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Nr. 144. Erstes Blatt. Donnerstag den 25. Juni 1885
Kießmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit
nachstehende Durchschnittümarktpreise vom Monat Mai veröffentlicht.
Hafer 16.— , Heu JL 4.50, Stroh 4 pro 100 Kilogramm.
Gießen, am 22. Juni 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Nr. 23 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 20. L M., enthält:
(Nr. 1616.) Uebereinkunft zwischen dem Deutschen Reich und der Internationalen Gesellschaft des Kongo. Vom 8. November 1884.
(Nr. 1617.) General-Acte der Berliner Conferenz. Vom 26 Februar 1885-
Gießen, am 24. Juni 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. _______________
Darmstadt, 23. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Wergnädigst geruht:
Am 13. Juni den seitherigen provisorischen zweiten Arzt bei dem Landes- ho^ital Dr. Ehrhard Bieberbach zum zweiten Arzt bei dieser Anstalt,
an dems. Tage den Finanzaspiranten Karl Petry aus Darmstadt zum Calrulator zweiter Klaffe bei der Großh. Brandversicherungs - Commission zu ernennen.
Berlin, 22. Juni. Wie die „Weser-Ztg." erfährt, hat der Norddeutsche Lstiyd sich bereit erklärt, die Einrichtung und den Betrieb von regelmäßigen Post- davripfschiffs-Verbindungen von Bremen nach Ostasten und Australien, sowie im Mtelmeer unter den von der Reichsregierung gestellten Bedingungen für die Dauer von 15 Jahren gegen einen jährl. Zuschuß aus Reichsmitteln von 4,400,000 JL zu iübernehmen. Er hat sich erboten, auf der ostastatischen und Mittelmeer- 3ime mit einer Schnelligkeit von 12 Knoten statt geforderter 11V- Knoten zu. schrien. Er will sechs neue, in Deutschland gebaute Dampfer einstellen und neum von seinen andern im besten Zustande befindlichen und aus 13 Knoten Schnelligkeit berechneten Dampfern einreihen, die mit allen Bequemlichkeiten für Passagiere versehen und wovon fünf ganz besonders für die tropische Fahrt Mut find. Die Bestimmung der Bürgschaft hat der Norddeutsche Lloyd der Reichsregierung einfach überlassen. Aus Grund dieses Angebots ist die Reichs- regi.erung mit dem Norddeutschen Lloyd in Verhandlungen getreten, welche im Laiufe der vorigen Woche zum Abschluß gekommen sind, und der Vertrags- Entwurf ist am 12. bs. an den Reichskanzler nach Kissingen zur Genehmigung abgegangen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz - Brrrea«.
EmS, 23. Juni. Seine Majestät der Kaiser empfing heute Vormittag ll1/* Uhr . in Audienz den Staatsminister v. Hofmann und die Deputation des Landesausschusses ton Elsaß - Lothringen, bestehend^aus dem Präsidenten Schlumberger, dem Vicepräsi- beniecn Jaunez und dem ersten Schriftführer Baron Charpentier, welche sich auf der Rückkehr von der Beisetzungsfeier für den verstorbenen Statthalter Frhr. v. Manteuffel MH Straßburg zunächst hierher begeben hatten.
— Se. Majestät der Kaiser unternahm heute Mittag bei schönem Wetter im fernen Wagen, von dem Flügel-Adjutanten Major v. Plessen begleitet, eine fünfviertel- stünLige Spazierfahrt nach Nassau und Fachbach.
1 Koblenz, 23. Juni. Die Kaiserin Augusta hat sich heute Abend 6Vr Uhr ckt-els Extrazuges zum Besuch des Kaisers nach Ems begeben und kehrt später nach Menz zurück.
Mainz, 23. Juni. Der Oberbürgermeister Dr. Dumont ist gestorbm.
Berlin, 23. Juni. In dem Beleidigungsproceß des Fabrikanten Schmidt in Merfeld gegen den Hofprediger Stöcker erhob heute nach beendeter Verhandlung der Mtreter Slöcker's die Widerklage gegen Schmidt wegen Aeußerungen, die derselbe in kr Wahlbewegung gegen Stöcker gethan haben soll. Der Gerichtshof beschloß, die Lache zu vertagen, dem Hofpredigex Stöcker aufzugeben, binnen acht Tagen bei Ver- Md'ling der Einstellung des Verfahrens einen Kostenvorschuß von 300 JL zu er- Itjejn und zum nächsten Termine das persönliche Erscheinen des Hofpredigers Stöcker «zu ordnen.
