-rr. 96 Drittes Blatt Sonntag den 26. April 1885
Gießener Anzeiger
Amts- und Ameiqeblatt für den Kreis Gießen.
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nur praktischen Zwecken, d. h. der birecten Krankenpflege und Behandlung dient oder ob es zugleich eine Lehranstalt ist.
Je nach diesen besonderen Zwecken wird die ganze Anlage des Krankenhauses variirt werden müssen. Bei der Frage welche Einrichtungen einem Hause zu geben sind, das als Krankenhaus dient, muß man darum einestheils trennen diejenigen Einrichtungen, die im Allgenie inen bei jeder solchen Anstalt erforderlich sind, andern- theils diejenigen, die durch den besonderen Zweck, dem das betreffende Zkrankenhaus dient, gefordert werden.
In die erste i)tcibe gehören vor Allem die Lage des Gebäudes, die Bodenverhältnisse, die Ventilation, die Heizung, die Größe der Krankenzimmer rc. In die zweite Reihe gehören die bezonderen Einrichtungen, die durch die einzelnen Krankheittzsormen bedingt sind.
So wünschenswerrh es auch wäre, daß an Stelle der in dem akademischen Hos- pttal untergebrachten 3 Kliniken in gleicher Weise, wie dies an den meisten deutschen Hochschulen in neuerer Zeit geschehen ist, drei .neue, den Anforderungen der Jetztzeit völlig eulsprcchende Kliniken errichtet würden, so ist doch, um die Mittel des Staats nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen, zunächst nur d,er Reubau eines Instituts und zwar der der inneren Klinik in's Auge gefaßt. Der Grund dieser Wahl ist darin gegeben, daß, wenngleich eine Reihe der dem derzeitigen Hospital anhaftenden Mißstände alle drei Kliniken berühren, doch eine weitere Reihe von besonders schwerwiegenden Mißständen existiren^ die vorwiegend oder ausschließlich die innere Klinik treffen. Es ist in der Natur einer Reihe von inneren Krankheiten begründet, daß zu ihrer Heilung, aber auch bereits zur Verhütung der Weiterverschleppung des Krankheitsstoffes eine Reihe besonderer Einrichtungen nöthig sind, Einrichtungen, die, wie gleich hier angefügt werden mag, in dem alten akademischen Krankenhausc zu schaffen unmöglich ist.
Eine eingehende Erörterung über die Frage, welche allgemeine Eigenschaften ein Krankenhaus besitzen muß, und eine daran sich knüpfende Kritik des dermaligen akademischen Krankenhauses würde zu weit führen; es wird genügen, einige der wesentlichsten Momente hervorzuheben.
Als erster Punkt verdient erwähnt zu werden die feuchte Beschaffenheit des Gebäudes, die im Wesentlichen in der ermangelnden Unterkellerung ihren Grund hat. -Selbst im Hochsommer bei intensiver Hitze ist ein großer Theil der Außenseite nach denn Hofe zu vielfach feucht; in verschiedenen Krankenzimmern kommen in Folge der Feuchtigkeit Pilzvegetationen trotz Oelanstrich immer wieder zum Vorschein. Daß solche feuchte Räume nicht eine geeignete Stätte für Kranke, zumal für an schweren inneren Krankheiten Leidende sind, bedarf wohl keines Beweises, wie es denn auch weiter einleuchtend ist, daß bei solchen Verhältnissen die Bedingungen zur Weiter- crttwickettmg und Wucherung von einmal dorthin gelangten Krankheitskeimen gegeben sind. Trotz sorgfältigster Desinfection ist es mehrfach vorgekommen, daß Kranke, die wegen relativ leichter Affectionen in das Krankenhaus gekommen waren, im Krankenhause secundär von einer im Hause erworbenen schweren Infectionskrankheit, so Typhus, Erysipel, Scharlach und dergleichen mehr befallen wurden.
In der Natur der Sache liegt es, daß von diesen üblen Ereignissen vor Allem die innere Klinik betroffen wurde.
