als dem Brennpunkt des politischen und parlamentarischen Lebens, gestalten; der heurige Wahlkamps in der Reichs-Hauptstadt anläßlich der Landtagswahlen gewinnt noch dadurch ein besonderes Interesse, daß sich an ihm zum ersten Male auch die nationalliberale Partei, theilweise von den Gemäßigt-Conservativen unterstützt, betheiligt.
Aus der Tagesordnung der preußischen General-Synode stand am Dienstag die Frage der Sonntagsruhe. Der Referent, Pros. Dr. Förster-Halle, empfahl die Annahme einer Resolution, wonach die Synode beim evangelischen Oberkirchenrath beantragen soll, daß derselbe dahin wirke, daß 1) die Organe des Staates stch der Sonntagsordnung mehr als bisher unterordnen, daß 2) die Beamten der öffentlichen wie der privaten Verkehrs- Anstalten ebenfalls ihre Sonntagsruhe haben, daß 3) landwirtschaftliche arbeiten, sowie gewerbliche Arbeiten in Werkstätten, Fabriken und bei Bauten Sonntags nur dann stattfinden dürfen, wenn die Natur derselben keine Unterbrechung gestattet, daß 4) auch sonstige gewerbliche Arbeiten und der Geschäftsverkehr an Sonntagen möglichst eingeschränkt werden und daß 5) Vergnügungslocale u. s. to. an Sonntagen strenger überwacht werden. Nachdem die Synodalen Stöcker, Stumm und v. Kleist-Retzow im Sinne dieser Anträge des Referenten gesprochen, wurden dieselben einstimmig angenommen.
An einer Beilegung des Karolinenstreites zweifelt man in Berliner wohlunterrichteten Kreisen nicht mehr. Doch soll in Berlin trotzdem eine gewiffe Verstimmung gegen die Art und Weise herrschen, wie das spanische auswärtige Amt die Verhandlungen führt und dieselben in die Länge zu ziehen bemüht ist. , p
Die stürmischen Vorgänge, welche fich am Montag tm Schooße des österreichischen Abgeordnetenhauses abgespielt haben, erschienen fast als ein Widerhall ähnlicher Scenen in der Agramer Landstube, nur daß in letzterer bei solchen Anläffen nicht selten an das Faustrecht appellirt wird, bis zu welchem bedenklichen Ausweg es das österreichische Abgeordnetenhaus glücklicher Weise noch nicht gebracht hat. Immerhin hat letzteres wohl noch selten eine so leidenschaftliche Verhandlung gesehen, wie sie am Montag aus den schweren Anklagen des deutschböhmischen Abg. Knotz gegen das den Deutschen in Böhmen gegenüber befolgte Regierungssystem und aus der hocherregten Erwiderung des Ministerpräsidenten Gras Taaffe hervorging. Wie eine Bombe schlug dessen Beschuldigung, die Linke wolle den Nationalitäten-Hader auch in die Armee tragen, in die Opposition ein. Stürmische Proteste folgten, leidenschaftliche Zwischenrufe ertönten, persönliche Beleidigungen flogen von links nach rechts und umgekehrt und schließlich wurde die parlamentarische Versammlung in eine solche hochgradige Erregung versetzt, daß eine geraume Zeit jede Debatte unmöglich war. Für Dienstag wurde deshalb nicht mit Unrecht eine Fortsetzung dieser stürmischen Scenen befürchtet, doch scheint es zu denselben nicht gekommen zu sein, da der Telegraph nur meldet, daß an diesem Tage Eduard Sueß, Schaup und Swoboda gegen, Klum, Dzieduszychi und Heinrich für den Adreßentwurs der Majorität, ohne etwas von tumultuösen Vorgängen hinzuzusügen; daß aber das österreichische Parlament noch mehrere solche „bewegte" Tage in der neuen Session sehen wird, als es der 19. October war, kann man als gewiß betrachten. Schließlich verlas der Ministerpräsident ein Schreiben des Kriegsministers, in welchem er erklärt, daß der altbewährte Geist der Armee unerschüttert sei.
