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Pachtung und außerhalb derselben und erscheint daher für die Errichtung einer Arbeits- slätle nach dem Borbilde der Eolonie Wilhelmsdorf in Westphalen gut geeignet. Ter Vereins-Vorstand hat nun gestern die pachtweise Erwerbung von Neu Ulrichstein beschlossen und rechnet, zumal eine Pachtung aus mannigfachen Gründen bei der der- maligen Sachlage den Vorzug vor dem Ankauf eines Gutes verdienen dürfte, bestimmt auf die Zustimmung der Generalversammlung des Vereins, welche in Kürze zusammenberufen werden soll. 3m Falle dieser Genehmigung soll die Anstalt am 1. Zuli d. 3 ins Leben treten. Als ihr Leiter ist ein technisch gebildeter Landwind in Aussicht genommen und wird, wie wir hören, die 3nspectorstelle, mit welcher außer fteicr Station (auch für die etwaige Familie) ein Anfangsgehalt von 800 bis 1000 Mark verbunden sein soll, ungesäumt öffentlich ausgeschrieben werden. Meldungen sind an den Vereinsvorsitzcnden, Wirklichen Geh. Rath Dr. Goldmann zu Darmstadt, zu rid)t(~naQrbrücfen, i8 April. Der EentralauSschuß zur Unterstützung der Hinterbliebenen der bet dem Unglück auf der Grube Eamphausen umgekommenen Bergleute hat der „Köln. Zta." zufolge gestern eine Versammlung abgehalten, in welcher vom Schatzmeister die Mittheilung gemacht wurde, daß die aus den Sammlungen geflossenen Gaben, soweit sie dem Ausschüsse schon zur Verfügung gestellt worden, bis jetzt die Summe von X 131,676.04 betragen. Es wurde demnach beschlossen, sofort an alle Hinterbliebenen der Verunglückten eine vorläufige Zahlung zu leisten und zwar jeder Wittwe v* 150 und für jedes Kind X 10; den unterstützungsbedürftigen Augehortgen der ledig Verstorbenen je X 100 und den unterstützungsbedürftigen Eltern der Verunglückten, wenn der Verunglückte diese unterhalten hat, ebenfalls je100. Auch den aus der Grube Geretteten wurde eine Unterstützung zugesprochen und zwar den seit der Katastrophe noch kranken oder arbeitsunfähigen Bergleuten je X 150 und den vorübergehend krank gewesenen Geretteten je X 50. Außerdem erhalten sämmtftche Wöchnerinnen noch eine besondere Gabe von X 30 und ermächtigte die Versammlung den Vorsitzenden, in einzelnen Fällen auf Antrag eines Localausschusses noch außerordentliche Beihulfen bis zum Betrage von je X 50 zu bewilligen. Zu erwähnen ift ferner noch, daß die Knappschaft bereits in der monatlich erfolgenden Vorausbezahlung von Pensionen und Erziehungsgeldern an Wittwen und Waisen begriffen und daß die staatlichen Behörden mit der Berechnung der von ihnen auf Grund des Reichs-Unsall- versicherungsgesetzes zu leistenden Zuschüsse beschäftigt sind. Es geschieht demnach von privater, kuappschaftlicher und staatlicher Seite alles Denkbare, um die materielle Lage der schwer heimgesuchten Hinterbliebenen so günstig wie möglich zu gestalten und private Mildthätigkeit uni) staatliche Fürsorge betätigen bei diesem traurigen Anlaste in großartiger Weise den wahren und edlen Soeialismus.
München, 17. April. Gestern Vormittag hat in einem Anfalle von Geistes- ftörung der 78 Jahre alte pensionirte Senats-Präsident des oberften Landgerichts, Friedrich von Gresbeck, in seiner Wohnung Hand an sich gelegt und sich erschossen. Mit ihm ist ein hochgeschätzter Jurist und verdienter Beamter aus dem Leben geschieden.