Als ein zweiter, dem gesummten Krankenheruse geltender, wenn auch die Insassen der einzelnen Abtheilungen je nach der ihrer Erkrankungen mehr oder minder belästigender Uebelstand muß die unmittelbare Nähe des Bahnhofes resp. Nangirhofes erwähnt werden. Es ist zweifellos, daß das beständig Tag und 'Nacht andauernde Rangiren der Züge, das schrille Pfeifen der Locomotiven die Kranken in hohem Grade belästigen muß. Kranke bedürfen jedoch vor Allem der Ruhe, und werden deshalb jetzt die Krankenhäuser stets an Plätze gelegt, die möglichst fern vom Hauptoerkehr sind. w , r . ,
Auch von dieser Nähe der Eisenbahn hat die innere Klimk besonders zu leiden, inid werden nicht nur die Kranken, sondern auch die Studirenden betroffen. Bei solchem andauernden Lärm ist die Untersuchung der Kranken, insbesondere die Aus- cilltation vielfach unthlinlich und wird namentlich auch dieser Länn bei den practischen Uebungsstiiiiden für die Studirenden sehr empfindlich.
Als ein fernerer wichtiger Fehler des derzeitigen akademischen Krankenhauses muß die centrale Lage der Eorridore, sowie der Mangel genügender Ventilationsvorrichtüngen angesehen werden. Gute Ventilation, eure beständige Lilfterneuerung und Verdrängung der verdorbenen Luft, sind das nothwendigste Erforderniß jedes gesunden Wohnraumes, vor Allem aber eines mit allen möglichen Krankheitsstoffen geschwängerten Krankenhauses. , . ..
Auch dieses Moment trifft wieder vorzugsweise die medicwische (innere) Klimk.
Die Hülfsmittel zur Lufterneuerung, die die heutige Technik kennt, fehlen in dem derzeitigen akademischen Hospitale fast gänzlich und sind auch bei der centralen Lage der Eorridore, selbst mit großen Kosten, nicht in ausreichender Weise zu be- schaffen. . . <
Daß die Badeeinrichtungen, zumal für eine innere Klunk, unzureichende sind, wurde bereits Eingangs erwähnt. Häufig kommt es auch jetzt noch vor, daß Bäder an einzelnen Tagen wegen der unzureichenden Wassermenge nicht verabfolgt iverden können. Grade bei inneren Krankheiten spielen nun aber Bäder der verschiedensten Art einen sehr wichtigen, durch nichts zu ersetzenden Heilfactor. Eme Beseitigung dieses Uebelstandes wäre nur durch Errichtung eines eigenen Badehauses möglich; an die Ausführung eines solchen Projekts ist indeß schon des Platzmangels auf dem derzeitigen Hospitalterrain wegen nicht zu denken.
Die erwähnten Mängel machen sich, wie bereits hervorgehoben, am meisten für die innere Klinik fühlbar. Wenn sich darum schon bei der Betrachtung dieser allgemeinen Einrichtungen gezeigt hat, daß durch die jetzt herrschenden mangelhaften Einrichtungen die innere Klinik' am meisten geschädigt wird, so erfordert außerdem eme innere Klinik noch eine Reihe ganz besonderer baulicher Einrichtungen, die durch die specifische Natur der ihr zugehörigen Erkrankungen bedingt ist. Bekanntlich gehören der inneren Medicin eine große Reihe von Krankheiten zu, die dadurch ausgezeichnet sind, daß sie anstecken, sich leicht von Kranken, sei es direct, sei es mdirect, durch Kleidungs- und sonstige Gegenstände auf dritte Personen übertragen.
In diese Gruppe gehören, um nur einzelne zu nennen, ^^^^.^?.^eritis, Eholera, Recurrenzfieber, Blattern, Flecktyphus und dergleichen mehr. Um die Gefahr auszuschließen, daß in einem Krankenhause ein mit einer solchen contagiosen Krankheit Behafteter die Krankheit auf andere Personen übertrage, hat man überall besondere IsolirHäuser zur Unterbringung solcher mit ansteckenden Krankheiten Behafteter
Auch das akadenrische Krankenhaus besitzt ein solches Isolirhaus, das mit dem Leichenhause vereinigt ist. Auf Veranlassung der damaligen ^irectoren des akademischen Krankenhauses wurde, wie bereits erwäbnt, Ende der 60er Jahre dem Leichenhause ein zweiter Stock aufgesetzt, um dort die mtt ansteckenden Krankheiten Behafteten imterzubringen imd zu isoliren. Diese Entrichtung besteht auch fetzt noch. In der unteren Etage dieses Gebäudes ist ein durch eme kleine verschiebbare Scheidewand m
Darmstadt, 23. April. Seitens der Großherzoglichen Staatsregierung ist die nachstehende Vorlage an die zweite Kammer Der Stände, betreffend die Errichtung neuer Gebäude für die medicinische Klinik, für das pathologisch-anatomische Institut und für die gynäkologische Klinik nebst Entbindungsanstalt u. 1. w., gerichtet worden.