Die Engländer haben es mit ihrer Expedition gegen das Königreich Birma sehr eilig. Wie aus London gemeldet wird, soll die Entsendung unverzüglich herbeigeführt werden. Das Expeditions-Corps soll aus 8000 Mann bestehen. Der britische Commiffar in Rangun ist angewiesen worden, eine kategorische Antwort auf das englische Ultimatum binnen vier Tagen vom Empfang deffelben an Seitens des Königs von Birma zu verlangen. ______________________________________________________
Darmstadt, 21. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 14. October den Amtsrichter Dr. Wilhelm Kepp Ung er zu Pfeddersheim zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Oppenheim, den Gerichtsaffeffor Ludwig Bötticher in Grünberg zum Amtsrichter am Amtsgericht Grünberg und den Gerichtsaffeffor Karl Pfannmüller zu Oppenheim zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Pfeddersheim zu ernennen.
Darmstadt, 22. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Mergnädigst geruht:
Am 14. October den Kreisveterinärarzt des Kreisveterinäramtes Schotten, Jacob May, zum Kreisveterinärarzt des Kreisveterinäramtes Nidda;
an dems. Tage den praktischen Veterinärarzt Dr. Karl Weinsheimer zu Gernsheim zum Kreisveterinärarzt des Kreisveterinäramtes Schotten zu ernennen.
Berlin, 21. October. Der „Reichs-Anz." veröffentlichte nunmehr die deutsche Note an Spanien. Dieselbe ist aus Friedrichsruhe vom 1. October datirt und erörtert eingehend die von Spanien für seine Hoheitsansprüche aus die Karolinen angeführten Umstände. Auf Grund dieser Erörterung wird es für Deutschland unmöglich erklärt, anzuerkennen, daß die Karolinen von Alters her und früher als in Folge der in diesem Jahre erfolgten Occupation einen Theil des spanischen Gebietes gebildet oder unter Spaniens Hoheit gestanden haben. Die Frage der Priorität der spanischen Besitzergreifung auf Aap werde Deutschland unbefangen prüfen, sobald die amtlichen Berichte der deutschen Seeosficiere eingezogen sein würden. Deutschland hoffe von den fortgesetzten birecten freundschaftlichen Verhandlungen die Erzielung eines Einverständnisses und sei in dieser Hoffnung durch die Annahme der von Deutschland vorgeschlagenen Vermittelung des Papstes bestärkt. Es werde die dem Kardinal-Staats- fecretär mitzuthellenden Informationen und Vergleichsvorschläge folgen lassen, -sobald die erwarteten Berichte der deutschen Seeosficiere eingegangen seien.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'- telegr. Eorrespondenz - Bnrearr.
Berlin, 22. October. Der Kaiser hat das Abschiedsgesuch Madai's genehmigt und Madai zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Prädikate „Excellenz" ernannt. Die Abendblätter veröffentlichen ein an die Bürgerschaft Berlins gerichtetes Abschieds- Ichrciben Madai's.
— Der Empfang der braunschweigischen Deputation bei dem Prinzen Albrecht -in Camenz findet Samstag statt.
— Der „Rordd. Allg. Ztg." wird über die ermländische Bischofswahl aus der Provinz geschrieben, das Domkapitel habe seine Vorschläge für die Candidatenliste der Staatsregierung vorgelegt und werde erst nach einer Verständigung darüber, ob die
Candidaten von der Staatsregierung acccptirt werden, die Wahl vornehmen, die aber schwerlich Herrn Dr. Kayser treffen könne, der gar nicht auf der Vorschlagsliste stehe.
— Der italienische Botschafter Lannay ist heute Nachmittag nach Friedrichsruhe gereist.
Berlin, 22. October. Generalsyuode. Die Vorlage, betreffend die Einschaltung einer Fürbitte für die Marine in das allgemeine Kirchengebet, wurde in zweiter Lesung angenommen, ebenso das Kirchengesetz über das Diensteinkommen der Geistlichen mit der Resolution Levetzow, wonach vor dem Inkrafttreten des Gesetzes Zuschüsse aus dem Staatsfonds zur Durchführung der Bestimmungen des Gesetzes sichergestellt werden müssen. Die Gesetze über den Beitritt zum Pensionsfonds und das Pfarrwahlrecht wurden ebenfalls in zweiter Lesung genehmigt. Bei der Berichterstattung über die Denkschrift des Oberkirchenraths in Betreff der Stolgebühren werden mehrere auf die Regelung der Stolgebührenangelegenheit bezügliche Anträge angenommen, darunter der Antrag, der Oberkirchenrath möge den Kaiser ersuchen, Mittel zu finden, um den Erlaß des im Gesetze vom 9. März 1874 vorgesehenen Entschädigungsgesetzes herbeizuführen und einen ^-taatszuschuß von mindestens 750,000 JL für die Geistlichen und Kirchendiener den Gemeinden zu gewähren. Schließlich wurde ein Antrag Wcdell's auf Abhilfe wegen Mangels kirchlicher Einrichtungen in mehreren größeren Städten angenommen.