— Ein ergreifendes Vorkommniß wird uns aus der bayrischen Universitätsstadt Erlangen berichtet. Eine Mutter will ihr an der Diphtfreritis erkranktes Kind in die Klinik bringen und trägt es, in einen Mantel gehüllt, dorthin. Unterwegs, im Schloßgarten, begegnet ihr eine Bekannte; man bleibt stehen, man spricht und bedauert das Kleine. Plötzlich rief die fremde Frau: „Das Kind! Um Gotteswillen . . . Erschreckt betrachtet die Mutter das Kranke — sie drückt eine Leiche an ihr Herz, denn das Kind war tobt! .
- In Braunschweig wurden am 17. d. Mts. der 28 Jahre alte Arbeiter Anton Giebsz und dessen Geliebte Antonie Koszmider, welche den Mann der letzteren am 27. October v. I. meuchlings ermordet hatten, auf dem Schaffst hin- gerichtet.
Pest, 20. April. In den Diosgyörer Eisenwerken fand ein großer Brand statt. Derselbe entstand gestern um 5'/, Uhr Nachmittags. Bei dem herrschenden Sturm wurden das Walzwerk, das Heizhaus, die Magazine und mehrere Waggons eiugeittchert. Gerettet sind das Directionsgebäude, die Kolonie, die Bessemerhütte und die Marttn- hütte. Der Schaden dürfte über 400,000 Gulden betragen. In dem Falle, daß auch die Maschinen sehr beschädigt sein sollten, worüber nähere Nachrichten fehlen, müßte der ganze Betrieb eingestellt werden. Andernfalls kann derselbe unter provisorischen Bedachungen bald fortgesetzt werden. Während die sonstigen staatlichen Werke unversichert sind, wurde das Diosgyörer Werk auf Andrängen der Direction bet den Vcr- sicherungs-Actien-Gesellschaften assekurirt, weil angesichts der Unrentabilität des Betriebes die Direction fürchtete, der Staat werde im Falle eines Schadens keinen Wiederaufbau genehmigen. Die Werke haben große Bestellungen zu guten Pretten tn Ausführung. „ . , . _ A
— (Der älteste Alpen-Tunnel.j Die Gallerie, welche durch den uKonte Btto auf Befehl von Louis II., Markgrafen von Saluzzo, getrieben und von 1472—1480 conftruirt worden ist, darf wohl unter den jetzt bestehenden Alpen-Tunneln als der älteste angesehen werden. Die schwierige Passage über Mont Genevre und Mont Eenis, welche zu jener Zeit den einzigen Verkehrsweg zwischen dem nördlichen galten und der Dauphinö bildete, dessen Unterhaltung aber den Bewohnern von Saluzzo sehr viel kostete und außerdem häufig der Grenzstreitigkeiten und Fehden wegen unpasfirbar war, ließ den Markgrafen auf die Idee kommen, eine birectc Straße durch den Monte Viso zwischen den Iljälcrn des Po und des OueyraS herzustellen. Die Verhandlungen, in welche man mit der Dauphins und Frankreich 1477 deshalb treten mußte, hatten zu einem zufriedenstellendeii Arrangement geführt und wurde der Tunnel einige Jahre nachher von Martino d'Albano und Baltasar d'Alpiasco mit einem Gesammtkosten- aiifwande von 12 000 Gulden hergestellt, worin auch die Erwerbung des zu ihm führenden Pfades einbegriffen war. Der Tunnel hat eine Höhe von 6*/i ?fyBunb eine durchschnittliche Weite von 8 Fuß und ist gegenwärtig 250 Fuß lang. In Folge der häufigen Land-Schlüpfe aber sollen dessen Ein- und Ausgang allmalig zurück gegangen und der Tunnel Anfangs doppelt so lang gewesen sein. Die geologische kotructur des Berges ist ähnlich derjenigen des Mont Eenis, so daß häufig Jrrupttonen wiederholte Ausräumungen nöthig machen. In Kriegszeiten ist dieser murmel häufig blockirt und selbst ein Wall an seinen Oefinungen aufgeführt worden. Auf Befehl 'Napoleons wurde er seiner Zeit wieder völlig passirbar gemacht.