Auf Grund eingehender Prüfung der in Betracht kommenden Verhältnisse und auf Grund der Erfahrungen, die seit einer Reihe von Jahren bei den bett. Kliniken und Instituten gemacht worden sind, ist die Großh. Regierung zu der Ueberzeugung gelangt, daß es im Interesse der Landesuniversität Gießen durchaus geboten ist, an dieser Universität neue Gebäude für die medicinische (innere) Klinik, für das pathologisch-anatomische Institut, sowie für die gynäkologische Klinik und die Entbindungs- anftalr zu errichten und weiter das Gebäude, das seither als Entbindungsanstalt benutzt wurde, für die Zwecke des physiologischen Instituts einzurichten.
Die nachstehenden Erörterungen werden die Rothwendigkett der bemerkten Vcuten darthun.
I. Die Errichtung neuer Bauten für die medicinische (innere) Klinik.
Das derzeittge akademische Hospital, in welchem sich die medicinische Klinik befindet, diente ursprünglich militärischen Zwecken; dasselbe wurde im zweiten Decennium VicseS Jahrhunderts als Kaserne gebaut und ging später in den Besitz der Universität über. Bis zu Beginn des Jahres 1880 diente nur die eine, die westliche, Hälfte des Gebäudes Kranken- und Unterrichtszwecken; die östliche Hälfte enthielt in der 1. Etage die Sammlung der Gypsabgüsse, in der 2. und 3. die Universitäts- und Senken- berg'schc Bibliothek; in der 4. Etage waren die mineralogischen Sammlungen der lüiivcrsität unteracbracht. t
Erst mit dem bemerkten Zeitpunkte nach Errichtung des neuen Universitätsgebäudes, der neuen Aula, wurden die letztgenannten Institute aus den: Hospital- gebäude entfernt und die dadurch frei gewordenen Räume den klinischen Instituten üborwiesen.
In dem akademischen Hospital sind drei Kliniken, die medicinische, chnurgilche itnib ophthalmologische Klinik unlergebracht. Die Parterre-Räume gehören, abgerechnet dic dort gleichfalls befindlichen Küchen- und Wirthschaftsräumc, der Augenklinik. In der 2. Etage befindet sich die medicinische, in der 3. die chirurgische Klinik während in der 4. die syphilitischen Kranken und die Krätzkranken untergebrachk sind. Weiter be- sinden sich dort noch einige Jsolirräume, sorvie die Vorrathskammern für Wäsche und sonstige Utensilien, endlich die Schlafräume des Dienstpersonals.
Außer diesen! Hauptgebäude gehören zum akademischen Krankenhausc noch drei kleinere Gebäude: 1) eine hinter dem Hauptgebäude gelegene Baracke für chirurgische Lrcrnke, 2) ein Leichenhaus, dem Ende der 60er Jahre auf Antrieb der damaligen Dwectoren ein ziveiter Stock aufgesetzt worden ivar, um dort die mit ansteckenden Krankheiten Behafteten aufzunehmen und zu isoliren.
Oestlich vom Hauptgebäude befindet sich endlich 3) ein kleines, zweistöckiges Ge-' bvude, in dessen unterer Etage sich zur Zeit das Laboratorium der medicini- sjhen Klinik befindet, während in der oberen drei von den Assistenzärzten des Hospitals wohnen.
Dies die Räumlichkeiten, die zur Zeit den Directoren der genannten drei Mimiken zu Gebote stehen. 'Noch im Jahre 1879 verfügte jede der drei Kliniken kaum Tiber die Hälfte der Räume, die ihnen heule zugehören.
