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srr. SS Zweites Blatt. Samstag den 25. April 1888
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Gießener Anzeiger
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Amtlicher Iheil.
Steuer - Commissariat Gießen.
Amtstage: Dienstag und Samstag. Dormittags 8—12, Nachmittags 2—4 Nhr.
Politische Ueberficht.
Gießen, 24. April.
Seit dem Wiederzusammentritt des Reichstags hat die Zoll- taris.Novette fast den ausschließlichen Gegenstand seiner Verhandlungen gebildet und man muß anerkennen, daß er dieselben in möglichst rascher Weise gefördert hat. Auch zur Erledigung der Viehzölle — wenigstens ihrer hauptsächlichsten Positionen — hat der Reichstag noch nicht einmal zwei volle Sitzungen gebraucht, denn er verwendete hierauf nur die Montagssitzung und einen Theil der Dienstagssitzung, während man geglaubt hatte, daß die Berathung über diesen wichtigen Abschnitt der Vorlage mehrere Tage ersordern würde. Augenscheinlich macht ftch aber im Reichstage mehr und mehr eine gewisse Ermüdung und außerdem bei den Gegnern der Vorlage das Gefühl geltend, daß alle ihre Anstrengungen zur Abwendung der Zollerhöhungen nutzlos seien. Letzteres tritt allerdings in Anbetracht der Erfolge, welche die „freie wirthfchaftliche Vereinigung", wie bei den Getreidezöllen, so jetzt auch bei den Viehzöllen verzeichnen kann, klar zu Tage. So wurden am Montag die von der schutzzöllnerischen Coalition beantragten Zollerhöhungen für Pferde, Stiere und Kühe, Ochsen, Jungvieh und Kälber trotz der Gegengründe und Einwendungen, die vorzugs- «Äe Seitens der Deutschsreistnnigen gemacht wurden, sämmtlich angenommen und heridbe Vorgang wiederholte sich am Dienstag. Auch an diesem Tage drangen die Anträge der wirthschastlichen Vereinigung durch und beträgt demnach nunmehr der Zoll für Schweine 6 «M. (bisher 2 Jt. 50 H) und für Spanferkel 1 (bisher 30 H); auch die von der Vereinigung beantragte Erhöhung des Fleischzolles von 12 auf 20 JL wurde, trotzdem daß die linksliberalen und die sozialistischen Redner diesen Antrag lebhaft bekämpften, genehmigt. Schließlich überwies das Haus noch einen die Position „Garne" betr. Antrag der Abgg. 3öwe, Bamberger und Genoffen der Zoll-Commission zur Berichterstattung; am Mittwoch setzte das Haus die Berathung des Zolltarifs fort.
Zwischen den Erben des Herzogs von Braunschweig, dem König von Sachsen und dem Herzog von Cumberland, und den Jntestat-Erben sPrirz Alexander von Hessen, Herzogin von Hamilton, Fürstin von Hohenzollern und Herzogin Max in Bayern) haben bekanntlich seit längerer Zeit Verhandlungen wegen Herausgabe eines Theiles des Herzoglichen Nachlasses stattgesunden. Die Verhandlungen haben, wie das „Braunschw. Tagebl." erfährt, zu einer Verständigung dahin geführt, daß jeder der beiden Haupterben eine halbe Mion wieder herauszahlt, so daß die vier Jntestat-Erben zusammen eine Mion «X erhalten. Mit dem Herzog von Cumberland ist der Vertrag bereits perfect geworden und auch die Zustimmungs-Erklärung des Königs von Sachsen Diro mit Sicherheit erwartet.