Berlin, 22. October. Nach den dem Bundesrathe zugegangenen Specialetats für 1886/87 werden von den Erträgen aus Zöllen, Tabaksteuern und Diversen, die insgesammt auf Jü 258,600,000 veranschlagt sind, <AL 128,600,000, sowie aus den den Bundesstaaten allein zukommenden Stempelbeträgen JL 22,375,000 zur Verkeilung an die Bundesstaaten gelangen, demnach im Ganzen 53,565,000 mehr als im Vorjahre.
Baden-Baden, 22. October. Se. Majestät der Kaiser stattete heute Mittag der Herzogin von Hamilton und der Frau v. Bülow Abschiedsbesuche ab. Um 4 Uhr fand das Diner bei Ihrer Majestät der Kaiserin statt, worauf Se. Majestät die Abreise nach Berlin um halb 6 Uhr antrat. Der Großherzog und die Frau Großherzogin gaben dem Kaiser eine Strecke hindurch das Geleite. Zur Verabschiedung am Bahnhofe waren die Fürsten von Fürstenberg und von Solms, der Gesandte v. Eisendecher, die Spitzen der Behörden, der hiesige Stadtrath, sowie ein zahlreiches Publikum anwesend.
Baden-Baden, 22. October. Der Kaiser ist heute Nachmittag 5Vz Uhr nach Berlin abgereist.
Braunschweig, 22. October. Zu Ehren der Wahl des Prinzen Albrecht hatten gestern bereits viele Ortschaften Flaggenschmuck, Festzüge und Festlichkeiten. Das „Br. Tagebl." erklärt sich in der Lage, die Nachricht, der Prinz werde die Regentschaft nicht von hier, sondern von Hannover aus führen, für durchaus unbegründet bezeichnen zu können.
Braunschweig, 22. October. Die aestern gewählte Deputation des Landtages verläßt heute Nachmittag mit dem Vorsitzenden des Regentschaftsrathes, Staatsminister Grafen Görtz-Wrisberg, Braunschweig, um dem auf Schloß Eamenz in Schlesien weilenden Prinzen Albrecht den Beschluß des Landtages zu überbringen.
Karlsruhe, 22. October. e>e. Majestät der Kaiser wurde bei der Durchreise auf dem hiesigen Bahnhofe vom Prinzen Karl von Baden, den Ministern, Generalen und Behörden begrüßt. Se. Majestät verließ den Waggon und verabschiedete sich auf das Herzlichste von den Anwesenden.
Paris, 22. October. Die Münzconferenz nahm heute ihre Arbeiten auf. Das „Journal des D^bats" glaubt, Frankreich, Italien, die Schweiz und Griechenland würden sich über die Verlängerung der Münzconvention unter Beibehaltung der Liquidationsklausel einigen und Belgien das Protokoll zum Beitritt bis zum Jahresende offenhalten.
— Der „Liberte" zufolge würden zwischen dem 30. d. M. und dem 5. November die Transportschiffe „Thibet", „Havre", „Mythe" mit 3000 Mann nach Tongking abgehen.
Paris, 22. October. In der Capelle des Schlosses Eu erfolgte heute die Trauung des Prinzen Waldemar von Dänemark mit der Prinzessin Marie von Orleans. Beim Dejeuner toastete der Prinz von Wales auf die Neuvermählten, der Graf von Paris auf die Gäste. Die Neuvermählten reisten Abends nach Chantilly ab.
Paris, 22. October. Nach der Feststellung der Zählungs-Commission des Seine-Departements ist Allain-Targs mit 289,000 Stimmen als erster, Clemenceau mit 284,000 Stimmen als zweiundzwanzigster und Rochefort mit 249,000 Stimmen als letzter der republikanischen Liste gewählt. Das Wahlresultat des Seine-Departements, wonach die Candidaten der Republikaner gewählt sind, wurde heute von der Zählungs- Commission amtlich proclamirt.