Hamburg, 23. Juni. Die „Hamburgische Börsenhalle" meldet: Nachdem chevn Vormittag die Kasse der hiesigen Reichsbank-Hauptstelle vollständig in Ordnung "kiunben war, entdeckte der Kassirer gestern Abend einen Defect ooe 200,000 Mer unzweifelhaft von einem Diebstahl herrührt. Der Verdacht lenkte sich auf Mi Fremde, anscheinend Engländer, welche in Begleitung eines Dritten gestern auch ki mehreren anderen Banken waren. Die Untersuchung ist im Gange.
Kiel, 23. Juni. Die chinesische Coroette Tsyuen ist hier eingelaufen. Drei tinei'ische Panzerschiffe treten am 3. Juli die Reise nach China an.
Feldkirch (Voralberg), 23. Juni. Der Forschungsreisende Dr. Emil Niebeck n hiierielost gestern, während er zu einer neuen fünfjährigen Reise die Vorbereitungen traf, plötzlich am Lungenschlage gestorben.
London, 23. Juni. Die Toryblätter veröffentlichen eine angeblich authentische Rmmensliste des neuen Cabinets. Nach derselben wird Lord Cranbrook Lordpräsident ^Geheimen Raths, Lord Harrowby Lord-Geheim-Siegelbewahrer und Herzog v. Rich- mnö Präsident des Handelsamts. Im Uebrigen hat das neue Cab inet fol- jinbet Zusammensetzung: Salisbury Premierminister und Auswärtiges, Northcote alten Lord des Schatzamts, Sir Hardinge Giffard Lordkanzler, Sir Michael M Beach Schatzkanzler, Sir Richard Croß Inneres, Oberst Stanley Colonien, Lmich Krieg, Lord George Hamilton erster Lord der Admiralität, Sir Randolph Archill Indien, Graf Carnavon Vicekönig von Irland, Lord John Manners Gene- -chochmeister. — Der formelle Rücktritt des Cnbinets Gladstone erfolgt Voraussicht- llich h^eute.
London, 23. Juni. Im Oberhause theilte Lord Granville mit. daß Salisbury die BWung des neuen Cabinets ü6emomnten und sich heute nach Windsor zur Königin begeben habe. Das Oberhaus nahm die Wahlbezirksbill definitiv an und vertagte sich hierauf/ bis zum Donnerstag.
'rt~ Sir Robert Hart wurde zum Gesandten in China ernannt.
— Das Unterhaus wird morgen vertagt, damit die Neuwahlen für die durch die Minifterernennungen erledigten Sitze ausgeschrieben werden können.
— Chaplin wurde zum Kanzler des Herzogthums Lancaster ernannt
Rom, 23. Juni. Die Kammer stimmte über die Einnahmebudgets ab, wobei sich die Beschüchunfähigkeit des Hauses herausstellte, weil die Fractionen der Linken fehlten, die Abstimmung war deßhalb ungiltig.
Alexandrie«, 23. Juni. sMeldung des Reuter'schen BureausJ Es verlautet, daß 3 der aus Ober - Egypten zurückkehrenden englischen Regimenter provisorisch hier verbleiben sollen.
Sharrghal, 23. Juni. Die Räumung Formosqs ist nunmehr vollständig beendet.
SoftleS*
d. Gießt«, -24. Juni. (Sterblichkeit in Gießemj Di§ Sterblichkeit blieü während der Woche vom 14.—20. Juni auf derselben mäßigen Stufe, wie in der unmittelbar vorhergegangenen Woche. Es ereigneten sich wieder nur 6 Todesfälle. Ein Kind, nur 3 Wochen alt, starb an allgemeiner Abzehrung. Von den 5 Erwachsenen starb je eine Person an Lungenschwindsucht, Lungenentzündung, Hirnentzündung, Verschwärung der Wirbelsäule und ein junger Mann von auswärts erlag den Folgen erlittener starker Brandwunden.