— Am 16. d. M. wurde in Kloster-vradisch (Mähren) gemäß kriegsgerichtlichem ttrtheil der Feldwebel LoyatynSki erschossen, welcher im "November v. I. gegen den
Oberst Sedlmauer des 100. Infanterieregiment gelegentlich einer Jnspieirung des in Teschen liegenden Bataillons mehrere Reoolverschüsse abgab und sodann einen Selbst Mordversuch beging.
Newyork, 10. April. Die Adoocatenfirma Knevals u. Ransom kündigt an. daß Ex-Präsident Anhur, ihr ftüherer Geschästsrheilhabrr, am 15. er. wieder ^ls Mit glicd in die Firma eintreten werde. — Erwin Hecker, der 40 Jahre alte Sohn be* verstorbenen bekannten deutschen Patrioten Friedrich Hecker, bat sich am 8. er. in Summerfield, I1L erschossen. Zerrüttete Verrnögensverhültnisse sollen den Unglücklichen zum Selbstmorde getrieben haben.
Newyork, 19. April. In dem in Richmond gastirenden Eircus Kloleberg brach am Freitag während einer Boritellung Feuer aus. _ Alles stürzte zu den Aus gangen, an denen ein furchtbares Gedränge stattfand. Ungefähr 100 (?) Personen wurden erdrückt. Der ganze Eircus, welcher aus Hol; erbaut war, wurde zerstört. ES verbrannte« über 50 Pferde und viele seltenere Ifriere, Darunter 5 Löwen. Der Eircus war febr hoch versichert und beläuft sich der angerichtete Schaden nach angestellter Schätzung au» ungefähr 600,000 Doll. — Einer in New - Orleans eingegangenen Privatmelduv, zufolge wurde General Barrios von einem seiner eigenen Soldaten gelobtet, der bestocke? worden war, ihn zu erschießen.
Eingesandt.
Gieße«, 23. April.
Wir glauben dem in unserem „Gießener Anzeiger" von zehn sehr notablen Herren hiesiger Stadt angekündigten Auftreten des Herrn Pastor Droß, Reiseagentn-. des Central-Ausschusses für innere Mission in Berlin, einige Worte dankbarer lr erfennung widmen zu sollen.
Die Fragen und Aufgaben der „inneren Mission" sind auch in unserer Statt schon zu sehr wiederholten Malen in Vorträgen und an Festen behandelt wordec Den Kenner unserer öffentlichen Zustände wird es nicht befremden, wie diese ftraat* und Aufgaben bis jetzt noch nicht so recht jenes tiefere Jntereffe bei uns zu erwecken vermocht haben, auf welches sie in unserem Volksleben einen so gerechten, ja dringende Anspruch haben.
Nach so manchen gehörten Vorträgen über diesen Gegenstand war daher die Ausgabe des Herrn Reiscpredigers in unserer Stadt keine ganz leichte. Und die dc hälmißmäßig nicht große Zahl der Zuhörer (wir zählten etwa 90) bocumentirte der gerügten Mangel. Um so wohlthuender unb ergreifenber war bie Wirkung der flr spräche des Henn Pastor Droß.