Der englisch-russische Conflict beherrscht noch immer vollständig die allgemeine politische Lage und nach wie vor ist der Ausgang desselben zwei- Ichast. Fast von einem Tag zum andern wechseln die Nachrichten über den bland der afghanischen Grenzsrage und wenn sie heute friedlich klingen, so nehmen sie dafür morgen eine schärfere Tonart an, um dann übermorgen wieder beruhigender zu klingen. Indessen, so schlimm ist jedoch die Lage nicht, daß man an der Erhaltung des Friedens schier verzweifeln müßte; englischerseits beschuldigt man freilich die Russen, daß sie maßlose Forderungen ausstellten, Cderseits verlautet aber mit Bestimmtheit, daß Rußland nur an seinen ursprünglichen Forderungen festhalte, während die russische Regierung allerdings auf das cilglische Verlangen, Rußland solle sich verpflichten, nach Fixirung der neuen chhanischen Grenze unter keinen Umständen über dieselbe hinauszugehen, ledig- Ich in allgemeinen Versicherungen geantwortet hat. Dazwischen spielt immer wieder die Frage hinein, wer denn eigentlich den Zusammenstoß am Kuschkfluffe verschuldet habe und geben die jetzt in London eingelaufenen Berichte des engli- Ihrn Grenzcommissars Lumsden den Russen hierbei entschieden die Schuld, man -wird aber gut thun, die englischen Darstellungen nicht so ohne Weiteres aus freu und Glauben hinzunehmen, wenigstens scheint die Haltung des russischen Amrals Komaroff bis jetzt eine durchaus correcte gewesen zu sein. Daß bei hin schwankenden Stande der Dinge Rußland wie England ihre Vorbereitungen brtsetzen, um bei einer kriegerischen Wendung des Streites nicht vom Gegner überrascht zu werden, darf nicht Wunder nehmen. So hat Lord Granville im engl. Oberhause eine Creditforderung von 11 Mill, eingebracht, von denen 4V2 Mlll. m den Sudan, der Rest für „allgemeine, nicht aus den Sudan bezügliche Vorbereitungen" verwendet werden soll. Er erklärte hierbei, die Regierung wünsche lebhaft, freundschaftliche Beziehungen zu allen auswärtigen Mächten zu unter* Aalten. Die Vermehrung der engl. Militär- und Seekräfte werde den Wunsch nicht änbsrn, jede Differenz in freundschaftlicher Weise zu lösen. Aehnliche Erklä* rungen gab Gladstone im Unterhause ab. Der Wunsch des Londoner Cabinets, Zollen auswärtigen Mächten friedliche Beziehungen zu unterhalten, erscheint M so begreiflicher, als in den e g y p t i s ch e n Angelegenheiten eine ernste Dlffe- ienz zwischen England und Frankreich droht, welche ersterem Staate bei seinen
gegenwärtigen Verlegenheiten in Central-Asien, dem Sudan und Canada nicht- weniger als angenehm fein kann. Bekanntlich ist das in Kairo erscheinende französische Journal „Le BoSphore Egyptien" von der egyptischen Regierung unterdrückt worden — wegen unaufhörlicher Hetzereien gegen letztere — und ist es hierbei zur Mißhandlung französischer Consularbeamten gekommen. Frankreich hat nun für diese Beleidigung Genugthuung von der egyptischen Regierung gefordert, diese macht aber allerhand Ausflüchte und steckt sich offenbar hinter das Londoner Cabinct, zwischen welchem und der französischen Regierung nun die Angelegenheit weiter spielt. Die Sache wird noch dadurch complicirter, daß die Pforte das Verfahren der egyptischen Regierung gebilligt hat und läßt sich der Ausgang dieser verschlungenen Affaire noch nicht im Mindesten vorhersagen. Für die Befestigung der englischen Position im Pharaonenlande wird aber kei- nenfalls der Beschluß der Londoner Regierung, die Colonne des Generals Graham aus dem Ostsudan zurückzuziehen, förderlich sein. Lediglich die Ersenbahn von Suakim soll bis Tambuk, Sinkat oder einer anderen Gesundheits- Station, die für die in Suakim verbleibende englische Garnison erforderlich ist, weitergesührt werden. Am Nil sollen die Bewegungen des Wolseley'schen Corps- durch die Rücksichten aus den Schutz Ober-Egyptens gegen die Verbreitung des Aufstandes des Mahdi bestimmt werden. Die Absicht Englands, den Sudan auszugeben, kann demnach kaum noch bezweiselt werden und ist demnach all' das englische Blut im Sudan ganz umsonst geflossen. Ob die Gerüchte von dem Umsichgreifen der gegen den Mahdi ausgebrochenen Contre-Revolution den thal- sächlichen Verhältnissen entsprechen, läßt sich bei der gegenwärtigen Unsicherheit aller Meldungen über den Sudan nur schwer controtiren.
Unterdessen wachsen für England auch die Schwierigkeiten in Canada. Die aufständischen Mestizen haben sich des Forts Pitt nördlich von Battleford bemächtigt und soll von ihnen die gesammte Besatzung niedergemetzelt worden fein. Was die Gerüchte über eine in Indien ausgebrochene Militär-Revolte anbelangt, so haben sich dieselben bis jetzt noch nicht bestätigt.