Rom, 22. October. In der Provinz Palermo kamen gestern 35 Choleratodesfälle, davon 18 in der Stadt Palermo vor.
Rom, 22. October. Das „Amtsblatt" veröffentlicht die Ernennung Capelli's zum Generalsecretär des auswärtigen Amts.
Petersburg, 22. October. Das „Journal de St. Petersbourg" sagt: Das Schreiben des Fürsten von Bulgarien an König Milan, worin er von der Vereinigung beider Bulgaren spricht, als wenn eine Declaration der Botschafter und seine eigene Unterwerfung nicht existirten, sind nicht geeignet, die Hoffnung zu stärken, daß der Fürst in die Gesetzmäßigkeit des Status quo zurücktreten werde. Das Journal bedauert, daß Serbien und Griechenland ihre Rüstungen fortsetzen und weist auf die Notwendigkeit hin, welche für Rußland mehr als für jede andere Macht bestehe, den brudermörderischen Kämpfen vorzubeugen. In Erwiderung auf die Beschuldigungen gewisser Zeitungen, daß die Politik Rußlands diesem die Sympathieen des bulgarischen Volkes entziehen könnte, fragt das Journal, was Rußland thun solle. Die Forderungen Bulgariens anerkennen auf die Gefahr eines europäischen Krieges, auf die Gefahr von Kämpfen zwischen Bulgaren und Serben und Bulgaren und Griechen? Das Journal fragt weiter: Müsse man die bulgarische Union, weil sie im Vertrage von Stefano vorgesehen war, durch Waffengewalt den Serben und Griechen aufzwingen? Müsse man von Europa verlangen, daß es uns helfe oder mindestens freie Hand lasse, diese Union durchzuführen? Sollen wir, wenn Europa sich weigert, es auf einen Kampf ankommen lassen, weil es dem Fürsten gefiel, die Zeit schlecht zu wählen? Die Bestimmungen der Völker werden sich ftüher oder später erfüllen, aber die Zukunft gehört dem Klügsten, und es war sicherlich nicht klug gethan, die bulgarische Frage anzuregen, ohne sich irgendwelcher Unterstützung oder Zustimmung, ja sogar irgendwelcher Duldung versichert zu haben. Die ganze Bewegung bleibt ein unüberlegter, höchst tadelnswerther Act wegen der Folgen, welche derselbe hat. Nicht den Urhebern wird es anzurechnen sein, wenn Europa, namentlich im Orient, jenen Folgen entgeht. Die Mächte sind einig, die Rückkehr zum Status quo als das einzige Mittel $iir Wiederherstellung der Ruhe auf der Halbinsel anzuerkennen. Die Aufgabe wird nicht leicht sein, denn es können sich mancherlei Hindernisse entgegenstellen. Das Einvernehmen der Mächte gestattet jedoch, eine befriedigende Lösung zu erhoffen.
Rom, 22. October. Die „Agencia Stefani" dementirt die Behauptung der „Morning-Post", Italien habe bezüglich der Lösung der rumelischen Angelegenheit eine Ansicht ausgesprochen, die von derjenigen der drei Kaisermächte abweiche.
Belgrad, 22. October'. Heute fand bei dem italienischen Gesandten als dem Doyen des diplomatischen Corps eine Versammlung der hiesigen Vertreter der Großmächte, mit Ausnahme desjenigen der Pforte, statt. Es heißt, daß eine gemeinsame Erklärung fcstgestellt werden sollte, worin Serbien von weiteren Kriegsrüstungen abgemahnt wird.
Konstantinopel, 22. October. Die Pforte richtete ein Rundschreiben an die Mächte, worin sie den Zusammentritt der Conferenz in Konstantinopel beantragt, welche sich ausschließlich mit der ostrumelischen Frage befassen soll. Der hiesige bulgarische Vertreter theilte gestern den Botschaftern mit, daß der König von Serbien nicht nur den Empfang einer besonderen Mission des Fürsten von Bulgarien abgelehnt habe, sondern auch Truppen gegen die bulgarische Grenze vorrücken ließe. Der Vertreter- Bulgariens wies dem gegenüber auf die Mittheilung des Fürsten an die Mächte hin, wonach er sich den Beschlüssen der Mächte unterwerfen wolle. Diese Erklärung gab der Vertreter auch der Pforte ab.