2ln Unterrichtsräumen für die medicinische Klinik waren damals nur zwei Zimmer vorhanden. Räume zu wissenschaftlichen Arbeiten, zu chemischen, mikroskopischen - Arbeiten existirten nicht. Erst 1879 mit der Berufung des derzeitigen Directors wurde - ein klinisches Laboratorium in den Parterre-Räumen des 9kebengebäudes eingerichtet; bis dahin waren diese Räume als Dienstwohnung des Hospitaloerwalters benutzt worden.
Mit der Dislocirung der Bibliothek und der übrigen Sammlungen aus dem akademischen Krankenhause wurde ein wesentlicher Fortschritt erzielt. Nicht nur fehlte es vordem, wie bemerkt, an Unterrichtsräumen, auch an Krankenräumen mangelt es in recht empfindlicher Weise. Der Krankenzimmer waren so wenige, daß nur eine kleine Zahl Kranker aufgenommen iverden konnte.
Nttt der Entfenmng der erwähnten Institute rvurde wenigstens Raum geschaffen; tufl von da ab konnte eine räumliche Trennung der Kranken nach Geschlechtern vor- geirommcn werden, während bis dahin Männer und Frauen auf demselben Flügel sich befanden, ein Zustand, der selbstverständlich sehr große Nttßhettigkeiten bedingte.
Ebenso konnte erst mit der Erweiterung der Klinik im Jahre 1880 für jede der jbrei Kliniken wenigstens ein Badezimmer eingerichtet werden, während bis dahin das ttademische Hospital auch nicht ein Badezimmer hatte.
Daß, zumal für innere Kranke, eine Einrichtung, die wie die dermalige im akademischen Hospital nur einfache Warmewasserbäder zu geben gestattet, als unzureichend erachtet werden muß, ist klar. Dampf-, Douchebäder, Bäder mit medikamentösen Zusätzen und dergleichen mehr zu geben, ist zur Zeit der medicinischen LIinik nicht thunlich.
"Nicht ininder mangelhaft war bis zum Jahre 1880 die Einrichtung der Aborte. Üud) in dieser Hinsicht konnten mit der Erweiterung der Klinik, wenn auch noch ikeineswegs vollkommen ausreichende Einrichtungen, so doch die nöthigsten Vcrbesser- |urigen geschaffen werden. Desgleichen konnte nun eine Vergrößerung der Küche vor- 'jieiioinmen und manch' andere zweckmäßige Einrichtung getroffen werden. Ebenso ivurden hinsichtlich der inneren Einrichtung der Kliniken seit den letzten 5—6 Jahren m amngsache Verbesserungen herbeigeführt. Durchweg sind jetzt auf allen Kliniken gute fetten, gute Bett- und Leibwäsche, solides, wenn auch durchweg ganz einfaches Mobiliar ui den Krankenzimmern.
Der Erfolg dieser Verbesserungen ist auch nicht ausgeblieben, wie am besten die , ,oon Jahr zu Jahr wachsende Zahl der dort Hülfe suchenden Kranken, darunter auch ttanken aus besseren Ständen, zeigt.
Indeß, wenn auch wesentliche Verbesserungen in den letzten 5 Jahren geschaffen worden find, so bestehen doch auch heute noch zahlreiche und erhebliche Mängel, die mit keinen Mitteln zu beseitigen sind, da sie ihren Grund in der ganzen Anlage des Ge- bihibeS haben.
Es ist eine bekannte Thatsache, daß als Krankenhaus nicht jedes beliebige Haus, menn es nur die nöthige Zahl der Räume hat, gewählt werden kann, daß vielmehr eine solche Anstalt ganz besonderer Einrichtungen bedarf. Daß eine vor ca. 70 Jahren krldaute Kaserne den heutzutage an em Krankenhaus zu stellenden Anforderungen nicht kn tsprechen kann, ist klar, in noch höherem Maße gilt dies aber von einem Kranken- ' ba ufe, daß zugleich als Lehranstalt für junge Aerzte dienen soll.
Ein Siechenhaus, das nur Invaliden aufnimmt, wird viel weniger besonderer i Eiinrichtungen bedürfen als ein Krankenhaus; eine innere Klinik wird andere Einrichtungen erfordern als ein Krankenhaus für Augen- oder Ohrenkranke oder für chirurgische Kranke. Es ist ferner nicht gleichgültig, ob ein Krankenhaus schlechtweg