Gieße«, 24. Juni. Schwurgerichtsverhandlung am 23. Juni l. I. gegen Wilhelm Theodor Wittlich, Kaufmann zu Gießen wegen betrüglichen Bankerutts und Meineids.
Derselbe war angeklagt:
1, daß er als Schuldner, über dessen Vermögen das Concursversahreu eröffnet worden ist, in der Absicht, seine Gläubiger zu benachtheiligeu, Vermögensstücke, nämlich eine Kiste mit Cichorien im Werthe von etwa 20 «AL, verheimlicht, beziehungsweise bei Seite geschafft habe;
2. daß er am 4. März 1885 den ihm von Großh. Amtsgericht Gießen auferlegten Offenbarungseid wissentlich falsch geschworen habe, die Angabe der- Wahrheit aber gegen ihn selbst eine Verfolgung wegen des Verbrechens des betrüglichen Bankerutts nach sich ziehen konnte.
Die Geschworenen erkannten den Angeklagten wegen betrüglichen Bankerutts und Meineids für schuldig und wurde derselbe demgemäß in eine Zuchthausstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten, sowie zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 3 Jahren verurtheilt, ihm auch.die Befugniß abgesprochen, je wieder als Zeuge oder Sachverständiger eidlich vernommen zil werden.
Gieße«, 24. Juni. sTurnerisches.j Das für vergangenen Sonntag festgesetzte Volksturnfest auf dem Feldberg konnte wegen schlechten Wetters nicht abgehalten werden und wurde auf Mitte August festgesetzt. — Das Volksturnfeft auf dem Lenia- berg bei Mainz findet nächsten Sonntag statt.
— Als Richter über die Tunrkämpfe bei dem VI. deutschen Turnfest in Dresden sind nach der „Kl. Presse" aus dem Mittelrheinkreise berufen worden die Herren Turninspector Danneberg von Frankfurt a. M., Turnlehrer Heidecker von Wiesbaden, Gauturnwart Andreas Henkel von Offenbach, Gauvertteter Ludwig; Neumann von Mainz, Karl Becker von Idar, Gauvertreter Karl Demuth von Gießen und Gauvertreter Bernhard Knöcher von Kreuznach. Zu Stellvertretetern sind ernannt die Herren Karl Schaffner von Frankfurt a. M., Turnlehrer Ludwig Stahl von Offenbach, Otto Schott von Hanau, Reuter von Homburg v. d. H., Gauturnwart Fritz Engel von Marburg, Johann Jung von Diez a. L. und Sickau von Coblenz.
— Das nächsten Sonntag in Offenbach stattfindende 8. Verbandsschießen des Mittelrheins, Baden und der Pfalz beschickt auch der Gießener Schützenverein mit ca. 30 Schützen, wovon sich ca. 12 am officiellen Schießen betheiligen. Bei dem am darauffolgenden Dienstag und Mittwoch abzuhaltenden Schützentage wird der Verein ebenfalls vertreten fein, da in der gestern Abend stattgehabten Generalversammlung einstimmig beschlossen wurde, das nächste Verbandsschießen für Gießen zu übernehmen. Allen den Gießener Schützen, welchen durch irgend ein Versehen die Liste zur Theil- nahme an dem Offenbacher Schützenfeste nicht zugegangen sein sollte, können sich noch bis zum Freitag, stets von 6 Uhr Abends auf dem Schießplätze, woselbst die Liste aufliegt, einzeichnen. — Bis dahin und von selbiger Zeit ist auch noch jeden Tag Schießen.
Gieße«, 24. Juni, lieber Zweck und Ziel der in Neu-Ulrichstein am 1. Juli zu eröffnenden Arbeiter-Colonie sind im Publikum bis jetzt die übertriebensten und abenteuerlichsten Auffassungen in Umlauf. Es scheint daher geboten, um die Meinung der Bevölkerung nicht in dieser falschen Bahn zu belassen und den Bestrebungen der aemeinnützigen Anstalt nicht mit Vorurtheilen hindernd in den Weg zu treten, einige Aufklärung an dieser Stelle zu geben.
Die Arbeiter-Colonien verfolgen den Zweck, arbcits- oder stellmlosenMämlern jeden Standes und Gewerbes, welche freiwillig eine ehrliche Arbeit dem vagirenden


