlreiche heftige Gewitter meder, wodurch die Conimunicatiouen unterbrochen wurden.
Einstur; zweier Häuser am HolMarki pi J&öln.
Ein grauenvolles Unglück ereignete sich heute auf dem Holzmarkte. Gegen 12'/, Uhr stürzten dort plötzlich die beiden, von zahlreichen Familien bewohnten Hauser Nr 75 und 77 zusammen. Nach wenigen Minuten erblickte man nur noch emen wüsten Trümmerhaufen, eingehüllt in eine dichte Staubwolke. Sofort eilten Vorübergehende und Nachbarn dem Trümmerfelde zu, um über noch wankende Balken und zerschmetterte Dachreste den Verschütteten Hülfe zu leisten. Mehrere Frauen und Kinder wurden gleich gerettet. Inzwischen war, auch unsere treffliche Feuerwehr zur stelle und begannen nun die systematischen Rettungsarbeiten, di-e. soweit sich solches in diesem Augen- deurtheilen lasst, außerordentlich schmierig und gefährlich sind. Wie grotz die Anzahl der unter den Trümmern Begrabenen ist, konnte bis jetzt noch nicht testgestellt werden. Die eingestürzten Häuser sind die Wirthschaften von Lölgen und Moll. Bis 1 Uhr waren 3 tödtlich Verletzte, 5 Schwerverletzte und 3 weniger Verletzte hervor - gezogen. Die Unglücklichen sind zum Theil fürchterlich verstümmelt. Es wohnten ungefähr 16 Familien, zusammen etwa 60 Personen, in der Unglücksstatte, von denen nur 5 bis 6 flüchten konnten. Wie die freiwillige und Berufswehr sind auch die Pioniere alarmirt. Um 1 Uhr stürzte ein Theil noch nach. Die Verwüstung ist entsetzlich. Ein Eommando der Pioniere traf um 1 Uhr noch ein. Fortwährend werden Leute herausgeholt, theils mehr oder minder verletzt. Bis 2 Uhr sind 13 Verwundete inS Hospital gebracht worden. Nach und nach wurden bis 20 Minuten vor 2 Uhi 30 Personen herausgeholt. Die Pioniere und die beiden Feuerwehren arbeiten tapser. Der Sergeant Iauder von der 3. Compagnie des 7. Pionier-Bataillons hat allein 6 Leute herausgeholt. Roch immer kommen nach und nach Verschüttete zum Vorschein, namentlich viele Kinder; Todt ist bis jetzt noch keiner heroorgeholt. Die Geretteren gerathen, wenn sie sich erholt haben und über die Katastrophe klar werden, in entsetzliche Aufregung; die Eltern rufen nach den Kindern, die Kinder jammern um ihre Eltern. Aerzte und Chirurgen leisten Hülfe. Die verschüttet Gewesenen, welche im Hospital Hülfe suchen müssen, werden mit Droschken und einem Feuerwehrwagen dorthin befördert; die bereitgestellten Krankenwagen haben bis jetzt glücklicherweise noch feine Arbeit. Während immer größere Volksmengen aus der Stadt herbeistromen und die von der Polizei und Soldaten weit abgesperrte Unglücksstelle umlagern, schanen ^euel- wehr und Pioniere in lobenswerthem Wetteifer an ihrem mühevollen und gefährlichen Werk der Menschenliebe gemeinsam weiter. Ab und zu ertönt von dem bis m dre Hohe des zweiten Stockwerkes ragenden Trümmerhaufen das Commando „Ruhe, und sofort tritt ringsum Todtenftillc ein, demi Jeder weiß, daß unter Steinen, Schutt und gebrochenen Balken noch Personen sich befinden — man spricht von oO unb daß es gilt, den (Stimmen, die laut werden, nachzuspüren, um den Beklagenswerthen m ihrer verzweifelten Lage Hülfe und Rettung zu bringen. Wiederholt werden dann Kinder - stimmen laut und die Beseitigung der unseligen Trümmer wird dann, wenngleich nut der größten Vorsicht, doch mit fieberhafter Anstrengung fortgesetzt. Mehrere Personen sind in der Zeit von '/-2 bis V,3 Uhr noch gerettet und nach dem Hospital geschastt worden. Wie ein Mann, der in einem Hause seine Wohnung hatte, mittheilt, hat derselbe seine Frau und ein Kind eigenhändig unter den Trümmern heroorgeholt. Als die Katastrophe eintrat, war er in der Nähe des .Hauses, er eilte nachher Stelle hm, wo er seine Angehörigen in dem Chaos vermuthete und war so glücklich, seine Lieben zwar unter Balkenstücken liegend, aber noch lebend und unbeschädigt zu smden Mit vieler Anstrengung befreite er sie von dem auf ihnen lastenden Holzwerk und schaffte sie dann fort von dem Orte des Schreckens. Von den Gärten aus wurden durch mehrere Arbeiter etwa 22 Kinder befreit. Richt weniger als fünf in Hoffnung befind - liche Frauen gehören zu den Geretteten. Selbstverständlich finden die, welche nut bem bloßen Schrecken davongekommen sind, dennoch aber der Erholung und augenblickliche Pfleae bedürfen, überall in der Nachbarschaft die liebevollste Ausnahme. Eine groye Anzahl Aerzte ist zur Stelle, um den Verwundeten, welche ans Tageslicht geschasst werden, die erforderliche erste Hilfe zu bringen, unter diesen auch mehrere Chirurgen und die beiden Aerzte der Provinzial-Hebammen-Anstalt. Die Spitzen der Behörden sind ebenfalls zur Stelle und Herr Polizeipräsident v. König leitet persönlich die nach Lage der Sache gebotenen Porkehrungen. Ein hinter einem der beiden Hauser stehendes Hinterhaus droht jeden Augenblick zusammenzusturzen. Auch ein Erlassenes RebenhauS dürfte, wenn das gegen dasselbe gelehnte Holzwerk der eingesturzten S, aujei befreit ist, ins Wanken gerathen. Man will wissen,. daß der Wirth Lolgen nut einer Anzahl Gäste, unter denen fich auch eine Kegelgesellschatt besuchen fall, noch unter den Verschütteten sich befinde; vier Leute sollen im Keller sitzen. ^,ie Tochter des Wuthes Lölgen stand, so wird berichtet, kurz vor de.n Augenblick als der Einsturz erfolgte, an der Hausthür; ein Arzt, der eine Kranke besucht hatte, kam aus dem Hause und bemerkte der Genannten, es riesele ganz eigenthumlich von den Wandeir^herunter. Rian solle doch einen Baumeister holen, damit er das Haus untersuche. L a gab es einen gewaltigen Krach, der Arzt zog das Mädchen m iahem ^chr-eck nut sich au' d,e.S raße. AIS die Staubwolke, die sofort die Luft rundum verfinsterte, sich verzogen hatte, er- kannten die Beiden, welchem schrecklichen Unglück sie entgangen waren.