UniverfitätS- Chronik.
— Professor Wendt in Kiel ist auf den seit dem Abgänge des Geheimeir Kirchenraths Schenkel erledigten Lehrstuhl der Theologie an die Universität Heidelberg berufen. .
— Der Privatdocent und Oberlehrer am Realgymnasium der Franke'schen Stiftungen in Halle, Dr. R. Lehmann, ist zum außerordentlichen Professor in der phllosophifchen Fakultät zu Münster ernannt worden.
— Der Privatdocent Dr. Adam Krawutzky in Breslau ist zum außer ordentlichen Professor in der katholisch - theologischen Fakultät der dortigen Universität ernannt worden.
— Der in Brünn verstorbene Arzt Dr. Joseph Linhart vermachte testamentarisch eine Stiftung von Stipendien für in Brünn gebürtige Hörer der medicini- schen ünd juridischen Fakultäten mit einem Kapitale von 180,000 fl. (Der Rest des Nachlasses von mehr als 40,000 fl. wurde von dem Verstorbenen zu Gunsten des städtischen Waisenhauses testirt.)
Vermischtes.
Spangenberg, 18. April. Die 4 Bachen mit ihren Jungen (von denen neulich berichtet wurde) sind an den Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha verkauft und gestern abgeschickt. Im Thiergarten zu Reinhardsbrunn wird man sie diesen Sommer sehen können.
Aßmannshausen, 15. April. Heute ereignete sich in einem Steinbruche ein schrecklicher Unglücksfall, indem auf eine bis jetzt noch nicht aufgeklärte Weise sich ein Felsblock von annähernd 4 Cubikmeter löste und einem Arbeiter die beiden Beine in jammerhafter Weise zerquetschte. Der AerzNste, dessen rechter Fuß total vom Beine abgetrennt einige Schritte beiseite lag, hatte mit vollkommener Besinnung die nöthigen Rettungsarbeiten angeordnet, um den auf seinen Beinen liegenden Felsblock zu entfernen und ihn selbst zu befreien; er mochte wohl selbst nicht die ganze Schwere des Unglücks erkannt haben. Nach beinahe ^stündiger ansttengender Arbeit gelang es^ den Stein Hinwegzuräumen, doch hatte auch mittlerweile die Kraft des armen Verschütteten nachgelassen, so daß er fast anhaltend in Ohnmacht lag. Jetzt galt es, deir schrecklich verstümmelten Rumpf ca. 200 Fuß hinunter zu dein dort harrenden Arzte zu transportiren, wahrlich eine beschwerliche Arbeit, welche denn auch ein hrnzugeeuter Arbeiter in rühmlichster Weise vollzog; allein unten angekommen zeigtefiep, daß der Aermste bereits seinen Leiden erlegen war. Der Verunglückte ist erst 10 Wochen verheirathet. r x .
Frankfurt a. M., 21. April. sArbeitercolonie.j Der Gesammt-Vorstand des Vereins zur Gründung einer sogenannten Arbeitercolonie für das Großherzogthum Hessen, Frankfurt a. M. und Nassau hat in unserer Stadt gestern eine Schung abgk- halten, in welcher diese gemeinnützige Angelegenheit in entscheidender Wesie gefordert worden ist. Nachdem nämlich die fortgesetzten Bemühungen, em für die einzurichtende Arbeitsstätte geeignetes Gut anzukaufen, wegen der besonderen, im Vereinsgebiete obwaltenden Verhältnisse ohne Erfolg geblieben waren, ist es dem genannten Vorstande — Dank dem Entgegenkommen der Großh. hessischen Domanen-Verwaltung — jetzt gelungen, für die Errichtung der Anstalt, in welcher arbelsfahige und arbeitswillige, aber zur Zeit arbeitslose Männer landwirthschaftlich vorübergehend beschäftigt werden sollen, das hessische Domänengut 9teu-Ulrichstein pachtweise zu erwerben. Dasselbe ist in der Provinz Oberhessen bei Homberg an der Ohm, unweit Kirchhain, belegen, isi 320 Morgen groß, gewährt die Möglichkeit späterer Vergrotzernng des landwirthschafi lichen Bettiebes, sowie die Gelegenheit zur Ausführung von Eultur-Arbeiten auf der