Mit beredten, von heiliger Wärme durchglühten Worten zeigte er, daß äuftere und innere Mission jenes „holde Schwesterpaar" seien, welche eine sehr gleichartige Ausgabe zu lösen hätten — jene, den Altar draußen in der öden Heidenwelt auht richten zur Anbetung des allein wahren Gottes in Friede und Freude; unb die" die von den modernen Götzen des Genusses und Mammons irre geleitete Ehristcr heil um ihre verlassenen Altäre wieder zu versammeln. In erschütternden Worten enthüllte er uns die Noth und das Verderben eines diesen modernen Götzen huldigender Volkes, sowie den reichen Segen einer dem Lebensfürsten in Liebe und Freude dienenden Gemeinde. Unb zu solchem Dienst an den Brüdern sei jeder lebendige Ehrist oer pflichtet und befähigt durch die Kraft seiner von dem Geiste Gottes burdjglübttr Persönlichkeit. Und zu solchem Dienst bittend und beschwörend aufzurufen, eben Du- sei die Aufgabe seines Wortes, welches der Herr segnen wolle an den Herzen seine. Hörer aus hiesiger Gemeinde.
Und der Herr hat es gesegnet an vielen Hörern. Und ein Wort des Tanke sei dem aus so warmem Herzen zeugenden, tiefblickenden Redner als Nachruf gemiDnic
Nicht welliger aber wurden wir erfreut durch den in diesem Gottesdienst oer nommenen Gemeindegesang.
In diesem edlen belebten Rhythmus unb diesem sanften Ausdruck haben wir bisher noch nie einen Gemeindegesang vernommen in hiesiger Kirche. Es herrscht je in Gießen so viel Liebe zum Gesang. Möge daher unser Kirchengesangoerein trnmet kräftiger und entschiedener dieser seiner statutarischen Bestimmung, „Hebung b<‘ Gemeindegesangs", und wir hoffen, mit nicht länger ausstehender Hilfe eines so not! wendigen Schülerchors, feine schöne Thätigkeit zuwenden.
Am Montag Abend war im EafSEbcl eine speciellere Berathung übet „Arbeiter Kolonien und Natural-Verpflegungsstationen." Auch frier gewann Herr Droß bunt seinen ebenso beredten als instructiven Vortrag und Rathschläge sich Aller Herzen, mit die sehr lebendige Discussion bezeugte. Doch fehlt uns der Raunr zu eingedendere-. Mittheilungen. Möge der verehrte Redner auf seiner ferneren Wanderung durch untere hessischen Gemeinden immer nachhaltiger anzurcgen und Segen zu verbreiten cu würdigt fein. n
Literarische».
* A«S Gießens Vergangenheit. E ulturhistor ische Bilder aii‘j tv schiedenen Jahrhunderten, betitelt sich ein färben von der rührigen Verlas Handlung Emil Roth in Gießen edirtes, von Prof. Dr. Buchner, unterem bewährter Lokal-Historiker, verfaßtes Werkchen, welches in zwanglofen Heften erlebe inen unc Bilder aus alten unb jüngeren Tagen von Gießen bringen foll. Der Verfasser gib: feinem Werkchen nachstehendes Vorwort, beffen Schlußzeilen wir uns gerne anruger.
„Ermuthigt durch Die freundliche Aufnahme, welche meine früher erschienen' kleine Schrift über „Gießen vor Hundert Jahren" gesunden, bat mich der Herr Ver leget aufgefordert, dieses lokal- rind culturhistorische Unternehmen toitui’-'i folge ich dieser Aufforderung, denn es hat sich unterdeß -mancherlei neues Matena gesunden, das theilwcise feit der Rückverlegung der Hochschule von Marburg nid Gießen 1650 aus dem Speicher moderte. Auch die alten Akten und Druckschriften De- Cberheffifcfren Vereins für Lokalgeschichte boten mancherlei lokalhistorisches unb cultin geschichtliches Material, das bis dahin noch nicht gehoben war.
Es ist die Absicht Der Verlagsfrandlung. diesem ersten Heftchen in fuiu» Zwischenräumen andere folgen zu lassen. Wir hoffen und wünschen, daß Die re mühung, den Vorhang von Gießens Vergangenheit wegzuziehen, von Erfolg begleite sei, und daß sich Freunde unserer Stadt und Hochschule füiben werden, die der alten wenn auch nicht immer guten Zeit ihr Interesse entgegenbringen." _
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